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Asylantrag: Wenn das Geschlecht entscheidet

Ob einem Asylantrag stattgegeben wird oder nicht – das ist offenbar auch eine Frage des Geschlechts. Wie Forscher herausgefunden haben, erhalten Frauen leichter Asyl, wenn die darüber urteilende Person ansonsten hauptsächlich Anträge von Männern bearbeitet. Doch nicht nur das Geschlechterverhältnis bei den bearbeiteten Fällen ist entscheidend. Auch das Geschlecht des Richters selbst scheint eine Rolle für das Urteil zu spielen.

Gender-Effekt bei Asylanträgen
Auch bei der Bewilligung von lässt sich ein Gender-Effekt belegen.
Asylrichter entscheiden tagtäglich über Schicksale: Wer darf bleiben, wer wird abgeschoben? Das Gesetz macht für die Beantwortung dieser Frage klare Vorgaben. Doch in vielen Fällen haben Juristen auch einen gewissen Ermessensspielraum. Sie können sehr streng urteilen oder Milde walten lassen. Welche Faktoren aber beeinflussen dies?

Untersuchungen offenbaren, dass bei richterlichen Entscheidungen neben der Persönlichkeit des Richters mitunter auch äußere Einflussfaktoren eine Rolle spielen - zum Beispiel der Zeitpunkt der Verhandlung. Liegt diese kurz vor der Mittagspause, fallen Urteile oftmals härter aus. Erschöpfung und Hunger scheinen Juristen offenbar besonders streng werden zu lassen, wie eine Studie vor einigen Jahren enthüllte. Kommen die Richter dagegen erholt und frisch gestärkt aus der Pause, urteilen sie gnädiger.

Unterschiedliches Geschlechterverhältnis

Forscher um Alejandro Ecker von der Universität Mannheim haben nun herausgefunden, dass speziell bei Asylentscheidungen ein weiterer Faktor eine Rolle spielt: das Geschlecht. Um möglichen Gender-Effekten bei richterlichen Entscheidungen über Asylanträge auf die Spur zu kommen, werteten die Wissenschaftler mehr als 40.000 Fälle aus Österreich aus.

Das Ergebnis: Insgesamt fielen im Untersuchungszeitraum zwischen 2008 und 2013 rund 31 Prozent der Urteile des österreichischen Asylgerichtshofs positiv aus. 81 Richter – davon 39 Frauen – bearbeiteten durchschnittlich jeweils rund 90 Fälle pro Jahr. Das Geschlechtsverhältnis bei den zu bearbeitenden Fällen war dabei jedoch höchst unterschiedlich. Während einzelne Richter ein Jahr lang keinen einzigen Antrag einer Frau vorgelegt bekamen, lag der Anteil der Antragstellerinnen bei anderen bei fast zwei Dritteln. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass einzelne Richter für bestimmte Länder oder Regionen zuständig sind.

Bessere Chancen für Frauen

Genau dieser Aspekt machte offenbar einen erheblichen Unterschied, wie das Forscherteam herausfand. So zeichnete sich ab: Unabhängig vom entscheidungserheblichen Sachverhalt entschieden Richter, die sonst vornehmlich Fälle männlicher Antragsteller bearbeiteten, eher zugunsten von Frauen.

"Wenn ein Richter – egal ob Mann oder Frau – vorwiegend mit männlichen Antragstellern zu tun hatte, erhöhte das die Chancen weiblicher Antragsteller um rund 17 Prozentpunkte", berichtet Ecker.

Bei Richtern mit einer annähernd gleichen Geschlechtsverteilung hatten Frauen dagegen keinen messbaren Vorteil.

Richterinnen sind weniger streng

Daneben hatte auch das Geschlecht des Richters selbst einen gewissen Einfluss. So stellten die Wissenschaftler fest, dass Richterinnen generell eher dazu neigten, Asyl zu gewähren, als ihre männlichen Kollegen. Demnach lag die Chance auf eine positive Entscheidung bei Richterinnen um neun Prozent höher – und zwar für Antragsteller beiderlei Geschlechts. Männliche Richter urteilten den Ergebnissen zufolge insgesamt etwas strenger.

"Unsere Studie untersuchte nicht, ob die einzelnen Entscheidungen richtig oder falsch waren. Auch treffen wir keine Aussage darüber, ob Frauen zu nachsichtig oder Männer zu streng behandelt werden oder urteilen", erklärt Mitautor Laurenz Ennser-Jedenastik von der Universität Wien. "Aber wir stellen fest, dass Asylanträge von Männern und Frauen unter Umständen ungleich behandelt werden. Und da Asylentscheidungen Grundrechte sowie den Rechtsstaat als Ganzes betreffen, halten wir das für ein Problem."

Was tun?

Was also lässt sich gegen diese Ungleichheit tun? Die Wissenschaftler haben zwei Lösungsvorschläge, um den beobachteten Geschlechtereffekten entgegenzuwirken: Einerseits sei es möglicherweise sinnvoll, Asylanträge und Beschwerden von Gremien entscheiden zu lassen, in denen gleich viele Männer und Frauen sitzen. Andererseits sollte das Geschlechterverhältnis bei der Fallzuteilung besser berücksichtigt werden.

Universität Wien / DAL, 01.08.2019
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