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Warum wir Fernseher und Handy gleichzeitig nutzen

Am Abend eine Netflix-Serie einschalten und parallel ein bisschen durch Social Media scrollen. Gerade den jüngeren von uns dürfte dieses Szenario bekannt vorkommen. Man spricht dabei auch von Medien-Multitasking oder Second Screen. Doch warum fällt es uns überhaupt so schwer, uns für ein einziges Medium zu entscheiden? Und warum ist die parallele Nutzung schlecht für unser Gedächtnis und unsere Konzentration?
AMA, 18.08.2023
Mann auf Sofa, mit Fernbedienung in der Rechten, Laptop auf dem Schuss  und Smartphone am Ohr

© thinkstock, OcusFocus

Von Medien-Multitasking ist die Rede, wenn wir zwei Medien parallel nutzen. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn wir Fernsehen oder Radiohören und dabei gleichzeitig durchs Handy scrollen oder eine Zeitschrift lesen. Schätzungen zufolge fallen mindestens zehn Prozent unseres täglichen Medienkonsums in die Kategorie Medien-Multitasking. Das bestätigt auch die Selbsteinschätzung der Mediennutzer. Laut Media Activity Guide von Seven.One Media konsumieren 60 Prozent der Deutschen zumindest gelegentlich TV und Internet parallel.

Viele Gründe für das Multitasking

Doch warum können wir uns nicht einfach für ein Medium entscheiden? Was bringt uns das Multitasking, bei dem wir von beiden Medien im Prinzip nur die Hälfte mitbekommen? Forschende haben vier übergeordnete Motivationen gefunden, die uns zum Multitasking bewegen. Erstens: Kontrolle. Wir mögen offenbar das Gefühl, die Macht über die eigene Mediennutzung zu haben und selbst entscheiden zu können, was und wieviel wir konsumieren. Zweitens: Verbindung. Wenn wir parallel zum Fernsehen am Handy sind, dann häufig, weil wir mit Freunden und Familie chatten und so mit ihnen in Kontakt bleiben.

Drittens: Sucht. Nicht immer ist Medien-Multitasking eine bewusste Entscheidung. Manche haben auch schlicht routinemäßig immer das Handy oder ein anderes zweites Medium zur Hand, weil sie es sich so angewöhnt haben. Viertens: Unterhaltung, wahrscheinlich der naheliegendste Grund. Vielen macht das Multitasking einfach Spaß und bietet die Gelegenheit, zwei unterhaltsame Programme gleichzeitig zu konsumieren oder beispielsweise das gerade auf dem TV angeschaute direkt in Social Media zu kommentieren.

Eine Studie aus dem Jahr 2021 kommt außerdem zu dem Schluss, dass wir uns auch dann gerne einer medialen Reizüberflutung aussetzen, wenn uns langweilig ist, wir Zeit totschlagen müssen oder wenn wir uns von unliebsamen Gedanken oder Tätigkeiten ablenken wollen. Die Gründe für Medien-Multitasking sind also sehr vielfältig und individuell. Bei jedem wiegen je nach Nutzungssituation andere Motivationen schwerer.

Parallelnutzung stört das Gedächtnis

Doch nur weil Medien-Multitasking mittlerweile weit verbreitet ist, tut es uns noch lange nicht gut. So hat etwa eine Studie der Stanford University in Kalifornien gezeigt, dass häufige parallele Mediennutzung sowohl unserer Konzentration als auch unserem Gedächtnis schadet. In einem Experiment baten die Stanford-Forschenden insgesamt 80 Probanden zwischen 18 und 26 Jahren darum, verschiedene Gedächtnisübungen zu absolvieren.

Diejenigen, die von sich selbst behauptet hatten, häufig Medien-Multitasking zu betreiben, schnitten in diesen Übungen deutlich schlechter ab. Außerdem stellten die Forschenden bei ihnen eine erhöhte Alpha-Aktivität im hinteren Bereich des Schädels fest, was auf Unachtsamkeit, Abschweifen und Ablenkbarkeit hindeutet. Darüber hinaus war auch der Durchmesser ihrer Pupillen verengt, was ebenfalls mit abschweifenden Gedanken und langsameren Reaktionszeiten in Verbindung gebracht wird.

Wenn wir unserem Gedächtnis also nicht schaden wollen, sollten wir es im Alltag seltener mit medialer Reizüberflutung überfordern. Denn wirklich gut konzentrieren können wir uns immer nur auf eine Sache gleichzeitig – auch wenn wir uns gerne der Illusion hingeben, dass wir sowohl das Fernsehprogramm als auch das Smartphone gleich aufmerksam verfolgen.

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