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Kinder und Fernsehen: Wie viel TV-Zeit ist gut fürs Kind?

Ob Teletubbies oder Kinderkanal: Längst gibt es Fernsehsendungen schon für die Kleinsten. Aber wie sinnvoll ist das? Sollte man Kinder in diesem Alter überhaupt fernsehen lassen? Zwei Langzeit- Studien haben die Auswirkungen frühen Fernsehkonsums untersucht – mit zum Teil erschreckenden Ergebnissen.
NPO

Kann Fernsehschauen Kleinkindern schaden?
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Wie viel Fernsehen oder Videokonsum ist gut für Kinder? Und ab wann dürfen sie überhaupt vor die Glotze? Diese Frage bewegt viele Eltern. Denn für viele von uns gehört das Fernsehen längst zum Alltag, häufig läuft das Gerät sogar einfach nebenbei, als Berieselung. Und auch auf Kinder als Zielgruppe sind die Sender bestens eingestellt, das Spektrum reicht von den Teletubbies für die Kleinsten bis zum Kinderkanal. Aber ist das auch gut? Antworten dazu gibt es ganz verschiedene. Welche Folgen es haben kann, wenn schon Kinder unter drei Jahren vor dem Fernseher sitzen, haben in den letzten Jahren gleich zwei große Langzeitstudien gezeigt – mit ziemlich erschreckenden Ergebnissen.

Zu viel TV macht schlechter in Mathe

So werteten kanadische Forscher im Jahr 2010 Daten zum Fernsehkonsum von 1.314 Kindern aus. Unter anderem wurden dabei die Eltern gefragt, wie viel Fernsehen ihre Kinder im Alter von 29 Monaten und 52 Monaten gesehen hatten. Als die Kinder zehn Jahre alt waren, beurteilten Lehrer und Ärzte ihre schulischen Leistungen, sowie ihren psychosozialen und gesundheitlichen Status.

Das Ergebnis war erschreckend: „Wir haben festgestellt, dass jede zusätzliche Stunde des Fernsehkonsums bei Kleinkindern mit einer Verschlechterung des späteren Engagements in der Schule und der Mathematikleistungen einhergeht“, erklärt Linda Pagani von der Universität von Montreal. Konkret zeigten Kinder mit starkem Fernsehkonsum eine um sieben Prozent verringerte Mitarbeit im Unterricht und eine um sechs Prozent schlechtere Leistung in mathematischen Fächern – das Lesen dagegen war nicht signifikant betroffen. Eine weitere Auswirkung: Die Kinder bewegten sich auch weniger und waren häufiger übergewichtig.

Die Forscher waren selbst überrascht von der Deutlichkeit der Ergebnisse. „Wir haben erwartet, dass der Einfluss des frühen Fernsehkonsums nach spätestens siebeneinhalb Jahren Kindheit verschwindet, daher ist die Tatsache umso erschreckender, dass die negativen Folgen bleiben“, sagen sie.

Antisozialer und aggressiver durchs TV?

Noch bedenklicher waren die Ergebnisse von neuseeländischen Forschern: Sie hatten über 26 Jahre lang den Werdegang von 1.037 Kindern verfolgt und dabei auch deren Fernsehkonsum im Alter von fünf bis 15 Jahren erfragt. Als diese Kinder erwachsen waren, erstellten die Wissenschaftler ein psychologisches Profil der Teilnehmer und ermittelten zudem, ob und wie oft sie in kriminelle Handlungen oder Straftaten verwickelt waren.

Das Ergebnis: "Junge Erwachsene, die als Kinder mehr Zeit mit Fernsehschauen verbrachten, hatten häufiger eine antisoziale Persönlichkeitsstörung, waren aggressiver und mit höherer Wahrscheinlichkeit schon mindestens einmal wegen einer Straftat verurteilt worden", berichtet Lindsay Robertson von der Universität von Otago. Mit jeder Stunde Fernsehen mehr stieg die Wahrscheinlichkeit für eine kriminelle Karriere um 30 Prozent.

Kritische Phase zwischen zwei und vier Jahren

„Die frühe Kindheit ist eine kritische Periode für die Hirnentwicklung und die Herausbildung des Verhaltens“, erklärt Pagani. „Im Alter zwischen zwei und vier verzögert selbst eine allmähliche Exposition gegenüber dem Fernsehen die Entwicklung.“ Denn in diesem Alter werden entscheidende Voraussetzungen für Verhaltensweisen wie Einfühlungsvermögen, Respekt und Toleranz geschaffen. Und erst mit vier Jahren bekommen Kinder beispielsweise ein Bewusstsein dafür, dass es sinnvoll sein kann, jemandem anderen aufmerksam zu lauschen.

Nach Ansicht von Pagani sollten Eltern die Fernsehzeit ihrer Kleinkinder daher stark beschränken. Meist wird empfohlen, Kinder unter drei Jahren noch gar nicht fernsehen zu lassen, Vier- bis Neunjährige nur rund eine Stunde pro Tag. Bei älteren Kindern sollten zwei Stunden täglich nach Ansicht der Experten die Obergrenze sein.

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