Lexikon
japanische Literatur
Die ältesten japanischen Mythen sind in den Geschichtswerken Kojiki (712 n. Chr.) und Nihongi (720 n. Chr.) aufgezeichnet, reichen aber in ihrem Kern in die vorchinesische Zeit zurück; sie berichten vom Kampf der Götter und Helden gegen die Gebirgsbarbaren, deren Land dem friedlichen Reisbau erschlossen wurde. Ihre Aufzeichnung konnte erst nach Einführung der chinesischen Schrift (5. Jahrhundert) erfolgen.
Die älteste große japanische Liedersammlung ist das Manyoshu („Sammlung der 10 000 Blätter“), abgeschlossen um 760 n. Chr.
Die Prosa der Klassik erreichte ihren Höhepunkt in der Frauendichtung der Heian-Zeit um 1000 n. Chr.; der berühmteste japanische Roman ist das Genji-Monogatari („Geschichte des Prinzen Genji“) der Dichterin Murasaki Shikibu; fast gleichzeitig entstanden ist das „Skizzenbuch unter dem Kopfkissen“ (Makura no Soshi) der Dichterin Sei Shonagon.
Die chinesische Epoche entwickelte das 31-silbige Kurzgedicht (Tanka) zur Blüte. Die bedeutendste Sammlung dieser Zeit, das Kokinshu (905–920), ist gleichzeitig die erste Sammlung, die auf kaiserlichen Befehl entstand. Daneben entwickelte sich aus dem Prosamärchen eine erzählende Prosadichtung, die Utamonogatari („Versgeschichten“), die bald größeren Umfang annahmen; auch das Tagebuch wurde als Erzählgattung gern benutzt, weil es der japanischen Freude am Improvisieren vielfältige Möglichkeiten eröffnete.
Die Epoche des Buddhismus (1200–1600) brachte durch die Betonung der kriegerischen Werte eine nationale Note in die japanische Literatur; der Anteil des religiösen Schrifttums wuchs, auch das sangbare Lied (Imajo) wurde gepflegt. Bezeichnend ist der romantische Kriegsroman, der im Heike-Monogatari (um 1200) und im Taiheiki (um 1400) mit seinen ausgeprägten Idealgestalten seinen Höhepunkt erreichte. Aphorismensammlungen wurden Einsiedlern in den Mund gelegt. Die wichtigste Schöpfung dieser Zeit aber war das Drama, das aus Tanz, Musik, gesprochenem und gesungenem Wort – fast frei von chinesischen Einflüssen – zusammenwuchs und im No seine Synthese fand. Daneben entstand später ein Possenspiel (Kyogen).
Im 17. Jahrhundert entwickelte sich eine volkstümliche Prosa, deren Meister Ihara Saikaku war, der große Sittenschilderer seines Volkes. Daneben schuf Matsuo Basho mit seinen Haiku eine neue Naturlyrik.
Europäische und amerikanische Einflüsse wirkten sich stark auf das japanische Schrifttum aus, bis es – besonders durch die theoretischen Arbeiten von Tsubouchi Shoyo belehrt – allmählich wieder zu seiner Eigenständigkeit zurückfand. Roman, Lyrik und Drama zeigten neue, von traditionellen Vorbildern freie Formen und brachten den gesellschaftlichen Strukturwandel zum Ausdruck. Soseki Natsume schrieb um die Jahrhundertwende Romane („Kokoro“), in denen er sich als Autor der existenziellen Verzweiflung zu erkennen gab, ähnlich wie Rjonosuke Akutagawa, dessen berühmte Novelle „Rashomon“ durch A. Kurosawa verfilmt wurde. Eiji Yoshikawa machte sich als Verfasser historischer Romane („Musashi“) einen Namen. Der Nobelpreisträger (1968) Yasunari Kawabata stellte Gegenwartsprobleme in traditionellem Stil dar, Junichiro Tanizaki verfasste psychologisch vertiefe Gesellschafts- und Sittenromane. Yukio Mishima entschied sich im Zwiespalt zwischen Traditionsverbundenheit und westlicher Orientierungslosigkeit für eine patriotisch nationalistische Lösung. Internationale Geltung erlangten ferner Yasushi Inoue, Kobo Abe und Kenzaburo Oe (Nobelpreis für Literatur 1994); eine Analyse der modernen japanischen Gesellschaft mit den ästhetischen Mitteln westlicher Literaturen betreibt Haruki Murakami.
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