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LEXIKON

indische Musik

die Musik der Länder des Indischen Subkontinents. Die kaum mit anderen Musikarten vergleichbare Komplexität der verschiedensten Musikidiome innerhalb der indischen Musik weist einige Gemeinsamkeiten auf. Aus in Mythos und Legende verschwimmenden Uranfängen hat sich die indische Musik schon sehr früh (Induskultur) zu dem entwickelt, was sie bis heute geblieben ist: eine monodische, sich ganz im Melodischen und Rhythmischen erschöpfende Kunst. Indisches Musizieren besitzt eine ungefähr 2000 Jahre alte Tradition und stellt eine Mischung von zunächst religiöser, dann formaler Gebundenheit und freizügiger, äußerst musikalischer Improvisation dar. Die Gebundenheit zeigt sich in Raga und Tala, die Freiheit in der Interpretation.
Der Raga ist eine Art melodisches Modell. Er kann wie eine abendländische Skala einfach auf- und absteigen, aber auch geschwungene Linien annehmen. Er wird bestimmt durch seinen ästhetischen Gehalt, seine musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten und seine Bindung an die Regungen des Geistes, der Seele, der Sinne, an den Tageslauf. So kann z. B. ein Abendraga nicht morgens gespielt werden. Der Tala ist ein rhythmisches Modell, ein Zyklus von Schlägen, die verschiedenartig akzentuiert und unterschiedlich klanglich gefärbt sind. Es gibt Talas mit 6, 7, 10, 12, 14 oder 16 Schlägen. Die Solisten, besonders aber die indischen Trommler, deren Instrumentaltechnik meist hoch entwickelt ist, improvisieren auf dieser gemeinsamen Basis.
Die vedischen Gesänge sind die ältesten Dokumente (5. Jahrhundert v. Chr.), denen man etwas über die Musik Indiens entnehmen kann. In der Musiktheorie lassen sich zahlreiche altgriechische, arabische und sogar türkische Einflüsse feststellen, in der praktischen Musik Einflüsse aus dem Vorderen und Mittleren Orient (besonders aus Pakistan) und aus China. Letzteres gilt besonders für Indochina und wirkt sich vor allem im Klangideal und im Instrumentarium aus.
Die indische Musik ist modal. Die Oktave ist in 22 Intervalle (Shrutis) eingeteilt. Das älteste und wichtigste Saiteninstrument Vorderindiens ist die gezupfte Vina, ehemals eine Bogenharfe, deren Name dann auch auf die bekannte und traditionelle Zither der altindischen Musik angewandt wird. Heute ist besonders der Sitar, ein gezupftes Saiteninstrument iranischen Ursprungs, beliebt, zu dem im Konzert die Tamburi, ein bordunierendes Saiteninstrument, tritt. Sarangi und Sarinda sind aus Holz geschnitzte Streichinstrumente, die ehemals der Musik der Tanzmädchen und Straßenmusikanten zugeordnet waren, sich aber im Lauf der Zeit auch den Konzertsaal eroberten. An Blasinstrumenten gibt es Flöten (Lang- und Blockflöten), Rohrblattinstrumente (z. B. Tiktiri und Shahnai), die ehemals im Kriegsfall geblasenen Metallhörner (Sringa) und verschiedene Trommelarten, deren bekannteste die aus zwei Instrumenten zusammengefügte Tabla ist. Dazu kommen Idiophone wie Klappern, Rasseln, Glöckchen und Becken.
Eine Sonderstellung nahm in der Geschichte der neueren Musik die Persönlichkeit R. Tagores als Komponist ein, dessen modernisierende Vorschläge die allzu strenge Aufteilung in Ragas zu durchbrechen suchten. Er hat als Erster den Versuch unternommen, zu seinen Gedichten eine Musik zu komponieren, die im Sinn des europäischen „Lieds“ dem Wort wieder einen stärkeren Anteil an der Komposition einräumte. Sein Vorgehen rief eine neue, volkstümliche Musikgattung einstimmiger begleiteter Solo- und Chorlieder ins Leben. Moderne indische Musiker wie R. Shankar oder Ali Akbar Khan haben seit den 1960er Jahren besonders durch Konzerte in Europa und den USA die indischen und westlichen Musiktraditionen einander angenähert.
Für das populäre Musikschaffen Indiens ist die Filmmusik besonders ausschlaggebend. Die Liedkompositionen beruhen meist auf dem klassischen indischen Ghasel, begleitet durch ein großes Orchester mit westlicher und indischer Instrumentierung, jedoch ohne Improvisation.
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