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Islam: Was ist eigentlich ein Kalifat?

Vor einigen Tagen haben die sunnitischen ISIS-Extremisten in Syrien und im Irak das Kalifat ausgerufen. Mit dem Titel "Kalif" gibt sich ihr Anführer Abu Bakr al-Baghdadi damit selbst den Titel eines Vertreters oder Nachfolger des Propheten Mohammed. Was hinter dem Konzept des Kalifats früher und heute steckt, erklärt der Islamwissenschaftler Marco Schöller von der Universität Münster.
Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Abū Bakr, der erste Kalif
Public Domain

Die extremistische Gruppe „Islamischer Staat im Irak und in Syrien“ (ISIS) hat passend zum Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan ein Kalifat ausgerufen. Sie kontrolliert derzeit Gebiete im Irak und Teile des benachbarten Syriens und verfolgt das Ziel eines grenzübergreifenden islamischen Staates. Der Führer der sunnitischen ISIS-Extremisten, Abu Bakr al-Baghdadi, will sich durch seine Ausrufung zum Kalifen eine jahrhundertealte Legitimationsstrategie in der arabischen Welt zu Nutze machen.

Kalif als Stellvertreter

Der Kalifen-Titel ist keine Neuerfindung, ihn gab es in Arabien möglicherweise schon vor dem Aufkommen des Islam, damals bedeutet er so etwas wie Vizekönig oder Vertreter. Eindeutig  belegt ist er seit dem 7. Jahrhundert, damals nutzten die in Damaskus herrschenden Umayyaden diesen Titel, der einen Stellvertreter des Propheten oder, je nach Sichtweise, auch Stellvertreter Gottes auf Erden bezeichnet. „Die religiöse Dimension des Kalifats spielte im Vergleich zur machtpolitischen Bedeutung schon in den ersten Jahrhunderten nur eine geringe Rolle“, erklärt der Islamwissenschaftler Marco Schöller von der Universität Münster. „Heute ist in der islamischen Welt jedoch in allen Bereichen eine Wiederaufwertung der religiösen Aspekte festzustellen.“

Blutige Kämpfe zwischen Kalifaten

Im Laufe der Geschichte war der Kalif allerdings keineswegs ein unumstrittener Herrscher, stattdessen rangen meist verschiedenste Stämme oder Dynastien in der islamischen Welt blutig um die Vorherrschaft und riefen dabei jeweils konkurrierende Kalifate aus. „Heutige Extremisten knüpfen an die frühislamische Zeit an und blenden dabei aus, dass in der Geschichte des Islams nie abschließend geklärt wurde, wie das Kalifat eigentlich zu erlangen ist, etwa durch Wahl, Abstimmung oder Erbe“, so Schöller.

Herrschaft ohne feste Grenzen

„Die Dschihadisten-Gruppe nutzt einen Vorteil am Konzept des Kalifats, den beispielsweise schon Berber oder turkmenische Stämme vor Jahrhunderten zum Machtgewinn nutzten: Die Herrschaft eines Kalifen ist nicht an ein Territorium gebunden, sondern erhebt universalen Anspruch“, erläutert Schöller. Mit dem Kalifat richtet sich ISIS damit nicht nur an Gläubige in der Region, sondern erhebt Anspruch auf die weltweite Führung aller Muslime. „Die Gruppe proklamiert einen weltweiten Dschihad und macht auch der Vormachtstellung von Al-Kaida Konkurrenz“, so der Forscher.

Warum nicht Emir oder Sultan?

„Dass Abu Bakr al-Baghdadi, der jetzt den Kalifentitel beansprucht, selbst islamische Theologie studiert hat, mag diesen Anspruch bei vielen seiner Anhänger noch bestärken.“ Auf diese Weise nähmen die Extremisten bewusst Bezug auf islamische Traditionen. Ein westlicher Herrschertitel wie „Präsident“ scheide hingegen für sie aus, da er mit Feindbildern verknüpft sei – etwa den Präsidenten arabischer Staaten, die mit der westlichen Welt kooperieren. Marco Schöller: „Dasselbe gilt auch für die Titel ‚Emir‘ und ‚Sultan‘, die auch in den Golfstaaten verbreitet sind, deren Herrscher aus Sicht der Islamisten aber keinerlei religiöse Legitimität besitzen – im Gegenteil – und zudem zu sehr mit den USA verbündet sind.“

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