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Bikepacking – mit dem Rad von Brüssel nach Tokio

Vulkanradweg statt Versailles, Dolomiten statt Disneyland, Alpen statt Akropolis. Wer das Reisen liebt, aber Massentourismus satthat, dem sei Bikepacking empfohlen. Der Trend, per Fahrrad auf kaum vom Tourismus erschlossenen Fährten die Welt zu erkunden, wird immer populärer. Aber was macht diese Art des Reisens eigentlich so anziehend? Was muss man beachten? Und was ist das Besondere daran?
THE, 26.01.2024
Bikepacking

© EvaL, iStock.com

Einfach mal der beißenden Kälte entfliehen und ab in den Süden – davon träume ich und sicher viele Frostbeulen jeden Winter, wenn es draußen dunkel ist, schneeregnet und friert. Aber wohin kann man abhauen? Mit dem Flugzeug nach Südostasien oder auf die Malediven? Lieber nicht, Fliegen verbraucht CO2 und ist schlecht für das Klima. Mit dem Zug nach Süditalien? Auch blöd, die Fahrt dauert über 24 Stunden und besonders aufregend ist es auch nicht. Mit dem Fahrrad nach Marokko? Dort auf zwei Rädern durch die karge Landschaft düsen, mir bei fast 20 Grad Celsius die Sonne ins Gesicht scheinen lassen und das Atlasgebirge überqueren? Klingt doch schon besser.

Bikepacking-Fahrradausstattung
Beim Bikepacking wird das Gepäck auf ein Minimum reduziert und in spezielle Taschensysteme verstaut, die direkt am Fahrrad angebracht werden. Gepäckträgertaschen oder Rucksäcke sind nicht vorgesehen.

Mit dem Fahrrad um die Welt

Einen Anstoß für solche und viele ähnliche Ferntouren per Fahrrad liefern Erfahrungsberichte und Filme wie „Women don’t cycle“, in dem die Belgierin Manon Brulard ihren Fahrradtrip von Brüssel nach Tokio dokumentiert. Wer die Regisseurin auf unbefestigten Radwegen durch die grünen Nadelwälder der Balkanstaaten, die Steppe Usbekistans und die Gipfel des Himalayas radeln sieht, den packt unwillkürlich die Reiselust und der Wunsch, sich auch einmal auf eine so unabhängige und abenteuerliche Weise durch fremde Gegenden zu bewegen.

Was lange als Expedition einzelner Abenteurer galt, wird heute zunehmend beliebter. Das Neue daran: Anders als bei der klassischen Radtour, die meist nur wenige Tage dauert und eher auf gepflasterten Strecken stattfindet, legt man beim Bikepacking lange Strecken zurück und ist überwiegend in der Wildnis unterwegs

Und der wichtigste Unterschied zur Radtour: Beim Bikepacking versorgt man sich überwiegend selbst. Denn Bikepacking entstammt den sogenannten „Self-Supported Races“ aus Nordamerika, bei diesen Langstreckenwettbewerben per Rad ist fremde Hilfe verboten. Die Teilnehmenden müssen ihre Verpflegung also entweder bei sich haben oder in der Natur beschaffen, eigenständig mit Kompass und Karte die richtige Route finden und ihr Fahrrad im Notfall selbst reparieren können. Die entsprechende Ausrüstung müssen sie bei sich tragen.

Weniger ist mehr

Doch was muss man beim Bikepacking beachten und was sollte man mitnehmen? Während man beim altbekannten Backpacking seine halbe Garderobe in einem 65-Liter-Reiserucksack mit sich herumtragen kann, verstaut man beim Bikepacking alles in mehreren kleinen Pack- und Lenkertaschen. Ein Grund ist, dass Rucksäcke beim Radfahren stören, da sie am Rücken reiben.

Außerdem muss man jedes Extrakilo an Gewicht auch stemmen – sowohl beim Umtragen von Hindernissen als auch beim Bergauffahren. Das ist im Fitnessstudio vielleicht erstrebenswert, aber wenn ich schweißgebadet einen Gipfel hochstrampele, sind gut definierte Oberschenkelmuskeln meine geringste Sorge. Deswegen achtet man beim Packen besser auf jedes Gramm und hat trotz Selbstversorgung nur das Allernötigste in seinen Fahrradtaschen: Schlafsack, Isomatte, Essen, Kohletabletten zur Reinigung von Quellwasser, Ersatzteile, Reparaturequipment und vielleicht ein Zelt.

Fahrradreisende neben ihrem Zelt vor einer Gebirgskulisse
Die Auswahl des Zeltes hängt außer vom Komfortbedürfnis natürlich auch von der Route und den zu erwartenden Wetterverhältnissen ab.

© Mystockimages, iStock

Schlafen unter den Sternen

Die Hartgesottenen unter den Bikepackern sparen sich sogar das Zelt. Sie schlafen nachts entweder unter freiem Himmel oder nutzen ein Biwak, einen Schlafsack, bei dem sich über dem Kopfteil ein kleines Minizelt aufspannen lässt. Das hat zwei Vorteile. Erstens spart man sich so mindestens eine Fahrradtasche voll mit Gepäck. Zweitens darf man sein Zelt in den meisten Ländern nur an dafür vorgesehenen Orten aufschlagen, doch biwakieren ist fast überall erlaubt. Man kann am Seeufer übernachten, auf dem Feld oder unter Felsvorsprüngen. Wenn es regnet, gilt das als Teil der Erfahrung.

Abenteuer auf dem Fahrrad

Und eine Erfahrung ist Bikepacking auf jeden Fall! Anders als klassische Touristenreisen ist man mit dem Fahrrad flexibel: Pläne können gemacht und wieder verworfen werden, man kann sich weit ab von den ausgefahrenen Routen bewegen. Dass man langsamer vorankommt als mit Auto, Zug oder Flugzeug gilt bei dieser Art des Reisens eher als Vorteil. Denn nach dem Motto: "Der Weg ist das Ziel" geht es ohnehin primär darum, die Landschaft, die Menschen, die Kultur achtsam zu erkunden.

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