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Misteln: Die Tricks des grünen "Mitesssers"

Ob Apfelbaum, Pappel oder Tanne - wenn man genau hinschaut, kann man vor allem im Winter ganz oben in den Baumwipfeln kleine, kugelige Nester aus Blättern entdecken. Dahinter stecken in der Regel Misteln. Diese immergrüne Pflanze ist geschickt daran angepasst, auf anderen Pflanzen zu leben, und macht sich die Bäume und auch verschiedene Tiere zu Nutze. Aber wie kommen die Misteln auf die Bäume und welche Vorteile hat das Leben dort oben für die Mistelgewächse?

Apfelbaum mit Mistelbefall
Apfelbaum mit Mistelbefall

Misteln (Viscum) sind weltweit in den Tropen, Subtropen und gemäßigten Zonen verbreitet. In Deutschland ist vor allem die "Weißbeerige Mistel" (Viscum album) bekannt. Je nachdem, auf welcher Pflanze sie wächst, unterscheidet man zwischen den Unterarten Tannen-, Kiefern- und Laubholzmistel.

Seidenschwanz (Bombycilla garrulus) an einer Mistel
Für Vögel wie diesen Seidenschwanz stellen Mistelbeeren während der kalten Jahreszeit eine wichtige Nahrungsquelle dar.

Verbreitung durch tierische Helfer

Damit die Misteln überhaupt auf Tanne, Kiefer, Apfelbaum und Co. gelangen, haben sie im Laufe der Evolution raffinierte Strategien entwickelt. Diese sorgen dafür, dass Tiere ihnen bei der Verbreitung helfen und sie auf die Bäume transportieren.

Als Lockmittel nutzt die Mistel dafür ihre meist weißen, gelben oder auch roten Beeren. Sie bleiben den gesamten Winter über an den immergrünen Pflanzen hängen und  signalisieren Vögeln schon von weitem: Hier gibt es Futter! Weil Tiere im Winter nur wenig andere Nahrung finden, sind die Mistelbeeren für viele Vogelarten ein hochwillkommenes Futter.

Das Raffinerte dabei: Die in den Beeren enthaltenen Samen sind schwer verdaulich und noch dazu mit einem klebrig-schleimigen Überzug versehen, der aus Zellulose und pflanzlichen Zuckern besteht. Wenn ein Vogel nun an einer Beere knabbert und die Samen ausspuckt, bleiben sie dank ihrer Klebhülle, dem sogenannten Viscin, an Ästen oder Blättern des Baumes kleben. Und selbst wenn der Vogel die Beere ganz hinunterschluckt, tut dies den Samen nichts: Sie werden samt ihrer Klebehülle mit Kot wieder ausgeschieden – und können so per "Vogelpost" neue Bäume und Waldgebiete erreichen.

Haustorium der Weißbeerigen Mistel an einem Lindenstamm
Haustorium der Weißbeerigen Mistel an einem Lindenstamm.

Wie der Keimling den Baum erobert

An einen Zweig von Laub- oder Nadelbäume geheftet, entstehen dann im Frühjahr aus den Samen der Mistel Keimlinge. Und auch dabei gibt es bei der Mistel eine Besonderheit: Statt den zarten grünen Keimling zur Sonne auszurichten, wie sonst bei Pflanzenkeimen üblich, wächst ihr Keimblattstamm der dunklen Rinde ihres Baums entgegen. Innerhalb von rund 60 Tagen bildet sich dann unter den winzigen Keimblättern an der Rinde eine Haftscheibe, die als Haustorium bezeichnet wird. Durch dieses Organ bekommt der Keimling genügend Halt am Baum.

Dann folgt der nächste Schritt: Aus dem Haustorium wächst eine sogenannte primäre Senkwurzel, die innerhalb mehrerer Wochen tiefer in das Holz eindringt und die Rinde des Geästs durchwächst. In der Regel gelangt diese Wurzel nach zwei Monaten an die Gewebeschicht des Baumes. Im Laufe der Monate entstehen ausgehend vom Primärsenker weitere Wurzeln, die waagerecht in den Ast und dann in den Baumstamm hineinwachsen und so ein Netz bilden und die Pflanze fest in den Baum verankern.

 "Weißbeerige Mistel" an einem Apfelbaum
Das Mistelwachstum ist sehr langsam und entzieht dem Baum zunächst nur wenig Wasser und Nährstoffe: etwa zweijährige "Weißbeerige Mistel" an einem Apfelbaum.

Misteln als „grüner Mitesser“

Damit ist die Mistel nicht nur sicher an den Baum geheftet, sondern verschafft sich über ihre Senker auch Zutritt zu den Wasserleitungen des Baumes. Von diesen zapft sich die Mistel Wasser mitsamt der darin gelösten Mineralen ab und versorgt sich damit – selbst während der winterlichen Wachstumspause der Bäume. Denn in dieser Zeit schüttet die Mistel Wirkstoffe aus, über die sie die Wasserzufuhr aus ihrem sogenannten Wirt reguliert.

Generell geht die Mistel jedoch „sparsam“ mit den Ressourcen der Wirtspflanze um und wächst deshalb auch nur sehr langsam: Erst etwa im zweiten Jahr entsteht der erste verzweigte Spross mit den für Misteln üblichen ledrigen Laubblättern. Bis die Mistelpflanze Beeren trägt, vergehen mindestens fünf Jahre und um ihre typisch runde Nestform zu erreichen, brauchen Misteln meist einige weitere Jahre.

Mit der Zeit können die Misteln über einen Meter Durchmesser erreichen. Ihre Wurzeln im Wirtsgewebe wachsen bei dieser Größe bis zu einem halben Meter tief in den Baum hinein und zweigen sich im Laufe des Dickenwachstums des Baums weiter in die äußeren Stammschichten ab, da die Baumschichten mit den Wasserleitungen im Laufe des Baumlebens weiter nach außen wandern. Insgesamt können die Mistelgewächse etwa 50 Jahre bis 70 Jahre auf ihrem Wirt überleben.

Red Misteltoe (Peraxilla Tetrapetala)
In den Subtropen und Tropen existieren auch weitaus farbenprächtigere Mistelarten als in Europa.

Halbschmarotzer mit eingespartem Enzym

Dass Misteln so lange überleben, haben sie zwar größtenteils ihrem Wirt zu verdanken, jedoch tragen sie auch selbst zu ihrem Lebensunterhalt bei: Die grünen Mistelblätter enthalten den Pflanzenfarbstoff Chlorophyll und betreiben Photosynthese. Damit können sich die Misteln eigenständig mit Kohlenhydraten versorgen, die sie beispielsweise zum Aufbau ihrer Blätter benötigen. Deshalb werden sie auch nicht als Parasit, sondern als Halbschmarotzer klassifiziert.

Bei der Energieversorgung der Misteln ist es allerdings mit der Selbstständigkeit nicht weit her: Ihnen fehlt ein Enzymkomplex, mit dem Pflanzen im Rahmen ihrer Atmungskette normalerweise chemische Energie in Form des Adenosintriphosphat (ATP) produzieren. Der Mistel fehlt jedoch das entsprechende Gen und daher erzeugen die Zellen der Mistel zu wenig ATP, um auf Dauer zu überleben. Um ihren Energiebedarf zu decken, ist sie daher zumindest in Teilen auf energiereiche Nährstoffe ihres Wirts angewiesen.

„Parasiten sind clever“, sagt Etienne Meyer vom Max-Planck-Institut für Pflanzenphysiologie. „Sie bekommen das meiste von dem, was sie zum Leben benötigen, von ihrem Wirt und es scheint so, als dass sie in diesem Zuge auf einige Zellfunktionen, die andere Organismen zum Überleben benötigen, verzichten können.“ Die Bereitstellung von Nährstoffen durch den Wirt könnte es der Mistel erlauben, weniger Energie zu benötigen und zudem die Energie zu sparen, die sie sonst für den Komplexaufbau der Atmungskette in den Mitochondrien aufbringen müsste.

ABO, 01.09.2021
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