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Molières eingebildeter Kranker: Der berühmteste Hypochonder

Worum geht es im »Eingebildeten Kranken«?

Kurz zusammengefasst, geht es in der Komödie um menschliche Schwächen. Der Held ist der von dubiosen Quacksalbern traktierte Argan. Mit wahnhafter Hypochondrie terrorisiert er alle Hausgenossen und will sogar seine Tochter an einen Mediziner verheiraten, um den Arzt gleich in der Familie zu haben. Der trockene Pedant Diafoirus vermag jedoch das Herz Angéliques, die innerlich längst einem anderen gehört, nicht zu erwärmen.

Was bringt die Wende im Geschehen?

Zum Glück findet sie zwei Verbündete: Während ihr Onkel Béralde Argan mit vernünftigen Argumenten bearbeitet, bringt das Dienstmädchen Toinette ihn, als Arzt verkleidet, mit der Androhung von Amputationen zur Besinnung. Als Argan sich auf ihre Veranlassung hin schließlich tot stellt, muss er betroffen den Jubel seiner Gattin Béline zur Kenntnis nehmen, die sein Ableben seit langem sehnlichst erwartet.

Die Tränen seiner Tochter wiederum rühren ihn so sehr, dass er sie von der Verlobung mit Diafoirus freispricht. Die zentrale Pointe besteht darin, dass der von seiner Verblendung Geheilte nun selbst das Studium der Medizin aufnimmt. In der abschließenden Ballettszene mit der Promotionsfeier Argans persiflierte Molière, der die Äskulapjünger bereits in »Arzt wider Willen« (1666) aufs Korn genommen hatte, deren akademischen Dünkel.

Was war das Typische an Molières Komödien?

Im Zentrum der Charakterkomödien des französischen Dramatikers und Schauspielers Molière (1622–1673) steht eine Zentralfigur mit einer Marotte, von der sie am Ende oft fast zufällig erlöst wird. Der im Jahr 1673 in Paris uraufgeführte »Eingebildete Kranke« vereint dieses Schema der Charakterkomödie mit der Ballettkomödie, deren Handlung durch Gesangs- und Tanzeinlagen aufgelockert wird. Molière, der eigentlich Jean Baptiste Poquelin hieß, entwickelte diese eigens für den französischen Hof (»Der Bürger als Edelmann«, 1672). Der »Eingebildete Kranke« beschloss dabei nach »Der Misanthrop« (1667), »Der Geizige« (1668) und »Tartuffe« (1670) die Reihe seiner großen Charakterkomödien.

Übrigens: Die Arbeit an seinem letzten Stück, »Der eingebildete Kranke«, vollbrachte Molière als todkranker Mann – und starb nach vier Aufführungen an einem Blutsturz.

Warum war Molières Stellung am Hof prekär?

Als sich Molière 1658 am Hof König Ludwigs XIV. etabliert hatte, musste er ein gewagtes Spiel spielen, wenn er neben allgemeinen menschlichen Schwächen auch die Torheiten am Hof des Sonnenkönigs aufs Korn nahm; hing doch von der Gunst des Königs nicht nur Molières persönliche Stellung, sondern auch die Existenz seines Ensembles ab. »L'art est de plaire« (»Das Stück muss gefallen«) – wurde dieser Anspruch nicht erfüllt, fiel die »königliche Theatertruppe« schnell in Ungnade, was Molière schließlich ein Jahr vor seinem Tod widerfuhr, als der Komponist Jean-Baptiste Lully, zuvor für die Musik seiner Ballettkomödien verantwortlich, ihn in der Gunst des Königs überholte und zum Leiter des Musiktheaters bestellt wurde.

Wie entstand Molières berühmte Theatertruppe »Comédie Française«?

Schon im Jahr 1680 entstand aus dem Zusammenschluss des bereits 1643 von Molière in Paris gegründeten »Illustre-Théâtre« mit anderen Kompagnien die berühmte Institution der »Comédie Française«. Unter der Leitung Molières bot diese Truppe alles vom unterhaltsamen Einakter über die pointierte Farce bis hin zum klassischen fünfaktigen Versdrama. Meisterhaft beherrschte der Theaterleiter Molière die Klaviatur einer effektsicheren Bühnendynamik und die Zeichnung lebensechter Figuren wie der des Argan im »Eingebildeten Kranken«, der auch nach drei Jahrhunderten noch höchst publikumswirksam und zudem eine Paraderolle für jeden Schauspieler ist.

Übrigens: Johann Wolfgang von Goethe meinte: »Ich kenne und liebe Molière […] und unterlasse nicht, jährlich von ihm einige Stücke zu lesen. Es ist nicht bloß das vollendete künstlerische Verfahren, was mich an ihm entzückt, sondern vorzüglich auch das liebenswürdige Naturell.«

Was unterschied Molières Dramen von denen seiner Zeitgenossen?

Das französische Drama stand zur Zeit Molières noch ganz im Zeichen der aristotelischen Poetik mit dem Prinzip des Erhabenen, der Einheit von Zeit, Ort und Handlung und einer fünfaktigen Struktur. Anders als seine Kollegen Pierre Corneille (1606–1684) und Jean Racine (1639–1699) sah Molière diese Regeln weniger streng. Die Komödie galt ihm nicht als minderwertige Gattung und die Legitimation des Lachens durch belehrende Elemente nicht als wesentlich.

Wie wurde Molière zum Dichter zeitloser Charakterkomödien?

Molière wurde als Jean-Baptiste Poquelin vermutlich am 14. Januar 1622 in Paris geboren und erhielt auf einer Jesuitenschule eine umfassende Bildung. Nach einem Jurastudium in Orléans verlegte er sich zunächst auf die Schauspielerei und begründete 1643 in Paris das »Illustre-Théâtre«. Nachdem dieses Unternehmen zwei Jahre später scheiterte, zog er mit einem Wandertheater durch Frankreich und verfasste die ersten seiner 32 (erhaltenen) Stücke, die noch weitgehend am Vorbild der italienischen Commedia dell'Arte orientiert waren (»Der Zwist der Verliebten«, 1656). 1658 kam er zurück nach Paris, wo er sich mit seiner Truppe am Hof etablieren konnte: Mit der »Schule der Frauen« (1662) und anderen Stücken zog er den Beifall der Hofgesellschaft und Ludwigs XIV., aber auch die Kritik der traditionellen Dramatiker, darunter Corneille – mit dem er befreundet war –, auf sich. Molière starb am 17. Februar 1673 in Paris.

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