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Das macht die Berliner Luft ...

von Katja Schmid, wissen.de, August 2012

Vor 20 Jahren, am 25. August 1992, wurde der Hauptstadtvertrag unterzeichnet. Heute ist Berlin die Stadt der Kreativen, die Multi-Kulti Hauptstadt mit Kiezkultur und spannenden Events, aber auch die Stadt der Bauverzögerungen, der Hundehäufchen und der Armut. Die Autorin Katja Schmid lebt seit vielen Jahren in Berlin. Für wissen.de beschreibt sie die Berliner Luft: die Schattenseiten der Hauptstadt, aber auch ihre liebenswerten Besonderheiten.

 

Baustelle Berlin – vollendet unvollendet

Die Teilung Berlins ist Vergangenheit, die Luftbrücke zur Versorgung West-Berlins ist nur noch wenigen ein Begriff. Dennoch gehören Streckensperrungen und Blockaden zum Alltag der Einwohner. Sei es, dass ein Staatsgast zu Besuch ist, dass die Straße des 17. Juni mal wieder zur Fanmeile wird, oder mal wieder ein Marathon, Straßenfest, eine Parade oder Demonstration stattfindet. Die Events sind austauschbar, was bleibt, ist eine Mischung aus Gleichmut und Flexibibilität, die der Berliner haben muss, um den alltäglichen Wahnsinn zu meistern. Allein schon die unzähligen Baustellen in der Stadt verlangen von jedem Bewohner eine Art Taxifahrergehirn, das stets mindestens eine Alternativstrecke kennt. Auch Kneipen, Bars und Restaurants kommen und gehen, wo heute noch ein Schneider war, kann morgen schon eine Bäckerei mit „Coffee to go“ eröffnen. Die vierte in derselben Straße. Die Schnelllebigkeit hat ihren Charme, umso legendärer sind Orte der Beständigkeit. Currywurstbuden, die in der dritten Generation bewirtschaftet werden, Strandbäder aus den 20er Jahren, der Spätkauf an der Ecke.


Millionen im märkischen Sand versenkt

Typisch für Berlin: kaum ist ein Bau fertig, ist er schon wieder baufällig. Der Berliner Hauptbahnhof zum Beispiel, seit der Fußball-WM 2006 in Betrieb, muss dringend saniert werden. Weil die Verbindungsteile zwischen den Brücken verschlissen sind. Die für 2015 geplanten Arbeiten werden voraussichtlich 10 Millionen Euro kosten. Doch mit Kostenvoranschlägen sollte man in Berlin vorsichtig sein. Erstens kommt es teurer, und zweitens als man denkt. Schon mehrfach hat die Stadt Millionen im Sand versenkt für vermeintlich prestigeträchtige Bauten, doch was sich derzeit in Sachen Großflughafen BER abzeichnet, könnte alles in den Schatten stellen. Lücken beim Brandschutz und andere Mängel vereitelten die Eröffnung am 3. Juni. Auch der Ersatztermin 17. März 2013 wurde inzwischen abgesagt. Angeblich droht dem Großprojekt die Insolvenz, der Bund verweigert weitere Zahlungen. Die Blamage ist groß.


Arm aber sexy und andere Berlin-Slogans

Zum Glück lieben die meisten Berliner ihre Stadt nicht für Vorzeigeprojekte. Was also macht sie aus, die Berliner Luft? Es sind die kleinen Dinge, die in keinem Prospekt und keinem Werbespot zu finden sind. Die Berliner brauchen keine millionenschwere Imagekampagne, die ihnen ihre Stadt erklärt, wie „be berlin“, die das Image der Hauptstadt national und international schärfen sollte und stattdessen dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit anno 2008 einen Preis als Sprachpanscher und dem Senat vom Bund der Steuerzahler den Vorwurf der Geldverschwendung einbrachte. Dafür stammt der vielleicht eingängigste Berlin-Slogan der letzten Jahre von Klaus Wowereit höchstselbst. Berlin sei „arm aber sexy“, sagte er 2003 im Interview und wurde seither vielfach zitiert, nicht zuletzt von sich selbst. Tatsächlich ist Berlin beim Länderfinanzausgleich das Nehmerland Nummer eins. Die Wirtschaft kümmert vor sich hin, denn nach dem Wegfall der Subventionen für West-Berliner Betriebe haben sich zahlreiche Firmen aus Berlin verabschiedet. Früher gab es für Angestellte die Berlinzulage, heute liegen die Gehälter oft unter dem Bundesdurchschnitt. Weil die Lebenshaltungskosten in Berlin angeblich so gering sind. Tatsächlich kann man wohl nirgends in Europa so abwechslungsreich, gut und günstig essen gehen wie in Berlin, doch die Zeit der billigen Mieten ist auch hier längst vorbei.


Gentrifizierung – Kiezkultur – Ferienwohnungen

Viele Touristen träumen davon, Berlin hautnah zu erleben und ziehen lieber in eine Ferienwohnung als ins Hotel. In einigen Bezirken hat die Umwandlung von Mietwohnungen in Ferienwohnungen bedenkliche Ausmaße angenommen. Erst seit die Anwohner klagen, will die Stadtverwaltung einschreiten. Zusätzlich sind in den vergangenen Jahren die Mieten und Mietnebenkosten in Berlin kräftig gestiegen, so dass zahlungsschwache Mieter aus angesagten Vierteln vertrieben wurden. Wobei es oft die Kreativen sind, die sich die Mieten nicht mehr leisten können. Dabei waren sie es, die die ehedem heruntergekommenen Stadtteile attraktiv gemacht haben - für die zahlungskräftige Klientel, der sie nun weichen müssen. Das Phänomen ist als Gentrifizierung bekannt und greift nicht nur im Prenzlauer Berg um sich, sondern auch in Kreuzberg, Neukölln und anderen Bezirken. Der medientauglichste Protest gegen die Gentrifizierung Kreuzbergs kam jedoch nicht von alteingesessenen Hausbesetzern, die vielerorts zu Hausbesitzern wurden, sondern von Mietern der Sozialwohnblöcke am Kottbusser Tor. Viele von ihnen haben einen so genannten Migrationshintergrund, leben jedoch seit Generationen in Berlin und verteidigen ihren Platz im Kiez.


Verpestete Berliner Luft? Die Schattenseiten

Wer mit offenen Augen durch Berlin geht, sieht auch die Schattenseiten: nirgends sonst in Deutschland leben so viele Obdachlose und Straßenkinder. Der Straßenstrich ist nur wenige Minuten vom Potsdamer Platz entfernt, und wer am Kottbusser Tor der U-Bahn entsteigt, muss sich seinen Weg durch die Junkies bahnen. Auf sämtlichen S- und U-Bahnstrecken werden Obdachlosenzeitungen angeboten, wird Musik gespielt und gebettelt. Schon morgens begegnet man Betrunkenen, Rangeleien am Bahnsteig sind allgegenwärtig. Im vergangenen Winter kam es vermehrt zu brutalen Gewalttaten in S- und U-Bahnhöfen, gleichzeitig wurde bei der Polizei Personal eingespart. Scheinbar unbeeindruckt nutzen die Berliner weiterhin die BVG, doch die Alarmbereitschaft ist gestiegen. Vor allem im Sommer steigen viele aufs Fahrrad um, was neue Probleme mit sich bringt. Das Radwegenetz lässt zu wünschen übrig, Stellplätze sind überbelegt oder fehlen gänzlich, viele Radfahrer ignorieren grundsätzliche Verkehrsregeln und geraten immer häufiger mit Autofahrern aneinander. Dabei könnte Berlin die ideale Fahrradstadt sein. Es gibt kaum Höhenunterschiede und die meisten Straßen sind breit genug für separate Fahrradspuren, die hier und da auch markiert werden.


Grüne Oase

Der Niedergang der Industrie und die ehemalige Teilung der Stadt haben auch ihr Gutes. Überall gibt es Brachen, auf denen nicht nur Wildblumen, Käfer und Schmetterlinge zu finden sind. Einige wurden erschlossen und stehen als Parks zur Verfügung, etwa am Südgelände, am Gleisdreieck oder am ehemaligen Mauerstreifen. Dazu kommen zahlreiche Parks, Grünzüge, Friedhöfe und Forste. Berlin nicht nur die grünste, sondern mit 30.000 Arten auch die artenreichste Hauptstadt Europas. Wer noch nie Wildschweine in freier Wildbahn gesehen hat, muss nur im Frühtau den Teufelsberg erklimmen. Füchse dagegen trifft man oft auf Friedhöfen an, während Waschbären die Dachterrassen unweit der Charité heimsuchen, an der Havel kann man mit etwas Glück Seeadler beobachten. Der zuletzt größte Zugewinn an Freizeitfläche war das Tempelhofer Feld, das nicht nur Feldlerchen ideale Brutbedingungen bietet, sondern auch Drachenlenker, Kite-Segler, Skater, Radler und Jogger anlockt. Freilich ruft so eine große ungestaltete Fläche die Stadt- und Landschaftsplaner auf den Plan. Ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben, die Visionen reichten von Büffelherden über Wasserspiele und Riesenrad bis hin zu einem 1.000 Meter hohen Berg. Einstweilen wurde das Feld von den Anwohnern erobert und gerade für die Abwesenheit von Landschaftsgestaltung geliebt. Doch die Stadt plante weiter, unter anderem sollte die IGA 2017 auf dem Gelände stattfinden. Die Gegner sammelten Unterschriften und sannen auf Protest. Alles hinfällig, seit bekannt wurde, dass der Stadt das Geld fehlt. Nun soll die IGA in Marzahn stattfinden, auf dem Gelände der Gärten der Welt. Manchmal ist es eben von Vorteil, wenn eine Stadt so arm ist wie Berlin. Dann werden Brachen zur Chance und Orte der Freiheit, so wie aus dem Tempelhofer Flughafen die „Tempelhofer Freiheit“ wurde.
 

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