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Zehn Fragen an Matthias Maurer

ESA-Astronaut Matthias Maurer in NASA-Raumanzug
ESA-Astronaut Matthias Maurer

Herr Maurer, worüber werden Sie wohl nachdenken, wenn Sie selbst aus der ISS auf die Erde hinunterschauen werden?

Matthias Maurer: Ich werde ja erst noch die Gelegenheit haben, unseren wunderschönen Planeten vom Orbit aus zu betrachten. Aber auch ohne diesen Blick gehabt zu haben, mache ich mir natürlich Sorgen. Ich bin mir aber sicher, dass die Raumfahrt mit ihren Erdbeobachtungssatelliten z.B. dazu beiträgt, den Schaden auf der Erde zu minimieren.

Worum geht es bei Ihrer Arbeit im Orbit?

Der Schwerpunkt unserer Arbeit ist die Durchführung wissenschaftlicher Experimente, welche zum einen auf Fortschritte und Innovation für irdische Anwendungen und zum anderen auf eine kontinuierliche Verbesserung von Raumfahrttechnologie abzielen.

Welche Beiträge kann die Raumfahrt zur Lösung der schweren Probleme leisten, vor denen die Welt gerade steht, insbesondere beim Klimawandel?

Erdbeobachtungssatelliten sind essenziell zur Überwachung unseres Planeten. Solarzellen sind zum Beispiel für die Raumfahrt entwickelt worden und nun maßgeblich für die Erzeugung sauberer Energie auf der Erde.

Die Erzeugung geschlossener Kreisläufe ist ein Schlüsselthema für die astronautische Raumfahrt und Voraussetzung für längere Missionen, wie langfristige Aufenthalte auf dem Mond und Flüge zum Mars. Auf der ISS nutzen und testen wir Technologien, die es uns erlauben, Urin so zu filtern und zu recyceln, dass es wieder sauberes Trinkwasser wird. Diese Raumfahrttechnologie wird mittlerweile zum Beispiel in Flüchtlingscamps eingesetzt, um dort genügend frisches Trinkwasser für Menschen in Not zur Verfügung zu stellen. Geschlossene Kreisläufe werden im All mittlerweile auch bei der Nutzung von 3-D-gedruckten Ersatzteilen erprobt. Alte Bauteile werden klein geschreddert und so weiter zu Rohstoffen für neue Ersatzteile.

Was kann die Weltraum-Wissenschaft im Bereich der Grundlagenforschung durch die Erkundung anderer Himmelskörper leisten?

Ziel der Planetenforschung ist es, die Entstehung und den Aufbau dieser Körper zu verstehen. Aus den Erkenntnissen der vergleichenden Planetologie können Rückschlüsse auf die Erdgeschichte und -entwicklung gezogen werden, die beispielsweise bei Klimamodellen für unsere Erde von Nutzen sind. Mittlerweile sind zudem tausende Planeten außerhalb unseres Sonnensystems, so genannte extrasolare Planeten (Exoplaneten), entdeckt worden. Mit der Erforschung des Sonnensystems und extrasolarer Planetensysteme kommt die Wissenschaft einer Antwort auf die offene Frage nach der Entstehung des Lebens näher.

Auch an unserer Sonne, dem nächsten Stern, können Forscher fundamentale astrophysikalische Prozesse mit extrem hoher räumlicher Auflösung analysieren. Die Beobachtungen liefern Beiträge zum Verständnis der physikalischen Vorgänge sowohl in der Sonne als auch im Raum zwischen den Planeten, der vom Sonnenwind und dem Magnetfeld der Sonne durchdrungen ist. Aus Satellitendaten lassen sich Modelle herleiten, wie das irdische Magnetfeld und die Erdatmosphäre durch den Sonnenwind beeinflusst werden. Diese Phänomene werden im erdnahen Orbit auch als Weltraumwetter bezeichnet und sind von hoher Relevanz für den Betrieb von Satelliten und die Sicherheit der Energieversorgung auf der Erde.

Wie sehen Sie hierbei Ihre eigene Rolle als Forscher?

In diesem Feld verstehe ich mich als Botschafter für die Raumfahrt. Wir möchten die Öffentlichkeit ebenfalls für diese Themen begeistern und das Verständnis, warum diese Forschung wichtig ist, transportieren. Wir Astronautinnen und Astronauten werden ja auch dafür trainiert, Proben einzusammeln. Sollten wir also in einigen Jahren den Mond betreten, sind wir bereits bestens vorbereitet, diesen auch zu erforschen.

Ich werde mich in vielen Bereichen mit Experimenten befassen. Das reicht von Physik und Materialforschung über Biologie und Biotechnologie bis hin zur Humanmedizin und Flora. Da werden wir natürlich auch in Teams arbeiten, dafür sind wir gut ausgebildet worden. Ich werde auch Experimente fortführen, die bereits von meinen Vorgängern begonnen wurden. Wie Experimente, die mein Kollege Thomas Pesquet, den ich ja ablösen werde, derzeit durchführt oder die von Alexander Gerst bereits begonnen wurden.

Konnten Sie für Ihre Mission von Ihren wissenschaftlichen Ausbildungen profitieren, insbesondere von Ihrem Studium an der FernUniversität?

Meine Ausbildung hat mir sehr auf meinem Weg zum Astronauten geholfen. Auch das Studieren in verschiedenen Ländern war sehr hilfreich. Im Laufe der Zeit habe ich fremde Kulturen kennengelernt und habe alles Wissen quasi in mich aufgesaugt. Ich war ja auch eine Zeit lang Sanitäter und heute kann ich mein Wissen, das ich mir damals angeeignet habe, wieder abrufen. Wir müssen uns ja auf der Station im Notfall gegenseitig versorgen können oder auch Blut abnehmen.

Nach meiner Bewerbung als Astronaut wurde ich nicht sofort in das Astronautencorps aufgenommen. Mir wurde aber ein Job im Europäischen Astronautenzentrum in Köln angeboten. Da habe ich natürlich nicht nein gesagt, denn das Thema Raumfahrt hat mich ohnehin fasziniert, von daher war die Entscheidung leicht. Mein wirtschaftswissenschaftliches Studium an der FernUni Hagen war für diesen Teil meines Arbeitslebens enorm wichtig. Ich hatte Management-Aufgaben und habe das LUNA-Projekt geleitet, das wird eine Trainingsanlage für zukünftige Mondmissionen.

Und was machen Sie in Ihrer „Freizeit“ in der ISS?

Am meisten freue ich mich darauf zum Weltraumfenster, der Cupola, zu gleiten und von dort aus 90 Minuten lang eine ganze Umrundung der Erde zu beobachten. Wenn ich daran nur denke, bekomme ich eine Gänsehaut. Natürlich werde ich in meiner Freizeit viele Fotos machen und Videos aufnehmen, um die Menschen am Boden über meine Arbeit zu informieren und für die Raumfahrt zu begeistern. Ich möchte, dass so viele Menschen wie möglich quasi ein Teil meiner Mission werden.

Außerdem möchte ich mit Freunden und der Familie im Kontakt bleiben. Das ist sehr wichtig für das eigene Wohlbefinden.

Sie haben bei unserem ersten Interview 2017 den Wunsch geäußert, einmal den Mond zu betreten. Wollen Sie das immer noch? Ist das realistisch?

Meine Begeisterung für den Mond ist nach wie vor ungebrochen. Das wird sich auch nicht ändern, sollte ich keine Gelegenheit für eine Mission zum Mond zu bekommen. Egal, wer aus dem Europäischen Astronautencorps eine Mondmission zugewiesen bekommt, ich würde mich für jeden einzelnen freuen. So wie die anderen sich auch für mich freuen würden.

Zum Beitrag: Cosmic Kiss: Matthias Maurer startet zur ISS

FernUniversität Hagen, 04.11.2021
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