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Die Macht des Vergessens

Vergessen wird meist negativ bewertet und gilt als Fehlleistung des Gehirns. Dabei ist der Prozess, bei dem wir bestimmte Erinnerungen verlieren, eher ein Segen. Denn erst das Aufräumen im Kurz- oder Langzeitgedächtnis hilft uns, im Alltag zurecht zu kommen, und schützt uns vor den Nachwirkungen schmerzhafter Erlebnisse. Aber was genau passiert im Gehirn eigentlich beim Vergessen?
JFR, 21.03.2022
Symbolbild Vergessen

GettyImages, agsandrew

Ob fürs Lernen, für unsere geistige Entwicklung oder die Einordnung von Reizen und Alltagserlebnissen:  Das Gedächtnis ist für uns Menschen lebenswichtig. An der Speicherung von Erinnerungen sind meist Gruppen von Neuronen beteiligt, also Verbände von Nervenzellen im Gehirn, die Sinneseindrücke weiterleiten können. Gibt es für einen äußeren Reiz noch keinen Verarbeitungsweg, wachsen von einer Gehirnzelle feine Fortsätze zu einer anderen Gehirnzelle und bilden eine Kontaktstelle, über die sie kommunizieren.

Die auf diese Weise verbundenen Neuronen reagieren kollektiv auf Reize aus der Außenwelt, wie zum Beispiel das Gesicht eines Verwandten oder den Geruch von frisch gebrühtem Kaffee. Ihre Verbindung zueinander wird dabei umso stärker, je häufiger dieser Verbund zusammen stimuliert wird. Die gemeinsame Aktivität der Neuronen erleben wir dann als Erinnerung. Die Fähigkeit, Informationen aufzunehmen, abzuspeichern und nach Bedarf wieder abzurufen, ist das, was wir als Gedächtnis kennen. Aber wie funktioniert nun das Vergessen?

Vergessen und Erinnern sind eng verknüpft

Genauso wie das Gedächtnis in stetigem Aufbau ist, verschwinden die Erinnerungen auch nicht abrupt, sondern verblassen eher. Wenn wir eine Information ständig brauchen, wie etwa den PIN unserer Bankkarte, wird der Weg dorthin über die Neuronen häufiger "gedacht" und die Verbindung stärkt sich. Die Information über die Lösung von quadratischen Gleichungen mit der pq-Formel brauchen die meisten Menschen hingegen seltener, sodass die Verbindungen zwischen Nervenzellen, die mit dieser Erinnerung assoziiert sind, sich irgendwann wieder lösen: Wir haben die Formel vergessen.

So lästig das scheint: Das Vergessen ist entscheidend, um sich an wichtige Sachen besser erinnern zu können. Je häufiger ein Neuronen-Verband über äußere Reize stimuliert wird, desto stärker wird die Verbindung zwischen den Gehirnzellen und wir können uns besser erinnern. Wege über Nervenzellen, die hingegen nicht so häufig gebraucht werden, schütten auch weniger Neurotransmitter aus und der Übertragungsmechanismus wird geschwächt. Dadurch werden die Neuronen-Verbindungen insgesamt reduziert und dafür einzelne verstärkt: Das Gehirn verschaltet sich effizienter.

Die Reduzierung der Anzahl von Synapsen ist ungemein wichtig, um neue Erlebnisse und Erfahrungen aufnehmen zu können. Besonders entscheidend dafür ist der Schlaf: Nachts werden circa 20 Prozent der Andockstellen für Botenstoffe an Synapsen abgebaut und somit Platz geschaffen für Neues. Das Gehirn rekalibriert sich sozusagen, während wir schlafen.

Symbolbild Vergessen
Fortlaufender Umbau: Auch bei gesunden Menschen müssen alte Erinnerungen für neue weichen. Lernen und Erinnern lösen also auch gleichzeitig Vergessen aus.

thinkstock.com, wildpixel

Achtung: Gehirn überfordert

Das Vergessen ist sogar regelrecht überlebenswichtig für uns. Jede Sekunde unseres Lebens strömen Unmengen an Informationen durch unser Gehirn, doch glücklicherweise vergessen wir das meiste davon sofort wieder. "Die Speicherkapazitäten unseres Gehirns per se sind riesig. Aber wenn uns in jedem Moment unseres Lebens zu einem Ereignis alles einfallen würde, was wir je damit in Verbindung bringen würden, dann wären wir nicht handlungsfähig", erklärt Hirnforscher Martin Korte von der Universität Braunschweig.

Das Gedächtnis ist also nicht darauf ausgerichtet, so viele Informationen wie möglich zu speichern, sondern nur gerade so viele, wie es braucht, um eine Entscheidung in angemessener Zeit treffen zu können. Wenn wir zum Beispiel auf die Straße laufen und ein Auto auf uns zu rast, sollten wir nicht über die rote Lackfarbe nachdenken und daran, dass uns das an Erdbeermarmelade erinnert, sondern wir sollten uns primär darum kümmern, heil auf die andere Straßenseite zu kommen.

Da unser Gehirn die gesamte Flut an Eindrücken niemals vollständig verarbeiten und einordnen könnte, wird stattdessen vieles davon gefiltert und nicht tiefer verarbeitet. Das, was nach diesem Filterprozess übrigbleibt, erleben wir dann als Erinnerung. Dies verkürzt Informationswege und lässt uns wichtige Daten schneller aus dem Gedächtnis abrufen. Außerdem garantiert diese Selektion, dass nur wichtige und hochwertige Erinnerungen abgespeichert werden. Für das Gehirn kommt also Qualität vor Quantität.

Vergessen kann zur Krankheit werden

Vergessen ist zwar in vielerlei Hinsicht sehr wichtig für uns, aber kann trotzdem auch zu Krankheiten führen. Denn unser Gedächtnis ist eine vergängliche und empfindliche Speicherform. Schon kleinste Störungen der Nervenweiterleitung können dafür sorgen, dass wir den Zugang zu alten Erinnerungen verlieren oder nicht mehr in der Lage sind, neue zu bilden.

Während bei der Altersvergesslichkeit normale Alterungsprozesse für einen Verlust an Nervenzellen und damit der kognitiven Leistung sorgen, schreitet der Verfall des Gehirns bei der Demenz-Erkrankung deutlich schneller fort. Ablagerungen aus verklumptem Protein, sogenannte Plaques des Proteins Beta-Amyloid und Fibrillen des Tau Proteins, lagern sich an den Gehirnzellen an. Dies stört die Kommunikation zwischen den Nervenzellen im Gehirn und führt letztendlich zu einem Absterben der Neuronen, was unter anderem mit Erinnerungsverlust und Orientierungslosigkeit einhergeht.

Wenn Psyche und Körper nicht vergessen können

Doch auch das andere Extrem kommt vor: Während die meisten ein ausgeprägtes Erinnerungsvermögen als Bereicherung empfinden, ist es für Menschen mit Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) die Ursache von viel Schmerz und Leid. Nach Autounfällen, Vergewaltigungen, Flucht und Vertreibung oder anderen Gewalterlebnissen verblassen die Erinnerungen an diese traumatischen Erlebnisse bei den meisten Menschen allmählich, während PTBS-Erkrankte sie ständig wieder durchleben müssen: Sie können einfach nicht vergessen.

Bei Menschen, die an chronischen Schmerzen leiden, ist ebenfalls das "Nicht-Vergessen" ein Problem. Wenn aufgrund einer Verletzung, akute Schmerzen über einen längeren Zeitraum auf das schmerzverarbeitende Nervensystem wirken, kann es passieren, dass der Schmerz dort eine Spur hinterlässt. Er brennt sich regelrecht ein und lässt die Neuronen auch feuern, wenn die ursprüngliche Ursache des Schmerz längst verschwunden ist – der Körper kann die Schmerzen nicht vergessen.

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