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Schizophrenie – Zwischen Wahn und Wirklichkeit
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Der Begriff Schizophrenie bedeutet wörtlich zwar „gespaltener Geist“, meint jedoch keine Aufspaltung der Persönlichkeit. Gemeint ist vielmehr eine Störung im Zusammenspiel von Denken, Fühlen und Wahrnehmen. Schizophrenie zählt zu den psychotischen Erkrankungen und verläuft bei den meisten Betroffenen in Schüben. Etwa 20 bis 25 Prozent erleben nur eine einzelne psychotische Episode und bleiben danach dauerhaft beschwerdefrei. Ein kleinerer Teil entwickelt einen chronischen Verlauf. Insgesamt erkrankt etwa eine von 100 Personen im Laufe ihres Lebens an Schizophrenie.
Positiv-, Negativ- und kognitive Symptome
Typisch für Schizophrenie sind sogenannte Positivsymptome. Positiv nicht im Sinne von „gut“, sondern dass etwas hinzugefügt wird, was gesunde Menschen nicht erleben. Dazu zählen Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Betroffene sind etwa überzeugt, verfolgt oder überwacht zu werden, obwohl es dafür keine objektiven Hinweise gibt. Halluzinationen betreffen häufig das Hören von Stimmen, die als vollkommen real erlebt werden.
Es gibt auch Negativsymptome. Dabei gehen Fähigkeiten verloren, die normalerweise vorhanden sind: Antrieb, emotionale Regungen oder soziale Interessen nehmen ab. Viele Betroffene ziehen sich zurück, wirken gefühllos oder gleichgültig. Hinzu kommen kognitive Symptome wie Konzentrations-, Gedächtnis- oder Aufmerksamkeitsstörungen. Sie treten oft früh auf und beeinflussen maßgeblich den Alltag, die berufliche Leistungsfähigkeit und den Therapieerfolg.
Für Betroffene ist eine akute Phase meist mit großem Leid verbunden. Eigentlich neutrale Dinge wirken plötzlich bedrohlich, Gedanken kreisen unaufhörlich und lassen kaum zur Ruhe kommen. Viele schlafen schlecht oder gar nicht, fühlen sich dauerhaft angespannt und erleben ihre Umwelt als unberechenbar. Nach der Psychose schämen sie sich häufig über das, was sie gesagt oder getan haben.
Was löst Schizophrenie aus?
Einen einzelnen Auslöser für Schizophrenie gibt es nicht. Studien zeigen jedoch, dass genetische Faktoren eine große Rolle spielen: Rund 80 Prozent des Erkrankungsrisikos lassen sich durch Vererbung erklären. Doch auch Umweltfaktoren beeinflussen, ob die Krankheit tatsächlich ausbricht. Dazu zählen Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt, Störungen des Immunsystems, belastende Kindheitserfahrungen sowie psychosozialer Stress.
Auch Cannabiskonsum gilt als Risikofaktor, insbesondere bei jungen Menschen mit entsprechender Veranlagung. Moderne Cannabisprodukte enthalten deutlich höhere THC-Gehalte als früher und können bei anfälligen Personen Psychosen auslösen oder beschleunigen.
Was im Gehirn aus dem Gleichgewicht gerät
Bei der Suche nach den neurologischen Mechanismen spielen vor allem zwei Erklärungsmodelle eine Rolle: die Dopamin- und die Glutamathypothese. Nach der Dopaminhypothese entstehen psychotische Symptome, wenn das Dopaminsystem überaktiv ist und eigentlich neutrale Reize übermäßig bedeutungsvoll erscheinen. Dies könnte erklären, warum Betroffene überall Hinweise, Botschaften oder Bedrohungen wahrnehmen.
Die Glutamathypothese ergänzt dieses Modell. Sie geht davon aus, dass bestimmte Glutamatrezeptoren im Gehirn, insbesondere die N-Methyl-D-Aspartat-Rezeptoren, nicht ausreichend funktionieren. Da diese Rezeptoren zentral für Lernen, Wahrnehmung und die Koordination von Hirnnetzwerken sind, könnten ihre Störungen sowohl Positiv- als auch Negativsymptome erklären.
Für viele Betroffene bedeutet die Diagnose nicht automatisch ein Leben voller Einschränkungen. Antipsychotische Medikamente können akute Symptome oft wirksam lindern. Wer nur eine einzelne Episode erlebt oder lange stabile Phasen hat, kann ein weitgehend normales Leben führen. Wichtig sind eine frühe Behandlung, gute ärztliche Begleitung und ein unterstützendes Umfeld – sie helfen auch, Rückfälle zu vermeiden.