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LEXIKON

südostasiatische Kunst

die Kunst der indisierten Länder der indochinesischen Halbinsel Birma (heute Myanmar), Champa (heute Vietnam), Kambodscha und Thailand sowie der Inselwelt Indonesiens. Durch die Ausweitung der Seehandelswege von den indischen Küsten nach Südostasien drangen mit den Händlern auch indisches Geistesgut und religiöse Vorstellungen zu den hinterindischen Ländern vor und prägten entscheidend die Entwicklung der einheimischen Kulturen. Indische Kunstobjekte inspirierten die Kunstentwicklung, die sich jedoch recht bald von der engen Anlehnung an die Vorbilder löste und unter Beibehaltung von Inhalten und Formensprache zu eigenen Kunst- und Stilauffassungen gelangte.
Birma:
Von der frühen Kunstgeschichte Birmas ist wenig bekannt. Die Kunstobjekte zweier Völker, Mon und Pyu, zeigen indische Einflüsse. Die Ruinen der alten Pyu-Stadt Thayekhettaya (Shri-shetra), etwa 5. Jahrhundert n. Chr., liegen in dem Dorf Hmaza. Das Pyu-Reich endete im 9. Jahrhundert. Die frühe Geschichte des Pagan-Reiches ist umstritten. König Anawratha (10441077) machte Pagan am Ostufer des Irrawaddy-Flusses zu seiner Hauptstadt. Der Buddhismus wurde Staatsreligion, was eine Blütezeit der buddhistischen Kunst einleitete (rund 1000 Tempel). Um 1287 wurde die Pagan-Dynastie von Kublai Chan vernichtet. Der berühmteste Bau in Pagan ist der Ananda-Tempel, erbaut um 1090 von König Kyanzittha, der mit Reliefs geschmückt ist, die das Leben des Buddha illustrieren; außerdem gibt es vier Kolossalstatuen von 10 m Höhe. Von den Pagoden ist die Minzalagedi-Pagode aus dem Jahre 1274 zu erwähnen, die in Terrassenbauweise errichtet ist und Terrakottareliefs trägt, die Episoden aus der Jataka zeigen. Erst zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert erlebte die birmanische Kunst eine Wiedergeburt. Aus dieser Zeit ist eine große Anzahl von Holz-, Stein- und Bronzeplastiken erhalten.
Champa:
Die ältesten erhaltenen Kunstwerke stammen aus dem 7. Jahrhundert; sie waren zunächst stark von der indischen Spät-Gupta-Kunst geprägt, später entwickelte sich unter dem Einfluss der Khmer-Kunst und der Kunst Javas sowie der sino-vietnamesischen Kunst ein eigener Stil. Vorübergehend erlangte auch der Buddhismus Bedeutung. Der Höhepunkt der Cham-Kunst liegt in der buddhistischen Klosteranlage von Dong-Duong (9. Jahrhundert), den Bauten von Mi-Son und den Skulpturen von Tra-Kieu (10. Jahrhundert). Danach setzte der Verfall der Kunst ein, der auch durch neue Impulse (Binh-Dinh-Stil) im 11. und 12. Jahrhundert unter dem Einfluss Angkor Vats (Angkor) nicht aufzuhalten war. Mit der Zerstörung der Hauptstadt Vidschaya 1471 durch die Vietnamesen endete die künstlerische Betätigung Champas.
Indonesien:
Die altjavanische Kunst war anfangs eine von den Stilen der Gupta- und Pallava-Kunst Indiens geprägte hinduistisch-buddhistische Kunst, die dann zunehmend unverwechselbare javanische Formen entwickelte. Die ältesten Zeugnisse sind die hinduistischen Tempel auf dem Dieng-Plateau (7./8. Jahrhundert n. Chr.) in Mitteljava. Unter den sumatranischen Shailendras entstanden im 8. Jahrhundert die ersten buddhistischen Kultstätten, besonders der Borobudur. Der sumatranischen Periode folgte von 860915 die Zeit der javanischen Herrscher, unter denen die gewaltige hinduistische Tempelanlage von Prambanam entstand. Der frühe indische Stil der Skulpturen und Reliefs ist dort einem einheimisch-javanischen gewichen. Mit Prambanam endete die mitteljavanische Zeit; Ostjava übernahm das Erbe und entwickelte die Kunst bis zum Untergang des letzten hindu-javanischen Reiches von Madschapahit (16. Jahrhundert) fort. Es bildeten sich neue ostjavanische Stile aus, die zu grotesk-fantastischen und verschnörkelten Formen gelangten.
Kambodscha (Khmer):
Das Volk der Khmer bewohnte ein Gebiet, das dem heutigen Kambodscha entspricht. In der Khmer-Kunst gibt es drei aufeinander folgende Perioden: die Kunst des Funan-Reiches (1.6. Jahrhundert); die Vor-Angkor-Kunst des Tschen-la-Reiches (6.8. Jahrhundert) und die Kunst des Angkor-Reiches (9.13. Jahrhundert).
Älteste Skulpturen im Stil von Pnom Da stammen aus der Funan-Zeit (6. Jahrhundert) und weisen deutlich späte Gupta-Einflüsse auf. Sakralarchitektur ist erst von der Vor-Angkor-Periode an erhalten wie der Tempelkomplex von Sambor Prei Kuk. Es entwickelte sich der Tempelturm (prasat). Mit Jayavarman II. setzt im 9. Jahrhundert die Angkor-Periode ein, die sich kunstgeschichtlich in eine vorklassische (9./10. Jahrhundert), eine klassische (10.12. Jahrhundert) und eine barocke (12./13. Jahrhundert) Phase gliedern lässt. Die vorklassische Phase bringt die Entwicklung der mehrstufigen Tempelpyramide mit Prozessionsstraßen und umlaufenden Wassergräben (Prasat Thom, Pre Rup). Die wichtigsten Bauwerke der klassischen Phase sind der Banteay Srei mit seinem Reliefdekor, die Tempelberge Ta Keo und Phimeanakas, die als neues Architekturelement umlaufende Galerien zeigen, und schließlich, als Höhepunkt, Angkor Vat. Die Tempelstadt mit einer Fläche von fast 2 km2 wurde unter Suryavarman II. (1113 um 1150) erbaut und war dem Gott Vishnu geweiht. Eine barocke Blütezeit erlebte die Khmer-Kunst unter Jayavarman VII. (11811218), der die Stadt Angkor Thom mit dem Hauptheiligtum Bayon baute, einem Tempelberg sehr komplexer Bauweise mit einem runden Zentralheiligtum.
Angkor: Panorama
Blick auf Angkor
In Angkor schufen Handwerker mitten im Dschungel die an berühmten Baudenkmälern reiche Residenzstadt des Khmer-Reiches.
Thailand:
Nach den erst in jüngerer Zeit bekannt gewordenen prähistorischen Kulturen wie der Ban-Chieng-Kultur setzt die Kunstgeschichte Thailands mit der Indisierung in den ersten Jahrhunderten n. Chr. ein. Nach moderner Auffassung gliedert sich die thailänd. Kunst in fünf Stile: Stil der Halbinsel (früher Shrivijaya), 4.13. Jahrhundert im südlichen Thailand auf der Malaiischen Halbinsel; Mon-Stil (früher Daravati), 7.12. Jahhundert in Zentralthailand; Khmer-Stil (früher Lop Buri), 10.13. Jahrhundert Nordosten und Zentralthailand; Thai-Stil (früher Lan Na, Sukothai, Ayutthya) ab dem 13. Jahrhundert in den südlichen, nördlichen und zentralen Landesteilen.
In der thailändischen Kunst nimmt die Plastik in Stein und Bronze einen besonderen Rang ein. Demgegenüber ist die Bedeutung der Architektur geringer. Von Anfang an herrscht die buddhistische Kunst vor, daneben gibt es auch hinduistische Bildwerke. Besonders wichtig ist die Darstellung des Buddha, wobei sich eine eigene Ikonographie entwickelt (flammenartige Krone, geschmückter Buddha, schreitender Buddha). Die Architektur kennt verschiedene sakrale Bautypen: Stupa (chedi), Tempelturm (prang) und Bot, den wichtigsten Kultbau im thailändischen Kloster. Das bedeutendste Baudenkmal auf thailändischem Boden ist Phimai, das die Khmer Ende des 11. Jahrhunderts im Stil Angkor Vats erbauten.
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