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Möchten Sie zu einer Minderheit gehören?

Übergewichtige in der Mehrheit

Dreiviertel der Männer in Deutschland sind übergewichtig, heißt es in der neuesten Studie. Und immerhin über die Hälfte der Frauen. Das bedeutet andererseits, dass sich die Normalgewichtigen langsam mit der Rolle einer Minderheit anfreunden müssen.

Früher war ich sportlich, wog 83 kg bei einer Körpergröße von 1,85m. Meinen Body-Mass-Index kannte ich nicht. Wenn ich es genau überlege, wusste ich gar, dass es so etwas gibt, es hat mich nicht interessiert.
Heute wiege ich weit über 100 kg (fällt Ihnen auch die dezente Unklarheit dieser Angabe auf?) und kenne meinen BMI. Den verrate ich aber nicht.
Und in diesen zwei Sätzen schwingt schon ein Großteil der Problematik mit, die sich jenseits gesundheitlicher Bedenken für Dicke ergeben. Viele Dicke fühlen sich als Minderheit, auf die man verächtlich guckt und über die man spöttisch redet.
Mit meinen Geschwistern und manchen Freunden hatte ich regelmäßig Stress, weil sie nach Wochen, wenn man sich mal wieder sah, verlässlich wie ein Schweizer Uhrwerk ausriefen: "Du hast aber zugelegt!"
Was soll man da antworten? "O, danke für die Analyse! Ich habe mich schon gewundert, warum die Hose zwickt." Oder "Ich bewundere deine Beobachtungsgabe, ich hätte es jetzt gar nicht bemerkt."
Zudem erhält man 1000 ungebetene und unerwünschte Ratschläge.
Auch im Beruf gilt ja immer noch: Die Schlanken und Sportlichen gelten als kompetenter und kommen besser voran.
Also lag es nahe, endlich abzuspecken.
Doch jetzt frage ich mich, ob das langfristig die richtige Entscheidung ist. Wer will schon einer Minderheit angehören?
Minderheiten werden stigmatisiert, verhöhnt, verfolgt. So geht es den Übergewichtigen seit Jahren.
Aber vielleicht erkennen die Übergewichten bald, dass sie den Normalfall darstellen und nicht umgekehrt. Unter dem bei Marx entlehnten Motto "Dicke aller Länder, vereinigt euch!" entdecken sie ihr Potential.
Die Werbung erkennt vielleicht, dass sie mit dieser übermächtige Zielgruppe anders umgehen muss, sobald diese nicht mehr auf die Masche mit dem schlechten Gewissen anspringt.
Vielleicht werden demnächst in der Schule nicht mehr die Moppeligen verspottet, sondern die Dünnen: "Schau dir mal die an. Kein einziges Fettröllchen. Igitt!"
Und auf Feiern heißt es dann: "Was ist mit dir los? Zwei Monate nicht gesehen und du hast kein Gramm zugenommen!"
Tja, vielleicht ist man besser dran, wenn man dick bleibt, dann gehört man künftig dazu.

Von Werner Möstl, Herzogenaurach
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