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“Unsere Schulen müssen mehr Eigenverantwortlichkeit bekommen.“

PISA hat das Land aufgerüttelt. Allerdings kann von dem Ergebnis nicht überrascht sein, wer sich in den letzten Jahren mit Bildungspolitik auseinandergesetzt hat. Im wissen.de-Interview verrät uns eine, die es wissen muss, wie wir aus der Bildungsmisere herauskommen: Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn.

Frau Bulmahn, wie erklären Sie sich, dass deutsche Schüler im internationalen Vergleich so schlecht abschneiden? Sind unsere Jugendlichen weniger lernfähig als die Schüler in anderen Ländern?

Unsere Schülerinnen und Schüler sind ganz sicher nicht dümmer als Jugendliche aus den Vergleichsländern! Wer sich in den letzten Jahren mit Bildungspolitik auseinandergesetzt hat, kann von dem PISA-Ergebnis nicht wirklich überrascht sein. Deshalb habe ich nach meinem Regierungsantritt gemeinsam mit den Ländern alle Verantwortlichen an einen Tisch geholt, dem “Forum Bildung“. Mit Vertreterinnen und Vertretern von Wirtschaft, Gewerkschaften, Kirchen, Elternverbänden und Schülern ging es darum, ganz konkrete Verbesserungsvorschläge für unsere Bildungssystem zu entwickeln. Deshalb sollten wir den durch PISA ausgelösten Schock als Chance verstehen und endlich konkret handeln. Wir müssen die individuelle Förderung aller Kinder entscheidend verbessern und ein breiteres Angebot an Ganztagsschulen sichern.

Getestet wurde in der PISA Studie vor allem das Leseverständnis. Eigentlich sollte man erwarten, dass Schüler nach zehn Schuljahren den Umgang mit Texten beherrschen. Wird an deutschen Schulen zu wenig gelesen?

Die Ergebnisse zum Leseverständnis unserer Jugendlichen sind besorgniserregend. Hier müssen wir sehr schnell etwas ändern: Natürlich geht es darum jungen Menschen mehr Spaß und Lust am Lesen zu vermitteln. Das allein reicht aber nicht. Sie müssen auch lernen einen Text “auseinander zu nehmen“, zu analysieren und zu interpretieren. Schließlich bildet Lesefähigkeit die Basis für weitere Wissensgebiete, wie zum Beispiel die der Naturwissenschaften. Die Schule darf aber nicht allein zum Sündenbock gemacht werden. Es sollte auch wieder mehr in den Familien gelesen und den Kindern vorgelesen werden.

Die Studie hat gezeigt, dass Unterricht nicht bei der Wissensvermittlung aufhören darf - das Verstehen des Schulstoffs und die praktische Anwendung sind genauso wichtig. Wird an deutschen Schulen das Lernen fürs Leben vernachlässigt?

Unsere Schülerinnen und Schüler haben immer noch zu selten die Möglichkeit sich selbstständig etwas zu erarbeiten. In Deutschland wird gerade in naturwissenschaftlichen Fächern noch immer der Schwerpunkt auf das Erlernen von Regeln und Definitionen gelegt. Die Ausbildung von Lehrern muss praxisbezogener werden. Alltagsnähe und Anwendung des Erlernten sind enorm wichtig.

Nach der Veröffentlichung der Studie hat es vielfältige Schuldzuweisungen von allen Seiten gegeben - die Lehrer und Bildungspolitiker standen dabei in der Kritik, aber auch die Eltern. Haben die Eltern das Interesse an der Schule und den Schülern verloren und überlassen sie den Lehrern nicht nur die (Aus-)Bildung, sondern auch die Erziehung der Sprösslinge?

Sicher ist es so, dass vieles auf die Schule, d. h. auf die Lehrerinnen und Lehrer abgeladen wird. Es ist ganz wichtig, dass sich Eltern in den Schulen engagieren und mit den Lehrern zusammenarbeiten. Eltern, Schüler und Lehrer müssen sich mit “ihrer“ Schule und dem was in der Schule passiert noch stärker identifizieren können. Sie brauchen genügend Spielräume um Inhalte zu gestalten. Genauso wichtig ist es, dass sich die Schulen in ihrer Region Partner und Verbündete suchen. Das können Unternehmen sein, aber auch Sportvereine oder Volkshochschulen.

Lehrer beklagen, dass wir in einer Erlebnisgesellschaft mit Reizüberflutung leben und sich Schüler gar nicht richtig auf den Unterricht konzentrieren können. Stimmt das Ihrer Meinung nach?

Es gibt sicherlich viele Ursachen dafür, dass viele Schülerinnen und Schüler große Konzentrationsschwächen haben. Wenn wir erreichen wollen, dass unsere Kinder in der Lage sind, rasante technische Entwicklungen aktiv zu gestalten, anstatt sie passiv zu erleiden, müssen sie mehr Zeit zum Lernen haben. Kinder aus Ländern wie Finnland oder Kanada, die bei der PISA-Studie sehr gut abgeschnitten haben, haben schlichtweg mehr Unterricht als deutsche Kinder und Jugendliche. Das zeigt doch ganz deutlich, dass wir vor allem daran arbeiten müssen, die Ganztagsschule von der Ausnahme zur Regel zu machen.

Lehrer sollen Rücksicht auf unterschiedliche Lerntypen und Lerngeschwindigkeiten nehmen und die Schüler individuell fördern. Ist das bei unseren Klassengrößen und der allgemeinen Lehrerknappheit überhaupt möglich?

Jedenfalls muss es möglich gemacht werden, denn die Studie zeigt deutliche Defizite in der frühzeitigen und individuellen Förderung vieler Kinder auf. Wir müssen sicher dafür sorgen, dass wir im Kindergarten und in der Grundschule eine erheblich bessere Betreuung und Förderung der Kinder erreichen können. Wenn man hier ansetzt, kann man sowohl Begabten als auch benachteiligten Kindern besser helfen. Insgesamt müssen unsere Schulen aber mehr Eigenverantwortlichkeit bekommen. Finnland, das PISA-Land mit den besten Ergebnissen, hat seine Schulen in die Freiheit entlassen und verpflichtet diese lediglich zu regelmäßigen Qualitätskontrollen. Diesem Beispiel sollten wir folgen.

Schülerinnen und Schüler ausländischer Herkunft haben Probleme, im Unterricht mitzuhalten. Wie kann an deutschen Schulen erreicht werden, dass herkunftsbedingte Benachteiligungen ausgeglichen werden?

Kinder, die nicht gut deutsch sprechen können, müssen schon vor der Einschulung besonders gefördert werden, damit sie bei Schulbeginn mit den gleichen Chancen an den Start gehen, wie alle anderen Kinder. Wir brauchen auch deshalb einen klaren Bildungsauftrag für den Kindergarten. Was ein Kind in den ersten fünf Lebensjahren versäumt, kann es später nur sehr mühsam wieder aufholen. Wir brauchen aber auch Deutsch-Intensivkurse für ausländische Kinder und Jugendliche, die später ihre Schullaufbahn in Deutschland beginnen.

Wie sollte sich der Unterricht Ihrer Meinung nach ändern, damit Schule wieder Spaß macht und die Lernerfolge messbar werden?

Es wird sich etwas ändern, wenn wir das Leben in die Schulen zurückholen. Es gibt bereits eine Menge Schulen in Deutschland, die mit guten Beispielen vorangehen. Ich glaube, es ist ganz wichtig, diese best-practice Beispiele stärker bekannt zu machen, so dass andere Schulen nicht das Rad neu erfinden müssen, sondern aus guten Beispielen lernen können.

In den Ländern, die bei der PISA-Studie am Besten abschneiden, findet die Schule ganztägig statt. Ist das nicht auch ein Plädoyer für die Gesamtschule?

Ja, das ist es! Lernen braucht Zeit und die haben Kinder und Jugendliche, wenn sie in Ganztagsschulen lernen. Gerade wenn Kinder nicht nur schematisch lernen, eine Regel nicht nur automatisch herunterspulen, sondern sie selbst erarbeiten und aktiv anwenden sollen, brauchen sie eine intensive pädagogische Zuwendung. Mit Hilfe von Ganztagsschulen gelingt es wesentlich besser, Bildungsbarrieren abzubauen, die Sprachkompetenz von Jugendlichen zu erhöhen und individuelle Begabungen besser zu fördern.

Das Gespräch führte Boris Udina, wissen.de. Veröffentlichung, auch auszugsweise, ist nur unter ausdrücklicher Nennung von wissen.de gestattet.

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