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Der siebenmilliardste Mensch wird geboren (Podcast 158)

Leon oder Vijay - so wird ihr Leben sein
Baby auf Männerarm

Gestatten! Ich bin Nr. Siebenmilliarden

Der Tag ist willkürlich gewählt, das Land ebenfalls. Doch nach Hochrechnungen der Vereinten Nationen kommt rund um den 31. Oktober 2011 der sieben Milliardste Mensch auf die Welt. Wir wollen ihn Vijay taufen. Das ist ein typischer indischer Jungenname. Indisch, weil aus Gründen der Wahrscheinlichkeit das sieben Milliardste Kind in Indien geboren werden wird. China - mit über 1,3 Milliarden Einwohnern das zurzeit größte Land der Welt - hätte sich zwar auch als Heimat für unser Geburtstagskind angeboten, doch bekommen die indischen Frauen deutlich mehr Nachwuchs als die Chinesinnen. Die Chance, dass Erdenbürger Nr. 7 Millionen ein kleiner Inder wird, ist alles in allem also ziemlich hoch. Aber natürlich könnte er auch in Ecuador, auf Hawaii oder in Deutschland geboren werden. Für den Fall nennen wir unseren siebenmilliardsten Menschen Leon, so wie das zurzeit sehr viele deutsche Eltern tun. Wie aber werden sich die Leben von Vijay und Leon unterscheiden? Wie alt werden sie werden, wie lange werden sie arbeiten, wie viel verdienen, woran werden sie erkranken? Werden sie glücklich werden? Wir wagen einen Lebensentwurf für die beiden Kleinen.

 

Die Lebenserwartung

Wenn Leon am 31. Oktober auf die Welt kommt, wird er das mit einer Lebenserwartung von gut 77 Jahren tun. Das ist das Mittel, das die Stiftung Weltbevölkerung für in Deutschland geborene Jungs im Jahr 2011 ausgerechnet hat. Wäre Leon eine kleine Lea, würde die Lebenserwartung sogar bei 83 Jahren liegen. Vijay dagegen wird so um die 63 Jahre alt und selbst als Mädchen hätte das indische Geburtstagskind kaum Chancen, älter als 65 zu werden. Dass wir für unseren indischen Lebensentwurf einen kleinen Vijay und keine kleine Rana ausgewählt haben, hat einen traurigen Grund. In Indien kommen statistisch gesehen auf 100 weibliche Geburten 108 männliche. Und das ist keine Laune der Natur, sondern ein gesellschaftliches Problem:  Denn auch im 21. Jahrhundert wird die Geburt eines Mädchens von vielen indischen Eltern noch immer als Belastung angesehen, vor allem weil sie bei der Heirat dieser Tochter eine Mitgift bezahlen müssen. Viele Eltern ziehen daher einen Schwangerschaftsabbruch der Geburt eines Mädchens vor.

Doch zurück zu Vijay, der mit seinen 63 Jahren Lebenserwartung nach deutschen Maßstäben nicht einmal die Rente erleben würde. Denn sowohl Leon als auch Lea müssen arbeiten, bis sie 67 sind. Mindestens. Noch ihre Großeltern durften offiziell mit 65 in Rente gehen. In der Realität hat diese Generation indes schon einige Jahre früher die Werk- gegen die Parkbank eingetauscht. Dass Leon ein paar Jahre länger arbeiten muss als seine Vorfahren, liegt zum Teil daran, dass die Deutschen immer älter werden und pro Person über einen längeren Zeitraum Rente gezahlt werden muss. Noch ein Grund für das spätere Renteneintrittsalter von Leon und Lea ist aber auch der viel zitierte demographische Wandel.

 

Demographischer Wandel in den Industrieländern

Demographischer Wandel heißt, dass das Gros der Bevölkerung nicht mehr aus jungen, sondern aus alten Menschen besteht. Anders gesagt: Weniger Junge müssen für mehr Alte sorgen – und das nicht nur im familiären Rahmen, sondern auch auf volkswirtschaftlicher Ebene. Eine große Herausforderung für die Sozialsysteme dieser Länder. Betroffen von diesem Wandel in der Bevölkerungsstruktur sind viele Industrieländer. Für Leon bedeutet das zum Beispiel, dass seine gesetzliche Rente im Vergleich zu dem, was er während seiner Berufstätigkeit einzahlen wird, ziemlich mickrig ausfallen könnte. Da sieht er dann ganz schön alt aus.

Das tun die Deutschen übrigens schon heute, gerade im Vergleich zu den Indern. Denn während in Leons Geburtsjahr nur 13 Prozent seiner Landsleute jünger als 15 Jahre, 21 Prozent dagegen älter als 64 waren, stellt sich die Situation in Indien ganz anders dar: Immerhin waren 2011 ein Drittel der Inder noch keine 15 Jahre alt und nur fünf Prozent älter als 64. Vijay wird also in einer deutlich jüngeren Gesellschaft aufwachsen und auch viel mehr Spielkameraden haben als unser Leon, für den seine Eltern dennoch sehr lange nach einem Krippenplatz suchen werden.

 

Überalterung auch in Entwicklungsländern

Zu glauben, das gesellschaftliche Altern sei ausschließlich ein Problem der Industrienationen, ist dennoch ein großer Irrtum, warnt die Stiftung Weltbevölkerung. Gerade in den asiatischen Milliardenstaaten China und Indien würden die Menschen in rasendem Tempo immer älter. Schon heute beherbergten diese beiden Länder über ein Drittel aller älteren Menschen weltweit. Sollte Vijay also doch die Altersgruppe der 4. Generation – das ist die der über 80-Jährigen - erreichen, wird er nicht nur über Renten-Nullrunden stöhnen wie Leon und Lea, sondern mit Sicherheit in größter Armut leben müssen. Denn kaum ein Entwicklungsland ist auf die altersbedingten Verschiebungen der Bevölkerungsstrukturen auch nur annähernd vorbereitet. Frederick Fenech, Direktor des International Institute on Ageing (INIA) der UN erklärt das so: "Während die Industriestaaten zuerst reich und dann alt wurden, altern die Entwicklungsländer, bevor sie reich werden"

 

Platznot versus verwaiste Landstriche 

Noch ein Problem könnte auf unseren kleinen Vijay zukommen, vor allem, wenn er in einem Ballungsraum wie Mumbai oder Delhi das Licht der Welt erblickt. Er könnte unter wachsender Platznot leiden. Denn Indiens Bevölkerung mag noch während Vijays Kindheit deutlich steigen – schon 2021 wird Indien China voraussichtlich an der Spitze der bevölkerungsreichsten Länder ablösen –, doch wird sich das Land deswegen ja nicht ausdehnen. Die Vereinten Nationen haben ausgerechnet, dass schon in weniger als 40 Jahren, wenn die Bevölkerungszahl von derzeit 1,2 Milliarden auf 1,6 angeschwollen ist, 515 Inder auf den Quadratkilometer kommen. Zum Vergleich: Derzeit leben im Schnitt 373 Personen auf jedem indischen Quadratkilometer.

Über zu wenig Platz wird sich Leon dagegen nun wirklich keine Sorgen machen müssen. Kurz vor seinem 40. Geburtstag werden nämlich nur noch knapp 75 Millionen Menschen in Deutschand leben – statt der 82 Millionen zum Zeitpunkt seiner Geburt. Was für gravierende Folgen auch die Bevölkerungs-Abnahme haben kann, hat sich jedoch schon vor Leons Geburt gezeigt. Besonders der strukturschwache Nordosten Deutschlands verwaist mehr und mehr. Wer jung genug ist, macht rüber. Denn schon lange finden die Schulabgänger in Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg weder genügend Lehrstellen noch ausreichend Jobs. Ob die Politik in den kommenden Jahrzehnten die Neuen Bundesländer doch noch mal in die lang versprochenen"blühenden Landschaften" verwandeln wird? Nun, Leon wird’s erleben  - auch wenn er vielleicht nie verstehen wird, warum es immer Neue Bundesländer heißt und was das mit den blühenden Landschaften überhaupt bedeuten soll.

 

Das Auskommen mit dem Einkommen

Doch egal ob Rostock oder Rosenheim – Leon wird wahrscheinlich nie wirklich Not leiden. Ein Blick auf das Bruttonationaleinkommen pro Einwohner, das die UN für Deutschland errechnet haben, reicht aus, um diese Behauptung aufzustellen: Das lag nämlich schon 2009 bei 36.850 US-Dollar und damit beinah viermal höher als der weltweite Schnitt von 10.240 Dollar. Vijays Aussichten auf Wohlstand sind dagegen alles andere als rosig. 2009 lag das Pro-Kopf-Einkommen seines Landes nämlich nur bei 3.280 Dollar. Und dass sich an den Vermögensverhältnissen von Leon und Vijay oder dem ihrer Heimatländer im Laufe ihres Lebens entscheidend etwas ändern wird, das ist zumindest unwahrscheinlich.

Wie groß Vijays Risiko im Vergleich zu Leon ist, in Armut zu leben, macht noch eine Zahl deutlich, die die Vereinten Nationen errechnet haben: Während 76 Prozent der Menschen in Vijays Heimat von weniger als zwei US-Dollar am Tag leben müssen, gibt es dazu aus Deutschland gar keine Angaben. Dennoch erleben auch Leons Landsleute Armut, nur eben auf einem ganz anderen Niveau, etwa dem der sozialen Ausgrenzung: zum Beispiel, wenn das Hartz IV-Geld nicht reicht, um das Kind auf Klassenfahrt zu schicken, oder die Grundsicherung im Alter weder einen neuen Kühlschrank noch eine Bahnfahrt zu den Enkeln erlaubt. 

 

Die Glücksprognose

Lebenserwartung, Einkommen, Bevölkerungsdichte – all diese Parameter im Leben Leons und Vijays geben noch keine befriedigende Antwort auf die vielleicht wichtigste Frage, die sich ihre Eltern nach ihrer Geburt stellen werden: "Wird unser Kind ein glückliches Leben führen?"

Sollten die beiden kleinen Kerle irgendwann einmal auf den alten Griechen Epikur stoßen, werden sie vielleicht versuchen, das höchste Glück in der Bedürfnislosigkeit sowie dem Vermeiden von Beunruhigungen und Schmerzen zu finden. Dann hätte Leon, sollte er kein typischer deutscher Miesepeter werden, ganz gute Chancen auf persönliches Glück. Immerhin attestiert der Glücksatlas 2011 der Uni Freiburg und des Allensbach-Instituts seinen deutschen Mitbürgern, so glücklich wie schon lange nicht mehr gewesen zu sein. Neben intakten Partnerschaften und guten Freunden gaben die Befragten ganz im epikureischen Sinne eine gute Gesundheit als wichtigsten Glücksfaktor an. Nicht verschwiegen werden darf an dieser Stelle, dass Leon dennoch Gefahr läuft, im Laufe seines langen Lebens an einer der Zivilisationskrankheiten wie Burn oder Bore out, an Depressionen oder Angststörungen zu erkranken. Also wünschen wir ihm, dass er das mit der viel beschworenen Work-Life-Balance gut hinbekommt und verschont bleibt.

Auch für Vijay sehen wir gute Chancen für ein glückliches Leben. Denn, auch wenn er ein deutlich erhöhtes Risiko hat, an Seuchen wie Lepra, Cholera oder Malaria zu erkranken und damit gerade die physischen Schmerzen zu erleiden, die Epikur als wahre Glückshemmnisse ansah, so wird der kleine indische Junge unserem Leon aus München-Bogenhausen oder Hamburg-Blankenese in Sachen „glückliches Leben“ zweierlei voraus haben: die größere Bedürfnislosigkeit und das Vertrauen auf die letztendliche Erlösung von allem Leid, die in einem vom Hinduismus geprägten Land deutlich verbreiteter als in der westlichen Welt sind.

 

Ein Gedankenspiel

Zugegeben: Die Lebensentwürfe unserer beiden 7-Milliarden-Babys sind recht determinstisch ausgefallen. Darum erlauben wir uns am Ende ein kleines Gedankenspiel, das in unserer globalisierten Welt durchaus eintreffen könnte: Kurz vor seinem 40. Geburtstag stürzt Leon in eine Sinnkrise, vor der ihn weder die letzte Beförderung noch der neue Audi bewahren konnten. Wo ist der Sinn in all dem? Antworten auf diese Frage erhofft er sich – in Indien. Leon kehrt Deutschland den Rücken zu, um sowohl in die Entwicklungshilfe als auch in sein Seelenheil zu investieren. Vijay hingegen hat Glück gehabt, er konnte als einziger seiner Familie studieren, hat ein Talent für Informatik und Fernweh. Durch einen glücklichen Zufall findet er einen gut dotierten Job in Deutschland. Vijay verlässt seine Heimat und macht eine vorbildliche europäische Karriere.

Wie auch immer der Lebenslauf des sieben Milliardsten Menschen nun aussehen wird, ob er Leon heißen wird oder Vijay, wir wünschen jedenfalls alles Gute, einen angenehmen Start ins Leben und Happy Birthday!

 

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Armut - ungerechte Welt

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