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Gibt es Piraten in der Nordsee?

Sie tragen Kopftücher, Augenklappen und ein Holzbein. Sie trinken Rum, hissen die Totenkopfflagge und überfallen wehrlose Segelschiffe. Und sie vergraben ihre Goldschätze auf einsamen Palmeninseln, wo sie kein anderer Mensch je finden soll. So kennen wir Piraten aus Büchern oder aus dem Kino. Schwer vorstellbar, dass diese verwegenen Seeräuber vor langer Zeit nicht nur die tropischen Meere der Südsee, sondern auch die Gewässer vor unseren eigenen Küsten unsicher gemacht haben sollen. Und dennoch gab es auch in der Nord- und Ostsee Piraten.

Einer der berühmtesten unter ihnen wurde vor etwas mehr als 600 Jahren gefangen und in Hamburg hingerichtet. Sein Name war Klaus Störtebeker. Über das Leben dieses Freibeuters, der ein kräftiger und sehr trinkfester Mann gewesen sein soll, ist leider nicht viel bekannt. Die Geschichten, die man sich noch heute über ihn erzählt, sind aber spannend und gruselig. So geht sein Name "Störtebeker" ("Stürz den Becher") zum Beispiel darauf zurück, dass er einen großen Krug mit Bier angeblich ohne abzusetzen austrinken konnte. Wie der Pirat wirklich hieß und wo er geboren wurde, weiß niemand.

Zusammen mit seinem Kumpanen Godeke Michels war Klaus Störtebeker der führende Kopf einer Seeräuberbande, die als "Vitalienbrüder" bekannt war. Sie waren in den Jahren vor 1400 der Schrecken der Nord- und Ostsee. Die Vitalienbrüder überfielen Schiffe, die aus Dänemark und Lübeck stammten, und griffen später auch Boote der Hanse an, eines Handelsbundes aus mehreren Städten, zu denen Hamburg, Bremen, Wismar und Rostock gehörten.

Klaus Störtebeker war zunächst im Auftrag des Königs von Schweden unterwegs, um gegen die dänische Königin zu kämpfen. Als Kapitän einer Piratengruppe, die sich Likedeeler nannte, ging er später auch auf eigene Raubzüge. "Likedeeler" bedeutet so viel wie "zu gleichen Teilen teilen". Damit war natürlich die Beute gemeint, die den Piraten beim Kapern der Schiffe in die Hände fiel. Störtebeker und seine Leute verkauften und verteilten ihr Diebesgut auf Märkten in Friesland. Viele Friesen sahen in ihm darum auch keinen Seeräuber, sondern einen Verbündeten im Kampf gegen die feindliche Hanse.

Hamburg schickte schließlich eine Flotte aus, die Störtebeker stellen sollte. Obwohl die Kriegschiffe der Hanse - das eine hieß übrigens "Bunte Kuh" - dem "Roten Teufel" des Freibeuters überlegen gewesen sein sollen, gelang es ihnen zunächst nicht, ihn zu fangen. Erst im April 1401 wurde Störtebeker nach einer erbitterten Seeschlacht vor Helgoland gefangen, in die Hansestadt transportiert und zum Tode verurteilt. Der Pirat wurde am 20. Oktober 1401 auf dem Grasbrook bei Hamburg geköpft.

Zur Hinrichtung gibt es eine gruselige Legende: Der Bürgermeister von Hamburg soll Klaus Störtebeker erlaubt haben, einige seiner Männer vor dem Tod zu retten. Es sollten alle Piraten überleben, an denen der Pirat nach seiner Enthauptung noch vorbeigehen konnte. Man sagt, der kopflose Störtebeker sei schon an elf Männern vorbeigegangen, bevor man ihn absichtlich zu Fall gebracht haben soll. Nach dem Sturz brach der Bürgermeister sein Versprechen. Alle übrigen Seeräuber wurden enthauptet und ihre Köpfe zur Abschreckung auf einer Wiese an der Elbe aufgespießt.

Heute sucht man Piraten in der Nordsee vergeblich. Klaus Störtebeker wird in Friesland aber noch immer verehrt. So manches Dorf an der Küste trägt die Zeichen des Freibeuters im Wappen und mitten auf dem Marktplatz steht ein kleines Störtebeker-Denkmal. Im ostfriesischen Marienhafe, einst Zufluchtsort und "zweite Heimat" des Piraten, gibt es gar ein ganzes Störtebekermuseum. Selbst Hamburg erinnert an den berühmtesten Nordsee-Räuber: Mitten im Freihafen wacht Störtebeker als Bronzestatue über den regen Schiffsverkehr.

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