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Faktencheck Piraten: Zwischen Mythos und Realität

Die Schrecken der Meere fuhren unter wehender Totenkopfflagge, trugen Augenklappe und Holzbein und hatten einen Papageien auf der Schulter sitzen. Ihre Gegner ballerten sie mit Kanonenkugeln ab oder schickten sie über die Planke. Richtig? Was ist Realität und was von Hollywood erdacht? Fünf typische Piratenmythen, wie sie in „Fluch der Karibik“ und Co vorkommen, auf dem Prüfstand.
AMA, 16.01.2023
Symbolbild Piraten

GettyImages, peepo (Pirat) und Aleh Varanishcha (Hintergrund)

Wenn Captain Jack Sparrow auf der Kinoleinwand seinem nächsten Abenteuer entgegensegelt, weckt das in Vielen von uns die Sehnsucht nach Freiheit. Einmal leben wie ein Pirat. Reisen, wohin man will, - mit einer erbeuteten Ladung Gold im Frachtraum. Aber war das wirklich der Alltag von Blackbeard und seinen Kollegen, als sie zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert die Weltmeere unsicher machten? Was ist Mythos, was Realität?

Mythos 1: Piraten trugen Augenklappe und Holzbein

Tatsächlich war das Unfallrisiko von Piraten oder Seefahren generell etwa höher als das der Durchschnittsbevölkerung. Bei den verschiedenen Arbeiten an Bord konnte es durchaus vorkommen, dass man sich einen Arm oder ein Bein abschnürte oder eine Leine ins Auge bekam. Auch im Kampf oder durch eine Krankheit konnte ein Pirat durchaus ein Auge verlieren und in der Folge eine Augenklappe tragen. Aber das kam nicht derart häufig vor, dass es damals als typisch piratenhaft galt. „In Wirklichkeit wurde die Augenklappe außer in der Fiktion und im Film nie speziell mit Piraten in Verbindung gebracht“, schreibt der amerikanische Sachbuchautor Benerson Little.

Auch ein Holzbein mag im Einzelfall vorgekommen sein, doch generell eignete es sich nicht wirklich für die Seefahrt und erst recht nicht für das Entern anderer Schiffe. Deshalb seien laut Little auch Holzbeine in der Wirklichkeit ein deutlich seltenerer Anblick gewesen, als Hollywood uns glauben lassen mag.

Der Mythos ist also nicht komplett falsch, aber auch nicht komplett wahrheitsgetreu.

Mythos 2: Piraten hatten Papageien als Haustiere

Es kam durchaus vor, dass Papageien oder auch Affen an Bord eines Piratenschiffes mitfuhren. Aber wenn ein Pirat eines dieser Tiere dabei hatte, dann vermutlich nicht als Haustier, sondern um es für gutes Geld zu verkaufen. Denn exotische Haustiere waren zu der Zeit beliebt. „Die Piraten brachten die Papageien aber nicht aus deren Heimat mit, sondern meist aus London“, sagt Hartmut Roder vom Übersee-Museum in Bremen im Interview mit dem Focus. Dort sei damals der größte Papageienmarkt der Welt gewesen.

Der Mythos ist also ebenfalls weder komplett erdacht, noch komplett richtig.

Leider nur Fiktion: Typische Piraten neigten nicht zum Sparen und hätten ihre Beute auch nicht als Altersvorsorge irgendwo vergraben.

viki2win, GettyImages

Mythos 3: Piraten hissten die Totenkopfflagge

Die Fahnen der Piraten waren anfangs rot. Oft hätten sie aber auch dieselbe Flagge aufgezogen wie das Schiff, das sie überfallen wollten, erklärt Roder. So konnten sie sich unbemerkt nähern. Erst gegen Anfang des 18. Jahrhunderts hat sich dann die ikonische Totenkopfflagge mit Schädel und gekreuzten Knochen durchgesetzt, wobei die verschiedenen Schiffe jeweils eigene Variationen davon hissten. Die „Jolly Roger“ genannten Flagge sollte die Besatzung des angegriffenen Schiffes ängstigen und den Piraten so beim Überfall einen Vorteil verschaffen.

Der Mythos stimmt also.

Mythos 4: Piraten setzten Kanonenkugeln und Planke ein

Wenn Piraten ein reich beladenes Handelsschiff angriffen, dann natürlich nur, um es auszurauben. Doch eine Attacke mit Kanonenkugeln hätte das Schiff versenke können und seine Reichtümer gleich mit. Laut Hartmut Rode beluden Piraten ihre Kanonen stattdessen mit Metallschrott. Damit ließen sich vor allem die Segel und die Takelage des angegriffenen Schiffes zerstören, wodurch es leichte Beute wurde, aber nicht unterging.

Auch die berühmt-berüchtigte Planke, über die Piratenopfer angeblich gehen sollten, hat es laut Rode in Wirklichkeit nicht gegeben. Stattdessen seien die Opfer entweder direkt über Bord geworfen oder auf einer einsamen Insel ausgesetzt worden. Dies geschah vor allem, wenn die Besatzungen den Piraten zu energisch Gegenwehr geleistet hatten. Große Kampfszenen und Seeschlachten zwischen Handelsschiffbesatzung und Piraten seien nämlich selten gewesen, wie Rode erklärt. Da viele Seefahrer zur Arbeit auf den Handelsschiffen gezwungen und dort schlecht verpflegt wurden, liefen einige von ihnen bei einem Piratenangriff sogar zum Feind über. Sie erhofften sich dadurch ein besseres Leben.

Der Mythos ist also falsch.

Mythos 5: Piraten vergruben ihre Goldschätze

Das X markiert den Schatz: In Filmen verbuddeln Piraten die erbeuteten Reichtümer häufig an abgelegenen Orten und fertigen eine Schatzkarte an, um sie später wiederzufinden. Doch dafür hätten Piraten in Wirklichkeit überhaupt keine Zeit gehabt, erklärt Roder. Es lohne sich also nicht, auf die Suche nach dem großen Schatz zu gehen. Stattdessen scheint ein anderes Klischee näheran der Wirklichkeit gewesen zu sein: Die Beute wurde oft in kürzester Zeit verprasst. Davon abgesehen wäre ein typischer Piratenschatz nichts, was uns heutzutage viel Geld einbringen würde. Denn anders als in Filmen dargestellt, erbeuteten Piraten nur selten Gold und Juwelen. „Stattdessen waren 90 Prozent der Piratenbeute Handelsgüter wie Zucker, Tabak oder Baumwolle“, so Roder.

Der Mythos ist also falsch.

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