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Märchen der Gebrüder Grimm: Sammlung deutscher Volkspoesie

Wann erschienen Grimms Märchen zum ersten Mal?

Die berühmte Märchensammlung der Brüder Jacob (1785–1863) und Wilhelm Grimm (1786–1859), erschienen in zwei Teilen 1812 und 1815, entstand auf Anregung der Herausgeber der Volksliedsammlung »Des Knaben Wunderhorn«, Achim von Arnim und Clemens Brentano. Das Unternehmen stand im Zeichen der von Johann Gottfried Herder eingeleiteten Rückbesinnung auf die deutsche Volkspoesie und gewann im Vorfeld der Befreiungskriege gegen Napoleon auch einen patriotischen Akzent.

Während ihre Vorläufer Karl August Musäus (»Volksmärchen der Deutschen«, 1787) und Ludwig Tieck (»Volksmährchen«, 1797) das teilweise identische Material in aufklärerischer und poetologischer Intention sehr stark veränderten, ging es den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm in ihren »Kinder- und Hausmärchen« gerade um die Authentizität der überlieferten Stoffe und Fassungen. Seit dem Jahr 1806 waren sie vorwiegend im Hessischen unterwegs, um dem »Mund des Volkes« die alten Geschichten abzulauschen.

Was sind die gattungstypischen Merkmale?

Der bunte Reigen dieser Märchen ist bevölkert vom typischen Personal: verzauberte Menschen, sprechende Tiere, Feen und Hexen. Gut und Böse sind – meist sogar durch äußerliche Merkmale – klar unterscheidbar, und auch die vertrackteste Situation geht am Ende gut aus, zuweilen mit einer moralisierenden Schlussformel. Etwas biedermeierlich Reines zeichnet die Grimm'schen Texte aus, im Gegensatz zu den 1822 auf Deutsch erschienenen »Feenmärchen« von Charles Perrault: Dort trägt zum Beispiel das Märchen vom »Rotkäppchen« unverblümt erotische Züge.

Welche Bedeutung hatte das Märchen in der Romantik?

Als Dichtung des »Wunderbaren« spielte es eine bevorzugte Rolle, bis hin zu Eduard Mörikes »Geschichte von der schönen Lau« (1873) oder Theodor Storms »Die Regentrude« (1866). Häufig schöpften die Autoren nach dem Vorbild der Brüder Grimm aus dem Reservoir lokaler Sagenstoffe, das auch zur Grundlage anderer Sammlungen wurde: so das 1810 erschienene »Gespensterbuch« von Apel und Laun, aus dem die Vorlage für Carl Maria von Webers Oper »Der Freischütz« (1821) stammt.

Der schlichte – im Fall der Brüder Grimm gleichwohl meisterlich poetische – Erzählton und die simple Struktur der Volksmärchen wichen im romantischen Kunstmärchen einer raffinierteren Perspektivik und einer Sprachkunst auf höchstem Niveau. Das gilt für Tiecks Sammlung »Phantasus« (1812–1816) und Fouqués »Undine« (1811) ebenso wie für Clemens Brentanos »Gockel, Hinkel und Gackeleia« (1838) und vor allem für die Kabinettstückchen aus der Feder E.T.A. Hoffmanns wie »Der goldene Topf« (1813) oder »Nussknacker und Mausekönig« (1819).

Wilhelm Hauff betonte 1825 in der Einleitung zu seinen Märchenalmanachen (»Die Karawane«, »Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven«, »Das Wirtshaus im Spessart«), sie seien als Literatur für Kinder gedacht, und in der Tat wurden »Der kleine Muck« oder »Zwerg Nase« Klassiker auf diesem Gebiet. Insgesamt aber wandte sich das Kunstmärchen – man denke etwa an Goethes höchst artifizielles »Märchen« von 1795 – an ein erwachsenes Publikum, das auch die häufig enthaltenen Anspielungen auf Zeitumstände verstand und der Diskussion poetischer Prinzipien folgen konnte.

Was ist eine fantastische Erzählung?

Anders als das Märchen, das von vornherein in einer Sphäre eigener Gesetzmäßigkeiten angesiedelt ist, wird dort der Einbruch des Unheimlichen, Unerklärlichen in die normale Alltagswelt inszeniert. E.T.A. Hoffmann wirkte auch in diesem weiteren Genre des Wunderbaren wegweisend. Die Erzähltradition der fantastischen Erzählung wurde vor allem von Edgar Allan Poe auf hohem Niveau weitergeführt. Gespenstergeschichten und Märchen sind bis heute ein Faszinosum geblieben, auch wenn sie kaum noch bei Kerzenlicht am Spinnrocken erzählt werden.

Wie wurden die Grimms zu den Begründern der Germanistik?

Jacob (4.1.1785–20.9.1863) und Wilhelm (24.2.1786–16.12.1859) Grimm studierten an der Universität in Marburg Rechtswissenschaften, wo sie die Literatur der Romantik kennen lernten und sich für die Entstehung der deutschen Literatur zu interessieren begannen. Nach ihrem Studienabschluss 1806 begannen sie in Kassel, Märchen zu sammeln und aufzuzeichnen. Anmerkungen zu den Märchen erschienen später in einem gesonderten dritten Band.

Die »Deutsche Grammatik« von Jacob Grimm, veröffentlicht 1819 und 1826 in zwei Bänden, befasste sich mit den Verwandtschaftsbeziehungen und der Entwicklung der germanischen Sprachen. 1838 begannen die Brüder ihre gemeinsame Arbeit am »Deutschen Wörterbuch«, das sie bis zum Buchstaben F ausfertigten.

Wussten Sie, dass …

die Grimms 1816/18 eine zweiteilige Sammlung »Deutsche Sagen« herausgaben, die allerdings nicht so erfolgreich war wie die Märchen-Bände?

E. T. A. Hoffmanns »Nussknacker und Mausekönig« den russischen Komponisten Peter Tschaikowskij zu seinem berühmten Ballett anregte?

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