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Europa in der Klemme

Was tun angesichts der drohenden Handelskriege der USA mit China und der EU? Erst einmal vorsichtig abwarten und weiter verhandeln, rät ein deutscher Wirtschaftsexperte. Denn Europa sitze gewissermaßen zwischen den Stühlen dieser beiden Supermächte – und sei zudem leicht zu schwächen. Der Grund: "Die EU weiß zurzeit nicht, was sie will."

Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den USA und der Europäischen Union ändern sich gerade dramatisch: Seit dem 1. Juni erhebt das von Präsident Donald Trump geführte Land Zölle auf europäische Stahl- und Aluminiumimporte und erwägt zudem Einfuhrbeschränkungen auf Autos und Autoteile. Die EU hat bereits mit Gegenzöllen unter anderem auf Stahl, Whiskey und Jeans reagiert.

Doch während die beiden Parteien inzwischen über mögliche Abkommen verhandeln, um eine Eskalation des Handelsstreits noch zu verhindern, zeichnet sich an anderer Front Verschärfung statt Entspannung ab: an der chinesischen. Erst vor wenigen Tagen drohte Trump der Volksrepublik mit weiteren Strafzöllen auf eine Reihe von Produkten, nachdem er zuvor bereits Zölle auf chinesische Importe im Wert von 34 Milliarden Dollar beschlossen hatte – als Reaktion auf den Diebstahl geistigen Eigentums durch die Chinesen.

Beziehungsgeflecht EU-China-USA
Unsicher wie lange nicht: Die Wirtschaftsbeziehungen innerhalb des Mächte-Dreiecks USA-China-EU ändern sich gerade dramatisch.

Nicht zu scharf reagieren

Wie soll sich Europa gegenüber diesen beiden Supermächten nun verhalten? Der Makroökonom Helmut Wagner von der Fernuniversität Hagen rät zunächst zu einem vorsichtigen Lavieren. Denn eine Verärgerung einer der beiden Nationen könnte langfristig negative Konsequenzen haben, zum Beispiel neue US-Handelsbarrieren oder Behinderungen beim Zutritt auf die chinesischen Märkte.

Aus diesem Grund sollte die EU seiner Meinung nach nicht zu scharf auf mögliche weitere Einfuhrzölle reagieren. "Wir sollten uns aber auch nicht einer der beiden Seiten anbiedern." Stattdessen empfiehlt der Wirtschaftsexperte, die Zeit bis zur nächsten Präsidentschaftswahl in den USA am 3. November 2020 strategisch zu nutzen und die Verhandlungen über den gegenseitigen Abbau von Handelsschranken weiter voranzutreiben.

Chinesisches Übel

Würde Trump wiedergewählt, könnte er bis dahin möglicherweise seine Radikalität abgebaut haben und eine andere Politik machen. "Falls er sich doch nicht besinnt, kommen wir um das Gegenhalten aber nicht herum", sagt Wagner. Konsequenterweise müsste Europa dann aber auch gegen China und seine Politik des "Technologie-Imports" entsprechend reagieren, so seine Forderung.

Diese ist für ihn sogar ein noch größeres Übel als die Wirtschaftspolitik Trumps. Denn China verfolgt unter dem Staats- und Parteichef Xi Jinping einen auf Jahrzehnte ausgelegten Plan, mit dem es zur Nummer 1 in der Welt aufsteigen will. "Dafür will es vom Westen Hochtechnologie abschöpfen und sich Rohstoffe und neue Absatzmärkte verschaffen", berichtet Wagner.

Containerkran im Einsatz
Der seit langem boomende Welthandel könnte durch die sich anbahnenden Handelsstreitigkeiten einen empfindlichen Dämpfer erhalten.

Instabile Gemeinschaft

In den USA sieht man ihm zufolge weder den Technologietransfer gerne noch eine zu große Offenheit Europas, Chinas Wunsch nach einem besseren Zugang zu seiner Wirtschaft nachzukommen. Trumps Attacken gegen Europa und Deutschland könnten daher ein Versuch sein, die EU an seine Seite zu zwingen, die sich bisher noch moderat gegenüber der Volksrepublik verhält: Statt wie die USA Strafzölle wegen des Diebstahls intellektuellen Eigentums zu verhängen, verklagte die EU China bisher lediglich vor der Welthandelsorganisation.

Doch egal, wie Europa sich künftig positioniert: "Wenn es zu einem Handelskrieg zwischen den USA und China und zu einer Rezession kommt, gerät auch Europa unter die Räder", prognostiziert Wagner. Er glaubt nicht, dass die Europäische Union zeitnah eine sinnvolle Gegenstrategie finden wird. Das Problem sei die Instabilität der Gemeinschaft: "Ihre 28 Nationen haben sehr unterschiedliche Interessen und keine gemeinsame Vision."

"Die EU ist durch politischen Druck oder wirtschaftliche Anreize leicht auseinander zu dividieren. Sie wird von Trump und Xi als schwach und nicht ebenbürtiger Partner angesehen, der nicht weiß, was er will – und das stimmt ja zurzeit auch. Man kann leicht Strategien entwickeln, die die EU noch weiter schwächen", so das Fazit des Ökonomen.

Fernuniversität Hagen / DAL, 16.07.2018
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