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Schillers Räuber: Protest gegen eine repressive Gesellschaft

Welche Bedeutung haben »Die Räuber« in der Literaturgeschichte?

Friedrich von Schillers (1759–1805) erstes Schauspiel »Die Räuber«, entstanden 1777–1780, ist dem Sturm und Drang zuzuordnen. Diese kurze Epoche zwischen 1767 und 1785 bekam ihren Namen durch Friedrich Maximilian Klingers gleichnamiges Schauspiel von 1776. Eingeleitet wurde sie durch Herders Rückbesinnung auf die Volkspoesie und die Dramen Shakespeares. Ein »kraftgenialischer« Menschentypus und das Ideal einer »natürlichen« Gesellschaftsordnung, wie sie Goethes »Götz von Berlichingen« (1773) und dessen Roman »Die Leiden des jungen Werthers« (1774) prägten, verbanden den ästhetischen Ansatz zum Teil mit politischen Akzenten. »Die Räuber« kam 1782 in Mannheim auf die Bühne und hatte sensationellen Erfolg.

Worum geht es in »Die Räuber«?

»Die Fabel des Stückes«, so Schiller in einer Selbstrezension, »ist ohngefähr folgende: Ein fränkischer Graf, Maximilian Moor, ist Vater von zween Söhnen, die sich an Charakter sehr unähnlich sind. Karl, der ältere, ein Jüngling voll Talenten und Edelmut, gerät in Leipzig in einen Zirkel lüderlicher Brüder, stürzt in Exzesse und Schulden, muss zuletzt mit einem Trupp seiner Spießgesellen fliehen.« Mit »heimtückischer schadenfroher Gemütsart« erreicht nun der jüngere Bruder Franz, dass der Erstgeborene enterbt wird. Einzig die geliebte Cousine Amalia hält weiter zu Karl. Während der Verstoßene fortan als Hauptmann einer Räuberbande sein Unwesen treibt, spinnt Franz sein Netz von Intrigen weiter. Beider Aktivitäten setzen eine Kette von Katastrophen in Gang, die im Tod des Vaters münden, in Franzens Selbstmord und die Ermordung Amalias durch Karl, der sich anschließend der Justiz und somit seiner Hinrichtung ausliefert.

Was verweist auf den Sturm und Drang?

Schiller verknüpft in den »Räubern«, die sich sprachlich am empfindsamen Roman orientieren, das Märchenmotiv der feindlichen Brüder mit dem biblischen Stoff vom verlorenen Sohn. Die sehr bewegte Handlung, die auch Anleihen bei der Trivialliteratur nicht scheut, glänzt durch farbige Charakterzeichnungen. Im Gegensatz zu dem kalten Zyniker Franz (der »Canaille«) verkörpert Karl den im Grunde edlen Verbrecher mit »verirrtem Herzen« – in seinem vehementen Freiheits- und Tatendrang zugleich der Idealtyp des genialischen Rebellen, wie er auch aus anderen Dramen des Sturm und Drang geläufig ist.

Wie legt Schiller seine Charaktere an?

Der Räuber Karl Moor ist ein Ungeheuer mit edlem Charakter, das die eklatanten Mängel der – nur vermeintlich untadeligen – bürgerlichen Gesellschaft aufdeckt, repräsentiert von der integren, aber schwachen Vaterfigur. Der böse Räuber als tragische Figur – nicht zuletzt auf dieser effektsicheren Anlage der Hauptrolle beruht die anhaltende Resonanz, die den »Räubern« (vertont in Verdis Oper »I Masnadieri«, 1847) zuteil wurde.

Das Motiv des gegen eine verlogene Gesellschaft opponierenden Herzens prägte, mit gemilderten Affekten, auch die weiteren Jugenddramen Schillers (»Die Verschwörung des Fiesco zu Genua«, 1783; »Kabale und Liebe«, 1784). Die in den »Räubern« enthaltene Kritik am Despotismus wiederum führte zum endgültigen Zerwürfnis mit seinem Dienstherrn Herzog Karl Eugen von Württemberg. Der junge Regimentsmedicus floh 1782 aus Stuttgart, um sich ganz der Literatur zu widmen.

Wie wurde Schiller zum Mitbegründer der Weimarer Klassik?

Der auch in politischen Dingen ungestüme Gestus des jungen Dichters, der sich von einem Parteigänger der Französischen Revolution zu deren entschiedenem Kritiker wandelte, wich später einem versöhnlicher gestimmten Idealismus, wie er auch in seinen berühmten Balladen (etwa »Die Kraniche des Ibykus«) zu Tage tritt. Mit Johann Wolfgang von Goethe entwickelte er im letzten Lebensjahrzehnt das ästhetisch-ethische Konzept der Weimarer Klassik. In »Die Schaubühne als moralische Anstalt« (1802) und anderen Schriften setzte er sich theoretisch mit den Aufgaben des Theaters auseinander, mit der »Wallenstein«-Trilogie (1798/99), mit »Maria Stuart« (1800) und »Die Jungfrau von Orleans« (1801) und »Wilhelm Tell« (1804) wies er ihm neue Wege. Ein geniales Gespür für Handlungsführung, Szenenanlage und Charaktere machte ihn zu einem der bedeutendsten deutschen Dramatiker. Die literarische Laufbahn Schillers gestaltete sich mit ihren gesundheitlichen und finanziellen Problemen aber weit schwieriger als die Goethes.

Übrigens: In seinem Geburtsort Marbach am Neckar wurde im Jahr 1903 das Schiller-Nationalmuseum eingerichtet, 1955 das Deutsche Literaturarchiv.

Wussten Sie, dass …

der Anschlagzettel zur Uraufführung der »Räuber« ankündigte: »Der Zuschauer weine heute vor unserer Bühne – und schaudere – und lerne seine Leidenschaften unter die Gesetze der Religion und des Verstandes beugen«? Das Drama löst das noch heute beim Publikum aus.

sich Goethe und Schiller 1788 bei ihrem allererersten Treffen in Rudolstadt nur wenig zu sagen hatten? Erst 1794 sprang der intellektuelle Funke über.

Wie verlief Friedrich Schillers Weg nach Weimar?

Friedrich Schiller kam am 10. November 1759 in Marbach am Neckar zur Welt. Er besuchte die Militärakademie »Hohe Karlsschule« in Stuttgart, wo er 1780 ein Medizinstudium abschloss. Bereits während dieser Zeit arbeitete er an den »Räubern«. Schiller besuchte 1782 die Uraufführung des Stücks in Mannheim, obwohl ihm der württembergische Herzog dies untersagt hatte. Er wurde daraufhin 14 Tage in Haft genommen und erhielt Schreibverbot. Schiller floh aus Stuttgart. Bis 1785 arbeitete er für das Theater in Mannheim, wo 1784 »Kabale und Liebe« und »Fiesco« uraufgeführt wurden. Ab 1789 lehrte Schiller Geschichte an der Universität Jena. 1794 begann die Zusammenarbeit von Schiller und Goethe, 1799 übersiedelte Schiller nach Weimar, wo er am 9. Mai 1805 starb.

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