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Haarige Redewendungen

Ganz und gar

mit Haut und Haaren (z. B. jemanden mit Haut und Haaren zum Fressen gerne haben) = jemanden über alle Maßen gern haben, so dass man ihn inklusive Haare (eigentlich ungenießbar) fressen würde

etwas mit Haut und Haaren tun (z. B. mit Haut und Haaren bei der Sache sein) = sich einer Sache ganz und gar verschrieben haben

etwas mit Haut und Haar sein (z. B. mit Haut und Haar Sportler sein) = mit Leib und Seele dabei sein, etwas sehr gerne tun, mit viel Leidenschaft betreiben

bis unter die Haarwurzeln (z. B. bis unter die Haarwurzeln verliebt sein) = komplett, ganz und gar; Steigerungsformel zu 'mit Haut und Haar', denn die Haarwurzeln liegen ja noch eine Schicht tiefer.

Glatze

der Kopf wächst durch die Haare = eine Glatze bekommen bzw. haben
auch: jemandem wächst das Knie durch die Haare

Glatze is besser ols gor keene Hoore
Besser eine Glatze als gar keine Haare
Eine Glatze ist im Wind besser als eine Perücke

Handgreiflichkeiten

Haare = behaarte Haut, Fell

sich in die Haare kriegen = quasi handgreiflich werden

eine haarige Angelegenheit = eine unangenehme Sache
Hintergrund: stark behaarte Beutetiere sind schwer zu schlucken und deshalb unbeliebt

es geht haarig her/zu = es herrscht eine gefährliche/unangenehme/streitsüchtige Atmosphäre

sich in die Haare fahren/geraten/kriegen = Streit miteinander anfangen, bekommen
Wird gerne auf Frauen bezogen, weil Frauen, wenn sie aufeinander losgehen, sich anscheinend gerne an den Haaren ziehen. Die Erfahrung zeigt aber, dass auch kleine Jungs in dieser Hinsicht keine Hemmungen kennen.

sich in den Haaren liegen = miteinander streiten

Knappe Angelegenheit

an einem Haar hängen (eine Sache hängt an einem Haar) = sehr unsicher sein, von einer Kleinigkeit abhängen
geht zurück auf die Erzählung von Damokles' Schwert vgl. auch die Wendung 'an einem seidenen Faden hängen'

[nicht] um ein Haar, [um] kein Haar = nicht, um nichts
er hat sich um kein Haar geändert

etwas haarscharf oder um Haaresbreite verfehlen = etwas sehr knapp verfehlen.
Haare haben einen Durchmesser von durchschnittlich 0,07 Millimeter.

Körperliche Unversehrtheit

Haare lassen [müssen] = etwas nur mit gewissen Einbußen erreichen können stammt wie die Wendung 'Federn lassen müssen' wahrscheinlich aus dem Jagdwesen und bezieht sich in ihrer Bildlichkeit auf Haarwild (Wild mit Fell, also Hasen, Füchse usw.), das sich aus einer Schlinge bzw. Falle befreit.

jemandem kein Haar/kein Härchen krümmen bzw. niemandem ein Haar krümmen [können] = niemandem etwas zuleide tun [können], nicht mal einem an sich gefühllosen Haar

Liebe zum Detail

bis aufs Haar = bis in jede Einzelheit
sie gleichen sich bis aufs Haar = sie gleichen sich wie ein Ei dem anderen

haarklein = mit vielen Details, in allen Einzelheiten
z. B. etwas haarklein erzählen = mit vielen Details, in allen Einzelheiten erzählen

Haarspalterei betreiben/ haarspalterisch an eine Sache herangehen = sich mit unnötigen Details befassen (mit dem Ziel, eine Sache zu Fall zu bringen)
so detailversessen sein, dass man sogar etwas so dünnes wie Haare spalten würde

vgl. auch: Haare klauben, Haarklauberei
klauben = vom Boden aufheben/aufklauben

immer ein Haar in der Suppe finden = immer etwas auszusetzen haben
Haare gelten zwar als schön und als Symbol für Lebenskraft, einmal ausgefallen jedoch wandelt sich das Verhältnis. Sie werden unheimlich, ja geradezu ekelerregend.

ein Haar in der Suppe finden = an einer sonst guten Sache etwas entdecken, was einem nicht passt

etwas haarscharf beobachten = etwas sehr genau beobachten

Mit Gewalt

etwas an den Haaren herbeiziehen (etwas ist an den Haaren herbeigezogen) = weit hergeholt und zwar unter Anwendung von Gewalt, ist also sehr unwahrscheinlich, unglaubwürdig, schwer vorstellbar.

sich an den eigenen Haaren / am eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen = sich ohne fremde Hilfe aus einer fast ausweglosen Lage befreien, retten
eine eigentlich unmögliche Form der Selbstrettung á là Baron Münchhausen (nach einem Lügenmärchen des K.F.H. von Münchhausen)

eine Gelegenheit beim Schopfe packen = sich eine (günstige) Gelegenheit nicht entgehen lassen; wörtlich: eine Gelegenheit an der entscheidenden Stelle packen, also so, dass sie nicht entkommen kann.
Das gesamte Kopfhaar eines Menschen nennt man auch den "Schopf" oder auch "Haarschopf" - packt man jemandem beim Schopf, so kann er schlecht weglaufen.

Schimpf und Schande

Haare auf der Zunge/den Zähnen haben = resolut, schwierig, energisch sein
wird nur auf weibliche Personen angewendet, und zwar für solche, die entweder sehr gescheit, oder energisch, oder aber auch sehr anstrengend sind - oder alles zusammen. In dieser Redewendung symbolisieren Haare männliche Eigenschaften. Abgesehen davon, dass Frauen am Körper normalerweise weniger behaart sind als Männer, haben energische Frauen sogar dort Haare, wo gewöhnlichen Menschen keines wächst (also nicht einmal dem haarigsten Mann).
Die Wendung 'Haare auf der Zunge haben' ist älter als 'Haare auf den Zähnen haben'

gschert
eine 'gscherte' (gescherte = geschorene) Person, jemand ist 'gschert' = eine dumme Person, jemand ist dumm Während die Kopfrasur beim Eintritt ins Kloster beispielsweise ein Akt der Reinigung und Teil eines Initiationsritus ist, hat die gewaltsamen Rasur etwas Demütigendes, insbesondere die von Frauen. Bis zur französischen Revolution war kurz geschorenes Haar ein Zeichen der Unfreiheit - langes Haar dagegen ein Statussymbol. Während und nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden Frauen, die der Kollaboration mit dem Feind (ob nun in Frankreich oder anderswo) verdächtigt wurden, die Haare geschoren.

jemandem die Haare vom Kopf fressen = auf jemands Kosten sehr viel essen, unersättlich sein

kein gutes Haar an jemandem lassen = nur Schlechtes über jemanden sagen

das kannst du dir in die Haare schmieren = das ist wertlos (wie Spucke)

Schrecken und Entsetzen

eine haarsträubende Situation, haarsträubende Geschichten = eine entsetzliche/unglaubliche Situation
Behauptet jemand, dass “sich ihm die Haare sträuben“, so bekundet er damit Ablehnung und Widerwillen. Tatsächlich können sich Haare, insbesondere die feinen Nackenhaare, bei Angst, Entsetzen oder Erschrecken aufstellen.

Belegt ist diese Redewendung bereits im Alten Testament sowie in der Literatur der Antike:

  • Hiob 4,15: Und da der Geist vor mir überging, stunden mir die Haare zu Berge an meinem Leibe.
  • Vergil, Äneis, 2. Buch, Vers 774: Ich erstarrte, die Haare standen mir zu Berge und die Stimme stockte in der Kehle.

jemandem stehen die Haare zu Berge = jemand ist in höchstem Maße schockiert bzw. entsetzt

etwas ist zum Haarausraufen = etwas ist 1. schrecklich, 2. sehr ärgerlich
Die Redensart bezieht sich auf eine alte Klagegebärde. Haarausraufen als Teil der Totenklage in zahlreichen Kulturkreisen ist seit der Antike belegt.

lass' dir keine grauen Haare wachsen = reg dich nicht so auf (, sonst wachsen dir noch graue Haare)
Der Legende nach kann man über Nacht grau oder gar weiß werden - schon Grimmelshausen berichtete im 'Simplicissimus von einem Mann, dessen Haare und Bart eines Morgens grau waren, "wiewohl er den Abend als ein dreißigjähriger Mann mit schwarzen Haaren zu Bette gegangen sei". Tatsächlich handelt es sich bei Haaren um abgestorbene Zellen. Ob ein Haar grau, also unpigmentiert ist oder nicht, entscheidet sich bereits in der Haarwurzel. Soll heißen: Haare, die man bereits auf dem Kopf hat, können ihre Farbe nicht mehr verlieren. Allerdings kann es sein, dass man in Zeiten großer seelischer und nervlicher Belastung oder aber durch die Autoimmunkrankheit Alopecia areata diffusa Haare verliert. Aus bislang ungeklärten Gründen sind die pigmentierten Haare anfälliger. So entsteht der Eindruck, man sei innerhalb kürzester Zeit, also quasi über Nacht, ergraut.

Signale

unter die Haube kommen = heiraten, bzw. verheiratet werden
Haare machen eine Frau begehrenswert, offenes Haar nach der Heirat musste die aufreizende Haarpracht unter einer Haube verborgen werden - noch bis ins 19. Jahrhundert hinein mussten Frauen hierzulande sogar im Haus die Haube tragen.

beim Bart des Propheten
Ähnlich wie das Kopfhaar galt auch der Bart lange Zeit als Sitz der Lebenskraft. Ihn abzurasieren war deshalb ein Zeichen der Unterwerfung. Um die Aufrichtigkeit eines Schwurs zu demonstrieren, berührte man den Bart, schwor also bei seinem Leben. Hatte man selbst keinen Bart oder wollte man dem Schwur mehr Gewicht verleihen, schwor man 'beim Bart des Propheten'

Unmengen

wie Haare auf dem Kopf = unendlich viel
z.B. Probleme haben wie Sand am Meer oder auch wie Haare auf dem Kopf Im Schnitt haben Weißhäutige 100.000 Haare auf dem Kopf. Blondhaarige können sich über bis zu 140.000 Haare freuen, Rothaarige haben am wenigsten.

mehr Schulden/Sorgen/Probleme als Haare auf dem Kopf haben = sehr viele Schulden/Sorgen/Probleme haben

Unzeitgemäßes

ein alter Zopf =eine längst überholte Ansicht; rückständiger, überlebter Brauch

zopfig / verzopft = (abwertend) rückständig, überholt (zopfige Ansichten)

den alten Zopf/die alten Zöpfe abschneiden = sich von überholten Ansichten, Gepflogenheiten verabschieden
Trugen die Männer bis zur Französischen Revolution (1789) noch Zöpfe, galten diese nachher als altmodisch und Merkmal konservativer Gesinnung

vgl. auch: sich einen Zopf antrinken = (landschaftlich) sich einen Rausch antrinken

Vorurteile

wie die Haare, so der Sinn = das Aussehen der Haare lässt Rückschlüsse auf Charakter und Gesinnung zu

lange Haare, kurzer Sinn
despektierliche Bemerkung über 'Langhaarige' in den 70er Jahren

krause Haare, krauser Sinn
wer krause Haare hat, ist eigenwillig, hat ein etwas verworrenes, störrisches Wesen

Besonders von Vorurteilen verfolgt wurden Rothaarige:
Rote Haare, spitzig Kinn,/ wohnt der Teufel mittendrin Roter Bart - Teufels Art Trau keinem Rotkopf
Laut Vorurteil sind Rothaarige jähzornig, treulos und hinterhältig. So galt zum Beispiel der germanische Gott Loki aufgrund seiner roten Haarpracht als Verräter In Georgien dagegen sagt man 'Möge Gott dich rot altern lassen'. Dort assoziiert man die rote Farbe offenbar mit Jugend und Schönheit.

Katja Schmid
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