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Skrupellose Medien

Gladbecker Geiseldrama erschüttert die Bundesrepublik

Die Rolle der Medien im Gladbecker Geiseldrama löst über die deutschen Grenzen hinaus Empörung und Betroffenheit aus. Kommentatoren in aller Welt werfen den Reportern vor, in grober Weise die Grundsätze des Journalismus verletzt zu haben. Die im Vatikan erscheinende Zeitung »L'Osservatore Romano« bezeichnet die deutschen Medien als skrupellos. Journalisten hätten den Geiselnehmern bereitwillig ein öffentliches Podium geboten, die Polizeiarbeit behindert und damit den Tod der Geiseln in Kauf genommen. Kritisch äußern sich auch deutsche Politiker. Johannes Gerster, innenpolitischer Sprecher der CDU, erklärt, das legitime Bedürfnis nach Information dürfe nicht auf Kosten der Sicherheit der Geiseln befriedigt werden.

August 1988 - Geiseldrama in Gladbeck

18.08.1988 / Bremen, Deutschland. Der Bankräuber und Geiselnehmer Dieter Degowski bedroht die Geisel Silke Bischoff und gibt gleichzeitig ein Interview.

Die Kritik trifft vor allem den sensationslüsternen Boulevardjournalismus. Den Geiselnehmern folgte während der rund 1000 km langen, drei Tage dauernden Irrfahrt durch die Bundesrepublik und die Niederlande zeitweilig ein Tross von rund 25 Fahrzeugen mit Journalisten. In Köln – das Geiseldrama hatte zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Todesopfer gefordert – erwartete u.a. der stellvertretende Chefredakteur einer regionalen Boulevardzeitung die Gangster. Er stieg in den Wagen und legte eine kurze Wegstrecke gemeinsam mit den übermüdeten, unberechenbaren Geiselnehmern zurück. Während die beiden Geiseln in Todesgefahr schwebten, führte der Journalist Interviews. Die bei anderer Gelegenheit auf ihre Seriosität bedachten öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten beteiligten sich ebenfalls an dem Spektakel. ARD und ZDF zeigten umfangreiche Liveaufnahmen von der Hetzjagd und präsentierten ihrem Millionenpublikum ein Interview mit einem der Geiselnehmer.

 

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aus der "Chronik 1988" (Chronik-Verlag)
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