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Unverständliche Wahlprogramme

Wer das Wahlprogramm einer Partei studiert, erhofft sich klare Informationen über deren politische Positionen. Doch die Realität sieht anders aus: Die Texte sind für Laien oft unverständlich. Zu diesem Ergebnis kommen Kommunikationswissenschaftler, die die Wahlprogramme der Parteien zu den nun anstehenden Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen analysiert haben. Bandwurmsätze, Wortungetüme und komplizierte Fachbegriffe erschweren das Verständnis demnach erheblich.

 

Frustrierte Menschen mit Wahlprogrammen in den Händen
Wahlprogramme sind für Laien oft unverständlich.
Man kann die Nachrichten verfolgen, sich in der Fußgängerzone mit Politikern an Wahlständen unterhalten oder digitale Entscheidungshelfer wie den Wahl-O-Mat nutzen. Doch die wichtigste Quelle, um zu erfahren, was Parteien wollen und planen, stellen immer noch die Wahlprogramme dar. In ihnen fasst jede Partei ihre Ansichten zu unterschiedlichen Themen zusammen.

"Damit die Wählerinnen und Wähler eine begründete Wahlentscheidung treffen können, sollten Parteien ihre Positionen klar und verständlich darstellen. Die Wahlprogramme sind dabei ein Mittel, um die eigenen Positionen darzulegen", erklärt der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim. Die Wahlprogramme der Parteien zu studieren, kann die Entscheidung daher theoretisch erheblich erleichtern. Doch sind diese Texte für Laien überhaupt verständlich?

"Schwer verdaulich"

Genau dies haben Brettschneider und seine Kollegen nun am Beispiel der Wahlprogramme zu den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen 2019 untersucht. Mithilfe einer Analyse-Software fahndeten die Forscher dabei unter anderem nach überlangen Sätzen, Fachbegriffen, Fremdwörtern und zusammengesetzten Wörtern. Anhand dieser Merkmale bildeten sie den "Hohenheimer Verständlichkeitsindex". Er reicht von 0 (schwer verständlich) bis 20 (leicht verständlich).

Die Ergebnisse zeigten: Im Durchschnitt ist die Verständlichkeit der Landtagswahlprogramme in Brandenburg mit 8,2 Punkten etwas größer als die der Wahlprogramme in Sachsen, die 7,5 Punkte erreichen. Beide Werte sind für Brettschneider jedoch enttäuschend: "Alle Parteien haben sich in den letzten Jahren Transparenz und Bürgernähe auf ihre Fahne geschrieben. Mit ihren teilweise schwer verdaulichen Wahlprogrammen schließen sie jedoch einen erheblichen Teil der Wählerinnen und Wähler aus und verpassen damit eine kommunikative Chance", so sein Fazit.

Unverständlichkeit als Taktik?

Das formal verständlichste Wahlprogramm in Brandenburg liefert die SPD mit 10,0 Punkten auf dem Hohenheimer Verständlichkeitsindex. Auch 2014 hatte sie dort den ersten Platz belegt. Ihr folgt die CDU mit 9,3 Punkten. In Sachsen belegt die CDU mit 8,6 Punkten den ersten Platz, die SPD folgt mit 8,0 Punkten. Die AfD belegt in beiden Bundesländern den letzten Platz. Aus sprachlicher Perspektive sind ihre Programme am unverständlichsten.

Was aber sind die konkreten Probleme der Programme? "Alle Parteien könnten verständlicher formulieren", sagt Brettschneider. "Das beweisen gelungene Passagen in den Einleitungen und im Schlussteil. Die Themenkapitel sind hingegen das Ergebnis innerparteilicher Expertenrunden. Diesen ist meist gar nicht bewusst, dass die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler ihren Fachjargon nicht versteht. Zudem nutzen Parteien abstraktes Verwaltungsdeutsch auch, um unklare oder unbeliebte Positionen zu verschleiern."

Fachbegriffe und Wortungetüme

Vor allem für Leser ohne politisches Fachwissen sind dabei unter anderem die zahlreichen Fremd- und Fachwörter eine Verständlichkeitshürde. Wer kann schon mit den Begriffen "Build-Operate-Transfer" (FDP Brandenburg), "Melioration" (Grüne Brandenburg), "Prädatoren-Managementplan" (SPD Brandenburg), "Physician Assistent" CDU Sachsen) oder "Cybergrooming" (Linke Sachsen) auf Anhieb etwas anfangen?

Einen ähnlichen Effekt haben Wortzusammensetzungen oder Nominalisierungen, wie Brettschneiders Kollegin Claudia Thoms erklärt. Einfache Begriffe würden so zu Wortungetümen, wie "Nachtbeleuchtungsvorrichtungen" oder "Klimawandelanpassungsmaßnahmen". "Auch zu lange Sätze erschweren das Verständnis – vor allem für Wenig-Leser. Sätze sollten möglichst nur jeweils eine Information vermitteln", sagt Thoms. "Der längste Satz findet sich im Programm der Grünen (Sachsen) mit 83 Wörtern. Aber auch bei allen anderen Parteien tauchen überlange Sätze auf."

Populistische Sprache

Darüber hinaus haben die Hohenheimer Wissenschaftler erstmals auch die Verwendung populistischen Vokabulars untersucht. Dabei verwendeten sie die Anti-Elitismus-Dimension einer Wortliste von Rooduijn und Pauwels. Sie zählten, wie oft Begriffe aus dieser Wortliste in den jeweiligen Wahlprogrammen vorkommen.

Das Ergebnis: Im Schnitt enthalten die Programme in Sachsen etwas häufiger populistisches Vokabular als die Programme in Brandenburg. Die Sprache der Wahlprogramme ist aber in beiden Bundesländern nicht populistischer als in anderen Bundesländern. Die Sprache der Parteien rechts und links der Mitte enthält häufiger populistisches Vokabular als die Sprache der anderen Parteien: Die höchsten Durchschnittswerte zeigen sich bei der AfD. Es folgt die Linke.

"Populistische Rhetorik besteht natürlich aus mehr als aus einfachen Begriffen. Aber die untersuchten Begriffe sind gute und bewährte Indikatoren für Populismus", sagt Brettschneider. Gemein hätten Populisten unterschiedlicher Färbung, dass sie das Volk als Gegenspieler einer Elite begreifen. Typischerweise fokussierten Rechtspopulisten dabei vor allem auf kulturelle Themen wie Migration, während Linkspopulisten eher ökonomische Themen in den Mittelpunkt stellten.

DAL, 30.08.2019
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