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Höhere Milchpreise harmlos für die Inflation

Die Milchpreise steigen weltweit, die deutschen Verbraucher dürften dies ab August beim Einkaufen zu spüren bekommen.

von André Kühnlenz und Monika Dunkel (Berlin); © ftd.de

Auf die Inflation sollte dies jedoch kaum Auswirkungen haben, meinen Volkswirte. Schließlich werden andere Produkte billiger. "Ich sehe einen möglichen Anstieg gelassen", sagte Karsten Junius von der Deka-Bank. "Selbst wenn alle Milchprodukte um rund 50 Prozent teurer werden, bleiben die Kaufkrafteffekte relativ gering", sagte Ralph Solveen von der Commerzbank. "Einzelne Verbraucher wird der Preisanstieg sicherlich treffen, volkswirtschaftlich sind aber keine spürbaren Effekten zu erwarten", sagte der Ökonom.

Am Wochenende hatte die Zentrale Markt- und Preisberichtstelle für Erzeugnisse der Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft (ZMP) vor einem kräftigen Preisanstieg ab dem 1. August in deutsche Supermärkten gewarnt. In den vergangen Monaten haben die Milchproduzenten deutlich höhere Preise in den Lieferverträgen durchsetzen können. Hintergrund sind die seit Monaten weltweit steigenden Milchpreise.

Gemüse und Obst billiger

Einen Anstieg um 50 Prozent, wie teilweise von der ZMP vorhergesagt, sollte es aber nur vereinzelt in den Supermärkten geben, sagte Junius. Nach Schätzungen der Commerzbank werde der Preisanstieg in Deutschland bei Milchprodukten im Schnitt zehn Prozent ausmachen. Da Molkereiprodukte gerade einmal gut 1,4 Prozent am durchschnittlichen Verbrauch eines Konsumenten in Deutschland ausmachen, dürften die Effekte auf die Gesamtinflation sehr gering bleiben. Nach Berechnung von Alexander Koch, Volkswirt bei Unicredit, würde selbst im schlimmsten Fall einen Anstiegs aller Milchpreise um 50 Prozent die Jahresinflation in Deutschland von 2,0 auf 2,3 steigen. Zudem gebe es auch noch dämpfende Gegeneffekte. Gemüse und Obst etwa würden dieses Jahr aufgrund guter Ernten billiger.

Nach Angaben der Statistikamts Destatis lag der Preis für Frischmilch im Juni fast sieben Prozent über dem Vorjahresniveau. Bei Butter betrug der Preissprung mehr als vier Prozent. Insgesamt ist bei den Lebensmittelpreisen aber keine Steigerung zu sehen. Im Gegenteil: Seit Herbst ging hier der Preisanstieg von drei Prozent auf zuletzt 1,7 Prozent im Juni zurück.

Weltweit ist die Nachfrage nach Milcherzeugnissen in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen, sagt Michael Brandl, Geschäftsführer des Milchindustrie-Verbands (MIV), die Verteuerung des Produkts Milch. Insbesondere in Russland, China und den Opec-Staaten habe der Bedarf deutlich zugenommen. So habe China im vergangenen Jahr seinen Milchimport um 25 Prozent gesteigert. Der Konsum pro Kopf nahm nach Angaben der chinesischen Molkereivereinigung zwischen 2000 und 2006 um 76 Prozent zu. Er liegt allerdings noch immer erst bei einem Viertel des Weltdurchschnitts.

Zwar mögen viele Asiaten gar keine Milch. Doch mit verarbeiteten Produkten wie Käse oder Butter hätten viele keine Probleme, sagte Brandl. Gefragt sei deutscher Käse daher auch in Japan. Traditionell beliefern Länder wie Australien und Neuseeland die asiatischen Märkte. Neuseeland war 2004 der zweitgrößte Exporteur von Milchprodukten - nur knapp hinter der EU. Im Geschäftsjahr 2006/2007 steigerten die Neuseeländer ihre Produktion um drei Prozent. Die hohe Nachfrage in Asien wiederum eröffnete den Europäern neue Exportchancen in Russland und anderen Ölförderländern, sagte Brandl. "Das ist wie ein Dominoeffekt", sagte er. So würden deutsche Exporteure dort etwa für die Neuseeländer oder andere einspringen.

Doch nicht in allen Regionen der Welt kommen die Produzenten der Nachfrage hinterher - was wiederum preistreibend wirkt. Große Milcherzeugerländer fallen als Weltmarktanbieter fast völlig aus. So ist Indien zwar mit 90 Millionen Tonnen der weltgrößte Milcherzeuger, doch unterbindet das Land die Ausfuhr weitgehend durch eine hohe Exportsteuer. Ähnliches ist in Argentinien zu beobachten. Australien produzierte aufgrund von Ernteausfällen weniger als im Vorjahr. Weniger Milch wird nach Aussage von Brandl auch in den Vereinigten Staaten produziert. In den Jahren niedriger Preise haben Bauern auf die lukrativere Mais- oder Rapsproduktion umgesattelt. Sie ist für die Herstellung von Biokraftstoffen nötig, die in Zeiten hoher Benzinpreise stark gefragt sind.

In Europa kommt hinzu, dass die Milchproduzenten ihr Angebot gar nicht beliebig ausweiten dürfen. Die Milchmenge, die jeder Bauer, herstellen darf, ist von der EU vorgeschrieben. Nur dieses Kontingent wird zu einem mit der Molkerei vereinbarten Festpreis abgenommen. Produziert ein Bauer Überschüsse, muss er sogar Strafe zahlen. Dieses System sollte einst Milchüberschüsse verhindern und soll noch bis 2015 gelten. "Mittlerweile gibt es aber keine Milchseen und Butterberge mehr in der EU", sagte Brandl. Angesichts der neuen Milchknappheit setzen sich der Deutsche Bauernverband und die Milchindustrie nun für eine vorzeitige Abschaffung der Quoten ein.

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