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Verspätung bei der Bahn: Ein internationaler Vergleich

Wer regelmäßig mit der Deutschen Bahn fahren muss, hat es nicht leicht: Die Züge sind oft unpünktlich, fallen aus – und jetzt wird auch noch gestreikt. Egal ob Arbeitsweg, Urlaubsreise oder Dienstfahrt: Auf der Schiene geht in den nächsten Tagen wahrscheinlich kaum noch etwas. Doch was steckt hinter den Problemen der Bahn? Warum wird sie immer unpünktlicher? Und warum kriegen andere Länder das so viel besser hin?
THE, 10.01.2023
Auskunft am Münchner Hauptbahnhof
Kommt er oder kommt er nicht? Und falls ja, wieviel Verspätung hat er? Bahnreisende müssen in Deutschland seit Jahren viel Zeit und Geduld mitbringen.

© Bene-Images, iStock

Es ist fünf Uhr nachmittags. Ich stehe mir am Frankfurter Hauptbahnhof die Beine in den Bauch. Vor vier Stunden hätte ich in Karlsruhe sein sollen, meine Familie hat sogar zum Essen einen Tisch im Restaurant reserviert. Tja, da haben wir die Rechnung wohl ohne die Deutsche Bahn gemacht. Dabei ist das ja eigentlich nichts Neues, dass die Bahn für Verspätungen verantwortlich ist: 539 Minuten meiner Lebenszeit hat mich die Bahn vergangenes Jahr gekostet (ja, ich zähle mit). Aber warum ist die Deutsche Bahn eigentlich so unpünktlich? Und warum kriegen andere Länder das so viel besser hin?

Warum ist die Deutsche Bahn so oft zu spät?

Egal ob Streik, Sturmwarnung oder Personen in Gleisnähe – irgendwas ist immer. Der erfahrene Bahnreisende weiß das und stellt sich dementsprechend darauf ein: 120 Minuten Puffer plane ich pro Fahrt mindestens ein, buche niemals die letzte Verbindung und fahre auf gar keinen Fall mit der Bahn zu wichtigen Terminen. Im Jahr 2023 war die Deutsche Bahn ihrer eigenen Statistik zufolge so unpünktlich wie seit acht Jahren nicht mehr: 69,6 Prozent aller Fernverbindungen waren mehr als fünf Minuten verspätet. Im November 2023 erreichte sogar fast die Hälfte aller Fernverkehrszüge ihr Ziel nicht rechtzeitig.

Als Grund dafür nennt die Bahn die starke Auslastung von Zügen und Strecken: Ähnlich wie beim Stau auf der Autobahn bewirkt dann die Verspätung eines einzelnen Zuges oft, dass auch alle folgenden warten müssen. Dazu kommen zahlreiche Baustellen, weil Schäden an Gleisen und Gleisbett, Weichen und anderer Technik ausgebessert werden müssen. Eine Ursache für diese Häufung ist, dass die Infrastruktur der Deutschen Bahn marode ist und zu lange nicht ausgebaut und instandgehalten wurde. Dadurch kollabiert sie jetzt langsam. Die Verspätungskultur der Deutschen Bahn sorgt für Ärger bei den Fahrgästen. Das bietet zwar ein ergiebiges Gesprächsthema im Bordbistro, ist aber in erster Linie lästig bis nervig.

Deutsche Bahn in Europa am unpünktlichsten

Gut, dass die Menschen in anderen Ländern Europas für ihr soziales Wesen bekannt sind, denn hier können die Menschen nicht zum Small Talk auf ihre persönlichen Verspätungsstorys der nationalen Bahngesellschaften zurückgreifen: Dort sind die Züge meist pünktlicher. Die Deutsche Bahn liegt laut dem Portal zugfinder.net im europäischen Vergleich in Bezug auf ihre Pünktlichkeit an letzter Stelle.

Platz eins hingegen belegt die Schweiz. Hier läuft fast alles wie ein perfektes Uhrwerk, die Pünktlichkeitsquote der Fernzüge im Land liegt bei 96,3 Prozent. Auf den Plätzen zwei und drei sind Dänemark und die Niederlande mit immerhin noch knapp 90 Prozent pünktlichen Verbindungen. Am unteren Ende der Rangliste liegen Tschechien mit 72,9 und Italien mit 67,8 Prozent. Doch selbst damit sind die Züge noch pünktlicher als zurzeit in Deutschland.

Was kann die DB von anderen Ländern lernen?

In manchen asiatischen Ländern sind die Bahnen sogar noch zuverlässiger. Wenn sich der japanische Hochgeschwindigkeitszug Tokaido-Shinkansen mehr als eine Minute verspätet, ist das ein Skandal und es gibt direkt eine Entschuldigung vom Schaffner. Der Hauptunterschied zu Deutschland ist, dass in Japan ein separates Schienennetz nur für die Hochgeschwindigkeitszüge existiert. So können diese bei Verzögerungen auf bis zu 320 Kilometer pro Stunde beschleunigen und ihre Verspätung wieder ausgleichen. 

Zudem müssen die Züge in Japan nicht wegen Baustellen oder veralteter Technik streckenweise auf die Geschwindigkeit der Dorfbummelbahn drosseln wie bei uns. Wartungsarbeiten an Schienen und Technik werden in den meisten anderen Ländern effizienter geplant und durchgeführt. In Japan werden die Gleise bei Mängeln beispielsweise sofort und nachts repariert, in der Zeit zu der keine Züge fahren. So kommt es anders als in Deutschland nicht zur Stilllegung der Strecken. Selbst im Kriegsland Ukraine versucht man, zerstörte Strecken schnell wieder funktionsfähig zu machen und hält so – laut Sprecherin der ukrainischen Bahn – eine Pünktlichkeitsquote von 87 Prozent.

Alles eine Frage des Geldes?

Ein weiterer wichtiger Punkt: Andere Länder investieren deutlich mehr Geld in ihre Bahn als Deutschland. Während der Bund im Jahr 2022 umgerechnet rund 114 Euro pro Person für den Zugverkehr und die Bahninfrastruktur ausgab, investierten Luxemburg, die Schweiz oder Norwegen drei- bis fünfmal so viel. Ob es Zufall ist, dass in genau diesen Ländern die Züge auch besonders pünktlich sind? Unwahrscheinlich. Anscheinend sieht auch Bundesverkehrsminister Volker Wissing das so, denn im September 2023 kündigte er an, dass 40 Milliarden Euro in die Sanierung der wichtigsten Zugstrecken investiert werden sollen. Allerdings: Bevor dies Früchte trägt, müssen sich die Bahnreisenden erst einmal auf noch mehr Ausfälle, Verspätungen und Chaos einstellen. Denn um marode Strecken und veraltete Technik auf den neuesten Stand zu bringen, sind Bauarbeiten nötig – und damit weitere Langsamfahrstrecken und Umleitungen.

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