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Jugend 2002

Die Drohung: “So lange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, tust du dies und tust du das! dürfte in der Geschichte der Erpressung einen Ehrenplatz einnehmen. Zeit ihres Bestehens hat die Institution der Familie die primäre Funktion, die heranwachsende Generation durch das Training geltender Regeln und Normen in die bestehende Gesellschaft einzugliedern. Und notfalls eben mit Gewalt. Aber auch was lange währt, muss nicht ewig gelten. Die Autorität, vor allem die des Vaters, bröckelt. Auch wenn er schon ohne die Hilfe seiner Kinder seinen Computer und das Handy bedienen kann überlegen sind die Kids ihm allemal, wodurch sein traditioneller Anspruch, der maßgebliche Vertreter des Realitätsprinzips zu sein, einen empfindlichen Schlag erhält. Funktioniert die Familie unter solchen Bedingungen wirklich noch als oberste Sozialisationsinstanz? Oder haben nicht längst andere diese Rolle übernommen neben den Cliquen z.B. die Trendsetter von MTV oder den Daily Soaps?

Auflösung der traditionellen Vaterrolle

Seit jeher ist der Vater für den Eintritt des Sohnes in die Welt der Erwachsenen zuständig.
dpa

Das Problem der väterlichen Autorität ist älter, als man meint. Die so genannte “antiautoritäre Bewegung richtete sich nicht gegen die in Wahrheit längst schon zum Pappkameraden gewordene Autorität, sondern gegen die Lüge, dass es sie noch gebe und gegen den Versuch der Väter, ihre Autorität über ihren realen Niedergang hinaus nach Belieben aufrecht zu erhalten.

Seit jeher beruht die Autorität des Vaters auf der traditionellen familiären Rollenverteilung. Früher ging der Mann, wie der Dichter sagt, “hinaus ins feindliche Leben; er war der Repräsentant der gesellschaftlichen Normen und zugleich Herr über Einkünfte und Vermögen. Seine souveräne Rolle am heimischen Herd verdankte er seiner Bewährung in der Realität. Der bürgerliche Unternehmer steuerte sein Unternehmen durch die divergierenden Kräfte des Marktes. Der Handwerker stützte seine Autorität auf ein fachliches Wissen, das er in Jahrzehnten beruflicher Tätigkeit angesammelt hatte. Wer etwas werden wollte im Leben, musste bei einem dieser Vertreter des bürgerlichen Zeitalters in die Lehre gehen. Und aus eben diesem unabänderlichen Zwang speiste sich jahrhundertelang der Generationskonflikt.

Die Dinge liegen heute freilich anders. Der objektive Grund und Gehalt der Autorität, die über Jahre gesammelten Erfahrung im Beruf, gleich ob im Umgang mit dem Boden, dem Werkzeug oder dem Markt, ist weniger wert als je zuvor. Im Handwerk wie in der neuen Ökonomie werden täglich neue Produkte, neue Bedürfnisse, neue Strategien entwickelt. Es gibt wenig, was die Jungen von den Alten lernen könnten eher gilt inzwischen der umgekehrte Fall. Auch ist ein neuer Typus gefragt. Der idealtypische Vater war vor allem immer eines: prinzipienfest. Der Typus des erfolgreichen Zeitgenossen heute ist dynamisch, flexibel, anpassungsfähig. Durchsetzungsfähig ist er möglicherweise auch, aber einer von dieser konservativen Sorte, gegen die man sich gut auflehnen könnte, ist er in der Mehrzahl der Fälle eher nicht.

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