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Auf zu einer kleine Expedition

"Hoagaschtn“ sagen sie im Salzburger Land. Das heißt soviel wie plaudern, Geschichten erzählen. Draußen vor der Hütte, auf der von Sonne und Regen ausgebleichten Bank, wenn der Blick über die Alm hinüber zu den weißen Riesen der österreichischen Berge schweift. Oder abends, in der Stube, wenn der Senner sich nach getaner Arbeit zu seinen Gästen an den Tisch setzt. Die Geschichten sind nicht immer wahr, aber beinahe. Spannend sind sie allemal.

von Iris Hilberth, wissen.de

Zum Beispiel die Sage vom verwunschenen Senn unter dem Gabler. Die soll sich hier zugetragen haben, hier im Großarltal, wo wir seit Tagen über die Almen wandern, schmale Pfade hinaufstapfen und herunterhüpfen und jetzt mit den Kindern für drei Tage unsere komfortable Unterkunft im Tal für zwei aufregende Nächte auf den Hütten verlassen haben. Johannes und Katharina haben andächtig gelauscht, als einer der Einheimischen am Tisch die Geschichte vom Senn auf der Karseggalm erzählte, der, weil er immer so böse war, in alle Ewigkeit dazu verdammt ist, die herabrollenden Steine wieder hinaufzutragen. Der Sisyphus der Radstädter Tauern.

Langsam wird es dunkel, im „Tal der Almen“. Albert, der Senner auf der Aschlreitalm, hat die Petroleumlampe über dem Esstisch schon angezündet. „Den Sauerkas“, sagt er, „den müsst ihr probieren.“ Trocken, bröselig, würzig – selbstgemacht. Und dazu ein „Stamperl“, er hat die Flasche mit dem Selbstgebrannten geholt. Einfach. Gemütlich. Erholsam. Trotzdem oder gerade weil es eine Reise in die Vergangenheit ist. Ohne Strom, ohne fließendes Wasser. Die Kinder sind längst oben im Matratzenlager eingeschlafen, träumen von Trollen und Berggeistern und all den sagenhaften Wesen aus dem Gebirge. Vielleicht auch vom Kuhmelken, vom Ziegenstreicheln, vom Beerensammeln, vom Ameisenbeobachten oder vom Käsemachen. Ach, es ist so wunderbar aufregend hier oben.

Almwandern mit Kindern


Hütte in Sicht, jetzt erhöht sich die Laufgeschwindigkeit!
Salzburger Land
Wer hätte gedacht, dass die beiden sich so derart davon begeistern lassen, dass sie munter jeden Tag mit ihren kurzen Beinen die geplanten Höhenmeter ganz ohne Murren hinter sich bringen. Als die kleine Familie sich in Großarl für zwei Wochen einmietete, hofften die Eltern insgeheim, Johannes und Katharina vielleicht den einen oder anderen längeren Spaziergang abtrotzen zu können. Aber da hatten sie die Rechnung ohne die 37 bewirtschafteten Almen der Region gemacht. Dort nämlich gibt es überall einen Stempel ins Wanderheftchen. Und das ist für einen Siebenjährigen und eine Vierjährige attraktiver als ihrer Mutter vermutet hatte:„Spätestens um halb sieben standen die beiden an unserem Bett mit der Aufforderung, doch endlich aufzustehen, um dann gleich mit uns zu diskutieren, zu welcher Hütte wir denn heute wandern.“ In der Pension schmunzelte die Wirtin beim Frühstück schon über ihre Frühaufsteher.

„Ein bisschen Mut gehört dazu“

Nun also haben sie ihre Eltern zu drei Tagen „Alpenfloh“ überredet. Man kann wählen zwischen der Trekkingtour „mini“ für Kinder ab vier und „maxi“ für Kinder ab sechs. Die kleine Variante tut es fürs erste einmal, täglich zwei bis drei Stunden Gehzeit, insgesamt 720 bis 1012 Höhenmeter Aufstieg, 764 bis 1356 Meter Abstieg. „Ein bisschen Mut gehört dazu“, sagen sie einem im Tourismusbüro. Vor allem muss man sich darauf einlassen können, dem üblichen Komfort für ein paar Tage abzuschwören, bereit sein, mit den Kleinen nachts mit der Taschenlampe die schmale Stiege hinunter zur „Toilette“ zu tapsen, die über der Jauchegrube schwebt. Man muss es als kleines Abenteuer betrachten, sich die Zähne am Gebirgsbach direkt hinter der Hütte zu putzen und nach schweißtreibendem Aufstieg eben mal keine Dusche vorzufinden. So gesehen ist es eine kleine Expedition, ungewohnt für manche Eltern, spannend und zugleich vergnüglich für die Kinder.

Seit mehr als 50 Jahren steht die Hütte auf der Aschlreitalm. Das Pferd hat damals drei Stunden vom Tal aus gebraucht, jetzt schafft der Materiallift das Notwendigste in 13 Minuten herauf. Vom Talende führt ein schmaler Pfad über feuchte Bergwiesen und nach nasser Baumrinde duftenden Bergwäldern hinauf. Kurz hinter der Baumgrenze wird der Blick auf die Alm frei. Ingrid, die Sennerin in rotgeblümter Kittelschürze, lehnt am Türrahmen, Ronny der gutmütige Hund streicht zwischen den Gästen umher. Es ist alles so wie es sein sollte: die mit Blüten gesprenkelten Bergwiesen, das Gemurmel des Baches und das Gebimmel der Kuhglocken, an dem angeblich jeder Hütebub sein Vieh erkennt. Mit 40 Viechern und zwölf Milchkühen verbringen die Senner den Bergsommer hier oben. Seit wann? „Allwej“, sagt Ingrid. Schon immer. Die Sennerin hat im großen Kupferkessel gekast. Wenn der Topf glänzt, erzählt sie den Kindern, dann werde das Wetter gut. Ob der Kessel Recht behält, lässt sich dann auf einem kleinen Kalender hinter der Stubentür nachlesen. „Grausig“, hat sie dort eingetragen. Und? War der Kessel zuvor matt? Die Sennerin lacht. Das bleibt ihr Geheimnis.

Die Nacht auf der Alm ist früh zu Ende. Um fünf müssen die Kühe gemolken werden. Den Kindern ist das gerade recht. Es gibt ja noch so viel zu entdecken. Der Hund muss unbedingt gestreichelt werden. Und der Käse probiert. Und die Sammlung der Kuhglocken angeschaut. Und… Ja, und dann müssen alle auch weiter zur nächsten Hütte. Und zum nächsten Stempel.

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