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Freundschaftsparadoxon – Warum deine Freunde immer beliebter sind als du

Scheint es manchmal so, als wären deine Freunde beliebter als du? Da haben wir schlechte Nachrichten: Mit diesem Eindruck liegst du richtig! Zumindest statistisch gesehen. Das ist eine mathematische Konsequenz der Struktur sozialer Netzwerke. In der Statistik ist dieses Phänomen als „Freundschaftsparadoxon“ bekannt. Doch warum ist das so?
CMA; 12.01.2026
Freudeskreis junger Erwachsener

© Johan Muchet, unsplash.com

Intuitiv würde man erwarten, dass jeder unserer Freunde etwa ähnlich beliebt ist wie wir selbst. Denn Freundschaften sind wechselseitig: Wenn Person A mit Person B befreundet ist, gilt das auch umgekehrt. Man könnte also annehmen, dass sich Unterschiede im Durchschnitt ausgleichen – mal hat man selbst mehr Freunde als seine Freunde, mal weniger. Doch genau das passiert nicht.

Der US-Soziologe Scott L. Feld zeigte bereits 1991, dass die durchschnittliche Freundeszahl der eigenen Freunde fast immer höher liegt als die eigene. Fragt man alle Personen im eigenen Freundeskreis, wie viele Freunde sie haben, fällt der Mittelwert in der Regel größer aus als die eigene Zahl an Kontakten. Aber warum ist das so?

Unsportliche Leute trifft man nicht im Fitnessstudio

Um das Paradoxon zu verstehen, muss man sich ansehen, wie solche Vergleiche überhaupt zustande kommen. Ein Grund für das Freundschaftsparadox ist ein sogenannter Stichprobenfehler (Sampling Bias). Stell dir beispielsweise vor: Du willst herausfinden, wie viel Gewicht eine durchschnittliche Person beim Bankdrücken schafft. Also gehst du ins Fitnessstudio und befragst dort alle Anwesenden. Am Ende kommst du auf einen Durchschnitt von 100 Kilogramm. Du fühlst dich schlecht, weil du im Vergleich weniger Kilogramm schaffst – das musst du aber gar nicht, denn dein Experiment ist verzerrt: Du hast genau die Menschen nicht erfasst, die gar nicht erst ins Fitnessstudio gehen.

Genauso funktioniert das beim Freundschaftsparadox: Mit jemandem, der ständig unterwegs ist, auf jeder Party neue Leute kennenlernt und überall Kontakte sammelt, ist man eher befreundet als mit jemandem, der die meiste Zeit zu Hause bleibt. Diese stark vernetzten „Partytypen“ tauchen deshalb in vielen Freundeskreisen auf und werden immer wieder mitgezählt. Menschen, die nur zuhause sind und nicht viele Kontakte haben, bleiben statistisch außen vor. Manche Menschen haben sogar gar keine Freunde – aber mit genau diesen Leuten ist man eben nicht befreundet. Genau diese Verzerrung sorgt dafür, dass die eigenen Freunde im Durchschnitt mehr Freunde haben als man selbst.

Partytypen oder Superspreader

Natürlich gibt es auch seltene Ausnahmen. Einige wenige Menschen gehören selbst zu den am stärksten vernetzten Personen im Netzwerk und haben mehr Freunde als fast alle anderen – einschließlich der meisten ihrer eigenen Freunde. Eine Analyse der Facebook-Nutzenden aus dem Jahr 2011 unter Leitung von Johan Ugander an der Cornell University in den USA zeigte jedoch, dass dies nur auf rund sieben Prozent der aktiven Nutzer zutraf.

Genau diese besonders gut vernetzten „Partytypen“ spielten auch während der Corona-Pandemie eine entscheidende Rolle – damals allerdings unter einem anderen Namen. Erinnert ihr euch noch an die Zeit, als überall von sogenannten Superspreadern die Rede war? Gemeint waren Menschen, die besonders viele andere ansteckten und damit ganze Infektionsketten auslösten. Hinter diesem Phänomen steckt ein Prinzip, das dem Freundschaftsparadoxon erstaunlich ähnelt.

Klassische epidemiologische Modelle gehen oft davon aus, dass jede infizierte Person im Durchschnitt gleich viele weitere Menschen ansteckt. Das Freundschaftsparadoxon macht jedoch deutlich, dass Kontakte ungleich verteilt sind. Einige wenige, stark vernetzte Personen spielen eine überproportional große Rolle bei der Ausbreitung von Krankheiten. Werden solche Superspreader gezielt berücksichtigt, lassen sich Infektionsdynamiken realistischer beschreiben. Also, keine Sorge, wenn du unbeliebter bist als deine Freunde: Das ist völlig normal.

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