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Zwischen Armut, Ausgrenzung und Analphabetismus

Sie sind die größte ethnische Minderheit Europas, werden diskriminiert und mystifiziert und stecken fast allesamt in der Sackgasse Armut: Die Roma. Zehn bis zwölf Millionen von ihnen leben in Europa, die meisten in Ländern wie Rumänien, Ungarn und Bulgarien. Dort führen sie oftmals ein Leben am Rande der Gesellschaft – ohne Chance, den Armutskreislauf zu durchbrechen. Über die Situation der Roma in Europa haben wir mit Dr. Monika Kleck gesprochen. Die Länder- und Projektreferentin des katholischen Osteuropahilfswerks Renovabis beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der heterogenen Bevölkerungsgruppe.
von wissen.de-Redakteurin Irma Biebl

wissen.de: Roma, Sinti, Zigeuner: Es tauchen viele Begriffe im Zusammenhang mit der größten europäischen Minderheit auf. Welche Bezeichnung ist die richtige und was bedeutet der Begriff Roma überhaupt?

Roma-Siedlung in der Nähe der griechischen Stadt Thessaloniki
Picture-Alliance GmbH, Frankfurt/ANE
Monika Kleck: Roma bedeutet auf Romani, der Sprache der Roma, „Mensch“. Allerdings ist „Roma“ eher eine Bezeichnung, die von außen kommt, als von der Gruppe selbst. Der Begriff Roma ist ein internationaler Standard, der auf europäischer Ebene, z.B. vom Europaparlament, benutzt wird. Zuvor war in Deutschland und anderen Ländern lange der Begriff Zigeuner geläufig. Da das Wort Zigeuner sehr negativ konnotiert ist, hat sich nach und nach die Bezeichnung Roma durchgesetzt. Dennoch ist immer noch umstritten, welcher Begriff der richtige ist. Man muss immer im Hinterkopf behalten, dass es sich bei den Roma insgesamt um eine sehr heterogene Gruppe handelt. Den Sinti, der größten in Deutschland lebenden Roma-Gruppe, ist ihr Eigenname sehr wichtig. In Ungarn dagegen bezeichnen sich viele Roma selbst als Zigeuner.

 

wissen.de: Kann man in Anbetracht der vielen verschiedenen Untergruppen dann überhaupt von „den Roma“ sprechen?

Monika Kleck: Es gibt verbindende Elemente, die alle Gruppen aufweisen, so dass man von den Roma reden kann, auch wenn intern durchaus große Unterschiede existieren. Die verschiedenen Roma-Gruppierungen sind alle im Mittelalter aus Indien eingewandert. Bei den Roma handelt es sich um eine ethnische Minderheit, die keinen eigenen Staat hat und die eine Sprache spricht. Zwar bestehen viele  unterschiedliche Dialekte, doch gibt  es einheitliche Grundzüge einer Roma-Sprache. Ein gemeinsames Merkmal ist auch die Lebenssituation. Diese ist geprägt von Diskriminierung und Ausgrenzung. Natürlich gilt dies nicht für alle Roma, zumindest aber für den größten Teil.

 

wissen.de: Ein Großteil der Roma lebt im Osten Europas in Ländern wie Rumänien, Ungarn und Bulgarien. Wie sieht ihre Lebenssituation vor Ort aus?

Monika Kleck: Die meisten Roma-Angehörigen leben in extremer Armut, oftmals an den Stadträndern oder wie in Ungarn in verlassenen Dörfern. Problematisch ist die schulische Situation: Viele Roma-Kinder gehen nicht zur Schule oder werden in Sonderschulen geschickt. Ein weiteres schwerwiegendes Problem ist die Arbeitslosigkeit unter den Roma. Wer ersichtlich Roma ist, findet kaum Arbeit. In Sfântu Gheorghe in Rumänien leben über 5000 Roma, von denen etwas mehr als zehn einen Arbeitsplatz haben. Der Rest ist auf Arbeitssuche, doch ohne große Chance auf eine baldige Beschäftigung. Viele der arbeitsfähigen Menschen aus diesem Ort sind deshalb schon abgewandert. Prekär sind außerdem die Wohnverhältnisse. Roma-Familien leben oftmals ohne Strom und fließend Wasser. Wiederum gilt das jedoch nicht für alle. Genauso gibt es „Roma-Paläste“.

wissen.de: Gibt es in den Eliten der Gesellschaft dann auch Roma?

Monika Kleck: Es gibt einen gewissen Prozentsatz von Roma, der es geschafft hat und integriert ist. Diese Menschen bekennen sich aber oftmals nicht mehr als Angehörige der Minderheit. Allerdings gibt es auch Ausnahmen wie beispielsweise die ungarische Politikerin Lívia Járóka, die selbst eine Romni ist. Auch auf Regierungsebene arbeiten in Ungarn Roma, ebenso gibt es Roma-Pfarrer. In der Regel versuchen jedoch diejenigen, die gesellschaftlich integriert sind, sich nicht als Roma zu outen.

wissen.de: EU-Länder wie Rumänien und Bulgarien verfügen über Minderheitengesetze. Konnten diese die Stellung der Roma verbessern?

Monika Kleck: Pro forma gibt es in vielen Bereichen gute Gesetze in den Ländern Osteuropas. Gerade auch Rumänien verfügt über ein gutes Minderheitengesetz. Gesetzlich festgeschrieben ist damit für alle Minderheiten das Recht auf die eigene Sprache, auf die eigene Kultur und auf einen Minderheitenvertreter im Parlament. Dennoch haben diese Rahmenbedingungen wenig Auswirkung auf die Lebenssituation der Menschen. Man muss im Hinterkopf haben, dass in der kommunistischen Ära die Roma am unteren Rand der Gesellschaft integriert waren. Die meisten arbeiteten als Hilfsarbeiter in der Landwirtschaft. Nach der Wende jedoch, als die Kolchosen verteilt wurden, haben die Roma nichts abbekommen. Die Hilfsarbeiterjobs sind weggefallen und der Verteilungskampf ist gewachsen. Hier waren die Roma die großen Verlierer, die an den gesellschaftlichen Rand gedrängt wurden.

wissen.de: Was sind die Hauptgründe für die fehlende Integration?

Moldawisches Roma-Lager in der Region Tjumen
Picture-Alliance GmbH, Frankfurt/Pavel Lisitsyn
Monika Kleck: Ein Hauptgrund ist die Armut, von der Roma seit Generationen betroffen sind. Gruppen, die über viele Jahre in Armut gelebt und keine geregelte Arbeit haben, kann man nicht von heute auf morgen integrieren. Man kennt dieses Armutsphänomen z.B. auch im Norden Englands, wo unter der Regierung Thatcher die Industrien zusammengebrochen sind. Dort gibt es heute noch ganze Stadtviertel, in denen Familien seit Generationen arbeitslos sind, von Sozialhilfe leben und deren Kinder keine Schulen besuchen. Diesen Armutskreislauf zu durchbrechen, ist sehr schwierig. Bei den Roma kommt hinzu, dass in bestimmten Gruppen eigene Regeln existieren, die von außen schwer zu durchschauen sind und eine gewisse Abgrenzung darstellen.

 

wissen.de: Was ist der Schlüssel zur gesellschaftlichen Inklusion? Was kann getan werden, um diesen Kreislauf zu durchbrechen?

Monika Kleck: Verbesserung bringen können nur Ansätze, die langfristig angelegt sind -  mindestens über einen Zeitraum von zehn Jahren. Es müssen komplexe Ansätze sein, die darauf zielen, die Bildungschancen zu verbessern und die Menschen in Arbeit zu bringen. Wichtig ist auch, die Wohnsituation von Roma zumindest auf einen einfachen Standard zu bringen sowie die Inklusion in die Sozialsysteme, denn in den meisten Fällen fehlt eine Kranken- und Rentenversicherung. Für dieses Vorhaben eignet sich am besten ein Gemeinwesensansatz, d.h., dass alle Betroffenen an einen Tisch gebracht werden: Romavertreter, Mitarbeiter von Schulen und aus der Gemeindeverwaltung sowie Mitglieder von Vereinen, die vor Ort existieren. Es muss gemeinsam diskutiert werden, wie man das Dorf bzw. das Gemeinwesen voranbringen kann.

wissen.de: Gibt es Beispiele, wo ein solcher Ansatz erfolgreich war?

Monika Kleck: Erfolgreich ist ein Projekt der Caritas in Ardut in der Nähe von Satu Mare in Rumänien, das in der Aufbauphase von Renovabis unterstützt wurde. Dort gibt es bereits seit 15 Jahren ein Integrationszentrum, in dem rumänische Kinder und Roma-Kinder zusammenkommen. Jungen und Mädchen werden ab dem Kindergartenalter gemeinsam betreut, Nachhilfe sowie Hausaufgabenbetreuung wird angeboten. Dabei zeigt sich, dass die neue Generation von Eltern ein anderes Verhältnis zu Bildung und Arbeit entwickelt. Das sind erste kleine Erfolge, die sichtbar machen, dass langfristige Ansätze wirken.

wissen.de: Ab 2014 dürfen Rumänen und Bulgarien ausnahmslos in Deutschland arbeiten. Hierzulande brandet in diesem Zusammenhang momentan eine hitzige Diskussion über eine drohende Armutseinwanderung aus Osteuropa auf, in der gleichzeitig vor einer verstärkten Einwanderung von Roma gewarnt wird. Ist diese Angst begründet?

Monika Kleck: Es ist gut, das Thema zu diskutieren und die Probleme zu benennen. Aber wie das Thema in den Medien behandelt wird, ist nicht richtig. Es wird das Bild gezeichnet, dass Deutschland ab 2014  mit Beginn der Arbeitnehmerfreizügigkeit von Rumänen und Bulgaren überschwemmt werden wird. Die gleichen Befürchtungen wurden geäußert, als die Arbeitnehmerfreizügigkeit für Polen und Tschechien im Mai 2011 vor der Tür stand. Sie haben sich jedoch nicht bewahrheitet. Auch wird oft mit falschen Zahlen gespielt. Man spricht davon, dass im letzten Jahr ca. 120.000 Menschen aus Rumänien und Bulgarien nach Deutschland eingewandert sind. Davon gehört aber ein großer Teil zur Gruppe der Saisonarbeiter, die das Land wieder verlassen. Tatsächlich waren es also nur ca. 58.000 Einwanderer, von denen 80 Prozent Arbeit haben. Natürlich darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass in Kommunen wie Dortmund, Duisberg, Berlin oder Mannheim, wo viele Roma-Familien leben, tatsächlich immense Probleme existieren. Das fängt bei Roma-Unterkünften in Brennpunkten an, wo sich Hausbesitzer mit Wucherpreisen für Wohnraum eine goldene Nase verdienen und reicht bis hin zu Schulen, in denen viele Kinder weder deutsch noch eine andere geläufige Sprache sprechen. Das ist für die betroffenen Kommunen eine gewaltige Herausforderung. In solchen Fällen müssen neue Konzepte erarbeitet werden. Die Kosten können die Kommunen nicht alleine tragen, hier sind der Staat und die EU gefordert. Wichtig in dieser Diskussion ist allerdings, dass die Einwanderer aus Rumänien und Bulgarien sich nicht illegal in Deutschland aufhalten: Als EU-Bürger haben sie das Recht, sich im Land aufzuhalten, solange sie sich selbst versorgen können. Einen Anspruch auf Sozialleistungen haben sie nicht, die Einwanderer dürfen aber einen Gewerbeschein anmelden. Und das ist gut so, denn die Freizügigkeit der Europäischen Union ist eine große Errungenschaft, von der Deutschland im Übrigen sehr profitiert.

wissen.de: Welche Möglichkeiten haben Roma-Einwanderer in Deutschland über die Runden zu kommen?

Monika Kleck: Mit dem Antrag auf einen Gewerbeschein können Tagelöhner-Aufgaben übernommen werden. Viele Roma gehen putzen oder arbeiten auf dem Bau. Das führt jedoch dazu, dass es Arbeitgeberstriche gibt, auf denen richtiggehend Ausbeutung betrieben wird: Die Menschen sind nicht versichert und arbeiten ohne vertragliche Absicherung für 3-4 Euro Stundenlohn. Viele werden obdachlos, da sie sich die Wucherpreise für eine Unterkunft nicht leisten können. Problematisch wird es außerdem, wenn auf eine Wohnung 20-30 Bewohner kommen. Das ist für die Infrastruktur eine absolute Überforderung. In solchen Fällen ist das Eingreifen von Sozialarbeitern sehr wichtig. Vergessen werden darf jedoch nicht, dass es sehr viel Einwanderer gibt, die sich integrieren und über die nicht gesprochen wird.

wissen.de: Vor kurzem wurde in Berlin ein Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma errichtet. Warum erst so spät? Sagt das etwas was über die Stellung der Minderheit aus?

Monika Kleck: Bis in die 70er Jahre gab es überhaupt kein Unrechtsbewusstsein für die Verbrechen an den Roma und Sinti in der NS-Zeit. Später, als die ersten Diskussionen über das Mahnmal aufgekommen sind, konnte man sich lange nicht einigen, wie es aussehen und benannt werden soll. Von den Planungen bis zur Eröffnung des Mahnmals vergingen 20 Jahre.

wissen.de: Was könnten die Roma selbst tun, um ihre Situation zu verbessern?

Monika Kleck: Das ist eine häufig gestellte Frage. Ich hatte vorhin erwähnt, dass es gut situierte Roma gibt und dass die Solidarität derer mit den verarmten Roma oftmals nicht recht hoch ist. Es müsste also über die Familienbande hinaus eine Gruppensolidarität entwickelt werden. Anzunehmen ist außerdem, dass diejenigen Roma, die über eine bessere Ausbildung verfügen und integrierter sind, bessere Erfolge bei der Integrationsarbeit mit Roma erzielen können als Sozialarbeiter von außen. Es gibt einige Gruppen, die Nicht-Roma nur schwer akzeptieren. Das ist auch darauf zurückzuführen, dass Roma mit Nicht-Roma nicht die beste Erfahrung haben. Deshalb wäre es wichtig, dass Roma-Lehrer, Roma-Polizisten etc. an Integrationsprojekten teilhaben. Aber auch wir müssen auf Roma zugehen und sie aktiv in Planungsprozesse integrieren. Wenn Menschen von Beginn an aktiv in Integrationsprojekte einbezogen werden, wächst das Engagement erheblich. Es ist klar und wünschenswert, dass man gemeinsam an den Fragen der Integration arbeitet.

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