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Die Wissenschaft der Aromen: Was Terpene wirklich bewirken
Der menschliche Geruchssinn ist weit mehr als ein Werkzeug zur Nahrungsprüfung. Ein Spaziergang durch einen Nadelwald oder das Schälen einer Orange löst unmittelbare physiologische Reaktionen aus. Verantwortlich dafür sind flüchtige organische Verbindungen, welche Pflanzen produzieren, um mit ihrer Umwelt zu interagieren. Diese Moleküle, in der Fachsprache Terpene genannt, bilden eine der größten Gruppen chemischer Naturstoffe. Während sie in der Parfümindustrie schon lange bekannt sind, rückt ihre pharmakologische Bedeutung erst langsam in das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit. Es handelt sich dabei nicht um esoterische Düfte, sondern um hochwirksame Kohlenwasserstoffverbindungen, die Pflanzen aus ganz pragmatischen Gründen herstellen.
Der genetische Bauplan der Düfte
Die Produktion dieser Aromastoffe ist kein Zufallsprodukt, sondern genetisch fest verankert. Jede Pflanze besitzt einen individuellen chemischen Fingerabdruck, der bestimmt, ob sie nach Erde, Frucht oder Treibstoff riecht. Dieser Bauplan liegt bereits im winzigen “Embryo” einer Pflanze verborgen. Ob eine spätere Blüte beispielsweise bei Cannabis hohe Konzentrationen an Limonen oder Myrcen entwickelt, entscheidet sich im Erbgut. Züchter selektieren hier seit Jahrzehnten gezielt nach diesen Eigenschaften, um stabile Profile zu erzeugen.
Wer sich mit der botanischen Vielfalt auseinandersetzen möchte, beginnt daher oft beim Ursprung: dem Saatgut. Denn die Varianz der Aromen lässt sich nur durch unterschiedliche Genetiken erforschen. Fachhändler wie Bud Voyage führen eine Vielzahl an Sorten, deren genetische Codes genau diese unterschiedlichen Terpenprofile vordefinieren, noch bevor der erste Keimling die Erde durchbricht. Die Wahl der Genetik ist somit die erste Weichenstellung für das spätere biochemische Ergebnis. Umweltfaktoren wie Licht und Bodenbeschaffenheit beeinflussen zwar die Intensität, können aber den genetisch festgelegten Grundcharakter nicht vollständig verändern.
Kommunikation und Verteidigung
Pflanzen produzieren diese aufwendigen Öle nicht zum Vergnügen des Menschen. In der Natur erfüllen Terpene überlebenswichtige Funktionen: Sie dienen primär der Abwehr von Fressfeinden und Schädlingen. Das für Menschen angenehm würzige Alpha-Pinen beispielsweise, das den typischen Geruch von Nadelhölzern und Rosmarin prägt, wirkt auf viele Insekten abschreckend. Andere Terpene wirken fungizid oder antibakteriell und schützen die Pflanze vor Krankheiten.
Gleichzeitig fungieren sie als Lockstoffe. Süßliche Aromen signalisieren Bestäubern, dass hier Nektar zu holen ist. Die Pflanze betreibt also chemische Kommunikation. Interessant ist dabei die Anpassungsfähigkeit: Wird eine Pflanze von Schädlingen befallen, ändert sich oft ihre Terpenzusammensetzung, um spezifische Nützlinge anzulocken, die die Schädlinge vertilgen. Diese biologische Kriegsführung findet lautlos, aber olfaktorisch hochintensiv statt.
Der Entourage-Effekt im menschlichen Körper
Lange Zeit ging die Wissenschaft davon aus, dass Terpene lediglich für den Geruch verantwortlich sind. Neuere Forschungen zeigen jedoch, dass sie aktiv mit dem menschlichen Organismus interagieren. Sie binden sich an Rezeptoren im Gehirn und Körper und modulieren physiologische Prozesse. Linalool, das primäre Terpen im Lavendel, besitzt nachweislich angstlösende und sedierende Eigenschaften. Limonen, häufig in Zitrusfrüchten zu finden, wirkt eher stimmungsaufhellend und aktivierend.
Besondere Beachtung findet das Zusammenspiel dieser Stoffe in Arzneipflanzen. In der Cannabisforschung spricht man vom „Entourage-Effekt“. Die Theorie besagt, dass die isolierte Einnahme eines Wirkstoffs (wie THC oder CBD) eine andere, oft schwächere Wirkung hat als die Kombination mit dem natürlichen Terpenprofil der ganzen Pflanze. Die Terpene steuern die Wirkung der Hauptwirkstoffe – sie können diese verstärken, abschwächen oder die Verträglichkeit verbessern. Ein hoher Gehalt an Myrcen beispielsweise verstärkt die sedierende Komponente, während Pinen der Gedächtnisbeeinträchtigung entgegenwirken kann.
Standardisierung als Hürde
Die Nutzung dieser Erkenntnisse in der modernen Medizin stößt jedoch auf Hindernisse. Da es sich um Naturprodukte handelt, schwanken die Konzentrationen je nach Erntezeitpunkt und Anbaubedingungen massiv.
Ein synthetisches Medikament enthält immer exakt die gleiche Menge Wirkstoff. Eine Pflanze hingegen reagiert auf Stress, Sonne und Wasserangebot mit veränderter Terpenproduktion.
Für die pharmazeutische Nutzung ist diese Variabilität problematisch. Doch gerade für den Endverbraucher oder Patienten liegt darin oft der Vorteil: Die komplexe Mischung aus Hunderten verschiedener Verbindungen bietet ein breiteres Wirkungsspektrum als Monopräparate. Das Verständnis für diese chemischen Zusammenhänge wächst stetig und verändert den Blick auf die Pflanzenheilkunde. Es geht weg vom reinen Wirkstoffgehalt hin zur Betrachtung des gesamten biochemischen Profils.
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