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Therapy Speak – Ist plötzlich alles ein „Trauma“?

„Mein Ex war voll der Narzisst“, „Das triggert mich“ – Ausdrücke aus der Psychotherapie haben längst das Behandlungszimmer verlassen und sind im allgemeinen Sprachgebrauch angekommen. Dabei werden sie jedoch häufig ungenau oder inflationär verwendet. Doch was steckt hinter diesen Begriffen? Und inwiefern kann sogenannter „Therapy Speak“ dazu beitragen, ihre ursprüngliche Bedeutung zu verwässern?
CMA, 19.01.2026
Zwei Freundinnen im Gespräch

© KI-generiert (Copilot)

In sozialen Medien scheint heute fast jede belastende Erfahrung als „Trauma“ zu gelten. Unliebsame Menschen, die sich schlecht verhalten haben, werden oft zu „Narzissten“, die einen „triggern“. Persönliche Kränkungen, Trennungen oder stressige Lebensphasen werden mit klinischen Begriffen beschrieben, die ursprünglich für klar definierte psychische Störungsbilder entwickelt wurden.

Man spricht dabei von „Therapy Speak“ zu Deutsch: Therapiesprech. Der Begriff ist vergleichsweise neu, das dahinterstehende Phänomen jedoch nicht. Gemeint ist die Übernahme psychologischer Fachsprache in den Alltag, oft losgelöst von ihrem ursprünglichen fachlichen Kontext.

Therapie Sprech ist nicht immer sinvoll

Doch Therapy Speak gab es auch schon vor dem Social-Media-Boom. Im Journalismus wird der Begriff „schizophren“ häufig metaphorisch verwendet, um widersprüchliche oder in sich unvereinbare Sachverhalte zu beschreiben, zum Beispiel wenn von der „Schizophrenie“ einer politischen Entscheidung die Rede ist. Dabei ist Schizophrenie eine schwerwiegende psychische Erkrankung, die für Betroffene mit erheblichen Leid verbunden ist.

Psychotherapeuten warnen davor, solche Begriffe zu inflationär zu benutzen. „Wenn eine alltägliche, stressige Situation leichtfertig zum Trauma erklärt wird, erhalten Betroffene mit echten und schwerwiegenden Traumata nicht mehr die nötige Aufmerksamkeit. Ihnen wird auch das Vokabular entzogen, das sie benötigen, um ihre Erfahrungen angemessen zu beschreiben", sagte Diplom-Psychologin Ilka Hoffmann-Bisinger gegenüber dem Stern. Doch was steckt wirklich hinter Trauma, Trigger, Narzisst und Co? Um die Begriffe besser einordnen zu können, lohnt sich ein Blick auf ihre ursprüngliche Bedeutung.

Was ist ein echter Narzisst?

Ein gesunder Narzissmus ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Er beschreibt ein normales Maß an Selbstwertgefühl und Selbstbezogenheit, das für psychische Stabilität sogar notwendig ist. Krankheitswert erreicht es dann, wenn ein Mensch unter einer sogenannten narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet. Die nach außen gezeigte starke Selbstbezogenheit dient dabei vor allem dazu, innere Unsicherheit zu kompensieren und Anerkennung von außen zu sichern.

„Kritik an ihrer Person, Zweifel oder auch Zurückweisung erleben sie als extrem kränkend und schmerzlich“, sagt Sabine Herpertz von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) auf psychiater-im-netz.org. „Zudem stehen sie permanent unter Stress, weil ihr überhöhtes Selbstkonzept eine ständige Bedrohung von Versagen darstellt.“

Zudem tritt eine narzisstische Persönlichkeitsstörung nicht selten gemeinsam mit anderen psychischen Erkrankungen auf, etwa mit Depressionen oder Essstörungen. Auch wenn das Verhalten für das soziale Umfeld oft als belastend erlebt wird, ist es wichtig zu berücksichtigen, dass die Betroffenen selbst unter ihrer psychischen Störung leiden.

Was „zählt“ als Trauma?

Traumata sind Ereignisse, die als existenziell bedrohlich erlebt werden und die psychische Verarbeitungsfähigkeit eines Menschen überfordern. Dazu zählen etwa schwere Unfälle, Gewalterfahrungen, sexualisierte Übergriffe, Naturkatastrophen oder Kriegserlebnisse. Die Unterscheidung zu anderen psychischen Krisen ist nicht dazu gedacht, individuelles Leiden zu relativieren, sondern dient einer fachlichen Einordnung psychischer Belastungen.

Traumatische Erlebnisse können sowohl die psychische als auch die körperliche Gesundheit eines Menschen beeinträchtigen – tun dies aber längst nicht immer oder bei jedem. Ob und in welcher Form langfristige Folgen auftreten, hängt unter anderem von der Art des Ereignisses, der Dauer der Belastung und der individuellen Resilienz ab, also der psychischen Widerstandsfähigkeit eines Menschen.

Trigger

Eng verbunden mit dem Begriff des Traumas, insbesondere im Zusammenhang mit der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), ist der Ausdruck „Trigger“. In der Fachsprache bezeichnet er einen Reiz, der bei Betroffenen unwillkürlich eine traumatische Erinnerung auslösen kann. Umgangssprachlich wird der Begriff inzwischen jedoch für sehr unterschiedliche Situationen verwendet – oft für alles, was unangenehme oder negative Gefühle hervorruft. Wer die fachlichen Bedeutungen kennt, erkennt schnell: Im alltäglichen Therapie-Sprech werden schwerwiegende psychische Erkrankungen und klinische Konzepte oft auf allgemeine Befindlichkeiten reduziert.

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