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Weltwassertag 2021: Das „Blaue Gold“ wird knapp

Wasser ist die wichtigste Flüssigkeit unseres Lebens. Wir trinken es, waschen uns damit, nutzen es zu Bewässerung unsere Äcker und zur Stromgewinnung. Dennoch wird der Wert des Wassers unterschätzt: Vielerorts wird es verschwendet und verschmutzt. Aus diesem Grund macht der Weltwassertag am 22. März darauf aufmerksam, dass das „Blaue Gold“ besser geschützt werden muss, damit alle Menschen ausreichend davon bekommen. Aber wo spielt es überall eine Rolle?

Wasserholende Fraun in Kenia
Das schöne Bild täuscht: Wie hier in Kenia haben mehr als zwei Milliarden Menschen keinen direkten Zugang zu Wasser, das oft nur in stundenlangen Märschen zu beschaffen ist.

Weltweit haben mehr als zwei Milliarden Menschen keinen direkten Zugang zu Wasser. Und weitere vier Milliarden leben in Gebieten, die mindestens einen Monat pro Jahr unter schwerer Wasserknappheit leiden. Grund dafür ist unter anderem, dass jährlich weltweit über 100 Billionen Liter Grundwasser benutzt werden, sodass der Grundwasserspiegel sinkt und vielerorts nicht mehr als Trinkwasserquelle dient. Zudem wird das Grundwasser beispielsweise durch Pestizide, Überdüngung oder Chemikalien verschmutzt und kann nicht mehr wiederverwendet werden.

Das "Blaue Gold" schützen

Die Verschwendung und Verschmutzung unserer Trinkwasserquellen wird oft unterschätzt und nicht ernst genommen. Aus diesem Grund machen die UNESCO und die Vereinten Nationen (UN) mit ihrem Weltwasserbericht 2021 am Weltwassertag am 22. März darauf aufmerksam, wie wertvoll sauberes Wasser ist.

"Wasser ist unsere wertvollste Ressource, ein 'blaues Gold'“, betont Audrey Azoulay von der UNESCO. „Es ist nicht nur überlebenswichtig, sondern spielt auch eine gesundheitliche, soziale und kulturelle Rolle für die menschlichen Gesellschaften.“ Denn das „Blaue Gold“ ist längst nicht nur ein Rohstoff unter vielen, wie etwa Holz oder Stein.

Stattdessen handelt es sich um eine Ressource, die wir alle zum Überleben brauchen und die durch nichts ersetzbar ist. Wasser ist dabei nicht nur als Lebensgrundlage von Mensch und Natur bedeutsam, sondern auch in der Landwirtschaft sowie etwa zur Produktion von Kleidung oder zur Energiegewinnung. Außerdem spielt Wasser in vielen sozialen, ökologischen und kulturellen Bereichen eine entscheidende Rolle.

Für Umwelt und Natur

Wie bedeutsam und unterschätzt Wasser für die einzelnen Sektoren ist, wirde jetzt im UN-Wasserbericht beschrieben. Als einer der wichtigsten von Wasser beeinflussten Bereiche wird darin die Natur genannt. Der natürliche Wasserkreislauf ist die Quelle allen Wassers und alles vom Menschen entnommene Wasser kehrt auch irgendwann dorthin wieder zurück.

Das Problem: Wir Menschen übernutzen die Wasserquellen. Wir verwenden zum Beispiel mehr Grundwasser, als sich in vergleichbaren Zeiträumen wieder regenerieren kann. So waren bereits vor fünf Jahren ein Drittel der großen Grundwasser-Vorkommen übernutzt. Zudem ist das Wasser, das wir als Abwässer zurück in die Natur geben, oft mit Chemikalien oder Düngemitteln verunreinigt, Das  schadet der Umwelt, macht aber auch viele Wasserressourcen nicht mehr zur Trinkwassergewinnung nutzbar.

Die Experten der Vereinten Nationen fordern deshalb dringend, dass unsere Wasserquellen in der Natur besser geschützt werden. So werden Abwässer vielerorts noch immer ungeklärt oder nur teilweise gereinigt in die Ozeane gespült, was zur Überdüngung der Meere und zum Wachstum der sauerstoffarmen "Todeszonen" beiträgt. Zudem zerstören die Chemikalien im Meer die Lebensgrundlagen ganze Ökosysteme: „Weltweit werden schätzungsweise 80 Prozent aller Abwässer aus Städten und der Industrie ohne vorherige Reinigung in die Umwelt eingeleitet“, berichten die Vereinten Nationen.

Sommerliche Algenblüte im Finnischen Meerbusen, 2018
Algenblüten wie hier in Ostsee werden verstärkt durch Einschwemmung von nährstoffreichem Wasser aus Flüssen und Abwassereinleitungen.

Für Landwirtschaft und Ernährung

Ein weiterer wichtiger Bereich, für den Wasser entscheidend ist, ist die Landwirtschaft. Für sie wird weltweit mit rund 70 Prozent der größte Anteil der Süßwasserressourcen genutzt. „Der globale Wasserfußabdruck im Zusammenhang mit der Pflanzenproduktion betrug im Zeitraum 1996-2005 7.404 Kubikkilometer pro Jahr, was 92 Prozent des Wasser-Fußabdrucks der Menschheit entsprach“, so der UN-Bericht.

Doch vielerorts wird das Wasser in der Landwirtschaft nicht effizient genutzt. So kann zum Beispiel eine Überwässerung auf sehr trockenen Anbauflächen dazu führen, dass das wertvolle Nass einfach im Boden versickert und mit Düngemitteln ins Grundwasser gelangt. Oder dass das Wasser oberflächlich wegläuft und gar nicht in den Boden zu den Wurzeln der Pflanzen kommt. Dieser Abfluss verstärkt dann zusätzlich die Erosion der Böden.

Die Wasserverschwendung in der Landwirtschaft gilt als eine der Hauptursachen für die Umweltzerstörung, da dadurch das Grundwasser übernutzt und mit Schadstoffen belastet wird sowie die Abflüsse von Flüssen verringert werden. Außerdem gehen auch Lebensräume für Wildtiere verloren, die etwa in den Flüssen leben, aus dem Wasser für die Äcker benutzt wird.

Im Ernährungssektor hat das "blaue Gold" große Bedeutung, weil es die Grundlage für die Nahrungsproduktion bildet,  unsere Lebensmittel säubert und auch, weil es Arbeitsplätzen schaffen und den Lebensunterhalt insbesondere für Kleinbauern sichern kann. Dafür müsste aber erst das Wissen über die Wassernutzung in der Nahrungsmittelproduktion verbessert werden, damit Landwirte beispielsweise regenreiche Anbauflächen besser nutzen und dadurch aus der Armut herauskommen, weil sie höhere Erträge haben.

Bewässerungswirtschaft im Jordantal, Israel
Mit rund 70 Prozent reklamiert die Landwirtschaft den bei weitem größten Anteil der verfügbaren Süßwasserressourcen für sich.

Für Hygiene und Gesundheit

Oft übersehen oder als selbstverständlich angesehen wird  die Bedeutung von Wasser in Haushalten, Schulen, am Arbeitsplatz und im Gesundheitswesen. Dort wird es zur Hygiene und Sanitärversorgung benötigt, um Leben und Gesundheit zu erhalten. „Jedes Jahr sterben schätzungsweise 829.000 Menschen an Durchfallerkrankungen als Folge von unsicherem Trinkwasser, sanitären Einrichtungen und Handhygiene“, so der UN-Bericht. Gerade aktuell sind sauberes Wasser und die Möglichkeit des Händewaschens besonders bedeutsam,  um sich vor dem Coronavirus schützen zu können.

Die verbesserte Gesundheit durch den Zugang zu sanitären Einrichtungen kann letztlich auch die Bildungschancen erhöhen und die Arbeit von Menschen verbessern – insbesondere von Frauen. Denn Menschen, die einen schlechten Zugang zu sauberem Wasser haben, benötigen viel Zeit und Kraft, um Wasser zu holen. „Die Last des Wasserholens ist ungleich verteilt, da sie meist von Frauen und Mädchen getragen wird. Die 200 Millionen Stunden, die sie täglich mit dem Wasserholen

Wasser holen, sind vertane Chancen: Es sind 200 Millionen Stunden, die sie mit Lernen, Lesen oder Arbeiten hätten verbringen können“, so die Vereinten Nationen. Zusätzlich ermöglicht der Zugang zu sanitären Anlagen auch ein Leben in Würde.

Damit aber jeder Mensch auf der Erde Zugang dazu hat, müssen in 140 Ländern solche Einrichtungen erweitert oder erst gebaut werden. Denn weltweit haben zum Beispiel über drei Milliarden Menschen und 20 Prozent der medizinischen Einrichtungen keinen ausreichenden Zugang zu Handhygieneeinrichtungen. Diese Zugänge sollten deshalb künftig möglichst schnell finanziert werden.

Für Energie, Industrie und Gewerbe sowie Infrastruktur

In der Industrie wird der Wert von Wasser auch oft nicht beachtet. Tatsächlich machen die Industrie und Energiegewinnung aber einen großen Teil der Wassernutzung aus – Tendenz steigend. „Der prognostizierte globale Wasserbedarf zwischen 2000 und 2050 zeigt einen Anstieg von 400 Prozent für die verarbeitende Industrie und einen Anstieg um 140 Prozent für die thermische Stromerzeugung“, so der UN-Bericht.

Das Problem: Viele Unternehmen schätzen den Wert des Wassers meist nicht und verbrauchen sehr viel des "blauen Golds". Das hat zur Folge, dass die Wasserknappheit und Überschwemmungen häufiger werden. Das ist nicht nur für alle anderen Menschen gefährlich, sondern die Unternehmen haben dadurch letztendlich auch höhere Kosten, da ihre Lieferketten und Wasserversorgung gestört werden.

Wird das wertvolle Nass künftig hingegen wertgeschätzt, könnte das die Industrie langfristig stärken und so neue Arbeitsplätze ermöglichen. Denn wenn die Unternehmen das Wasser zum Beispiel in einem Kreislauf nutzen, indem sie jeden Liter Wasser immer wieder verwenden, sparen sie an ihrem Wasserverbrauch und somit auch an Kosten. Und auch der Transport und die Speicherung von Wasser ist dabei entscheidend: Die Infrastruktur muss oft noch verbessert werden, um möglichst wenig Wasser durch Lecks und andere Verluste zu verschwenden, wenn man beispielsweise das Wasser lange Strecken von einem Ort bis hin zum Unternehmen in einer anderen Region leitet.

Generell gibt es oft aufwändige Projekte zum Transport von Wasser, die für viele Menschen und die Umwelt große Nachteile haben. So werden zum Beispiel mancherorts Staudämmen in Flüsse gebaut, um Wasser in einer Region zu sammeln, sodass andere Orte an dem Fluss kein neues Wasser mehr bekommen.

Ghats von Varanasi
Wasser gilt im Hinduismus als Urquelle des Lebens, daher kommt ihm in der religiösen Praxis eine hohe Bedeutung zu.

Kulturelle Werte von Wasser

Zuletzt kann Wasser auch kulturell eine wichtige Rolle spielen: Je nach Gesellschaft kann das wertvolle Nass zum Beispiel aus spirituellen oder religiösen Gründen bedeutsam sein. So etwa bei manchen indigen Völkern oder Religionsgruppen, die Wasser als Lebensgrundlage oder Segen wertschätzen. Andere Menschen schätzen Wasser als einen Teil der Landschaft oder wegen der Bedeutung für die Tierwelt, die ohne Wasser nicht so vielfältig sein könnte. Manche erkennen Wasser aber auch für ihre Erholung als wichtig an, beispielsweise in Form von Badeseen.

Dies führt zu unterschiedlichen und oft widersprüchlichen Wertvorstellungen, sodass Wasser auch immer ein Auslöser für Konflikte ist. Das zeigt, dass der Wert des unterschätzen Blaus für den Menschen mehr als nur überlebenswichtig ist. Stattdessen kann es auch unsere geistige Gesundheit, spirituelles Wohlbefinden, emotionales Gleichgewicht und Glück fördern. Deshalb sollten bei der Wassernutzung auch immer die Vorstellungen der verschiedenen Menschen miteinbezogen werden.

ABO, 22.03.2021
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