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Namibia – Land der Kontraste

„Heute frische Weißwurst“ wirbt der Supermarkt in Namibias beschaulicher Hauptstadt Windhuk, in dem wir uns vor der Abfahrt mit Proviant versorgen. Weißwürste und deutschsprachige Plakate in mitten Afrika? Die Supermarktwerbung ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf die vielen Kontraste, denen wir hier begegnen werden.
von wissen.de-Redakteurin Alexandra Mankarios

Im Allradwagen durch Namibia

Zehn Stunden Nachtflug haben wir hinter uns, als wir müde den Fuß auf namibischen Boden setzen. Trotzdem wollen wir nicht lange in Windhuk verweilen, denn für die folgenden drei Wochen haben wir uns viel vorgenommen. Ein geräumiger Allradwagen mit Dachzelt wird uns in dieser Zeit fahrbarer Untersatz und Zuhause zugleich sein, komfortabel ausgestattet mit Geschirr, Campingmöbeln, Wasser- und Benzinkanistern, sogar ein mobiler Kühlschrank ist an Bord.

Vor dem Aufbruch aber noch ein wenig Hauptstadt-Sightseeing: Wir besuchen die „Alte Feste“, die Ende des 19. Jahrhunderts von der deutschen Schutztruppe errichtet wurde und heute das Nationalmuseum beherbergt.

Die Geschichtslektion sollte auf keiner Namibiareise fehlen, gerade für deutsche Touristen. 1884 marschierte hier die deutsche „Schutztruppe“ ein, um deutsche Geschäftsinteressen in Namibia zu verteidigen, wenig später wurde die „Kolonie Deutsch-Südwestafrika“ ausgerufen. Nach blutigen Schlachten und Gräueltaten, unter anderem dem Völkermord 1904 an den Herero, verloren die Deutschen die Kolonie im ersten Weltkrieg ans britisch verwaltete Südafrika. Lange Jahre der Apartheid und der politischen Unruhen folgten, bis das Land erst 1990 seine Unabhängigkeit erlangte.

 

Wüste und Berge: Namib-Naukluft-Nationalpark

Zwei Tage später, 6 Uhr morgens: Wir sitzen auf dem Grat von „Düne 45“ am Rand der Namib-Wüste und blinzeln in die aufgehende Sonne. Rechts und links von uns sitzen, wie die Hühner auf der Stange, noch ungefähr 40 weitere Touristen – alle übrigens mit weißer Haut. Der Sonnenaufgang in der Namibwüste gilt als Highlight einer jeden Namibiareise.

Für uns folgt der eigentliche Höhepunkt etwa eine halbe Stunde später: Kaum dass die Sonnenscheibe ganz über den Horizont geklettert ist, treten die übrigen Touristen den Abstieg an. Wir sind allein in der unwirklichen Dünenlandschaft, wandern durch den Sand, können uns kaum sattsehen. Kein Wunder, dass hier in der Namib auch ein Großteil der Werbefotos entsteht, mit denen Namibia Touristen ins Land locken möchte.

 

Swakopmund: Koloniale Kleinstadt am eiskalten Meer

Koloniale Architektur
Fotolia.com/Tilo Grellmann
Über felsige Allradstraßen, vorbei an der „Blutkuppe“ und alten Gräbern aus der Kolonialzeit, über den Lehrpfad „Welwitschia-Drive“, führt unser Weg in das kleine Kolonialstädtchen Swakopmund am Atlantik. Kaltes, direkt von der Antarktis kommendes Wasser, umspült den Sandstrand. Koloniale Architektur prägt das Straßenbild, die Touristen-Unterkünfte heißen „Meereslust“ oder „Seebrise“, bis vor kurzem fand man auf dem Stadtplan noch Namen wie Kaiser-Wilhelm- oder Bahnhofstraße. Wären da nicht der Sonnenschein und die unermüdlichen Souvenirhändler, könnte man sich in einer deutschen Kleinstadt wähnen.

Ein Museum wartet hier auf Besucher, wir belassen es aber bei einem Besuch der von den Deutschen nur halbfertig gebauten Landebrücke „Jetty“. Chill-out-Treffpunkt ist die Tiger Reef Bar am südlichen Ende des Strandes, in deren gemütlichen Holzstühlen sich am späten Nachmittag Einheimische und Touristen zum Sundowner einfinden – Entspannung pur. Nach zwei Tagen Swakopmund allerdings reicht uns die Deutsche-Kleinstadt-Atmosphäre – es geht weiter.

 

Kletterspaß an der Spitzkoppe

Etwa 140 Kilometer, größtenteils durch die Wüste, fahren wir zur Spitzkoppe, scherzhaft auch das „Matterhorn Namibias“ genannt. Der felsige Gipfel ragt etwa 700 m über die Ebene, weitere Gipfel und viele kleinere, kugelrunde Felsbrocken prägen das Bild – es sieht aus, als hätten hier Götter mit Steinen gespielt und anschließend nicht ordentlich aufgeräumt.

Unser Zeltplatz liegt am Fuß eines kleinen Hügels, wir verbringen den Abend damit, auf dem glatten Felsen herumzukraxeln.

Am nächsten Morgen erklimmen wir den mit Ketten gesicherten Pfad ins „Bushman’s Paradise“ und werden mit einer herrlichen Aussicht belohnt. Wer mehr Kletterambitionen hat, kann hier länger verweilen: Zahlreiche Kletterrouten für verschiedene Schwierigkeitsniveaus führen über die Felsen, allerdings muss immer ein Führer gebucht werden. Für uns geht es aber nach zwei Übernachtungen weiter.

 

Auf Safari im Etosha-Nationalpark

Tierische Vielfalt im Etosha-Nationalpark
shutterstock.com/Jiri Haureljuk
Nach zwei Tagen Halt in Twyfelfontein und dem Besichtigen der bis zu 26.000 Jahre alten Felsgravuren steuern den wahrscheinlich größten Touristenmagneten Namibias an: Den 22.275 Quadratkilometer großen Etosha-Nationalpark, in dem sich so ziemlich alle afrikanischen Tierarten tummeln. Wer unterwegs noch keine Giraffen und Elefanten gesehen hat – hier trifft er sie garantiert. Außerhalb der drei Camps im Park ist es streng verboten, aus dem Auto auszusteigen – zu gefährlich. Also rollen wir gemächlich von Wasserstelle zu Wasserstelle durch den Park. Impalas, Zebras, Gnus und Giraffen grasen am Wegesrand – wir sehen so viele von ihnen, dass wir bald kaum noch aufblicken.

Wie die meisten Etosha-Besucher sind auch wir der Suche nach den „Big Five“: Elefant, Büffel, Nashorn, Leopard und Löwe. Aber unser Glück bleibt aus. Erst nach langer Zeit treffen wir auf drei Elefanten, die in einem Tümpel baden und dabei offenbar viel Freude haben. Fasziniert sehen wir aus gebührendem Abstand zu, schießen Fotos und schlagen am späten Nachmittag halbwegs zufrieden unser Lager im Camp auf.

Am nächsten Tag brechen wir früh auf – morgens sollen die Chancen größer sein, die Big Five zu erspähen. Aber wieder haben wir Pech, außer den üblichen Impalas und Zebras scheinen sich alle Tiere im hohen Gras vor uns zu verstecken.

Wir sind schon auf dem Weg zum Parkausgang, als wir plötzlich eine Bewegung im Gras wahrnehmen: Ein Löwe! Gemächlich spaziert er mit seiner dichten Mähne etwa 20 m entfernt an unserem Auto vorbei. Bleibt stehen, wendet den Blick in unsere Richtung. Schnell kurbeln wir die Fenster hoch – es ist ein mulmiges Gefühl, einem freilaufenden Löwen zu begegnen. Aber an uns hat dieser Löwe kein Interesse, majestätisch schreitet er weiter und verschwindet schließlich zwischen den Bäumen.

Euphorisch verlassen wir eine halbe Stunde später den Etosha-Park und sind sicher: Trotz der vielen Fahrerei hat sich dieser Ausflug voll und ganz gelohnt.

 

Jenseits des Zauns

Über schmale, einsame Kiesstraßen, vorbei an endlosen Zäunen, die die riesigen, fast ausschließlich von Weißen bewirtschafteten Farmen umsäumen, treffen wir schließlich auf die B8 – eine der wenigen Asphaltstraßen Namibias. Nach wenigen Kilometern in nördlicher Richtung gelangen wir an ein unscheinbares, aber historisch umso bedeutenderes Bauwerk: den so genannten Veterinärzaun. Ersonnen, als 1897 die Rinderpest im Norden Namibias wütete, und in den 60er Jahren nach einem Ausbruch der Maul- und Klauenseuche endgültig fertigstellt, zieht er sich von West nach Ost durch ganz Namibia. Kontrollposten stellen sicher, dass kein Fleisch, Vieh und andere tierische Produkte vom Norden in den Süden gelangen.

Zugleich hatte der Zaun aber in den langen Jahren der Apartheid noch einen weiteren Zweck: Die südafrikanische Verwaltung hatte allen schwarzen Ethnien so genannte Homelands im Norden zugewiesen, das Farmland südlich des Zauns sollte „weiß“ bleiben – nur mit einer Genehmigung oder einem Arbeitsvertrag war es den Schwarzen gestattet, den Zaun zu passieren.

Als wir den Veterinärzaun hinter uns lassen, bemerken wir schnell, dass die Welt nördlich der „Roten Linie“ auch heute noch eine andere ist: Anstelle der endlosen Weidezäune machen wir in der Savanne kleine Dörfer mit Lehmhütten aus. Viele Menschen, durchweg mit schwarzer Hautfarbe, schlendern am Straßenrand, Kinder spielen, bunt gekleidete Frauen balancieren Behälter auf ihren Köpfen. Kühe liegen faul auf der Straße herum und glotzen gleichmütig den wenigen Autos hinterher. Zum ersten Mal auf dieser Reise scheinen wir uns wirklich in Afrika zu befinden.

Nicht viele Touristen dringen bis in diesen Teil Namibias vor. Unser Reiseführer hat wenig über den malerischen Kavangofluss, der Namibia von Angola trennt, zu sagen, über die (wenig pittoreske) Regionalhauptstadt Rundu oder den 500 Kilometer langen Caprivistreifen, über den wir bis ans Ufer des Sambesi bei Katima Mulilo fahren. Aber wir unternehmen zwei wunderschöne Bootsfahrten, probieren auf den Open Markets von Rundu und Katima das regionale Essen, haben dank der Vermittlung eines Freundes sogar die seltene Gelegenheit, ein Dorf zu besuchen, einen Blick in eine Lehmhütte zu werfen und mit den Dorfbewohnern zu sprechen. So gewinnen wir immerhin einen kleinen Eindruck davon, wie das Leben für einen großen Teil der Namibier auch fast 25 Jahre nach der Unabhängigkeit aussieht – mit geringen Bildungschancen, schlecht bezahlten Jobs und wenig Aussicht auf eine Verbesserung ihre Lebenslage.

Nachdenklich machen wir uns nach einer Woche nördlich des Zauns wieder auf den Rückweg nach Windhuk, vorbei an den endlosen Weiden der weißen Farmer, durch ein Land voller Kontraste.

 

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