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"Moderate islamistische Kräfte einbinden"

wissen.de-Interview zur Eskalation des Nahostkonflikts

[[{"type":"media","view_mode":"media_small","fid":"326","attributes":{"alt":"","class":"media-image","typeof":"foaf:Image"}}]]Isabel Schäfer, Nahostexpertin an der Freien Universität Berlin, über den Krieg im Libanon, internationale Einflussmöglichkeiten und den Palästinakonflikt.

wissen.de: Ist es "verhältnismäßig", was Israel macht, rechtfertigt also die Entführung zweier Soldaten ein  derartiges Bombardement eines ganzen Landes?
Nein, eine militärische Offensive dieser Art als Antwort auf die Entführung zweier Soldaten ist nicht angemessen, so sehr die Entführung der beiden Soldaten auch zu verurteilen ist. Israel beabsichtigt die Hizbollah zu schwächen, einseitig und mit militärischen Mitteln eine  Sicherheitszone zwischen Israel und dem Südlibanon zu etablieren.
Die israelische Regierung verlangt von der Hizbollah die Räumung des Südlibanon und die Rückgabe der entführten Soldaten; erst dann wird die israelische Armee ihre Offensive einstellen. Dass Israel diese Forderungen stellt ist nachvollziehbar; dass dabei die Zerstörung des soeben erst wieder und mühsam aufgebauten Libanon in Kauf genommen wird und auch eine hohe Anzahl an zivilen Toten, ist nicht mehr nachvollziehbar.
Bislang sind mehr als 300 Menschen im Libanon Opfer der Angriffe geworden; auf israelischer Seite werden 29 Tote genannt. Auch die beabsichtigte gezielte Tötung der Hizbollah Führung, insbesondere von Sheikh Nasrallah, verstößt gegen internationales Recht. Die aktuelle militärische Offensive der israelischen Armee treibt die libanesische Bevölkerung eher noch mehr in die Arme der Hizbollah.

Was könnte Israel sonst tun, um die Angriffe mit Kurz- und Mittelstreckenraketen tief in sein Territorium zu verhindern?
Bislang haben die militärischen Offensiven der israelischen Armee im Südlibanon immer eher zu einer Stärkung der Hizbollah geführt, als zu ihrer Schwächung. Dies war bereits 1978, 1982 und 1996 der Fall, als die israelische Armee in den Südlibanon eindrang und versuchte zunächst gegen die PLO und dann gegen die Milizen der Hizbollah vorzugehen. Insofern ist es gut möglich, dass auch in diesem Fall die Hizbollah eher gestärkt aus der Offensive der israelischen Armee hervorgehen wird. Eines der zentralen Mobilisierungsargumente der Hizbollah ist der Kampf gegen Israel, zur Verteidigung der Palästinenser. Israel muss einen Weg der Koexistenz mit den Palästinensern finden. Dann wird der Hizbollah ein Legitimationsgrund entzogen. Auch muss Israel, mit Hilfe der internationalen Gemeinschaft, einen diplomatischen Verhandlungsweg finden, um Iran und Syrien davon abzuhalten, die Hizbollah weiterhin zu finanziell, ideologisch und militärisch zu unterstützen.

Handelt es sich im Moment um eine "begrenzte Militäraktion" Israels oder steht ein "großer" Nahostkrieg unter Einbezug Syriens an?

Das ist zum jetzigen Zeitpunkt schwer vorauszusagen. Syrien hat sich bislang vergleichsweise ruhig verhalten. Präsident Assad hat sich für einen Waffenstillstand zwischen der Hizbollah und Israel ausgesprochen. Gleichzeitig haben sich der iranische Präsident Ahmadinedschad und der syrische Präsident Assad zu Gesprächen getroffen.
Die Bush-Administration scheint Israel möglichst lange gewähren lassen zu wollen, um Israel die Gelegenheit zu geben, möglichst viele Hizbollah Strukturen zerstören zu können. Durch eine verhaltene Annäherung zwischen Syrien und den USA, soll der Iran international noch weiter isoliert werden.
Sicher ist, dass durch die aktuelle Militäraktion der israelischen Armee und insbesondere auch durch die in diesem Kontext von arabischen Fernsehsendern und über Internet verbreiteten Bilder von Gewalt und Zerstörung, die anti-israelische Stimmung in den Bevölkerungen der gesamten Region unkontrolliert anstacheln.
 

Warum gibt es keinen Gefangenenaustausch? Das war doch früher auch durchaus üblich?

Einen Gefangenenaustausch zu vermitteln kann Jahre dauern. Doch das sollte nicht davon abhalten, es zu versuchen. Deutsche Diplomaten haben hier einige Erfahrungen vorzuweisen. So wurde beispielsweise im Januar 2004 erfolgreich ein Gefangenenaustausch zwischen Israel und der Hizbollah vermittelt. Ein Gefangenenaustausch wäre durchaus denkbar, im Rahmen eines eventuellen Waffenstillstandsabkommens. Doch so weit sind die Konfliktparteien noch nicht. Doch Hauptziel im Moment muss sein, eine beidseitige Waffenruhe herzustellen.

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