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Hesses Steppenwolf: Schmerzhafter Weg zur Selbsterkenntnis

Wird Hesse noch gelesen?

Ja, vor allem im Ausland. Die Romane und Erzählungen des Literaturnobelpreisträgers wurden in über 50 Sprachen übersetzt; weltweit überschreitet die Auflage seiner Bücher die 100-Millionen-Grenze. Hesse ist der meistgelesene deutschsprachige Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Sein berühmtestes Werk, der 1927 erschienene Roman »Der Steppenwolf«, beeindruckte Generationen von Lesern.

Schreibt der Autor auch über sich selbst?

Hermann Hesses Werke können als Autobiografie gelesen werden. »Seelenbiografien« hat er sie einmal genannt, und tatsächlich drehen sich alle seine Romane um die Erforschung der eigenen Seele, um das Problem, zu sich selbst zu finden und in Einklang mit der eigenen Persönlichkeit zu leben.

Was für ein Charakter ist die Hauptfigur?

In der Form dem traditionellen Roman folgend, wagte sich Hermann Hesse mit »Der Steppenwolf« auf Ebenen des Übersinnlichen, Irrationalen, Skurrilen vor. Sein Protagonist Harry Haller ist ein zerrissener, gebrochener Held, ein übersensibler Intellektueller mittleren Alters, der orientierungslos und vereinsamt durch die Gesellschaft der 1920er Jahre irrt. Nach außen ist er zwar angepasst und unauffällig, doch die Menschen sind ihm fremd. Die Errungenschaften und Erfordernisse der Zivilisation erscheinen ihm absurd. Die »Krankheit der Zeit«, die überall vorherrschende Oberflächlichkeit, ekelt ihn an – gerade angesichts der noch nicht lange zurückliegenden Erfahrungen des Ersten Weltkriegs.

Warum ist Harry Haller hin und her gerissen?

Der an seinem Leben und der Gesellschaft leidende Harry kann eine gewisse Hingezogenheit zur irdischen Welt nicht leugnen; auch er sehnt sich bei allem Weltschmerz nach Liebe, Harmonie und Zuwendung. Daher empfindet er seine Persönlichkeit als gespalten: Er ist halb Mensch, den es nach Zugehörigkeit zur Gesellschaft dürstet, und halb Wolf, der die Begrenztheit des bürgerlichen Lebens verabscheut und stattdessen ungebunden, frei und animalisch leben will. An dieser Spaltung seiner Person in Mensch und Tier, in Geist und Trieb, droht er zu zerbrechen.

Was lernt Haller von der Prostituierten?

Dem Selbstmord nahe, begegnet der sich selbst und der Welt entfremdete Harry der Prostituierten Hermine. Indem sie ihn in die Freuden der Sinneslust einweiht, bringt sie seine verdrängten Bedürfnisse zum Vorschein. Hermine begleitet nun Harrys Selbstanalyse und führt ihn in das »Magische Theater« des schönen Jazztrompeters Pablo, wo Harry das Lachen lernen soll – »Mozarts Lachen«. Auf dem Weg dorthin wird ihm ein Heftchen zugespielt, das den Titel »Tractat vom Steppenwolf« trägt und zu Harrys großer Verwirrung seinen Seelenzustand detailliert beschreibt.

Was erfährt der Held im Drogenrausch?

Im »Magischen Theater« gerät der verunsicherte Held in eine Rauschgiftorgie. In surrealen Visionen erlebt er groteske, teilweise schmerzliche Situationen. Nach einer kapriziös-zynischen Rede von Mozart alias Pablo, die durch die Musik der Mozart-Oper »Don Giovanni« eingeleitet wird, ersticht Harry aus Eifersucht – Vision oder Realität? – die Geliebte Hermine, die sich den Tod von seiner Hand wünschte. Und wieder tritt Pablo-Mozart auf und macht sich über die theatralische Aktion lustig: »Nehmen Sie endlich Vernunft an! Sie sollen leben und Sie sollen das Lachen lernen!« Harry erkennt, dass er wieder gescheitert ist. Aber er gibt nicht auf: »Oh, ich … war gewillt, das Spiel nochmals zu beginnen, seine Qualen nochmals zu kosten … die Hölle meines Innern nochmals und oft zu durchwandern … Einmal würde ich das Lachen lernen. Pablo wartet auf mich. Mozart wartet auf mich.«

Wussten Sie, dass …

nicht zuletzt wegen der ausführlichen Schilderung eines exzessiven Drogentrips Hermann Hesses »Steppenwolf« zu einem Kultbuch der Flower-Power-Generation wurde?

die amerikanische Rockband »Steppenwolf«, die sich nach dem Roman benannte, den Hit »Born to be wild« sang?

Was machte die Kindheit des Schriftstellers so unglücklich?

Als Sohn eines ehemaligen Missionars strikt protestantisch erzogen, verlebte Hesse in Calw im Schwarzwald eine freudlose Kindheit. Die unmenschliche Strenge der Internatserziehung, der väterliche Druck, eine kirchliche Laufbahn einzuschlagen – der junge Hermann Hesse war verzweifelt bis zum Selbstmordversuch, der 1892 scheiterte. Die Schwierigkeiten seines Protagonisten Harry Haller aus »Der Steppenwolf«, dieses Nicht-Lachen-Können, hat er am eigenen Leib erfahren. Als Erwachsener konnte sich Hesse den elterlichen Zwängen zwar entziehen und sein eigenes Leben leben, meist sehr zurückgezogen in der Schweiz. Dennoch zeugen »Der Steppenwolf« und seine anderen bekannten Werke – »Siddharta« (1922), »Narziss und Goldmund« (1930), »Das Glasperlenspiel« (1943) – von der lebenslangen Suche nach der eigenen Identität und dem Versuch, Geist und Natur des Menschen zu vereinen.

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