Ruhestörung
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Ruhestörung

Foto: Foto: Peder Severin Krøyer, Public domain, via Wikimedia Commons

Der Hund bellt. Unwillkürlich muss sie an ihr Gewehr denken. Als sie elf war, brachte ihr Vater ihr bei, Tauben zu schießen. Mit zwölf bekam sie dann ihr eigenes Gewehr. Ihr Vater hatte sie immer für ihre Treffsicherheit gelobt. Die Tauben gab es später zum Mittagstisch, gebraten wie kleine Hähnchen, von ihrer…

Jeder in ihrer Familie hatte ein Gewehr. Vater brachte ihr und ihren Brüdern bei, sorgsam damit umzugehen. Gewehre waren gefährlich. Gewehre konnten töten. Verlockender Gedanke. Sie spürt die Versuchung. Selbst ein kleines Gewehr kann auf nahe Distanz einen Hund töten. Es kribbelt ihr in den Fingern, den Köter zum Schweigen zu bringen. Das verdammte Biest bellt, seit sie vor drei Stunden das letzte Mal ihre Kleine gefüttert hat. Es scheint ja niemanden zu stören. Niemanden außer ihr.

Sie findet keine Ruhe. Ihr Baby ist gerade vier Wochen alt. Sie ist immer noch ein bisschen unsicher, was genau sie mit der Kleinen machen muss. Stillen kann sie nicht, sie hat nicht genug Milch. Und die Kleine verträgt die künstliche Milch nur schlecht. Mindestens fünfmal am Tag hat sie kolikartige Anfälle. Dann schreit Sheila. Für ein so kleines Wesen schreit sie verdammt laut. Stunde um Stunde, in durchdringenden Tönen. Gott sei Dank schläft die Kleine gerade. Wenn sie selbst bloß auch schlafen könnte. Keine Chance. Der Hund bellt noch immer.

Sie horcht. Ihr Nachbar hört "Zerbrochene Herzen", eine Soap-Opera. Sie erkennt die Stimmen. Harald redet gerade, der Typ mit der Harley. Er streitet sich mit seiner Freundin Samantha. Samantha möchte, dass er seine Gang verlässt und mit ihr ein bürgerliches Leben beginnt. Natürlich ist Harald dagegen. Er drückt sich ziemlich eindeutig und sehr unfreundlich aus. Jetzt schreien die beiden sich an. Ihrem Nachbarn ist es egal, dass sie alles mithört. Die Wände sind dünn, ihr Nachbar ist alt, er stellt den Fernseher laut, damit er die Schauspieler versteht. Den ganzen Tag lang läuft sein Fernseher. Die kleine Sheila stört es nicht. Sie schon.

Ruhestörung II

Der verdammte Hund bellt immer noch. Kann denn keiner die Töle zum Schweigen bringen? Der Hund gehört Frau Nickhoffer. Frau Nickhoffer hat keine Familie. Sie ist Krankenschwester und arbeitet die Nachtschicht im Hospital. Der Hund fängt an zu bellen, sobald sie ihn alleine lässt. Es ist ein ziemlich großer Hund, ein Schäferhund-Mischling. Der Hund mag offensichtlich nicht alleine sein. Er bellt, bis seine Besitzerin zurückkommt. Notfalls die ganze Nacht.

Sie geht in die Stube. Vielleicht kann sie ihre Nerven mit etwas Musik beruhigen. Mozart vielleicht. Es heißt ja, seine Musik wäre entspannend. Sie entschließt sich für "Eine kleine Nachtmusik". Schließlich ist gerade Nacht, da müsste die Musik doch perfekt passen. Allerdings besitzt sie keine Kopfhörer. So hört sie zwar die Musik, aber auch, wie im Fernsehprogramm nebenan Samantha gerade mit einer Freundin telefoniert. Samantha weint. Sie erzählt ihrer Freundin von Harald. Dass der seine Gang nicht verlassen will. Dass sie Angst um ihn hat. Dass sie keine Zukunft für sie beide sieht.

Dann kommt ein Werbeblock. Sie hört wieder den Hund bellen. Sie hört, wie ihr Nachbar in die Küche schlurft. Sie stellt sich vor, dass er sich ein Bier holt. Sie hört, wie er ins Wohnzimmer zurückgeht. Sie hört Samantha wieder reden. Sie hört Fetzen der Musik. Der Hund bellt noch immer.

Sie stellt die Musik wieder ab und geht auf den Balkon. Hier draußen ist der Fernseher nicht mehr als ein sanftes Hintergrundgeräusch. Außerdem ist es kühler. Die Luft riecht süß. Der Kastanienbaum im Innenhof steht in voller Blüte. Sie fühlt sich wieder an ihr Zuhause erinnert. Entlang der Straße, die zu ihrem Elternhaus führte, standen auch Kastanienbäume. Tagsüber schwirrten Bienen um den Baum. Nachts wehte der süßliche Honigduft in ihr Zimmer. "Träume süß", hatte ihre Mutter jeden Abend gesagt. Sie hatte immer gedacht, dass sie von den Kastanienblüten träumen sollte.

Ruhestörung III

Wieder bellt der Hund, aber auch das klingt hier draußen gedämpfter. Sie horcht. Autos fahren vorbei, Türen werden geöffnet und geschlossen. Sie hört Lachen. Jemand ruft etwas, ein anderer antwortet. Irgendwo miaut eine Katze. Sie kann die Katze nicht sehen, aber sie muss hier irgendwo im Hof sein. Sogar einige Vögel singen noch. Es ist fast Mitternacht, die Vögel sollten eigentlich schlafen. In einer Fernsehshow hat sie mal gehört, dass die Vögel durch das Kunstlicht die Nacht nicht mehr vom Tag unterscheiden können. Sie fühlt sich mit den Vögeln solidarisch. Tag oder Nacht, wo ist der Unterschied? Keine Dunkelheit, keine Stille, nichts. Es ist wie ein ewiger Tag, nur dass nach Mitternacht der Lärmpegel für eine Weile sinkt. Sie reckt sich, beschließt, wieder ins Haus zu gehen.

Drinnen empfängt sie die Schwüle des Hauses wie eine Dampfdecke. Die Geräusche hören sich auch wieder lauter an. Der Hund bellt noch immer.

Ihre Uhr zeigt zwölf. Der Nachbar stellt den Fernseher aus. Bettzeit. Er muss fast taub sein, denkt sie. Er erwähnt den Hund niemals. Er scheint auch Sheilas Gebrüll nie zu hören. Für ihn scheinen weder der Hund noch Sheila zu existieren. Sie beneidet ihn darum.

Das Gebell hört auf. Dem Himmel sei Dank! Sie lauscht ungläubig. Ruhe, himmlische Ruhe. Sie sieht auf die Uhr. Viertel nach Zwölf. Sie fühlt sich total erschöpft. Das Bett schreit nach ihr. Sie verschwendet keine Zeit mit Ausziehen oder gar Waschen. Ihr Kopf berührt kaum das Kissen, da schläft sie auch schon.

Ein dünner, hoher Jammerton bohrt sich in ihr Gehirn. Oh nein! Sheila hat Hunger! Sie hat das Gefühl, dass sie gerade erst die Augen geschlossen hat. Sie versucht, das Gewimmer zu ignorieren. Aber es nützt nichts, Sheila verlangt zu essen. Sie dreht sich, versucht, noch ein paar Minuten Schlaf zu ergattern. Umsonst. Sheilas Wimmern steigert sich zum Gebrüll. Wie erschlagen hieft sie sich aus dem Bett und schleppt sich in die Küche, um das Fläschchen zuzubereiten.

Ruhestörung IV

Im Kühlschrank steht eine fertig vorbereitete Flasche. Gott sei Dank hat ihr Mann mitgedacht. Sie stellt die Flasche in die Mikrowelle. Zwei Minuten später trinkt Sheila zufrieden. Sie döst halb, versucht wach zu bleiben. Sie kennt die Routine. Es lohnt sich nicht, die Kleine jetzt ins Bett zu legen. Wie immer beginnt Sheila fünf Minuten später zu brüllen. Eine Kolik. Sie muss aufstehen und die Kleine herumtragen. Sie singt ihr beruhigende Liedchen vor. Sie massiert ihr das Bäuchlein. Sheila brüllt weiter. Und der Hund bellt auch wieder.

Sheila brüllt sich in den Schlaf. Sie trägt die Kleine weiter umher. Sie weiß, wenn sie Sheila jetzt wieder ins Bettchen legt, wacht sie sofort auf und brüllt wieder. Zwei Stunden vergehen, zwei unendlich lange Stunden. Immer wieder wacht Sheila kurz auf und weint. Immer wieder bellt der Hund. Sie fühlt sich wie ein Roboter. Endlich hat sich Sheilas Verdauung soweit beruhigt, dass sie die Kleine ins Bettchen legen kann.

Der Hund kläfft mittlerweile wie besessen. Sie will auf keinen Fall, dass sein Gebell Sheila wieder weckt. Sie nimmt ihr großes Kopfkissen und legt es über Sheilas Kopf. So wird Sheila den Hund nicht mehr hören und weiterschlafen.

Sie legt sich wieder hin und versucht, selbst ein bisschen zu schlafen. Es geht nicht. Der Hund bellt weiter. Das Gebell scheint sich direkt in ihren Schädel zu bohren. Sie fühlt Wut in sich aufsteigen. Sie denkt wieder an ihr Gewehr. Wie gerne würde sie jetzt den Hund genau vor ihrem Gewehr haben. Wie schön, den Abzug durchzudrücken und zu wissen, dass dieses verdammte Gebell ein für alle Mal verstummen würde. Ihre Augenlider sind wie Blei, sie döst im Halbschlaf. Sie träumt, dass sie den Hund erschießt.

Sie erwacht durch erneutes Gebell. Leider ist der Hund nicht tot. Sie fühlt sich ausgelaugt. Sie weiß nicht mehr, was sie tun soll. Sie hätte mit Frau Nickhoffer reden sollen. Schließlich ist Frau Nickhoffer tagsüber zu Hause. Aber irgendwie hat sie nicht die Energie, ihre Tür zu öffnen, die Treppe herunterzugehen und bei Frau Nickhoffer zu klingeln. Und was soll sie ihr sagen? Dass Frau Nickhoffer ihrem Hund befehlen soll, ruhig zu bleiben? Dass sie den Hund weggeben soll? Dass sie den Hund mit zur Arbeit nehmen soll? Nichts davon würde gehen, nichts davon wäre richtig.

Ruhestörung V

Sie versucht immer noch, wieder einzuschlafen. Keine Chance. Der Hund bellt erneut. Das Gebell scheint sogar lauter zu werden, als ob der Hund näher kommt. Sie hält das nicht länger aus. Sie kann nicht mit Frau Nickhoffer reden, aber sie weiß verdammt genau, wie sie den Hund zum Schweigen bringen kann. Sie steht auf und geht zum Schrank. Ihr Vater hat ihr diesen speziellen Schrank selbst gezimmert, um das Gewehr und die Munition darin sicher zu verwahren. Ja, da ist es, in hervorragendem Zustand. Sie kann das Gewehr noch immer im Schlaf laden. Eine Patrone reicht. Dann geht sie wieder ins Wohnzimmer. Das Gebell wird lauter und lauter. Der Hund muss jeden Moment in ihrem Wohnzimmer auftauchen, da ist sie sich sicher. Auf keinen Fall darf der Hund ihr Baby wieder wecken. Er kratzt an der Tür. Sie hebt das Gewehr und zielt. Die Türe öffnet sich. Sie drückt ab. Der Schuss dröhnt in ihren Ohren. Der Hund hat keine Chance. Blut und Knochensplitter verteilen sich auf der Wand hinter dem fallenden Körper. Himmlische Stille. Endlich.

Dann beginnt der Geist des Hundes wieder zu bellen. Der Raum verdreht sich. Sie fällt und verliert das Bewusstsein.

Tage später redet ihr Nachbar mit Frau Nickhoffer über diese schreckliche Tragödie. Der Mann hatte ja wohl erwähnt, dass seine Frau unter schrecklichen Schwangerschaftsdepressionen litt, aber dass es so schlimm kommen würde...? Eine junge Mutter, die ihr Baby erstickt und ihren Mann erschießt, wie entsetzlich!

"Keine Frage", sagt Frau Nickhoffer, "ich werde sie in der Psychiatrie besuchen gehen, die Ärmste. Vielleicht heitert es sie ein bisschen wieder auf, wenn ich meinen Hund mitnehme."

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