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Warum ist es trotz Klimawandel so kalt?
Durch den Klimawandel hat sich die Erdatmosphäre immer weiter erwärmt. Das macht nicht nur die Sommer heißer, die Erwärmung sorgt auch für mildere Winter. Messdaten zeigen, dass Kältetage und Schnee bei uns in den letzten Jahrzehnten immer seltener geworden sind - eigentlich.
Widerspruch zum Klimawandel?
Aber warum war es Anfang Januar 2026 dann bei uns so kalt und schneereich? Und warum hat ein ungewöhnlich schwerer Wintersturm gerade die USA mit Schneemassen und extremer Kälte überzogen? Auf den ersten Blick scheint dies ein Widerspruch zum Klimawandel. Denn gerade extreme Kälte und Schnee sollten ja eigentlich seltener vorkommen. Stattdessen hat es in den letzten Jahren schon mehrfach solche Kälteeinbrüche im Winter gegeben.
Was steckt dahinter? Tatsächlich sind diese Kälteeinbrüche nur scheinbar ein Widerspruch zur globalen Erwärmung. Denn diese sorgt nicht nur für insgesamt zunehmende Temperaturen, sie erwärmt auch die Arktis überproportional stark. Dadurch verringern sich die Temperaturgegensätze zwischen den Polen und unseren Breiten, Luftmassengrenzen verschieben sich und auch globale Strömungen verändern sich.
Wenn der Polarwirbel schwächelt
Eine dieser großen Luftströmungen ist der Polarwirbel – eine starke Ringströmung rund um den Nordpol. Sie entsteht durch ein stabiles Tiefdrucksystem über der Arktis, das von einem schnellen Windband umgeben ist. Dieser polare Vortex ist im Winter besonders ausgeprägt und schließt normalerweise die kalten arktischen Luftmassen ein.
Doch manchmal – wie auch momentan – schwächt sich der Polarwirbel ab und gerät aus der Form. Die sonst nahe am Pol liegende Ringströmung bildet dann Bögen aus, die bis weit in die gemäßigten Breiten reichen können. "Diese Störung des polaren Vortex entsteht typischerweise durch einen Anstieg der Temperaturen und des Luftdrucks in der arktischen Stratosphäre – ein sogenanntes stratosphärisches Wärmeereignis", erklärt Matthew Barlow von der University of Massachusetts.
Durch diese Anomalie verliert der Polarwirbel Energie und das polare Tiefdrucksystem schwächt sich ab. Dies führt dazu, dass auch die Ringströmung schwächer wird und sich gleichzeitig verlagert. Im Januar 2026 hat sie dadurch einen weiten Bogen nach Süden über fast die gesamten USA gebildet. Diese "Beule" erlaubt es arktischer Kaltluft, weit nach Süden zu strömen und erklärt die extremen Tieftemperaturen selbst in den südlichen US-Bundessstaaten.
Auch der Jetstream ist verbeult
Der schwere Sturm und die starken Schneefälle über den USA wurden jedoch durch eine weitere atmosphärische Anomalie verstärkt. Denn die Südausbreitung des Polarwirbels hat auch den in geringerer Höhe liegenden Jetstream beeinflusst. Dieses in zehn Kilometer Höhe liegende Windband zieht sich zwischen dem 40. Und 50. Breitengrad einmal um den Globus. Seine Bögen und Wellen sind für die gemäßigten Breiten wetterbestimmend. "Unter bestimmten Bedingungen kann eine Rückkopplung mit dem Polarwirbel die Energie im Jetstream erhöhen und seine Nord-Süd-Bögen verstärken", erklärt Barlow.
Genau dies war auch im Januar 2026 über Nordamerika der Fall. Dadurch entstand eine Verbindung zu den warmen, feuchten Luftmassen über dem Golf von Mexiko. Diese lieferten wiederum den Treibstoff für die enormen Schneemassen des aktuellen Wintersturms über Nordamerika.
So weit, so erklärbar. Doch es bleibt noch immer die Frage, warum all dies trotz Klimawandel passiert. Tatsächlich haben Klimaforscher schon vor einigen Jahren herausgefunden, dass eine wärmere Arktis und schmelzendes Meereis den Polarwirbel schwächen und ausufern lassen. Insgesamt werden dadurch die Winter zwar milder und Kälteperioden seltener. Wenn dann aber doch Kälteeinbrüche aber eintreten, können sie extremer ausfallen und weiter nach Süden reichen als früher üblich.