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"Ja, ich bin Christ"

Interview mit Dan Brown

Alle sprechen über seinen Roman, wir lassen den Autor selbst zu Wort kommen.

Wie steht es um den Wahrheitsgehalt von SAKRILEG?
SAKRILEG ist ein Roman und daher ein fiktives Werk. Während die Charaktere in diesem Buch und ihre Handlungen offensichtlich nicht real sind, existieren die in diesem Roman beschriebenen Kunstwerke, die Architektur, die erwähnten Dokumente und geheimen Rituale, beispielsweise Leonardo da Vincis Gemälde, die gnostischen Schriften, die heilige Hochzeit, sehr wohl. Diese realen Elemente werden von fiktiven Charakteren interpretiert und debattiert. Ich glaube zwar, dass einige der Theorien, die von ihnen diskutiert werden, möglicherweise nicht von der Hand zu weisen sind, doch jeder Leser muss die Standpunkte dieser Charaktere selbst erkunden und zu seiner eigenen Interpretation gelangen. Meine Hoffnung beim Schreiben dieses Romans war, dass die Geschichte als Katalysator für die Leser fungieren und sie motivieren würde, über die wichtigen Themen von Glauben, Religion und Geschichte zu diskutieren.

Aber behauptet nicht die Fakten-Seite des Romans, dass jedes einzelne Wort in diesem Werk eine historische Tatsache ist?
Wenn Sie diese Seite lesen, dann werden Sie sehen, dass dort steht, die Dokumente, Rituale, Organisationen, Kunstwerke und Architektur im Roman würden tatsächlich existieren. Die Fakten-Seite macht keinerlei Aussage über irgendeine der alten Theorien, die von den fiktiven Charakteren diskutiert werden. Diese Ideen zu interpretieren überlasse ich dem Leser.

Ist das Buch antichristlich?
Nein. Dieses Buch ist nicht anti-irgendwas. Es ist ein Roman. Ich habe diese Geschichte in dem Bemühen geschrieben, gewisse Aspekte der christlichen Geschichte zu erkunden, die mich interessieren. Die große Mehrheit gläubiger Christen versteht diese Tatsache und betrachtet SAKRILEG als eine unterhaltsame Geschichte, die spirituelle Diskussionen und Debatten fördert. Nichtsdestotrotz hat eine kleine, lautstarke Gruppe von Individuen die Geschichte als gefährlich, gotteslästerlich und antichristlich dargestellt. Ich bedaure zwar, dass ich diesen Individuen zu nahe getreten bin, doch ich sollte nicht verschweigen, dass ich ständig von Priestern, Nonnen und Geistlichen kontaktiert werde, die mir danken, dass ich diesen Roman geschrieben habe. Viele Kirchenvertreter feiern SAKRILEG, weil es neues Interesse an wichtigen Themen des Glaubens und der Religionsgeschichte geweckt hat. Man darf nicht vergessen, dass ein Leser nicht mit jedem Wort in meinem Roman übereinstimmen muss, um das Buch als positiven Katalysator für Introspektion und die Erforschung unseres Glaubens zu benutzen.

Was halten Sie von geistlichen Gelehrten, die versuchen, SAKRILEG zu widerlegen?
Der Dialog ist wunderbar! Diese Autoren und ich sind offensichtlich unterschiedlicher Meinung, doch die sich daraus ergebende Debatte ist eine entschieden positive, mächtige Kraft. Je heftiger wir diese Themen debattieren, desto klarer wird unser Verständnis der eigenen Spiritualität. Kontroversen und Dialog sind gesund für die Religion als Ganzes. Die Religion hat nur einen wirklichen Feind -- Apathie --, und eine leidenschaftliche Debatte ist ein superbes Gegenmittel.

Teile von SAKRILEG beschreiben die Aktivitäten der Religionsgemeinschaft Opus Dei. Wie denkt Opus Dei über Ihren Roman?
Ich habe hart daran gearbeitet, eine faire und ausgewogene Darstellung von Opus Dei zu erreichen. Trotzdem ist nicht auszuschließen, dass es Menschen gibt, die sich durch dieses Porträt beleidigt fühlen. Opus Dei ist eine entschieden positive Kraft im Leben zahlreicher Leute, doch für andere war die Verbindung zu Opus Dei eine grundlegend negative Erfahrung. Meine Darstellung in SAKRILEG basiert auf zahlreichen Büchern, die von Opus Dei veröffentlicht wurden, sowie auf meinen eigenen persönlichen Interviews mit gegenwärtigen und früheren Mitgliedern.

Ein Teil der in diesem Roman dargestellten Geschichte steht im Widerspruch zu dem, was ich in der Schule gelernt habe. Was soll ich glauben?
Seit Anbeginn der Geschichtsschreibung wurde die Geschichte stets von den „Siegern“ niedergeschrieben (denjenigen Gesellschaften und Glaubenssystemen, die überlebt oder erobert haben). Trotz einer offensichtlichen Parteilichkeit dieser Methode messen wir die historische Genauigkeit eines gegebenen Konzepts immer noch daran, wie gut es mit unseren existierenden historischen Aufzeichnungen konform geht. Zahlreiche Historiker denken heutzutage -- genau wie ich --, dass wir, bevor wir die historische Genauigkeit eines gegebenen Konzepts abschätzen, uns zuerst selbst eine sehr viel tiefer gehende Frage stellen sollten: Wie historisch akkurat ist die Geschichte eigentlich?

Sind Sie Christ?
Ja. Es ist interessant: Wenn man drei Leute fragt, was es bedeutet, Christ zu sein, erhält man drei verschiedene Antworten. Einige denken, getauft zu sein reiche aus. Andere glauben, man müsse die Bibel als absolute historische Wahrheit akzeptieren. Und wieder andere meinen, dass alle, die Christus nicht als ihren persönlichen Retter betrachten, dazu verdammt sind, in der Hölle zu schmoren. Glaube ist ein Kontinuum, und wir alle werden irgendwann einmal auf die eine oder andere Weise damit konfrontiert. Indem wir versuchen, den Glauben zu klassifizieren, enden wir damit, über Semantik zu streiten bis zu einem Punkt, wo wir das Offensichtliche ganz und gar aus den Augen verlieren -- dass wir alle versuchen, die großen Geheimnisse des Lebens zu entschlüsseln und dass jeder einzelne von uns seinem eigenen Weg zur Erleuchtung folgt. Ich betrachte mich als Student vieler Religionen. Je mehr ich lerne, desto mehr Fragen habe ich. Für mich ist die spirituelle Suche ein lebenslanger, niemals endender Prozess.

Das Thema dieses Romans könnte als kontrovers betrachtet werden. Haben Sie Angst vor den Auswirkungen?
Ich könnte mir keinen Grund dafür vorstellen. Die Ideen in diesem Roman sind seit Jahrhunderten bekannt; es sind nicht meine eigenen. Zugegeben, es mag das erste Mal sein, dass diese Ideen im Kontext eines populären Thrillers niedergeschrieben wurden, doch die Informationen sind alles andere als neu. Meine Hoffnung für SAKRILEG war -- über die reine Unterhaltungsebene hinaus --, dass das Buch dem Leser die Tür öffnen möge, um mit eigenen Nachforschungen anzufangen, und das Interesse an Themen des Glaubens neu zu entfachen.

Was empfinden Albinos wegen Ihres Charakters Silas?
Einige Leser mit Albinismus waren wegen der Darstellung dieses Charakters besorgt. Ich bin sehr sensibel, was ihre Besorgnis angeht. Es ist wichtig, nicht zu vergessen, dass Silas’ Aussehen nichts mit seiner gewalttätigen Natur zu tun hat -- die Grausamkeit anderer hat ihn zur Gewalt getrieben --, es ist nichts, was seiner Physiologie von Geburt an innewohnt. Die große Mehrheit der Kritiker und Leser (selbst einige mit Albinismus) finden, dass Silas der sympathischste Charakter des ganzen Romans ist. Ich glaube fest, dass das Romanporträt des Silas einfühlsam schildert, wie schwierig Albinismus sein kann -- insbesondere für junge Menschen --, und wie grausam eine Gesellschaft diejenigen unter uns ausgrenzen kann, die anders aussehen.

Hat jemand aus einer der großen organisierten Religionsgemeinschaften öffentlich Ihren Roman unterstützt?
In der Tat, viele Menschen aus organisierten Religionsgemeinschaften haben sich gemeldet und diesen Roman unterstützt, und natürlich gibt es genauso viele, die ihm kontrovers gegenüberstehen. Die Opposition kommt in der Regel von den orthodoxesten christlichen Denkern, die glauben, die Vorstellung eines „verheirateten Jesus Christus“ würde seine Heiligkeit unterminieren. Ich stimme dieser Interpretation zwar nicht zu, doch das ist unerheblich, weil der Dialog an sich eine positive und ermunternde Kraft für jeden Beteiligten darstellt. Plötzlich debattieren unzählige Leute leidenschaftlich über wichtige philosophische Themen, und ungeachtet der persönlichen Schlüsse, die jeder einzelne von uns zieht, kann diese Debatte nur helfen, unser Verständnis des eigenen Glaubens zu vertiefen. Viele der positiven Reaktionen seitens organisierter Religionsgemeinschaften erhalte ich von Nonnen (die mir in ihren Briefen danken, weil ich darauf hingewiesen habe, dass sie ihr gesamtes Leben der Kirche gewidmet haben und dass sie dennoch für „unfähig“ erachtet werden, den Altardienst zu versehen.) Ich habe von Hunderten begeisterter Priester gehört. Viele von ihnen sind mit einigen Ideen in meinem Roman nicht einverstanden, doch es freut sie, dass ihre Gemeindemitglieder plötzlich eifrig mit ihnen über Religion diskutieren wollen. Father John Sewell von der St. John's Episcopal Church in Memphis hat erst kürzlich gegenüber der Presse verlautbaren lassen: „Dieser Roman ist keine Bedrohung. Er ist eine Gelegenheit. Wir sind aufgerufen, uns kreativ mit der Kultur zu beschäftigen, und das ist es, was ich tun möchte. Ich denke, Dan Brown hat mir einen Gefallen erwiesen. Er hat mir eine Möglichkeit gegeben, über Dinge zu sprechen, die wichtig sind.“

Hat Sie der Erfolg des Buches überrascht?
Und wie! Ich habe sehr hart an diesem Roman gearbeitet, und ich habe sicherlich erwartet, dass die Leser ihn genießen würden, doch ich hätte niemals damit gerechnet, dass so viele Menschen ihn so sehr lieben würden. Ich habe im Grunde genommen eine Gruppe fiktiver Charaktere erschaffen und sie mit Ideen konfrontiert, die ich persönlich faszinierend finde. Offensichtlich ist es so, dass diese Ideen für eine große Zahl von Menschen die gleiche Faszination ausüben.

Dieser Roman ist für Frauen sehr ermutigend. Können Sie etwas dazu sagen?
Vor zweitausend Jahren lebten wir in einer Welt der Götter und Göttinnen. Heutzutage leben wir in einer Welt, in der es nur noch Götter gibt. Die Frauen in den meisten Kulturen sind ihrer spirituellen Kraft beraubt worden. Der Roman berührt die Frage, wieso und warum diese Verschiebung stattgefunden hat ... und welche Lektionen wir daraus für unsere Zukunft lernen können.

In Werbetexten zu Ihrem Roman wird oft von der „größten Verschwörung der letzten zweitausend Jahre“ gesprochen. Was ist das für eine Verschwörung?
Dieses Geheimnis zu enthüllen würde die Leser jeglichen Vergnügens berauben, doch ich möchte so viel sagen, dass es mit einer der berühmtesten Geschichten aller Zeiten zu tun hat ... einer Legende, die uns allen vertraut ist. Gerüchte über diese Verschwörung kursieren seit Jahrhunderten in zahllosen Sprachen, einschließlich der Sprache der Kunst, Musik und Literatur. Einige der dramatischsten Hinweise finden sich in den Gemälden von Leonardo da Vinci, die überzufließen scheinen vor rätselhaftem Symbolismus, Anomalien und Codes. Kunsthistoriker sind sich einig, dass da Vincis Gemälde verborgene Bedeutungsebenen enthalten, die weit unter die Oberfläche der Farbe reichen. Zahlreiche Gelehrte glauben, dass sich in da Vincis Arbeiten bewusste Hinweise auf ein großes Geheimnis finden ... ein Mysterium, das bis zum heutigen Tag durch eine geheime Bruderschaft gehütet wird, der auch da Vinci selbst angehört hat.

Woher stammt die Idee für SAKRILEG?
Diese spezielle Geschichte hat immer wieder an meine Tür geklopft, bis ich schließlich geantwortet habe. Das erste Mal habe ich während meines Studiums der Kunstgeschichte an der Universität von Sevilla von den Geheimnissen in da Vincis Werken erfahren. Jahre später, während meiner Recherchen für ILLUMINATI, bin ich dem da-Vinci-Rätsel erneut begegnet. Ich besuchte den Louvre, wo ich die Originale einiger der berühmtesten Werke da Vincis betrachten und mit einem Kunsthistoriker diskutieren konnte, der mir zu einem besseren Verständnis des Geheimnisses hinter den überraschenden Anomalien der Gemälde verhalf. Von da an war ich gefesselt. Ich habe ein Jahr mit Recherchen zugebracht, bevor ich SAKRILEG geschrieben habe.

Wie sind Sie an all die Insider-Informationen für dieses Buch gekommen?
Die meisten Informationen sind nicht so entlegen, wie es vielleicht scheinen mag. Das Geheimnis, das in meinem Roman beschrieben wird, ist seit Jahrhunderten aufgezeichnet, und es gibt Tausende von Quellen, aus denen man mehr erfahren kann. Darüber hinaus war ich überrascht, wie begierig Historiker ihre Sachkenntnis mit mir geteilt haben. Eine Akademikerin berichtete mir, dass ihre Begeisterung für SAKRILEG zum Teil auf ihrer Hoffnung beruhe, dass „dieses uralte Rätsel“ einem breiteren Publikum zugänglich gemacht würde.

Sie scheinen eine Vorliebe für geheime Gesellschaften zu haben. Was können Sie dazu sagen?
Mein Interesse an Geheimgesellschaften ist das Produkt zahlreicher Erfahrungen. Sicherlich tragen meine Recherchen bezüglich Organisationen wie NSA, Vatikan, NRO und Opus Dei dazu bei, meine Faszination aufrecht zu erhalten. Auf einer tieferen Ebene jedoch rührt mein Interesse daher, dass ich in Neuengland aufgewachsen bin, umgeben von den geheimen Clubs der Ivy-League-Universitäten, der Freimaurerlogen unserer Gründerväter und den verborgenen Korridoren früher Regierungsmacht.

Würden Sie sich selbst als Verschwörungstheoretiker betrachten?
Kaum. Tatsächlich bin ich das genaue Gegenteil – eher ein Skeptiker. Ich erkenne absolut keine Wahrheit in den Geschichten über außerirdische Besucher, Kornkreise, das Bermuda-Dreieck oder viele andere „Geheimnisse“, die unsere Pop-Kultur durchdringen. Das Geheimnis hinter SAKRILEG war jedoch zu gut dokumentiert und zu bedeutsam, um es zu ignorieren.

Übersetzung des Interviews: Axel Merz

© Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG
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