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Agra, Tadsch Mahal (Taj Mahal)

von Albrecht G. Schaefer

Jeden Morgen wiederholt sich das bewegende Schauspiel. Erst zaghaft, dann kraftvoll fallen die Sonnenstrahlen auf das mächtige Bauwerk am Ufer des Yamuna. Aus der nachts in grauer Stille verharrenden Silhouette zaubern sie das funkelnde Juwel indo-islamischer Architektur.

Wie ergriffen muss Schah Dschahan gewesen sein, als er die Vollendung des Tadsch Mahal feiern konnte. Noch im Todesjahr seiner Lieblingsfrau, auch Mumtaz-i Mahal, "die Auserwählte des Palastes" genannt, hatte der Mogulfürst mehrere tausend Handwerker für das gewaltige Vorhaben verpflichtet. Aus den Zentren orientalischer Baukunst waren sie gekommen, aus Lahore, Delhi, Schiras und aus Samarkand. Als leitender Baumeister wird allgemein Ustad Ahmad Lahori, der kaiserliche Architekt, erwähnt. Doch über die Identität des eigentlichen Schöpfers kursieren zahlreiche Spekulationen. Dschahan, dessen künstlerische Begabung bekannt ist, war vielleicht selbst der geistige Vater des Entwurfes. Überaus ehrgeizig war sein Projekt, geradezu überirdisch grandios - und kostspielig. War es doch seine Vision, damit alle damaligen Weltwunder zu übertreffen.

Da ein Mogulgrab an den Verstorbenen erinnern und dessen Wohnstatt darstellen sollte, wurde die Umgebung entsprechend prächtig gestaltet. Die breiten Gartenalleen, die weiten Tor- und Gästetrakte lassen erahnen, wie prunkvoll der Herrscher samt Hofstaat Mumtaz-i Mahal gedenken wollte.

Hinter dem von Arkaden und vier Toren eingefassten Vorhof liegt die einzigartige Idylle vor Augen: auf der Südseite der viergefelderte Garten mit Marmorterrasse und zentralem Springbrunnen, am Nordende dann, auf einer sich über die Gartenbreite erstreckenden Sandsteinterrasse, das Grabmal und Nebenbauten, eine Moschee im Westen und die identisch gestaltete Versammlungshalle im Osten.

Auch die Farbabstimmung ist von indischem Harmonieempfinden geprägt. Das Grün der Zypressen und Beete vereint sich mit dem Blau der Wasserkanäle und mit dem warmen Rot der seitlichen Sandsteingebäude. Diese Anmut krönt das durch Ornamentflächen abgestufte Weiß des marmornen Mausoleums; getreu dem Prinzip von Dschahan, in dessen Bauwerken es keinen Höhepunkt ohne Einleitung und Ausklang gibt. Es scheint, als ob die Grabstätte in Schwerelosigkeit schwebe. Außer der verklärenden Marmorstruktur verstärken hohe Portal- und vertikal angeordnete Seitennischen diesen Eindruck. Schließlich betonen auch die vier vom Hauptbau distanziert aufragenden Minarette den Effekt der Steigerung. Man kann sie, wie ein Augenzeuge der Einweihung schwärmte, mit einem wohlgefälligen Gebet vergleichen, das zum Himmel aufsteigt.

Gerade das Mausoleum vereinigt die Formelemente, die die Baukunst Nordindiens im 17. Jahrhundert beeinflussten. Seine Doppelkuppel - über einer inneren Schale ruht die äußere Zwiebelkuppel auf dem achteckigen Bau - ist ein rein persischer Entwurf. Ebenso ist die Fassade von der nüchternen Einheit geometrischer Formen bestimmt. Dagegen spiegeln ihre "Florentinischen Mosaike", auch "Pietra dura" genannt - fugenlose, blank polierte Einlegearbeiten von Halbedelsteinen im Marmor -, und die Sockelreliefs, trotz persischer Motive, unverkennbar indischen Geist wider - gedämpft und träumerisch.

Wie ein Magnet zieht das Grabmal die Menschen an, die aus allen Himmelsrichtungen nach Agra strömen. Wachpersonal regelt den Zugang zur Haupthalle, mit der vier kleine Pavillons verbunden sind. Ehrfürchtig umrundet die Menge das achteckige Marmorgitter, hinter dessen filigran gearbeitetem, mit Edelsteinen eingelegtem Rankendekor die Kenotaphen zu erkennen sind. Die Überreste von Mumtaz-i Mahal liegen abgeschirmt in der Krypta, ein Stockwerk tiefer.

Dicht daneben steht auch der Sarkophag des Dschahan, nachdem der Mogulherrscher den zweiten Teil seines Marmortraumes, ein eigenes Grabmal auf der anderen Flussseite zu erbauen, nicht mehr hatte verwirklichen können. Durch Meuchelmord selbst auf den Thron gelangt, war der kranke Fürst 1658 von seinem Sohn Aurangzeb entmachtet worden. Dieser hatte dem Gefangenen immerhin einen Wunsch erfüllt: den Blick von Agras Festung auf den weiß schimmernden Beweis seiner großen Liebe.

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