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Mythen des alten Mesopotamien: Götter- und Heldenepen

Welches Volk prägte die mesopotamische Kultur?

Viele verschiedene Völker prägten diese Kultur. Mesopotamien, das Land zwischen den beiden Strömen Euphrat und Tigris, ist uraltes Kulturland. Seine Mythenwelt war geprägt von bis weit in die Jungsteinzeit zurückreichenden Traditionen und gleichzeitig von all den Völkern, die im Lauf der Jahrhunderte aus den unterschiedlichsten Regionen in dieses fruchtbare Land einwanderten und ihre eigenen religiösen Vorstellungen mitbrachten.

So wurden in diesem Schmelztiegel der Kulturen die vorsumerischen Traditionen von denen der Sumerer und Hurriter überlagert, dann von den Überlieferungen der semitischen Akkader und Amurriter sowie schließlich von denen der Babylonier und Assyrer.

Warum wissen wir so viel über diese Kultur?

Weil schriftliche Aufzeichnungen vorliegen. Von besonderer Bedeutung für unser heutiges Wissen über das Zweistromland sind die mythischen Vorstellungen der Sumerer und später der Babylonier und Assyrer. Diese frühen Hochkulturen verfügten bereits über eine Schrift und haben ihre Mythen niedergeschrieben. Schriftliche Quellen stellen für die moderne Wissenschaft eine wesentlich breitere Forschungsbasis dar, als wenn sie ausschließlich auf archäologische Funde wie etwa Kultgegenstände oder Ruinen von Kultstätten angewiesen ist.

Wie wir heute wissen, wurde die ursprünglich sumerische Götterwelt später durch eine semitisch geprägte erweitert und umgestaltet. Die alten sumerischen Götter wurden an die neuen semitischen angeglichen und erhielten zum Teil andere Namen. Da die schriftlichen Überlieferungen der mesopotamischen Mythen überwiegend aus dem 2. und 1. Jahrtausend v. Chr. stammen, sind sie, gemessen am Alter der mesopotamischen Zivilisationen, relativ jung. Sie trennen nicht zwischen alten sumerischen Motiven und neueren semitischen, sondern stellen ihre jeweils gültigen Vorstellungen dar. Für die früheren Perioden aus der Zeit der Vorherrschaft der sumerischen Kultur sind dagegen nur Bruchstücke vorhanden.

Gibt es einen sumerischen Schöpfungsmythos?

Ein einheitlicher Schöpfungsmythos aus sumerischer Zeit ist nicht überliefert. Um sich zumindest ein ungefähres Bild zu machen, ist man auf Andeutungen in jüngeren Texten angewiesen, die sich teilweise widersprechen. Einmal heißt es, Himmel und Erde haben sich in einer kosmischen »heiligen Hochzeit« vereint und so die Erde fruchtbar gemacht. An anderer Stelle steht, dass die Göttin Nammu Himmel und Erde geboren hat.

Ein weiterer Hymnus preist den Weisheitsgott Enki (akkadisch: Ea), der der Welt ihre Ordnung verleiht, den Flüssen das Wasser gibt, für den Regen sorgt und den Menschen die Ackerbaugeräte bringt.

Auch das Motiv der Erschaffung des Menschen erscheint bereits zu sumerischer Zeit. Nach einer Version klagen die Götter darüber, dass sie niemanden haben, der für sie arbeitet und sie mit Nahrung versorgt. Daraufhin erschafft Enki zusammen mit der Muttergöttin Ninmach, auch Ninchursag genannt, den Menschen aus Schlamm. An anderer Stelle heißt es, dass der Göttervater Enlil nach der Trennung von Himmel und Erde mit der Hacke, die er erschuf, ein Loch in die Erde grub, aus dem die Menschen herauswuchsen.

Welche Mythen haben sich gehalten?

Mehrere sumerische Mythen gingen in spätere Religionen ein. Einer der berühmtesten war Vorlage für die spätere biblische Erzählung von Paradies und Sündenfall: der »Mythos von Dilmun«, auch Paradiesmythos genannt. Er handelt von dem glücklichen Land Dilmun, das vollständig von Krankheiten und Raubtieren verschont ist. Doch es fehlt das Wasser. Als Enki danach verlangt, lässt der Sonnengott Utu Wasser aus der Erde hervorsprudeln.

So wird Dilmun zu einem fruchtbaren Garten mit reicher Vegetation, in dem die Göttin Ninchursag acht besondere Pflanzen wachsen lässt. Trotz ihres Verbots isst Enki alle auf. Die zornige Göttin verflucht ihn, worauf er an acht verschiedenen Organen erkrankt. Als die anderen Götter für Enki bitten, erschafft Ninchursag zu seiner Heilung acht Heilgötter.

Wie haben sich die sumerischen Schöpfungsmythen weiterentwickelt?

Zu einem Mythos über Sterben und Auferstehung. Die ursprünglich sumerischen Götter Inanna und Dumuzi wurden von den Semiten Ischtar und Tammuz genannt. Die Liebesgöttin Inanna verliebt sich in den Hirten Dumuzi und heiratet ihn, wodurch der einfache Mann unvermittelt zum Herrscher von Uruk wird. In der Folge nimmt ein unheilvolles Schicksal seinen Lauf, als Inanna beschließt, in die Unterwelt hinabzusteigen, um dort die Göttin Ereschkigal zu verdrängen. Auf ihrem Weg durchschreitet sie die Sieben Tore und muss an jedem ein Kleidungs- und ein Schmuckstück ablegen, so dass sie schließlich völlig nackt – und das heißt: ihrer ganzen Macht entblößt – vor der Göttin Ereschkigal erscheint. Diese richtet den »Blick des Todes« auf sie und Inanna stirbt.

Der Götterkönig Enlil erschafft daraufhin zwei Boten, die er mit »der Speise und dem Wasser des Lebens« in die Unterwelt schickt. Damit gelingt es auch wirklich, Inanna wieder ins Leben zurückzuholen. Doch als sie dann im Begriff ist, die Unterwelt zu verlassen, versperren ihr die Sieben Richter der Unterwelt den Weg und verlangen, dass sie einen Ersatz für sich stellt. Begleitet von den Galla-Dämonen, die den Auftrag haben, sie bei Nichterfüllung dieser Pflicht zurückzubringen, kehrt Inanna auf die Erde zurück.

Nach einigen Umwegen erreicht sie schließlich Uruk und findet dort ihren Gemahl Dumuzi, der das Leben ohne seine Frau in vollen Zügen genießt. Voller Zorn weist Inanna die Dämonen an, Dumuzi entsprechend den Vorgaben der Richter an ihrer Stelle in die Unterwelt mitzunehmen. Doch die Totengöttin Ereschkigal erlaubt ihm, jeweils die Hälfte eines Jahres auf der Erde zu verbringen.

Was symbolisiert der Mythos?

Dieser Mythos des Sterbens und Wiederauferstehens im jahreszeitlichen Rhythmus steht als Symbol für den Zyklus von Aussaat und Ernte, in dem sich Leben und Tod der Menschen spiegeln. Er stellt ein zentrales Thema der altorientalischen und altmediterranen Religionen dar; seine Wurzeln reichen bis in die Jungsteinzeit zurück.

Wie wurde der Mensch erschaffen?

Die Erschaffung des Menschen wird in dem wohl im 17. Jahrhundert v.Chr. niedergelegten Atramchasis-Mythos geschildert. Danach gab es zwei Arten von Göttern, wobei die niedrigeren den höher gestellten alle lebensnotwendigen Arbeiten abnehmen mussten. Doch die niedrigen Götter waren eines Tages nicht mehr dazu bereit, und so erschuf der schlaue Gott Ea, der bei den Sumerern ursprünglich Enki hieß, den Menschen aus Lehm und göttlichem Blut.

Die Menschen vermehrten sich rasch, und der von ihnen erzeugte Lärm störte den obersten Gott Enlil in seiner Ruhe, so dass er beschloss, die Zahl der Menschen zu verringern. Er schickte Seuchen, Dürre und Hungersnöte, doch Ea schützte seine Geschöpfe durch klugen Rat. Dann wollte Enlil die Menschen durch eine Sintflut vernichten. Wieder half Ea, so dass es Atramchasis gelang, sich selbst und somit das Menschengeschlecht zu retten. Doch von nun an beschränkte Ea die Lebenszeit der Menschen. Darüber hinaus verhinderte er durch Kindersterblichkeit und Unfruchtbarkeit auch, dass sie sich unbegrenzt vermehrten.

Wer ging bei den Götterkämpfen als Sieger hervor?

Der Gott Marduk. In dem um 1200 v. Chr. zusammengestellten Schöpfungsepos »Enuma Elisch«, wird die Vorherrschaft des babylonischen Gottes Marduk legitimiert: Am Anfang der Zeit existierte nichts außer dem weiblichen Salzwasserozean Tiamat und dem männlichen Süßwasserozean Apsû. Als die beiden Ozeane sich vereinigten, gingen daraus mehrere Götter hervor, unter anderen auch der Schöpfergott An/Anu und der Weisheitsgott Ea.

Doch zwischen den Göttern und Apsû kam es zum Streit. Ea siegte und baute auf Apsû das Heiligtum in Eridu, wo dann auch sein Sohn Marduk geboren wurde. Damit war Ea Herr über das Süßwasser.

Aus Rache ging Tiamat zum Angriff über und brachte elf gewaltige Ungeheuer hervor, an deren Spitze der Gott Kingu stand, der auf seiner Brust die »Schicksalstafeln« trug. Die Götter wichen vor dem Ansturm zurück, doch Marduk erklärte sich zum Kampf bereit, wenn er in Zukunft als Herrscher der Götter anerkannt würde. Die Götter stimmten zu und Marduk nahm den Kampf auf. Er tötete Tiamat mit einem Pfeil, überwand die Ungeheuer samt Kingu und bemächtigte sich der Schicksalstafeln. Dann spaltete er Tiamats Körper in zwei Hälften: die eine bildete das Himmelsgewölbe, aus der anderen entstand die Erde.

Am Himmel ordnete Marduk die Sternbilder und auf der Erde schuf er Pflanzen und Lebewesen. Auch Menschen brauchte er, damit sie den Göttern dienstbar wären. So machte sich sein Vater Ea daran, aus dem Blut des Gottes Kingu den Menschen zu erschaffen. Anschließend wurde in Babylon der Esagila genannte Tempel des Marduk gebaut und die Götter trafen sich zur Siegesfeier.

Wussten Sie, dass …

in Mesopotamien bereits im 5. Jahrtausend v.Chr. eine hochentwickelte Ackerbaukultur existierte? Menschen lebten dort seit etwa 70 000 Jahren.

bereits um 4000 v. Chr. erste Schriftformen in Mesopotamien auftauchten, die sich dann später zur berühmten Keilschrift entwickelten?

die fantasievolle mesopotamische Mythenwelt über die Jahrtausende hinweg lebendig geblieben ist? Die Geschichten von der Erschaffung des Menschen aus Lehm, von der Sintflut oder vom Paradies sind in die biblische Überlieferung eingeflossen und daher bis heute Allgemeingut der abendländischen Geistesgeschichte.

das Epos von Gilgamesch als ältestes erhaltenes literarisches Dokument der Menschheit gilt? Das Werk beschreibt die Taten des gleichnamigen Königs von Uruk, der ca. 2652–2602 v. Chr. gelebt haben soll.

Wie stellten sich die Mesopotamier die Erde vor?

Als geteilte Hohlkugel. Das Weltbild im alten Mesopotamien beruhte auf der Vorstellung, dass der gesamte Kosmos aus einer in zwei gleiche Hälften geteilten Kugel besteht. Die obere Halbkugel bildete das Himmelsgewölbe mit den Sternen, die untere stellte die Unterwelt dar.

Zwischen den beiden Halbkugeln verlief entlang der äußeren Kreiswand ein Gebirgszug. Innerhalb dieses Gebirgsringes erstreckte sich der kreisrunde Salzwasserozean Tiamat, in dessen Mitte sich die Erde wie eine Insel erhob. Direkt unter der Erde lag der Süßwasserozean Apsû. Das Zentrum der Erdscheibe bildete Mesopotamien, um das sich die anderen Länder gruppierten.

Dieses altorientalische Weltbild wurde dann von den frühen Griechen übernommen, später jedoch von neuen Vorstellungen abgelöst, die nicht zuletzt auf geografischen Entdeckungen und naturwissenschaftlichen Beobachtungen beruhten.

Können einzelne Mythen bestimmten Orten zugeordnet werden?

Ja. Die nahe am Persischen Golf gelegene Stadt Eridu beispielsweise galt, obwohl sie politisch eher unbedeutend war, als älteste Stadt des Landes und stand in enger Verbindung mit den Weltschöpfungsmythen.

Man erzählte sich, dass nach der Erschaffung der Welt, lange vor der Sintflut, das Königtum hier vom Himmel herabgestiegen sei und erstmals ausgeübt wurde. Der Stadtgott Enki (akkadisch: Ea) war der Gott der Weisheit und der Künste und auch Herr über den Süßwasserozean Apsû, auf dem die Erde schwamm.

Wussten Sie, dass …

der Mythos von der Sintflut bereits bei den Sumerern auftaucht? Die Götter beschließen – aus welchen Gründen, ist nicht bekannt –, die Menschen durch eine Sintflut zu vernichten. Nur der fromme Ziusudra wird gewarnt. Er erbaut ein Boot und übersteht so die sieben Tage und sieben Nächte währende Flut. Danach bringt er dem Sonnengott Utu ein Opfer dar und erhält »ein Leben als Gott«, das er im Land des Sonnenaufgangs verbringen darf. Dieser Stoff ging dann später in das babylonische Gilgamesch-Epos ein.

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