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Globale Wirtschaft – globale Umwelt

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts hoffte man, dass durch technischen Fortschritt, Wirtschaftswachstum und weltweite Handelsbeziehungen der gesamten Menschheit ein Leben ohne Armut, Ungerechtigkeit und andere Beschwernisse ermöglicht werden könne. Dem Fortschritt in Wissenschaft und Technik war es zu verdanken, dass die Lebensbedingungen von Millionen besser waren als jemals zuvor. Durch weiteres Wachstum und internationalen Technologietransfer sollten in der ganzen Welt die Glücksversprechungen der westlichen, in der Tradition der Aufklärung stehenden Zivilisation erfüllt werden.

Heute weiß man, dass der hohe Lebensstandard der Industriegesellschaften seinen Preis hat. Die Wohlstandsgesellschaften haben riesige Mengen an Schadstoffen in Umlauf gebracht. Heute müssen wir uns darauf gefasst machen, dass uns die Rechnung für den jahrzehntelangen sorglosen Umgang mit der Umwelt präsentiert wird.

Durch weiteres Wachstum können diese Probleme nicht gelöst werden. Vielmehr ist das Wachstum selbst zum Problem geworden, weil der Lebensraum Erde ihm natürliche Grenzen setzt. Neue Technologien bieten Chancen, sind aber auch mit Risiken verbunden; spätestens mit der Entwicklung der Atombombe in den 1940er Jahren wurde deutlich, dass nicht alles, was technisch möglich ist, zwangsläufig auch gut sein muss.

Eng verknüpft mit den ökologischen Herausforderungen ist auch die Frage nach Gerechtigkeit und Frieden. Der internationale Terrorismus und die weltweite Migration zeigen: Keine Region der Erde kann dauerhaft ihre Probleme ohne die anderen – oder gar gegen deren Interessen – lösen. Es wird die große Aufgabe des 21. Jahrhunderts sein, die widerstrebenden Interessen von Staaten, Unternehmen und Bevölkerungsgruppen zu versöhnen, um im Hinblick auf künftige Generationen eine nachhaltige Entwicklung möglich zu machen.

Umweltverschmutzung: Ein weltweites Problem

Wann wurde der Müll zum Problem?

Mit den ersten Ortschaften entstanden um 9000 v. Chr. auch die ersten Müllkippen. Zu einem regelrechten Problem wurde die Abfallentsorgung aber erst ab dem 18. Jahrhundert: Mit dem starken Bevölkerungswachstum und der Industrialisierung wuchs die Abfallmenge in einem vorher nie gekannten Ausmaß. Als Anfang des 20. Jahrhunderts das Zeitalter der Massenproduktion begann, fielen immer größere Mengen an Müll an. Zugleich ließen neuartige technische Verfahren (z. B. in der chemischen Industrie) den Anteil der für die Umwelt problematischen Abfallstoffe (Giftmüll) in die Höhe schnellen.

Seit wann erzeugen wir »dicke Luft«?

In Deutschland wurde Luftverschmutzung erstmals in den 1980er Jahren zum Gegenstand einer breiten öffentlichen Diskussion, die Folgen (z. B. Ozonloch, Treibhauseffekt, Smog, saurer Regen) waren aber schon lange vorher zu beobachten. Bereits vor 250 Jahren bemerkte man, dass Tannen in der Nähe von Fabrikanlagen ihre Nadeln verloren und abstarben. Und die Einwohner Londons litten schon im 19. Jahrhundert an nasskalten Tagen unter einem neuartigen Nebel, der die Atmungsorgane reizte – dem Smog.

Vergleicht man heute die Zusammensetzung der Luft in Großstädten mit der Luft im Gebirge oder über dem offenen Meer, zeigt sich, dass Stadtluft etwa 500-mal stärker mit Schadstoffen belastet ist.

Was ist saurer Regen?

Der sog. saure Regen entsteht, wenn sich Schadstoffe wie Schwefeldioxid in der Luft mit Wasser verbinden. Aus diesen Verbindungen bilden sich Schwefel- und Salpetersäure, die den Regen sauer machen. Dieser schädigt Pflanzen und kann in stehenden Gewässern sogar ein Fischsterben auslösen.

Insbesondere den Wald schädigt Schwefeldioxid, das z. B. bei der Verbrennung von Kohle, Öl und Benzin entsteht. Schwefeldioxid und andere Schadstoffe greifen Bäume gleich aus zwei Richtungen an: Aus der Luft gelangen sie direkt in den Stoffwechselkreislauf der Bäume, in gelöster Form gehen sie als saurer Regen nieder und werden im Boden über die Baumwurzeln aufgenommen.

Übrigens: Obwohl in Deutschland der Schwefeldioxidausstoß gegenüber 1990 um weit über 90 % gesenkt werden konnte, ist der Anteil der deutlich geschädigten Bäume in dieser Zeit kaum zurückgegangen. Denn zum einen ist fraglich, ob sich einmal erkrankte Bäume überhaupt wieder erholen können. Zum anderen ist Luftverschmutzung ein überregionales Problem, da Schadstoffe in der Luft weite Strecken zurücklegen können.

Was lässt die Ozonschicht dünner werden?

Stickoxide und vor allem Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW), die in die Erdatmosphäre gelangen. Die Ozonschicht, die Pflanzen, Tiere und Menschen vor zu hoher UV-Strahlung schützt, befindet sich in einer Höhe von 20–35 km über der Erde. Im Winter 1979 stellten Forscher fest, dass die Ozonschicht über der Antarktis gefährlich dünn geworden war. Dieses »Ozonloch« wuchs danach stetig. Auch über der Arktis fanden Forscher ein solches Loch in der Ozonschicht.

Besonders die Bevölkerung Australiens leidet unter den Folgen: Aufgrund der starken UV-Strahlung in dieser Region ist die Wahrscheinlichkeit, an Hautkrebs zu erkranken, nirgendwo so hoch wie dort. Nachdem die Herstellung und Vermarktung von FCKW (das u. a. in Spraydosen verwendet wurde) seit 1996 in allen Industriestaaten verboten ist, verlangsamte sich die Ausdehnung des Ozonlochs und scheint inzwischen gebremst. Die komplette Rückbildung der Ozonschicht wird jedoch nach Expertenmeinung noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen.

Sind wir verantwortlich für den Klimawandel?

Sehr wahrscheinlich. Der jetzige Klimawandel, der sich immer häufiger durch Überschwemmungen, ungewöhnliche Hitzeperioden, Wirbelstürme u. a. bemerkbar macht, ist vorwiegend vom Menschen ausgelöst, zumindest verstärkt er den seit Jahrmillionen wirkenden natürlichen Treibhauseffekt – ohne diesen würde die Durchschnittstemperatur auf der Erde lebensfeindliche –18 °C betragen.

Verursacher des Treibhauseffekts sind Treibhausgase wie Kohlendioxid und Methan. Sie entstehen verstärkt bei der Verbrennung von Kohle, Erdöl oder Erdgas (z. B. in Kraftwerken oder durch Kraftfahrzeuge). Diese Gase verhindern, dass die Wärmestrahlung der Erdoberfläche ins Weltall entweichen kann. Die Wärme staut sich unterhalb der Erdatmosphäre, wodurch sich langfristig die Durchschnittstemperatur auf der Erde erhöht. Den Ausstoß an Treibhausgasen weltweit zu verringern, ist das wichtigste Ziel aller Maßnahmen zum nachhaltigen Klimaschutz. Ein Schritt in diese Richtung ist das 1997 verabschiedete sog. Kyoto-Protokoll, das 2005 in Kraft trat. Das Abkommen verpflichtet seine Mitgliedsstaaten zu einer Verringerung ihrer Emissionen von Treibhausgasen.

Welcher Schaden entsteht durch Rodung?

Das Abholzen großer Waldflächen, vor allem die Rodung der Regenwälder, schadet dem betroffenen Boden auf meist irreversible Weise. Ohne das Wurzelwerk von Bäumen und Büschen ist der Erdboden schutzlos Wind und Regen ausgeliefert. Die fruchtbaren oberen Bodenschichten werden durch Niederschläge und Stürme abgetragen (Bodenerosion). Man schätzt, dass seit den 1960er Jahren weltweit etwa ein Drittel der fruchtbaren Bodenflächen auf diese Weise zerstört wurde.

Die gerodeten Waldflächen fallen zudem in ihrer Funktion als »Lunge der Welt« (Abgabe von Sauerstoff, Aufnahme von Kohlendioxid) aus. Außerdem verlieren viele Tier- und Pflanzenarten ihren Lebensraum und sind somit vom Aussterben bedroht.

Sind auch die Meere gefährdet?

Ja. Angesichts ihrer Größe galten die Ozeane lange Zeit als unempfindlich gegenüber schädlichen Umwelteinflüssen. Aber auch die Meere können nur ein begrenztes Maß an Schadstoffen verkraften.

Bilder von ölverseuchten Küsten und verendeten Seevögeln zeigen nur die Spitze des Eisbergs. 80 % aller Schadstoffe im Meer stammen aus Flüssen und aus der Luft. Jährlich werden Millionen Tonnen Nahrungsmittel, Abwasser, Chemikalien und Bauschutt in die Meere geleitet. Zudem ist der Fischbestand in fast allen Meeresgebieten durch übermäßigen Fischfang kontinuierlich zurückgegangen. Durch Eingriffe des Menschen sind schon heute weltweit mehr als die Hälfte aller Korallenriffe und ein Drittel aller Fischarten stark gefährdet.

Neue Technologien: Chancen und Risiken

Warum ist die Nutzung der Kernenergie umstritten?

Ein Unfall in einem Kernkraftwerk wie 1986 in Tschernobyl kann viele Menschenleben kosten und ganze Landstriche verseuchen. Vor allem aber entsteht in Kernkraftwerken radioaktiver Abfall. Eine wirklich sichere Entsorgungsmethode für diesen Abfall gibt es nicht, da von verbrauchten Brennstoffen mehrere tausend Jahre lang schädigende Strahlung ausgehen kann. Die Wiederaufarbeitung ist zwar möglich, löst aber nicht das Problem der Entsorgung, weil dabei nur neues radioaktives Material erzeugt wird.

Bis in die 1980er Jahre galt die Kernenergie als Energiequelle der Zukunft. Im Vergleich zu Kohlekraftwerken erzeugen Kernkraftwerke relativ umweltschonend und mit wenig Aufwand eine große Menge an Energie. So liefert beispielsweise 1 g Uran dieselbe Energiemenge wie 2,7 t Steinkohle.

Was kann die Gentechnik leisten?

Der Medizin könnte die Gentechnik Heilungschancen für bislang unheilbare Krankheiten (z. B. Alzheimer) liefern. Die Untersuchung des Erbguts von Embryos vor dem Einpflanzen in die Gebärmutter (Präimplantationsdiagnostik, PID) könnte Paaren helfen, die befürchten, eine vererbbare Krankheit an ihre Kinder weiterzugeben.

Eingriffe in das Erbgut des Menschen verlangen aber zugleich ein großes Verantwortungsbewusstsein. Die Gentechnik wird uns vielleicht in die Lage versetzen, Kopien von Menschen (Klone) oder »maßgeschneiderte« Babys mit ganz bestimmten Eigenschaften (sog. Designer-Babys) herzustellen. Dieses Wissen könnte (z. B. zu politischen oder militärischen Zwecken) auch missbraucht werden.

In welchem Bereich ist Gentechnik an der Tagesordnung?

In der sog. grünen Gentechnik. Erklärtes Ziel ist hier, Organismen mit ganz bestimmten, erwünschten Eigenschaften zu produzieren, etwa Pflanzen, die besonders widerstandsfähig gegenüber Schädlingen sind. Um solche sog. transgenen Pflanzen zu erzeugen, werden bestimmte Gene aus anderen Pflanzen oder auch aus Bakterien in das Erbgut der Nutzpflanze eingeschleust.

Im Idealfall kann man beim Anbau transgener Pflanzen nicht nur auf chemische Pflanzenschutzmittel verzichten, sondern auch größere Ernteerträge erzielen und so das Problem der Nahrungsmittelknappheit wirkungsvoller als bisher bekämpfen. Kritiker befürchten jedoch, das Erbgut dieser Pflanzen könne sich auch in der natürlichen Pflanzenwelt ausbreiten. Eine solche Ausbreitung würde das empfindliche Gleichgewicht in der Natur stören und unabsehbare Folgen haben.

Bedroht jeder Fortschritt die Umwelt?

Nein, Technik kann auch eingesetzt werden, um die Umweltbelastung zu verringern. Diese sog. Umwelttechnik gilt angesichts drängender Umweltprobleme als Wachstumsbranche der Zukunft. Klassische Umwelttechnik bemüht sich vor allem darum, den Schadstoffausstoß von Fabriken und Müllverbrennungsanlagen durch entsprechende Filterverfahren zu verringern. Solchen Verfahren ist es zu verdanken, dass z. B. die Schadstoffbelastung der Luft in Deutschland seit Jahren abnimmt.

Die Grenzen des Wachstums

Was erschütterte den Glauben ans Wachstum?

Das Buch »Die Grenzen des Wachstums« (1972) erschütterte den Glauben, Wachstum und technischer Fortschritt könnten dauerhafte Garanten menschlichen Glücks sein.

Die Publikation, die sich als ein »Bericht zur Lage der Menschheit« versteht, erregte großes Aufsehen. Diese Untersuchung im Auftrag des Club of Rome zeichnete ein düsteres Bild von der Zukunft unserer Zivilisation: Anhaltendes Bevölkerungswachstum und beschleunigte Industrialisierung werden aufgrund von Nahrungsmittelknappheit, Umweltverschmutzung und Rohstoffverbrauch innerhalb der nächsten ca. 100 Jahre zu einem Zusammenbruch führen; Hunger, medizinische Unterversorgung und dramatische Sterberaten werden die Folge sein.

Diese Prognose war ein Schock, denn die Zeit seit der Industrialisierung war geprägt von einem rasanten technischen Fortschritt, mit Verbesserungen u. a. bei der Güterproduktion, Nahrungsmittelversorgung und Medizin. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen vor allem in der westlichen Welt Wohlstand und Lebensqualität weiter zu. Krisenanzeichen wie Umweltverschmutzung, Verelendung und soziale Unruhen in den reichen und Hungersnöte in den armen Ländern wurden für Übergangserscheinungen gehalten, die durch naturwissenschaftlich-technischen Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum bald überwunden werden könnten.

Wie kamen die Forscher zu dieser Prognose?

Mithilfe eines umfangreichen, zu diesem Zweck entwickelten sog. Weltmodells, für das sie per Computer zukünftige Entwicklungen vorausberechneten. Es enthält als die fünf wichtigsten Trends Industrialisierung, Bevölkerungswachstum, Unterernährung, Ausbeutung von Rohstoffreserven sowie Zerstörung des Lebensraums (Umweltverschmutzung) und zeigt die Zusammenhänge zwischen diesen und zahlreichen anderen Größen auf.

Warum werden die Grenzen so schnell erreicht?

Weil durch die exponentiellen (also immer schneller steigenden) Wachstumsraten der Bevölkerung und der Industrialisierung auch der Rohstoffverbrauch, der Nahrungsmittelbedarf und die Umweltverschmutzung exponentiell ansteigen.

Für diese drei Faktoren gibt es aber wegen der begrenzten Größe der Erde Obergrenzen: 1) das Vorkommen der nicht regenerierbaren Rohstoffe; 2) die Fähigkeit der Erde und ihrer Atmosphäre, Schadstoffe aufzunehmen; 3) die maximale landwirtschaftlich nutzbare Fläche; 4) das verfügbare Trinkwasser. Ist für einen Punkt die Grenze erreicht, dann wird auch die Bevölkerung oder der Grad der Industrialisierung (etwa durch Erschöpfung eines wichtigen Rohstoffs) zurückgehen und den jeweils anderen Bereich mitreißen.

Ist es sinnvoll, schon jetzt zu handeln?

Ja. Überall im »Weltsystem« gibt es Verzögerungsfaktoren, das heißt, Ursache und Wirkung treten nicht gleichzeitig auf. Ein neu geborenes Kind kann nicht sofort selbst Kinder bekommen; Maßnahmen der Gesundheitsfürsorge wirken sich nicht sofort aus; die Folgen von Umweltschäden machen sich oft erst viel später bemerkbar.

Von einem geordneten Rückgang z. B. der Umweltverschmutzung kann also keine Rede sein. Wenn in einem Bereich die Grenzen erreicht sind, dauert es eine Zeitlang, bis die Auswirkungen im vollen Umfang erkennbar werden. Gegenmaßnahmen wirken sich wiederum erst Jahre oder Jahrzehnte danach spürbar aus. Bis dahin nimmt die Umweltverschmutzung noch zu und auch die Bevölkerung wächst weiter, um dann einen Zusammenbruch zu erleiden, dem womöglich die gesamte Menschheit zum Opfer fällt.

Sind wir noch zu retten?

Um den Zusammenbruch zu verhindern, schlagen die Autoren von »Die Grenzen des Wachstums« vor, statt andauernden Wachstums ein Gleichgewicht anzustreben.

Sie halten dies für möglich, weisen aber darauf hin, dass innerhalb weniger Jahre damit begonnen werden müsse. Wegen der exponentiellen Wachstumsraten und der langen Verzögerungszeiten vermindere jedes Abwarten bei ungebremstem Wachstum die Chancen erheblich – ähnlich wie beim Beschleunigen eines Fahrzeugs der Bremsweg nicht proportional mit der Geschwindigkeit zunimmt, sondern im Quadrat zu ihr.

Übrigens: Gut dreißig Jahre nach »Die Grenzen des Wachstums« glaubt einer der Autoren, Dennis L. Meadows, dass es für eine dauerhaft tragbare Entwicklung zu spät sei: Die Weltbevölkerung ist seit 1970 von ca. 3,6 Mrd. auf über 6 Mrd. Menschen angewachsen. Die Umweltverschmutzung wurde nicht im notwendigen Maß reduziert. Die Zahl der von Armut, Hunger und Seuchen betroffenen Menschen steigt.

Wer verbirgt sich hinter dem »Club of Rome«?

Eine lockere Vereinigung von Wissenschaftlern, Wirtschaftsführern und Politikern aus aller Welt, die 1968 von dem italienischen Industriellen Aurelio Peccei (1908–84) gegründet wurde. Der Club of Rome will die globalen Probleme der Menschheit (z. B. Umweltzerstörung, Bevölkerungswachstum, Rohstoffverbrauch) analysieren und publik machen und so auf Veränderungen hinwirken, um einen dauerhaften Frieden auf Basis sozialer Gerechtigkeit und in Harmonie mit der Natur zu ermöglichen.

Rohstoffe und Energie: Sparen tut not

Was sind Rohstoffe?

Alle Bestandteile der Natur, die die Menschen gezielt für sich nutzen, werden als »Rohstoffe« oder als »(natürliche) Ressourcen« bezeichnet.

Wir alle sind täglich auf Rohstoffe angewiesen. Sie dienen uns als Nahrung und liefern Energie, sind Grundlage für die Produktion von Kleidung, Möbeln und Maschinen oder für den Bau von Häusern. Zu den natürlichen Ressourcen zählen so unterschiedliche Stoffe und Produkte wie Erdöl, Metallerze, Holz, Fisch und landwirtschaftliche Erzeugnisse, aber auch Wasser und Luft.

Man unterscheidet mineralische und organische Rohstoffe. Die mineralischen sind in geologischen Prozessen entstanden, die oft Jahrtausende oder sogar Jahrmillionen andauerten. Ihr Vorkommen ist daher auf absehbare Zeit begrenzt. Jeder Verbrauch einer Einheit dieser Rohstoffe, etwa eines Liters Heizöl, führt dazu, dass diese Einheit für eine künftige Nutzung nicht mehr zur Verfügung steht. Sie werden daher auch als nicht erneuerbare Rohstoffe bezeichnet.

Seit wann nutzen wir Rohstoffe?

So lange es uns gibt. Schon als Jäger und Sammler haben sich die Menschen mit Wildtieren oder Beeren Bestandteile der Natur angeeignet – und sich damit natürlicher Ressourcen bedient.

Bis heute entnehmen wir der Natur in großem Umfang Rohstoffe, zu deren Entstehung wir nichts beigetragen haben, z. B. beim Abbau von Metallerzen und fossilen Energieträgern oder in der Hochseefischerei. Auch wo wir mit dem Ackerbau die Produktion einst der Natur entnommener Stoffe selbst steuern, bleiben wir von natürlichen Ressourcen abhängig: von einem gesunden Boden und seiner Fähigkeit, dauerhaft Nutzpflanzen hervorbringen zu können.

Heißt erneuerbar auch unbegrenzt?

Die sog. erneuerbaren Rohstoffe können theoretisch unendlich lange genutzt werden, wenn die Menschen der Natur immer nur so viel entnehmen, dass der Bestand (z. B. in Wäldern oder Fischschwärmen) nachwachsen und sich so erhalten kann.

Die Erfahrung zeigt jedoch, dass es den Menschen schwerfällt, sich auf dieses Maß zu beschränken. Ein anschauliches Beispiel ist die Hochseefischerei, die durch zu intensive Befischung schon einige Arten an den Rand des Aussterbens gebracht hat.

Warum sind Rohstoffe Wirtschaftsgüter?

Weil sie nicht unbegrenzt vorhanden sind. Natürliche Ressourcen waren im Verlauf der Menschheitsgeschichte zumeist knapp; sie mussten mühselig gewonnen werden und waren nicht selten umkämpft.

Mithilfe des technischen Fortschritts glaubte man, diese Knappheit überwinden zu können. Spätestens die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts brachte jedoch ernüchternde Erkenntnisse: Wichtige nicht erneuerbare Ressourcen drohen zur Neige zu gehen; unzählige Tier- und Pflanzenarten sterben aus; Böden, Gewässer und die Atmosphäre stoßen an die Grenzen ihrer Fähigkeit, Schadstoffe aufzunehmen. Als Konsequenz daraus fordern Umweltschützer einen schonenden Umgang mit den natürlichen Ressourcen und ihre nachhaltige Nutzung.

Wann versagt der Markt?

Wenn die Marktpreise nicht die Knappheit von Rohstoffen berücksichtigen und aus diesem Grund »zu niedrig« sind, um Verschwendung zu vermeiden.

Nach der Theorie der Marktwirtschaft sollte sich auf einem funktionierenden Markt durch das freie Spiel von Angebot und Nachfrage für jedes Produkt der Preis ergeben, zu dem die volkswirtschaftlich wünschenswerte Menge abgesetzt wird. Je knapper ein Gut ist, desto mehr übersteigt die Nachfrage das Angebot, der Preis steigt. Gerade diese Indikatorfunktion der Preise – hohe Preise zeigen Verknappung an und locken neue Anbieter, niedrige Preise zeigen Überproduktion an und schrecken Anbieter ab – macht die Marktwirtschaft so viel erfolgreicher als andere Wirtschaftssysteme.

Bei der Bewertung von natürlichen Ressourcen allerdings funktioniert dieser Mechanismus oft nicht. Obwohl zahlreiche nicht erneuerbare Rohstoffe knapp sind, da sie bei weiterhin hohem Verbrauch innerhalb von Jahrzehnten oder wenigen Jahrhunderten zur Neige gehen, sind ihre Preise eher niedrig. Weil spätere Generationen die heutige Nachfrage noch nicht beeinflussen, bleiben ihre Interessen unberücksichtigt.

Kaum besser ist es bei den erneuerbaren Ressourcen, obwohl diese bei übermäßiger Nutzung, z. B. bei der Überdüngung von Kulturland, oft noch schneller zur Neige gehen.

Was tun gegen Marktversagen?

Dazu bieten sich verschiedene Maßnahmen an, die darauf hinauslaufen, den Verbrauch von Rohstoffen zu verteuern. Beispielsweise soll eine hohe Besteuerung des Rohstoffverbrauchs (etwa durch die Ökosteuer) gewerbliche und private Nutzer zu sparsamem Umgang mit der Ressource verleiten, ohne dass die erhöhten Preise den Verkäufern einen Anreiz zur Erhöhung der Fördermenge geben. Der Staat lässt sich quasi als Interessenvertreter kommender Generationen den Verbrauch unwiederbringlicher Rohstoffe vergüten; der heute verursachte, sich aber erst später auswirkende Schaden erhält dadurch eine marktmäßige Bewertung.

Neben marktwirtschaftlichen Methoden gibt es auch Versuche, den Rohstoffverbrauch durch gesetzliche Regelungen und zwischenstaatliche Abkommen einzuschränken.

Schonen Monopole unsere Ressourcen?

Unter Umständen. Beim Umgang mit natürlichen Ressourcen wie etwa einem Fischbestand führt gerade der Konkurrenzdruck der Marktteilnehmer zu Verschwendung, weil jeder der Überfischung bzw. der Ausbeutung der Ressource durch die anderen zuvorkommen will. Gehört die Rohstoffquelle einem Monopolisten, also einem Einzelnen, wird der Bestandserhalt der Ressource eher seinem wirtschaftlichen Interesse entsprechen.

Wie abhängig sind wir von Energie?

Nicht nur in der Industrie, auch in der Landwirtschaft und im Dienstleistungsbereich funktioniert fast nichts mehr ohne Strom, Öl, Gas oder Kohle. Straßen und Wohnungen sind bei Bedarf beleuchtet, wir verfügen jederzeit über heißes Wasser, Heizung, Fernseher, Computer und Kochgelegenheit, unsere Autos können wir rund um die Uhr betanken. Den Energiebedarf decken zum großen Teil fossile Energieträger wie Öl, Gas und Kohle.

Neben dem hohen Verbrauch an erschöpflichen Ressourcen belastet auch unser großer Energiebedarf die Umwelt, etwa durch Schadstoffe. Die Hoffnungen der Umweltschützer liegen auf erneuerbaren (oder regenerativen) Energien; darunter versteht man alle Energieformen, die ohne Rohstoffverbrauch gewonnen werden, vor allem aus Wasserkraft, Wind, Sonne und Erdwärme.

Übrigens: Anders gelagert sind die ökologischen Folgen der Nutzung der Kernenergie. Sie verursacht zwar keine den fossilen Brennstoffen vergleichbaren Emissionen, hinterlässt aber Abfallstoffe, die über Jahrtausende hinweg radioaktive Strahlung abgeben.

Kommen wir ohne Öl, Gas und Kohle aus?

Bislang nicht. 2004 wurde der Energieverbrauch Deutschlands zu ca. 83,6 % durch die fossilen Energieträger Mineralöl (36,4 %), Erdgas (22,4 %), Steinkohle (13,4 %) und Braunkohle (11,4 %) bestritten. Die Kernenergie, die fast ausschließlich zur Stromerzeugung genutzt wird, machte etwa ein Achtel des gesamten Energieverbrauchs (12,6 %) aus. Der Anteil erneuerbarer Energien steigt zwar seit einigen Jahren, deckt aber immer noch lediglich einen kleinen Teil unseres Energiebedarfs (2004: rd. 3,7 %).

Warum müssen wir Energie sparen?

Umweltschonende Energieformen werden fossile Brennstoffe auf lange Sicht nicht im gleichen Maß ersetzen können. Um die natürlichen Ressourcen zu schonen, ist daher ein sparsamer Umgang mit Energie notwendig. Technische Verbesserungen, können dabei helfen. Entscheidend wird aber sein, ob wir unsere Denk- und Lebensgewohnheiten ändern. Sind wir bereit, die Umweltverträglichkeit eines Produktes in unser Kaufverhalten einfließen zu lassen? Werden wir bei öffentlichen Investitionen und Maßnahmen heute schon die langfristige Rohstoff- und Energiebilanz im Auge haben? Können wir also im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung unsere Vorstellungen von Wirtschaftlichkeit, Solidarität, Gerechtigkeit u. a. jeweils durch die Perspektive auf zukünftige Generationen ergänzen?

Ist die Umwelt ein Rohstoff?

Betrachtet man ihre Fähigkeit, Schadstoffe aufzunehmen, kann man unsere Umwelt als eine (erneuerbare) natürliche Ressource betrachten. Luft, Gewässer und Boden, aber auch die Lebewesen einschließlich des Menschen selber, sind ständig Schadstoffen ausgesetzt und nehmen diese in sich auf. Bis zu einem gewissen Grad ist unser Ökosystem in der Lage, diese Schadstoffe ohne größere Störungen zu verkraften und z. T. sogar wieder langsam abzubauen. Wird jedoch durch eine zu große Belastung das Gleichgewicht ernstlich gestört, können die Folgen (z. B. Klimaveränderung; »Umkippen« eines Sees) schwerwiegend und irreversibel (nicht mehr rückgängig zu machen) sein.

Wussten Sie, dass …

Wasserkraftwerke nicht nur an Flüssen aus der Kraft des durchfließenden Wassers Strom gewinnen, sondern auch am Meer (Gezeitenkraftwerke) und im Gebirge, wo der Höhenunterschied (Fallhöhe des Wassers) genutzt wird?

Sonnenenergie außer durch Solarzellen (Photovoltaik) in Gebieten mit ganzjährig hoher Sonneneinstrahlung auch durch Solarkraftwerke genutzt werden kann, die durch Sonnenwärme Wasserdampf erzeugen, der eine Turbine zur Stromerzeugung antreibt?

Erdwärme besonders in vulkanisch aktiven Gebieten mit vielen heißen Wasser- und Dampfquellen (z. B. Island) der Energiegewinnung dient?

auch Biodiesel zu den regenerativen Energien zählt, obwohl seine Verbrennung mit dem Ausstoß von Kohlendioxid verbunden ist? Biodiesel wird meist aus eigens dafür angebautem Raps gewonnen; bei seiner Verbrennung wird exakt so viel Kohlendioxid freigesetzt (und Sauerstoff verbraucht), wie während der Wachstumsphase der Luft entzogen (bzw. Sauerstoff freigesetzt) wurde.

Was ist Recycling?

Die Wiederverwertung von Abfällen zur Herstellung neuer Produkte. Die zurückgewonnenen Rohstoffe nennt man auch Sekundärrohstoffe. Durch Recycling steigt der Rohstoffbedarf der Industrieländer seit Jahren deutlich weniger an als die industrielle Produktion. In Deutschland wird der Bedarf an Papier, Glas und einigen Metallen bereits zu mehr als der Hälfte durch Recycling gedeckt.

Umweltpolitik: Lebensgrundlagen erhalten

Beschäftigt sich die Wirtschaftswissenschaft auch mit der Umwelt?

Ja. Die sog. Umweltökonomie untersucht die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und natürlicher Umwelt.

Die Umwelt steht – als Rohstofflieferant und mehr noch als Aufnahmemedium für Schadstoffe – vielfach unentgeltlich zur Verfügung. Daher werden Unternehmen und Haushalte, die z. B. (Auto-)Abgase in die Atmosphäre leiten, mit den dadurch verursachten Schäden nicht belastet. Die Kosten tragen andere bzw. die Allgemeinheit. Aus Sicht des Verursachers handelt es sich um externe Effekte; das bedeutet, dass die Folgen außerhalb seines (finanziellen) Verantwortungsbereichs entstehen.

Ziel der Umweltökonomie ist es, diese Schäden zu bewerten, um die Kosten zu internalisieren, also den Verursachern aufbürden zu können (»Internalisierung externer Effekte«). Erst wenn die Güterpreise – etwa für einen Liter Kraftstoff, ein Flugticket oder ein Kilogramm Rindfleisch – auch die Knappheit des von ihnen verbrauchten Faktors Umwelt widerspiegeln, kann der Markt über das Spiel von Angebot und Nachfrage zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Natur beitragen.

Verhindern Auflagen Umweltverschmutzung?

Durchaus. Der Vorteil dieses recht einleuchtenden Weges ist, dass so die maximale Belastung etwa einer Region oder eines Gewässers festgelegt werden kann. Von den drei wichtigen umweltpolitischen Instrumenten – Auflagen, Abgaben und Zertifikate – sind Auflagen politisch am leichtesten durchzusetzen und daher in der Praxis am häufigsten anzutreffen.

Doch haben Auflagen auch einen gravierenden Nachteil: Da sich etwa festgelegte Höchstwerte am gegenwärtigen Stand der Technik (z. B. der Qualität von Filteranlagen) orientieren, besteht zu einer weiter reichenden Verminderung des Schadstoffausstoßes kein Anreiz mehr. Im Gegenteil: Da technische Umrüstung mit Ausgaben verbunden ist, werden Verbesserungen in der Umwelttechnologie (die eine Senkung der Grenzwerte bewirken könnten) sogar eher blockiert werden.

Welche Vorteile haben Umweltabgaben?

Abgaben, deren Höhe sich nach der emittierten Schadstoffmenge richtet, verteuern umweltbelastende Aktivitäten für den Verursacher und folgen somit dem Prinzip, externe Effekte zu internalisieren. Damit wird zwar kein Höchstwert für einen Produktionsbetrieb oder eine Region angesteuert, aber für die Unternehmen besteht so der Anreiz, durch technische Innovationen die Abgabenlast immer weiter zu reduzieren.

Wozu dienen Verschmutzungszertifikate?

Dieses umweltpolitische Instrument will die Vorteile von Auflagen und Abgaben bündeln. Dazu wird z. B. für eine Region und einen Schadstoff jeweils ein maximaler Emissionswert festgelegt. Das Recht, einen Teil dieser Emission verursachen zu dürfen, wird auf die ansässigen Unternehmen verteilt – etwa durch Versteigerung oder durch Zuweisung.

Zertifikate ermöglichen die Festlegung eines maximalen Emissionswertes, bieten aber trotzdem Anreize, die Emissionen weiter zu reduzieren, um weniger Zertifikate halten zu müssen. Nachteile der Zertifikate sind u. a. die Gefahr, dass bei der Vergabe politische Ränkespiele entscheiden oder dass sie von einem Unternehmen nur deshalb beansprucht (und zur Rechtfertigung des Anspruchs mit an sich unnötigen Emissionen »unterfüttert«) werden können, um potenzielle Konkurrenten vom Markt fernzuhalten.

Ist technischer Fortschritt hilfreich?

Obwohl der Fortschritt allein die Umweltprobleme nicht lösen kann und sie oft erst erzeugt hat, kann gerade die Umweltpolitik auf ihn nicht verzichten.

Auch die Autoren von »Die Grenzen es Wachstums« heben hervor, dass z. B. eine Ausweitung der Lebensmittelproduktion oder die Senkung von Schadstoffemission zwar die die prinzipielle Begrenztheit des Wachstums nicht abschalten können; aber womöglich können sie den ökologischen Zusammenbruch hinauszögern, um der Menschheit Zeit für den Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise zu verschaffen.

Technische Verbesserungen in diesem Sinne wären etwa neue Methoden zur Vermeidung, Wiederverwertung oder Entgiftung von Abfällen und zum Recycling von Rohstoffen. Wünschenswert wäre auch eine erhöhte Nutzungsdauer und verbesserte Reparaturfähigkeit von Produkten, Methoden zur natürlichen Schädlingsbekämpfung, Fortschritte in der Medizin und bei der Empfängnisverhütung oder die effektivere Nutzung regenerativer Energien.

Was ist eigentlich ...

ökologische Ökonomie? Eine Richtung der Umweltökonomie, die Voraussetzungen einer nachhaltigen Entwicklung untersucht. Das bedeutet u. a., die Nutzung nicht erneuerbarer Rohstoffe möglichst weitgehend zu reduzieren und erneuerbare Rohstoffe nur in dem Maß zu nutzen, wie es ihre Regeneration nicht gefährdet.

Nachhaltigkeit? Als nachhaltige Entwicklung (englisch sustainable development) wird ein Prinzip der Entwicklungs-, Umwelt- und Wirtschaftspolitik bezeichnet, das die Lebensqualität in der Gegenwart verbessern will, ohne damit die Lebenschancen und den Handlungsspielraum zukünftiger Generationen zu beeinträchtigen. Ursprünglich ein Prinzip aus der Forstwirtschaft, besagt der Begriff Nachhaltigkeit, dass nur so viel Holz geerntet werden darf, wie auch nachwachsen kann.

Bevölkerungswachstum und Migration: Probleme mit Zukunft

Seit wann wächst die Weltbevölkerung so schnell?

Etwa ab dem 18. Jahrhundert führten Fortschritte in der Medizin und bessere Lebensbedingungen dazu, dass die Bevölkerungszahlen überall auf der Welt stiegen.

Zuvor hatten Mangelernährung, Kriege und schlechte hygienische Bedingungen dafür gesorgt, dass die Zahl der Menschen über Jahrhunderte hinweg relativ gleich blieb. Um Christi Geburt lebten etwa 300 Mio. Menschen auf der Erde – und daran hatte sich auch 1600 Jahre später nur wenig geändert. Aber schon um 1800 erreichte die Zahl der Menschen die Milliardengrenze. Um 1900 lebten bereits 1,5 Mrd. Menschen auf der Welt, 1950 waren es 2,5 Mrd. Derzeit bevölkern über 6 Mrd. Menschen unseren Planeten.

Bis 2050 werden nach Schätzungen der UNO mehr als 2 Mrd. Menschen hinzukommen. 2100 wird es vermutlich über 9 Mrd. Menschen auf der Erde geben.

Welche Folgen hat das Bevölkerungswachstum für die Umwelt?

Es stellt eine große Belastung dar. Insbesondere die Notwendigkeit, den wachsenden Bedarf an Lebensmitteln und Energie zu decken, wird zu einer zunehmenden Bedrohung für den Lebensraum Erde.

Das Problem wird dadurch verschärft, dass seit den 1950er Jahren ein Großteil des weltweiten Bevölkerungswachstums auf die Entwicklungsländer entfällt. In fast allen diesen Ländern sind Wasser und Boden – zwei Grundvoraussetzungen für die Erzeugung von Nahrungsmitteln – knapp. Weil es ums blanke Überleben geht, kann auf ökologische Bedenken kaum Rücksicht genommen werden. So wurden nach UNO-Angaben in der ersten Hälfte der 1990er Jahre ohne Ersatzaufforstung ca. 11 Mio. ha Wald, der für die Klimaregulierung wichtig ist, gerodet, um Brennholz zu gewinnen oder um auf den gerodeten Gebieten Ackerbau und Viehzucht zu betreiben.

Verändert der Fortschritt den Lebensstandard?

Für einen kleinen Teil der Menschen, besonders in den Industrieländern, sicherlich. Die Mehrheit auf dieser Welt kämpft jedoch nach wie vor hauptsächlich gegen Hunger und Armut. Man schätzt, dass heute weltweit fast 1 Mrd. Menschen unter den Folgen unzureichender Ernährung leiden.

Dabei würde die Menge der weltweit hergestellten Nahrungsmittel schon heute ausreichen, um alle Menschen zu ernähren. Jedoch haben von den Ertragssteigerungen in der Landwirtschaft seit den 1960er Jahren (sog. Grüne Revolution) vor allem die westlichen Wohlstandsgesellschaften profitiert, wo heute ein Überangebot an billigen Nahrungsmitteln herrscht und sogar Überschüsse (z. B. Getreide) entsorgt werden müssen.

Warum wandern Menschen aus?

Vielfach können die Menschen ihr durch Armut, Hunger, Kriege oder Verfolgung gefährdetes Überleben nur sichern, wenn sie ihre Heimat verlassen.

Die Flüchtlingshilfsorganisation der UNO (UNHCR) schätzt, dass im 20. Jahrhundert insgesamt mehr als 200 Mio. Menschen aus diesen Gründen ihre Heimat verließen. Das Wachstum der Weltbevölkerung und die daraus resultierenden Probleme (z. B. Hunger, Wasserknappheit) könnten nach Ansicht von Experten zukünftig zu Flüchtlingsbewegungen führen, deren Ausmaß den Stand des 20. Jahrhunderts weit übertreffen.

Seit wann gibt es Migration?

Migration ist kein Phänomen der Neuzeit. Im 4. Jahrhundert löste z. B. der Einfall der Hunnen in Osteuropa die sog. Große Völkerwanderung aus, eine der bedeutendsten Wanderungsbewegungen Europas, in deren Verlauf u. a. das Weströmische Reich zerfiel.

Als Migration (von lateinisch migrare: ausziehen, auswandern) bezeichnet man jede räumliche Wanderungsbewegung, durch die sich der Wohnort eines Menschen dauerhaft ändert. Flucht ist streng genommen nur ein Sonderfall der Migration. Da aber die meisten Menschen ihre Heimat nicht ohne triftigen Grund verlassen, werden Migration und Flucht häufig gleichgesetzt.

Aus rechtlicher Sicht macht es einen Unterschied, weshalb jemand flieht bzw. in ein Land einreisen möchte. Einen Anspruch auf Asyl haben nur Menschen, denen wegen ihrer politischen Haltung, ihrer Abstammung oder ihrer religiösen Überzeugung im Heimatland Gefahr droht. Das bedeutsamste internationale Vertragswerk zum Status von Flüchtlingen ist die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951. In Deutschland ist das Recht auf Asyl darüber hinaus in Artikel 16a des Grundgesetzes verankert.

Wussten Sie, dass …

nach Schätzungen der UNO 2025 rd. 60 % der Weltbevölkerung in Großstädten leben werden – ein doppelt so großer Anteil wie in den 1950er Jahren?

sich die Zahl der Menschen im Großraum Mexiko-Stadt (ca. 18 Mio. Einwohner) seit 1950 versechsfacht hat?

der weltweite Wasserverbrauch nach Schätzungen der Weltwasserkommission in den nächsten 30 Jahren um 50 % steigen wird?

schon heute in vielen Entwicklungsländern ein Mangel an nutzbaren Bodenflächen besteht?

Geht uns das Wasser aus?

Im Jahr 2025 wird die Hälfte der Weltbevölkerung unter hochgradigem Wassermangel leiden. In etwa 30 Staaten – besonders in Nordafrika, im Nahen Osten und in Westasien – wird die Wasserknappheit ein lebensbedrohliches Ausmaß erreichen. Der Kampf um Wasservorkommen könnte in diesen Regionen sogar zu militärischen Auseinandersetzungen führen.

Der Nord-Süd-Konflikt: Entwicklung gegen Armut

Was bedeutet »Nord-Süd-Konflikt«?

Als Nord-Süd-Konflikt wird das Entwicklungs- und Verteilungsgefälle zwischen den meist nördlich gelegenen Industriestaaten und den zum Großteil im südlichen Teil der Welt befindlichen Entwicklungsländern bezeichnet.

Experten sehen aufgrund dieses Gefälles für das 21. Jahrhundert Verteilungskämpfe um die weltweit knappen Ressourcen (z. B. Nahrungsmittel, sauberes Trinkwasser) voraus, zumal in den Entwicklungsländern vier Fünftel der Weltbevölkerung leben.

Was sind seine Ursachen?

Viele Entwicklungsländer sind ehemalige Kolonien der europäischen Großmächte. Nach ihrer Entlassung in die Unabhängigkeit besaßen sie oft keine funktionierende Verwaltung mehr, ihre Rohstoffressourcen waren teilweise ausgebeutet. Außerdem ist das nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Weltwirtschaftssystem vornehmlich auf die Bedürfnisse der Industriestaaten zugeschnitten.

Der Konflikt zeigte sich erstmals 1962 deutlich, als die Entwicklungsländer auf der Konferenz von Kairo die Forderung nach einem internationalen Wirtschaftsgremium mit gerechter Beteiligung der Entwicklungsländer erhoben. 1964 fand die erste Konferenz der UNO für Welthandel und Entwicklung (UNCTAD) statt.

Ist Ungerechtigkeit auch ein Umweltproblem?

Die Folgen der Armut in den Entwicklungsländern treffen, etwa durch umweltschädliche Produktionsweisen, die gesamte Menschheit. Im Sinne einer nachhaltigen Umweltpolitik muss also auch die soziale Schieflage korrigiert werden. Wohlstand und Zukunftschancen müssen gerechter verteilt werden. Eine nachhaltige Entwicklung kann nur dann gelingen, wenn den Entwicklungsländern die Chance eingeräumt wird, ihre Lage zu verbessern.

Was besagt das Lomé-Abkommen?

1975 vereinbarte die Europäische Gemeinschaft in Lomé (Togo) eine Zusammenarbeit mit 46 sog. AKP-Staaten (Entwicklungsländer aus Afrika, der Karibik und dem Pazifikraum). Diese erhielten u. a. finanzielle Hilfen, zinsgünstige Darlehen sowie Zoll- und Abgabenfreiheit für ihre Produkte.

Bis ins Jahr 2000 wurde dieses Abkommen – mit einer wachsenden Anzahl AKP-Staaten – noch dreimal verlängert (»Lomé I–IV«). Im Juni 2000 unterzeichneten die Europäische Union und 77 Entwicklungsländer in Cotonou (Benin) das Folgeabkommen von Lomé. Im Cotonou-Abkommen (Laufzeit: 20 Jahre) wurde bilateraler Freihandel vereinbart. Die beteiligten AKP-Staaten sollen Wirtschaftshilfe erhalten und verstärkt mit der EU kooperieren.

Was will Entwicklungspolitik?

Entwicklungspolitik dient vor allem dazu, die Grundbedürfnisse der Menschen nach Nahrung, sauberem Wasser und Wohnung zu befriedigen sowie die Armut abzubauen. Nach heutigem Verständnis versteht sich Entwicklungshilfe als »Hilfe zur Selbsthilfe«.

In den 1950er Jahren ging es den Industriestaaten vor allem darum, durch Kapitalzufuhr die Industrialisierung in den Entwicklungsländern zu fördern und das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Dabei übersahen sie, dass in diesen Staaten kaum Industrie vorhanden war. Der dort vorherrschende Wirtschaftssektor, die Landwirtschaft, wurde durch diese Förderung vernachlässigt.

Schon in den 1970er Jahren war offenkundig, dass der Großteil der Bevölkerung in der Dritten Welt weiterhin in Armut lebte. Die Entwicklungsländer forderten daher eine stärkere Beteiligung an Entscheidungsprozessen in der Weltwirtschaft.

Wann begann die Schuldenkrise?

In den 1980er Jahren. Damals waren die Entwicklungsländer immer weniger in der Lage, ihre bei internationalen Organisationen wie der Weltbank und bei anderen Staaten aufgenommenen Kredite zu tilgen. Einige Staaten wurden zahlungsunfähig – das Wort von der Schuldenkrise machte die Runde. Industriestaaten drohten, keine neuen Kredite mehr zu geben. Nur durch Umschuldung und Anfang des 21. Jahrhunderts mit bilateralen und internationalen Abkommen über einen Schuldenerlass, z. B. 2005 für 18 Entwicklungsländer in Höhe von 40 Mrd. US-Dollar, konnte ein Zusammenbruch der Wirtschaft in den betroffenen Ländern abgewendet werden.

Ist Entwicklungshilfe an Bedingungen geknüpft?

Ja. Seit den 1990er Jahren fordern die Geberländer verstärkt, die Vergabe von Entwicklungshilfe an die Einhaltung der Menschenrechte zu binden. Auch wurde eine nachhaltige Entwicklung im Sinne der Bedürfnisse künftiger Generationen gefordert. Die Weltbank koppelt ihre Kreditzusagen vermehrt an die Forderung nach Wirtschafts- und Finanzreformen. Weitere Ziele sind eine Eindämmung der Fluchtbewegungen von Süd nach Nord und eine Bekämpfung des gegen den Westen gerichteten internationalen Terrorismus.

Übrigens: Vor dem Hintergrund der Globalisierung sind die Entwicklungsländer für die Industriestaaten mittlerweile nicht nur wichtige Rohstofflieferanten, sondern auch interessante Handelspartner. Die Industrienationen, aber auch internationale Organisationen setzten sich daher dafür ein, die Wirtschaft in diesen Ländern nach marktwirtschaftlichen Prinzipien umzugestalten.

Wo liegt die »Dritte Welt«?

Nach dem Zweiten Weltkrieg war dies zunächst eine Bezeichnung für alle Länder, die keinem der beiden Machtblöcke unter Führung der USA bzw. UdSSR angehörten. Seit den 1950er Jahren vertraten diese Staaten unter dem Namen »Dritte Welt« zunehmend gemeinsam ihre Interessen. Heute spricht man in der Regel von »Entwicklungsländern«. So werden Staaten – vor allem aus Afrika, Asien und Lateinamerika – mit einem im Vergleich zu den Industrieländern niedrigen Entwicklungsstand bezeichnet. Häufige Merkmale sind z. B. niedriges Pro-Kopf-Einkommen, hohe Analphabetenquote und eine geringe Lebenserwartung.

Die Dienstleistungsgesellschaft: Vernetzt, mobil, stets erreichbar

Was ist eine Dienstleistungsgesellschaft?

Eine Gesellschaft, in der der Dienstleistungssektor (tertiärer Sektor) der beherrschende Wirtschaftsbereich ist. Als Merkmal kann gelten, dass im Dienstleistungsbereich mehr als die Hälfte der Erwerbspersonen beschäftigt ist und mehr als die Hälfte der Bruttowertschöpfung einer Volkswirtschaft erwirtschaftet wird.

In den USA sind bereits seit Anfang der 1990er Jahre über 70 % der Erwerbstätigen im Dienstleistungssektor beschäftigt. Viele europäische Staaten überschritten diese Marke wenige Jahre später. In Deutschland arbeiteten Anfang 2006 nach Angaben des Statistischen Bundesamts 72,5 % der Beschäftigten im tertiären Sektor.

Wann sind die Dienstleistungsgesellschaften entstanden?

Ab Mitte des 20. Jahrhunderts, als sich in allen Industriegesellschaften ein tief greifender Wandel der Arbeits- und Lebenswelt vollzog. Die in diesem Verlauf entstandenen Dienstleistungsgesellschaften nennt man daher auch postindustrielle (also nach-industrielle) Gesellschaften.

In Deutschland etwa stellen die Dienstleistungsbereiche heute fast doppelt so viele Arbeitsplätze wie vor 40 Jahren. Gleichzeitig ging der Bedarf an Arbeitskräften im Bereich der Industrie, u. a. bedingt durch immer leistungsfähigere Maschinen und zweckmäßigere Arbeitsabläufe, zurück.

Übrigens: Der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft war bereits die zweite große Veränderung innerhalb weniger Generationen. Noch nie in der Geschichte haben sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen so schnell und grundlegend verändert wie in den letzten 200 Jahren. Um 1800 lebte die große Mehrheit der europäischen Bevölkerung noch von der Landwirtschaft. Bereits 100 Jahre später hatte sich dieses Bild vollständig gewandelt: Um 1900 prägten Fabriken das Leben in den stetig wachsenden Städten, die Industrie war zum wichtigsten Beschäftigungszweig geworden.

Warum hat die Industrie an Bedeutung verloren?

Die industrielle Fertigung von Produkten stieß an Wachstumsgrenzen, die für Dienstleistungen in diesem Sinne nicht galten.

Durch die Industrialisierung ließen sich Güter in hoher Stückzahl zu günstigen Preisen produzieren. Die Vorteile technischer Erfindungen (z. B. Telefon, Glühlampe, Radio) kamen erstmals in der Geschichte auch ärmeren Bevölkerungsschichten zugute.

Doch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren in den reichen Industriegesellschaften Sättigungsgrade erreicht, es fand Überproduktion statt. Weiteres Wachstum versprach der Dienstleistungssektor. Bei Dienstleistungen finden in der Regel Produktion und Konsum gleichzeitig statt. Eine Grenze zur »Überproduktion« ist noch nicht absehbar.

Was versteht man unter einer Informationsgesellschaft?

Eine Dienstleistungsgesellschaft neueren Typs. Der Begriff soll ausdrücken, dass innerhalb des Dienstleistungssektors die Informationsverarbeitung und die Kommunikation gegenüber den »klassischen« Bereichen wie Handel und Banken an Gewicht gewonnen haben – und dass ein Fortgang dieser Entwicklung erwartet wird.

Elektronische Medien wie Computer, Handy und Internet prägen mittlerweile unser Privat- wie Berufsleben. In den meisten Büros sind Bildschirm und Tastatur an die Stelle von Papier und Stift getreten. Informationen jeder Art – Bilder, Töne oder Texte – können via Internet innerhalb kurzer Zeit an die entlegensten Punkte des Erdballs übermittelt werden. Ständig erreichbar zu sein und jederzeit Zugriff auf Informationen zu haben, gilt heute als selbstverständlich und ist eine wichtige Voraussetzung für beruflichen Erfolg. Aus diesem Grund werden postindustrielle Gesellschaften auch als Informations- oder Mediengesellschaften bezeichnet.

Wie sieht die Gesellschaft der Zukunft aus?

Die postindustrielle Gesellschaft der Zukunft wird eine hochgradig vernetzte Dienstleistungsgesellschaft sein, in der Informationsmedien eine noch größere Rolle spielen als bisher. Nach Ansicht vieler Experten wird diese Entwicklung zur Entstehung der sog. Wissensgesellschaft führen, einer Gesellschaftsform, in der Wissen und Bildung den Erfolg des Einzelnen, aber auch der Gesellschaft als Ganzes bestimmen.

Boomen alle Dienstleistungen?

Nicht gleichermaßen. So ist der Anteil der Beschäftigten im Handel in den letzten Jahrzehnten nicht mehr stark gestiegen. Banken und Versicherungen hingegen verzeichneten in dieser Zeit einen deutlichen Zuwachs.

Immer wieder gewinnen auch neue Dienstleistungsbranchen an Bedeutung. Neue Bedürfnisse (z. B. größerer Pflegebedarf wegen eines höheren durchschnittlichen Lebensalters) und neue technische Möglichkeiten, vor allem im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik, verändern das Gesicht der postindustriellen Gesellschaft immer weiter.

Wissen: Der Rohstoff der Zukunft

Warum ist Bildung so wichtig?

Weil sich mit der Entstehung der Dienstleistungsgesellschaft der Arbeitsmarkt gewandelt hat.

Zwar galt zu allen Zeiten, dass Menschen mit guter Bildung auf dem Arbeitsmarkt bessere Chancen und größere Aussicht auf sozialen Aufstieg hatten. Allerdings fanden in der Agrar- und der Industriegesellschaft auch Menschen mit geringer Bildung ihr Auskommen, z. B. als Land- oder Fabrikarbeiter.

In den letzten Jahrzehnten ist die Zahl der Arbeitsplätze, für die man eine Ausbildung oder ein Studium braucht, stetig gestiegen, während die Beschäftigung von Personen ohne Berufsausbildung immer stärker zurückgeht. Dieser Trend wird sich in der Wissensgesellschaft weiter verstärken. Auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft wird eine gute Grundbildung selbst für einfache Arbeiten eine wichtige Voraussetzung sein. In allen Wirtschaftsbereichen wird die Bedeutung der Informations- und Kommunikationsmedien zunehmen.

Wie wird sich unser Arbeitsalltag verändern?

Bereits heute zeichnen sich grundlegende Veränderungen der Arbeitswelt ab: Immer weniger Menschen sind über Jahrzehnte hinweg am selben Arbeitsplatz für ein bestimmtes Aufgabengebiet zuständig. Stattdessen werden zukünftig immer mehr Menschen von den Unternehmen zeitlich befristet und projektbezogen beschäftigt werden. Im Lauf ihres Arbeitslebens werden sich Arbeitnehmer immer wieder in neue Aufgabengebiete einarbeiten müssen. Eine Berufsausbildung oder ein Studium ist dann keine sichere »Eintrittskarte« für das Berufsleben mehr, sondern die Grundlage für lebenslanges Lernen.

Wodurch entsteht heute Reichtum?

Wenn es stimmt, dass wir immer mehr in einer Wissensgesellschaft leben: durch Wissen bzw. Bildung. Da sich nur gut ausgebildete Arbeitnehmer an die wechselnden Anforderungen des Arbeitsmarkts anpassen können, wird Wissen der wichtigste Motor wirtschaftlichen Wachstums.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht findet dabei eine grundlegende Umbewertung von Gütern und Leistungen statt, die für den Wirtschaftskreislauf eines Landes wichtig sind. Jahrhundertelang waren Boden, Arbeit und Kapital die bestimmenden Produktionsfaktoren. Wirtschaftlicher Erfolg und Wohlstand einer Volkswirtschaft hingen z. B. von ihren Bodenschätzen oder Arbeitskräften ab. In einer Wissensgesellschaft wird Wissen zum wichtigsten Produktionsfaktor überhaupt.

Übrigens: Zugleich steigt der Bedarf an Gütern und Leistungen, die der Wissensvermittlung dienen (z. B. alle Arten der Weiterbildung), so dass Wissen auch Gegenstand der Produktion selbst wird.

Wer sind die Gewinner der Wissensgesellschaft?

In der Regel Menschen, die neben einem hohen Bildungsgrad auch Eigenschaften wie Flexibilität, Selbständigkeit, Eigenverantwortung sowie die Fähigkeit und Bereitschaft zu lebenslangem Lernen besitzen; unter den Ländern und Regionen diejenigen, deren Bildungssystem auf die besonderen Bedürfnisse der Wissensgesellschaft ausgerichtet ist.

Im weltweiten Wettbewerb wird letztlich der Bildungsgrad der Mitglieder einer Gesellschaft über das Schicksal einer Volkswirtschaft entscheiden: Die industrielle Herstellung von Gütern wird in Staaten mit geringem Bildungsgrad und niedrigen Lohnkosten stattfinden. Die führenden Wirtschaftsnationen werden sich zu Großdienstleistern entwickeln. Sie werden den Produktionsprozess vor allem verwalten, planen und durch Forschung weiter vorantreiben.

Ist unser Bildungswesen zukunftsfähig?

Ja, aber nur wenn es sich den neuen Herausforderungen anpasst. Schon vor der PISA-Studie hat man deshalb in Deutschland wie in anderen Dienstleistungsgesellschaften darüber nachgedacht, wie das Bildungswesen verbessert werden könnte.

Dabei geht es zwar auch um bessere Leistungen in bestimmten Schulfächern oder Wissensgebieten; noch wichtiger ist aber ganz allgemein eine Steigerung der Lernfähigkeit und die Vermittlung von Fertigkeiten, die bislang zum Teil noch gar nicht Bestandteil von Lehrplänen sind: z. B. die Fähigkeit, mit Menschen umzugehen, Verantwortung zu übernehmen, sich verbal auszudrücken und zu kommunizieren. Besondere Bedeutung kommt auch der Medienkompetenz zu, das heißt der Fähigkeit, Medien wie das Internet Gewinn bringend und kritisch zu nutzen.

Wussten Sie, dass …

in Preußen im 18. Jahrhundert »Volksschulen« (Vorläufer der Hauptschulen) entstanden, die allen Kindern unabhängig von ihrer Herkunft Grundkenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen vermitteln sollten?

Gymnasien »höhere Bildungsanstalten« waren, deren Besuch Voraussetzung für die Zulassung zum Universitätsstudium wurde?

die allgemeine Schulpflicht in ganz Deutschland 1919 eingeführt wurde?

der Anteil der Mädchen unter den Abiturienten seit Ende der 1960er Jahre von 36 % auf fast 56 % (2004) angestiegen ist?

der Anteil der Jugendlichen ohne Schulabschluss im selben Zeitraum von 17 % auf 8 % gesunken ist?

Was ist PISA?

Eine im Auftrag der OECD durchgeführte, internationale Untersuchung der Kenntnisse und Fähigkeiten 15-jähriger Schüler in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Die PISA-Studie (englisch Programme for International Student Assessment) wurde bislang zweimal, 2000 und 2003, durchgeführt. Die Ende 2001 bekannt gegebenen Ergebnisse der ersten Studie lösten in Deutschland, das im internationalen Vergleich nur hintere Ränge belegt hatte, eine heftige öffentliche Diskussion aus.

Freizeit: Individualität und Konsum

Wozu dient Freizeit?

Der Zweck von Freizeit unterliegt dem Wandel. In den Industriegesellschaften des 19. Jahrhunderts wurde die freie Zeit – angesichts schlechter Arbeitsbedingungen und Wochenarbeitszeiten von über 60 Stunden – vor allem zur Erholung genutzt. Dieses Freizeitverständnis, das Freizeit vor allem als »Abwesenheit von Arbeit« definierte, herrschte bis ins 20. Jahrhundert hinein vor.

Seit den 1950er Jahren änderte sich diese Auffassung von Freizeit in allen Industriegesellschaften grundlegend. Durch die stetige Verkürzung der Arbeitszeiten, die Ausdehnung der Urlaubszeit, die Verbreitung der Massenmedien und die allgemeine Verbesserung des Lebensstandards bekam auch die Freizeit eine neue Bedeutung zugewiesen. Heute wird Freizeit zunehmend arbeitsunabhängig definiert als die Zeit, die frei zur Verfügung steht und in der man all das tun kann, was man will.

Wie hat sich das Freizeitverhalten verändert?

In den 1950er Jahren war die Familie Dreh- und Angelpunkt der Freizeitgestaltung, heute steht (neben den Urlaubsreisen) der Medienkonsum im Mittelpunkt.

So stieg z. B. der durchschnittliche Fernsehkonsum seit Mitte der 1960er Jahre von etwa einer Stunde auf drei Stunden pro Tag. Immer häufiger wird auch der heimische PC als Freizeitmedium genutzt (z. B. für Computerspiele, Surfen im Internet). Aber auch andere wichtige Freizeitaktivitäten wie Musikhören oder Telefonieren sind an elektronische Kommunikationsmedien gebunden.

Warum ist uns Freizeit so wichtig?

Je weniger sich der Einzelne über objektive Merkmale wie Herkunft, Besitz und Bildung definiert, desto bedeutender wird der Erlebniswert, den eine Sache bzw. ein Verhalten ihm verspricht.

Heute wird die Freizeitgestaltung zunehmend als Ausdruck von Individualität betrachtet. Vor allem das Freizeitverhalten jüngerer Generationen ist stark auf Aktivität und Konsum ausgerichtet; Erholung und Regeneration gelten kaum noch als Freizeitbeschäftigung. Folglich sind auch die Ausgaben für die Freizeitgestaltung in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen. Ein Vier-Personen-Haushalt der Mittelschicht gibt heute ca. neunmal mehr für Freizeitgüter aus als 1965. Der weitaus größte Posten entfällt dabei auf die Urlaubsfinanzierung, gefolgt von Ausgaben für Rundfunk, Auto und Printmedien. Auch die Bedeutung der Freizeit in der öffentlichen Wahrnehmung ist gewachsen.

Seit wann gibt es Freizeit?

Der Begriff bzw. das Phänomen »Freizeit« ist erst seit dem 16. Jahrhundert bekannt und entwickelte sich im Zuge der Reformation: Die protestantische Ethik machte keinen Unterschied zwischen Privat- und Arbeitsleben, sondern verstand das Leben insgesamt als fortwährenden Dienst an Gott bzw. an der Gemeinschaft. Als Gegenbewegung zu dieser starken Reglementierung des Lebens entstand das Bedürfnis nach privater, freier Zeit.

Auf dem Weg in die globale Mediengesellschaft?

Warum spricht man von Mediengesellschaft?

Moderne Kommunikationstechniken sind der Motor der Globalisierung und prägen das Alltags- und Berufsleben vieler Menschen in einem bislang nicht gekannten Ausmaß. Medienkompetenz – die Fähigkeit, Medien bewusst und zielgerichtet zu nutzen – ist im sog. Medien- oder Informationszeitalter ein entscheidender Erfolgsfaktor.

In der modernen Gesellschaft sind Kommunikationsmedien weit mehr als bloße Werkzeuge. Sie erfassen praktisch jeden Lebensbereich, prägen das Kulturverständnis und dienen ebenso der Information und Wissensvermittlung wie der Unterhaltung und Freizeitgestaltung. Für den Einzelnen wird es dabei immer schwerer, sich in der Flut von Angeboten zurechtzufinden.

Seit wann kommunizieren wir?

Schon immer. Am Anfang jeder menschlichen Kulturleistung – von der Erfindung des Rads bis zur Hightechforschung – steht der Austausch von Informationen. Kommunikation ist ein grundlegender Prozess für die Entstehung und Organisation sozialer Gruppen und Gemeinschaften. Kommunikation macht aber auch die Trennung zwischen Ich und Du spürbar, verdeutlicht unterschiedliche Positionen, Wünsche und Bedürfnisse und fördert so die Entwicklung der Kommunikationspartner zu eigenständigen Persönlichkeiten.

Nicht nur wir Menschen sind fähig zur Kommunikation. Die meisten Lebewesen nutzen die Vorteile, die der Austausch von Informationen bietet: drohende Gefahren, Paarungsbereitschaft, Rangunterschiede innerhalb einer Population – all das kann durch Laute, Verhaltensweisen und äußere Merkmale mitgeteilt werden und trägt dazu bei, das Zusammenleben zu erleichtern.

Von solchen Kommunikationscodes aus dem Tierreich unterscheidet sich die menschliche Sprache jedoch durch eine Reihe von Merkmalen, die sie zu einem einzigartigen Instrument der Kommunikation machen. Sprache ist nicht situationsgebunden, das heißt, jedes Ereignis kann zu jeder Zeit (z. B. auch im Nachhinein) beschrieben werden. Darüber hinaus können Menschen über abstrakte Begriffe oder Themen (z. B. »Gerechtigkeit«) und sogar über die Kommunikation selbst sprechen (bzw. schreiben).

Was war das erste Massenmedium?

Die Zeitung; sie erreichte bereits am Anfang des 19. Jahrhunderts mit aktuellen Botschaften ein breites Publikum. Unter Massenmedien werden Einrichtungen verstanden, die regelmäßig einem großen und vielfältigen Publikum Nachrichten, Wissen und Unterhaltung übermitteln.

Als einziges Lebewesen verfügt der Mensch über Kommunikationsmedien, die die Übermittlung von Informationen auch unabhängig von zeitlichen und räumlichen Beschränkungen ermöglichen. Die Verwendung der Schrift blieb jedoch bis zur Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts einer sehr kleinen Gruppe von Menschen vorbehalten. Als neue technische Errungenschaften kamen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Film, Hörfunk und Fernsehen hinzu. All diese Medien richteten ihre Botschaften an ein Massenpublikum und trugen damit zur Entstehung der sog. Massenkultur bei: Welche Information auch immer durch Massenmedien verbreitet wurde, sie wirkte zwangsläufig auf eine große Zahl von Menschen.

Welche neuen Medien prägen heute die Gesellschaft?

Vor allem der Computer und das Mobiltelefon (»Handy«).

Der Computer, einst eine viel Platz beanspruchende Expertenmaschine für komplizierte Rechenvorgänge, gehört mittlerweile zur Standardausrüstung jedes Büros. Spiele und Internet haben den Computer auch zu einem beliebten Freizeitmedium gemacht.

Handys zählen heute weltweit mehr als eine Milliarde Besitzer. Ständig und überall erreichbar zu sein, gilt in vielen Berufen als selbstverständlich. Auch privat schätzen vor allem junge Menschen das Handy als ständigen Begleiter. Innerhalb kurzer Zeit ist es vom Gebrauchsgegenstand zum Kultobjekt geworden. Grund dafür sind nicht zuletzt die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten: Das moderne Handy ist nicht nur Telefon, sondern auch Fotoapparat und Kleincomputer, mit dem man E-Mails verschicken und im Internet surfen kann.

Welche Aufgaben haben die Medien in einer Demokratie?

In einer Demokratie haben die Medien vorrangig drei Aufgaben: Sie sollen informieren, an der Meinungsbildung mitwirken sowie die Machthaber und ihre Organisationen kontrollieren und kritisieren.

In Deutschland garantiert Artikel 5 des Grundgesetzes die Meinungs-, Informations- und Pressefreiheit; er verbietet außerdem jede Zensur. In allen demokratischen Staaten haben die Medien durch die Aufdeckung zahlreicher Skandale und Missstände in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft immer wieder ihre Kontrollfunktion wahrgenommen. Aus diesem Grund werden sie neben dem Gesetzgeber (Legislative), den ausführenden Organen wie Regierung, Verwaltung und Polizei (Exekutive) und den Gerichten (Judikative) oft auch als »vierte Gewalt« bezeichnet.

Leben wir in einer Mediendemokratie?

In den USA gehen Wissenschaftler so weit, von einer durch die Medien bestimmten Demokratie, einer »Mediendemokratie« zu sprechen. Damit betonen sie insbesondere den großen Einfluss des Fernsehens auf die politische Willensbildung.

In einer Mediendemokratie sind nicht mehr lange Parteiprogramme, sondern Persönlichkeiten entscheidend, die für bestimmte Aussagen und Botschaften stehen und diese möglichst effektvoll »kommunizieren«. Es kommt weniger darauf an, was gesagt wird, als darauf, wie etwas »rüberkommt«.

Auch können die Medien selbst Ereignisse schaffen, die Einfluss auf die Politik nehmen. So gab es in Deutschland vor den Bundestagswahlen 2002 und 2005 nach amerikanischem Vorbild »Fernsehduelle« zwischen dem amtierenden Bundeskanzler und seinem Herausforderer.

Welche Rolle spielt das Internet für die Demokratie?

Eine immer größere. Durch das Internet kann sich der Bürger erheblich leichter und gezielter mit Informationen versorgen als früher. Die Gelegenheit zum ungehinderten Austausch nutzen politische Organisationen, Parteien und Interessengruppen nicht nur zur Selbstdarstellung; sie versuchen für bestimmte Anliegen zu interessieren, Bewusstsein zu schaffen, Netzwerke aufzubauen, Menschen durch den exklusiven Zugang zu Informationen an sich zu binden – oder einfach nur Meinungen einzufangen. So gibt es heute auf vielen größeren Webportalen Umfragen zu aktuellen Themen und Ereignissen. Möglicherweise werden in Zukunft auch Wahlen oder Volksabstimmungen über das Internet organisiert.

Zeigen Massenmedien die Wirklichkeit?

Selbst wenn sich die Massenmedien um wahrheitsgetreue und neutrale Berichterstattung bemühen: nein. Jede durch Medien (also auch dieses Buch) übermittelte Botschaft ist für den Leser, Hörer oder Zuschauer eine Information »aus zweiter Hand«, die nicht auf eigener, unmittelbarer Erfahrung beruht. Zudem ist die Berichterstattung – allein schon aufgrund der Fülle von Nachrichten – das Ergebnis eines Auswahlprozesses. Massenmedien können uns deshalb immer nur einen ganz bestimmten Ausschnitt der Wirklichkeit zeigen.

Wussten Sie, dass …

die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert neben den technischen Voraussetzungen auch erst das Publikum für die Massenmedien schuf? Die Möglichkeit zu sozialem Aufstieg verlieh dem Wissen einen völlig neuen Stellenwert, während die städtische Lebensweise zugleich den Bedarf an jederzeit verfügbaren und frei zugänglichen Informationsquellen wachsen ließ.

die Möglichkeiten, durch Film, Hörfunk und Fernsehen die Meinung der Menschen zu beeinflussen, bereits im Ersten und Zweiten Weltkrieg ausgiebig zu Propagandazwecken genutzt wurde?

die Massenmedien zu einer Vereinheitlichung der Lebensstile beigetragen haben, weil die durch Werbung und Filme in nahezu jedes Wohnzimmer transportierten Botschaften die Hoffnungen, Wünsche und Ziele vieler Menschen prägten?

Globalisierung: Früher und heute

Seit wann gibt es Welthandel?

Im Prinzip schon seit vorgeschichtlicher Zeit. Im 2. Jahrtausend v. Chr. gab es im bronzezeitlichen Europa einen regen Handel, der einen beträchtlichen Teil der damals bekannten Welt umspannte. Später einte das von einem dichten Handelswegenetz durchzogene Römische Reich den Mittelmeerraum politisch wie wirtschaftlich und unterhielt Kontakte bis nach China.

Im späten Mittelalter und im Übergang zur Neuzeit stiegen zuerst Familienunternehmen zu europa- oder gar weltweiter Bedeutung auf. Die Medici aus Florenz, als Kaufleute und Bankiers groß geworden, unterhielten zahlreiche ausländische Kontakte und Niederlassungen. Nördlich der Alpen entwickelten sich die Fugger von einer Augsburger Händlerfamilie zu einem Konzern von Weltgeltung. Ihre engen Beziehungen zum Haus Habsburg, das die deutschen Kaiser und die spanischen Könige stellte, sicherten ihnen Privilegien in Europa und Übersee.

Wer beherrschte den Welthandel der frühen Neuzeit?

Mächtige Handelsgesellschaften wie die englische East India Company (gegründet 1600), die niederländische Ostindische Kompanie (1602) und die englische Hudson's Bay Company (1670).

Diese Gesellschaften, ursprünglich durch den Zusammenschluss von Kaufleuten entstanden, die in einem Überseegebiet (z. B. Nordamerika, Indien) Handel trieben, liefen ab dem 17. Jahrhundert Handelszentren wie Florenz und reichen Familien wie den Fuggern den Rang ab. Von ihren Regierungen wurden sie mit zum Teil großzügigen Privilegien ausgestattet: Sie unterhielten eigene Soldaten und Kriegsschiffe, konnten Kriege führen und in den eroberten Gebieten Gesetzgebung und Rechtsprechung ausüben.

Worin zeigt sich Globalisierung?

In neuen Produkten, neuen Herkunftsländern, neuen Formen der Arbeitsteilung: Sie sind Ausdruck einer Tendenz zur Intensivierung des weltweiten Handels.

Diese Tendenz ist in der Geschichte immer wieder anzutreffen. Beispielsweise wuchs im 19. Jahrhundert der Welthandel zeitweilig stärker als die weltweite Produktion. Dominierende Handelsmacht war damals das britische Empire, das seine Vormachtstellung über die Meere nutzte, um die Herrschaft über Gebiete in Asien und Afrika zu erlangen und den überseeischen Handel auszubauen.

Vollzieht sich die Globalisierung gleichmäßig?

Nein, phasenweise. Der jüngste Schub setzte zu Beginn der 1990er Jahre ein. Seine Besonderheit besteht erstens darin, dass die USA die Rolle des Motors übernommen haben. Zweitens liegt der Akzent auf den liberalisierten Kapitalströmen und Direktinvestitionen. In den Zeiten der industriellen Revolution hingegen bestimmte vor allem die Ausweitung des Handels mit Rohstoffen und industriell gefertigten Waren das Bild der internationalen wirtschaftlichen Verflechtung.

Wie kam es zum jüngsten Globalisierungsschub?

Ab den frühen 1990er Jahren hatte sich die Informations- und Kommunikationstechnologie weltweit zum Wachstumsmotor aufgeschwungen. Das Wachstum der Branchen, die den Kern der New Economy ausmachen (z. B. Informationstechnologie), beschleunigte sich deutlich. Neue, schnelle Datenleitungen wurden gelegt, es entstand ein breiter Mobilfunkmarkt, der Siegeszug des Internet begann. Zwischen 1990 und 1999 wuchs das Bruttoinlandsprodukt trotz der Asienkrise weltweit um durchschnittlich rd. 4 % pro Jahr.

Auch nach dem Einbruch an den Technologiebörsen Anfang des neuen Jahrtausends, der diese Entwicklung zunächst bremste, sehen Experten kein Ende der Globalisierung. Die Gangart der Weltkonjunktur wird dabei weiterhin in erster Linie von der US-amerikanischen Wirtschaft bestimmt, deren Anteil an der weltweiten Wirtschaftsleistung rd. 30 % beträgt. Allerdings wird erwartet, dass die Bedeutung Asiens und besonders Chinas in der Zukunft deutlich zunimmt.

Gibt es regionale Unterschiede?

Ja, die Globalisierung erfasst nicht alle Länder der Erde gleichmäßig. Im Boom der 1990er Jahre konzentrierten sich Außenhandel und Auslandsproduktion auf die EU, Nordamerika und Japan. Auch die Verflechtung mit den jeweils angrenzenden Ländern wurde enger: Nordamerika mit Lateinamerika, Westeuropa mit den Ländern Mittel- und Osteuropas und Nordafrikas, Japan mit Südostasien. Im interregionalen Handel haben sich die asiatischen Schwellenländer als neue, dynamische Kraft erwiesen.

Zu Beginn des 3. Jahrtausends kündigten sich insbesondere China (mit enormem Wirtschaftswachstum) und Russland (mit großem Rohstoffreichtum) als neue Akteure auf den Weltmärkten an. Demgegenüber ist Afrika ins Hintertreffen geraten. Der Anteil des Kontinents am Weltexport fiel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von 7 % auf 2 %.

Wer waren die Fugger?

Die schwäbische Kaufmannsfamilie der Fugger geht auf den Weber Johann Fugger (1348–1409) zurück. Er gründete 1367 in Augsburg ein Handelshaus, das seine Nachfolger auf den Fernhandel und auf Geldgeschäfte ausdehnten. Bedeutendster Fugger war Jakob (»der Reiche«, 1459–1525). Weltgeltung erlangte sein Unternehmen mit dem Erwerb von Kupferminen in verschiedenen Ländern und schließlich dem europäischen Kupfermonopol. Als Kreditgeber stand er in Verbindung zum Papst und zu den Habsburgern; das Geld der Fugger ermöglichte 1519 die Wahl Karls V. zum römisch-deutschen Kaiser. 1516 stiftete Jakob die Fuggerei in Augsburg, eine bis heute bestehende Wohnsiedlung für Bedürftige. Unter seinem Neffen Anton Fugger (1493–1560) expandierte das Unternehmen in die spanischen Gebiete Amerikas.

Multinationale Unternehmen: Einflussreiche Giganten

Wer treibt die Globalisierung voran?

Treibende Kraft sind die Unternehmen. Die in den letzten Jahrzehnten stark gewachsene Verflechtung der Volkswirtschaften rund um den Globus beruht wesentlich auf den Aktivitäten großer Konzerne, die ausgehend von ihren Stammmärkten zusätzliche Märkte im Ausland erschließen.

Andererseits sind Unternehmen auch die Getriebenen: Länderübergreifende Fusionen oder die Gründung von Auslandstöchtern werden dadurch vorangetrieben, dass sich die Wettbewerbsbedingungen verschärfen, wenn die Märkte durch fallende Handelsbarrieren größer, die Konkurrenten zahlreicher werden.

Was zeichnet die aktuelle Globalisierungswelle aus?

Das hohe Maß an Direktinvestitionen, also an ausländischen Kapitalanlagen in Form z. B. von (Tochter-)Unternehmen oder Beteiligungen mit dem Ziel, dauerhaft Einfluss auf deren Geschäftsführung zu nehmen.

Allein in den letzten 20 Jahren des 20. Jahrhunderts haben sich die Bestandswerte der internationalen Direktinvestitionen fast verzehnfacht. Etwa 90 % dieser Investitionen stammten aus den Industrieländern. Durch die hohe Zahl an Beteiligungen und Fusionen entstanden zahlreiche multinationale Unternehmen: Unternehmen, die in mehreren Ländern Produktionsstätten unterhalten und die auf weltweiten Märkten agieren.

Warum wachsen die Märkte zusammen?

Die zunehmende weltwirtschaftliche Verflechtung stellt jeden Anbieter vor die Frage, wie er seine Position im Wettbewerb stärken kann, um sich unter den veränderten Bedingungen zu behaupten. Mögliche Antworten sind: 1. durch Wachstum aus eigener Kraft; 2. durch den Verkauf von Geschäftsbereichen und die Konzentration seiner Geschäftstätigkeit auf diejenigen Produkte und Leistungen, welche die größten Gewinne einbringen; 3. durch externes Wachstum, das heißt durch den Zusammenschluss mit einem Konkurrenten oder mit einem in der Wertschöpfungskette vor- oder nachgelagerten Unternehmen.

Seit den 1990er Jahren wurden, besonders von Großunternehmen, immer häufiger die Antworten Nummer zwei und drei gewählt. Weil der Kauf oder Verkauf von Unternehmen(steilen) weniger Zeit erfordert als Wachstum aus eigener Kraft, kann dadurch flexibler auf veränderte Marktbedingungen reagiert werden.

Sichert Wachstum die Macht der Konzerne?

Nicht unbedingt. Die Macht von Großkonzernen hängt zwar einerseits von ihrer Größe, andererseits aber in einem immer stärkeren Maße auch von der Entwicklung der Märkte auf der Nachfrageseite ab.

Wollen sie ihre Marktanteile vergrößern, so müssen die Unternehmen heute viel größere Beträge in die Gewinnung neuer Kunden investieren als früher. Um in den zahlreichen verschiedenen Teilmärkten und Kulturkreisen eine weltweit zugkräftige Marke zu etablieren, müssen sie einen steigenden Anteil ihrer finanziellen Mittel für Marketingzwecke einsetzen.

Übrigens: Nach Expertenschätzungen endet die Einführung neuer Produkte in vier von fünf Fällen mit einem Flop. Die Macht der heftig umworbenen Konsumenten kann so als ein wirksames Gegengewicht zur Macht der Unternehmen fungieren, was allerdings eine funktionierende Wettbewerbspolitik und Verbraucherschutz voraussetzt.

Beschränken internationale Fusionen den Wettbewerb?

Das ist zumindest eine häufig geäußerte Befürchtung. Meist sind die fusionierenden Unternehmen in derselben Branche tätig, so dass die Gefahr besteht, dass sie durch die Fusion möglicherweise wettbewerbsgefährdende Marktpositionen erlangen.

Umso schwerer wiegt, dass es bis heute keine multilaterale Wettbewerbsordnung gibt. Die heutige Wettbewerbspolitik vollzieht sich im Wesentlichen noch immer ausschließlich im nationalen Rahmen, in der Europäischen Union auch auf bilateraler Ebene. Auch nationale Wettbewerbskontrolle ist nicht die Regel, denn nur etwa in der Hälfte aller Staaten der Welt gibt es Gesetze zum Schutz des Wettbewerbs.

Welchen politischen Einfluss haben multinationale Unternehmen?

Sie besitzen oft großen Einfluss aufgrund ihrer wirtschaftlichen Macht und können sich zudem zum Teil der staatlichen Gesetzgebung entziehen: Durch Verlagerung einzelner Produktionsstufen oder aber des Firmensitzes wählen international agierende Unternehmen sich unter den steuer-, arbeits- oder wettbewerbsrechtlichen Systemen verschiedener Staaten das für sie günstigste aus.

Bei großen Unternehmen kann bereits die Drohung mit einer solchen Verlagerung dazu führen, dass die Politik eines Landes sich gezwungen sieht, dem Unternehmen (z. B. mit Subventionen oder Lockerungen im Arbeitsrecht) entgegenzukommen, um den mit einem Abwandern verbundenen Verlust an Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen abzuwenden. Daher können multinationale Unternehmen zu eigenständigen Akteuren in der Weltpolitik aufsteigen, deren Handeln durch staatliche (demokratisch legitimierte) Macht nicht mehr kontrolliert werden kann.

Kritiker bemängeln, dass durch die Macht der Weltkonzerne zwar die internationalen Märkte wüchsen, die weltweite Durchsetzung von Menschenrechten, sozialen und ökologischen Standards aber vernachlässigt würde.

Kostet jede Auslandsinvestition Arbeitsplätze?

Nein, nicht alle Direktinvestitionen im Ausland sind gleichbedeutend mit Produktionsverlagerungen, die betrieben werden, um Lohnkosten einzusparen. Das von den Globalisierungskritikern oft bemühte Bild vom sozial gewissenlosen Multi, der im Streben nach globaler Expansion heimische Arbeitsplätze vernichtet, findet zumindest dort keine Grundlage, wo die Erschließung neuer Märkte als Investitionsmotiv im Vordergrund steht. In diesem Fall fließt das Kapital in zusätzliche Produktionskapazitäten, die sonst gar nicht aufgebaut worden wären.

Globalisierung: Segen oder Fluch?

Was gewinnen wir durch die Globalisierung?

Die Befürworter der Globalisierung weisen vor allem auf die Effizienz- und Wohlstandsgewinne durch die Globalisierung hin. Im länderübergreifenden Vergleich werden die Vorteile sichtbar, die sich erst bei freiem Handel entfalten können. Sie ergeben sich daraus, dass günstige Klimazonen, Rohstoffvorkommen und die unterschiedlichen Qualifikationen der Arbeitskräfte über die Erde sehr ungleich verteilt sind.

Was bemängeln die Globalisierungsgegner?

Die Globalisierungskritiker betonen die Anpassungsprobleme für alle beteiligten Volkswirtschaften. An vorderster Stelle stehen hier die unmittelbaren Verluste von Arbeitsplätzen in den fortgeschrittenen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften, die mit Produktionsverlagerungen und mit veränderten Handelsströmen verbunden sind. Nicht nur sind hier Einkommensverluste aufzufangen, nicht nur verschlechtern sich die Chancen gering qualifizierter Arbeitskräfte auf dem Arbeitsmarkt. Auch die Qualität der Arbeitsplätze an den neuen Produktionsstandorten in den Entwicklungs- und Schwellenländern ist heftig umstritten.

Ziel der Globalisierungskritik ist auch die Internationalisierung der Kapitalströme. Wenn Investoren nach Belieben Gelder anlegen und kurzfristig wieder abziehen können, um von Zinsunterschieden oder von Wechselkursbewegungen zu profitieren, dann geraten bei massiven Fehlbewertungen an den Kapitalmärkten vor allem kleinere Länder mit noch schwach entwickelten Kapitalmärkten stark unter Druck.

In diesem Zusammenhang wird immer wieder die Frage aufgeworfen, ob es zweckmäßig ist, die internationale Kapitalmobilität durch Kapitalverkehrskontrollen oder durch den Einsatz einer Steuer auf Devisentransaktionen [sog. Tobin-Steuer, zu beschränken.

Ändert die Globalisierung die Machtverhältnisse?

Man kann darüber streiten, ob die größere Macht der Industrieländer gegenüber den Entwicklungsländern eine Folge der Globalisierung ist. Jedenfalls prangern Globalisierungsgegner die ungleichen Machtverhältnisse zwischen Industrie- und Entwicklungsländern an. Diese seien nämlich verantwortlich für die Ausbeutung einer billigen Lohnarbeiterschaft in den ärmeren Ländern auf der südlichen Erdhalbkugel. Sie stünden nicht nur einer gerechten Verteilung der Globalisierungsgewinne im Weg, sondern bürdeten auch den Entwicklungsländern einseitig die ökologischen und sozialen Lasten des Wachstums der Weltwirtschaft auf.

Welche Gegenvorschläge gibt es?

Vor allem die Nichtregierungsorganisationen (nichtstaatliche Organisationen, NGO) setzen sich für eine stärkere Vertretung der Entwicklungsländer in den Institutionen des Welthandels, wie der Welthandelsorganisation (WTO), dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank ein. Zu diesen Organisationen gehören beispielsweise das Hilfswerk der katholischen Kirche, Misereor, das internationale Third World Network, die indische Kinderrechtsorganisation South Asian Coalition on Child Servitude (Südasiatisches Bündnis gegen Kindersklaverei, SACC) und Netzwerke wie Attac.

Die NGOs plädieren auch für die Verknüpfung von Handelsregeln mit Standards zur sozial verantwortlichen Gestaltung der Arbeitsbedingungen und zum Schutz der Umwelt.

Ist die Globalisierung gut oder schlecht?

Weder noch, die Globalisierung als solche ist nicht nützlich oder schädlich. Bislang allerdings nutzt sie vor allem den wohlhabenden Ländern, die bei der Gestaltung der Regeln des freien Handels noch zu oft nur den eigenen Vorteil im Auge haben. Doch das muss nicht immer so sein bzw. bleiben.

Der Aufstieg der asiatischen Schwellenländer (Tigerstaaten), der eng verbunden ist mit deren verstärkter Beteiligung am weltweiten Handel, zeigt, dass die Vorteile der Globalisierung zunehmend weitere Kreise ziehen. Er zeigt auch, dass die Globalisierung weniger entwickelten Ländern die Chance eröffnet, die zu ihren Ungunsten bestehende Wohlstandskluft schneller zu schließen als mit einer Politik, welche die heimische Wirtschaft abschottet. Dies wird aber auch in Zukunft nicht zu bewerkstelligen sein, ohne dass die Industrieländer auf eigene Besitzstände verzichten.

Die globalen Umweltprobleme, der international agierende Terrorismus und die weltweiten Flüchtlingsbewegungen zeigen, dass keine Weltregion ihre Probleme dauerhaft alleine oder gar auf Kosten anderer lösen kann. So bestünde bei einer gleichmäßigeren Verteilung des Wohlstandes die Hoffnung, dass die weltweite Sicherung des Friedens leichter würde. Wenn aber die Gefahr bewaffneter Konflikte und fortgesetzter Ausbrüche religiös-fundamentalistisch bemäntelten Terrorismus sinkt, erhöht das wiederum den Lebensstandard auch der Industriestaaten, die weniger Ressourcen für die Gefahrenabwehr mit militärischen Mitteln einsetzen müssten.

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