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Heilpflanzen – Kräuter gegen vieles

Steigendes Gesundheitsbewusstsein, vor allem aber eine zunehmende Skepsis gegen chemisch hergestellte Medikamente mit ihren zahlreichen, zum Teil schwerwiegenden Nebenwirkungen haben den Heilkräutern etwa seit den 1970er Jahren zu einer ungeahnten Renaissance verholfen. Auch wenn nicht gegen jede Krankheit ein Kraut gewachsen ist, hat sich doch inzwischen erwiesen, dass die seit Jahrtausenden praktizierten natürlichen Heilmethoden neben der modernen Medizin keineswegs ihre Berechtigung verloren haben.

Vor allem bei leichteren Beschwerden und zur Vorbeugung kann das überlieferte Wissen um die Heilkraft der Pflanzen mit Erfolg eingesetzt werden: Erkältungen, Nervosität, Verdauungsstörungen und Hauterkrankungen können ebenso mit Heilkräutern behandelt werden, wie sich die Heilung von Verletzungen fördern oder das Immunsystem stärken lässt. Dass man dabei die vorgegebene Dosierung und Anwendungsdauer einhält, sollte selbstverständlich sein.

Bei Giftpflanzen mit heilkräftigen Inhaltsstoffen ist noch größere Vorsicht geboten. Denn anders als die klassischen Heilkräuter, deren Inhaltsstoffe auch in großen Mengen in der Regel keine schädliche Wirkung entfalten, kann der Genuss von giftigen Arzneipflanzen zu schweren Gesundheitsschäden und oft sogar zum Tod führen. Deshalb eignen sie sich in keinem Fall zur Selbstmedikation.

Giftpflanzen sind seit jeher ein zweischneidiges Schwert: Nicht erst die alten Griechen wussten, dass die Grenze zwischen Gift und Arzneimittel fließend ist. Wahrscheinlich bereits seit dem dritten vorchristlichen Jahrtausend waren die Wirkung vieler Giftpflanzen und ihre Anwendung als Heilmittel in den Kulturen rund um das Mittelmeer bekannt. Aber erst der deutsche Arzt und Naturforscher Paracelsus (1493–1541) stellte fest, dass der entscheidende Unterschied in der Dosis liegt, und prägte den berühmten Satz »dosis facit venenum« (die Dosis macht das Gift).

Auch heute noch werden so altbekannte Giftpflanzen wie der Rote Fingerhut, die Tollkirsche oder der Schlafmohn in der Medizin eingesetzt. Daneben ist die Pharmaindustrie ständig auf der Suche nach neuen Heilpflanzen, die als Basis für zukünftige Medikamente dienen könnten.

Kamille und Co.: Traditionelle Helfer

Welche Teile der Kamille heilen?

Die Blütenköpfe der Echten Kamille (Matricaria recutita), der Strahlenlosen Kamille (Matricaria discoidea) und der Römischen Kamille (Chamaemelum nobile). Der Boden der Blütenköpfe, deren gelbe Mitte von weißen Zungenblüten umrahmt wird, ist bei der Echten Kamille kegelförmig und hohl. Die recht ähnliche Geruchlose Kamille (Tripleurospermum perforatum) und die Ackerhundskamille (Anthemis arvensis) tragen wie die Strahlenlose Kamille keine Zungenblüten. Unabhängig von dieser Gemeinsamkeit zeigen Geruchlose und Ackerhundskamille jedoch keine heilenden Wirkungen.

Gegen welche Beschwerden hilft Kamille?

Die Kamille, die schon zu Zeiten der Griechen und Römer als gängiges Heilmittel fungierte, wird vor allem zur Bekämpfung entzündlicher Erkrankungen eingesetzt: Sie kommt innerlich bei Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes und bei Reizung der Mund- und Rachenschleimhaut sowie der oberen Luftwege zur Anwendung. Äußerlich wird sie beispielsweise bei Haut- und Schleimhautentzündungen verwendet, bei Entzündungen von Zahnmark und Zahnfleisch, Katarrhen der Atemwege sowie bei Entzündungen im Anal- oder Genitalbereich.

Übrigens: Ursprünglich im Mittelmeerraum heimisch, hat sich die einjährige, mit fein gefiederten Blättern besetzte Pflanze seit der Steinzeit auf Getreidefeldern, an Wegrändern und Schuttplätzen als Kulturbegleiter ausgebreitet. Heute findet man sie wild in ganz Europa, insbesondere auf nährstoffreichen Lehmböden.

Seit wann ist Arnika als Heilpflanze bekannt?

Obgleich schon Hildegard von Bingen (1098–1179) die Arnika erwähnte, wird sie erst seit dem 16. Jahrhundert als Heilpflanze genutzt. Die Nachfrage steigerte sich dann aber mehr und mehr, so dass die Pflanze später in vielen Gebieten schlicht »weggesammelt« wurde. Heute ist der magere Böden liebende Bergwohlverleih (Arnica montana), wie der Echte Arnika auch genannt wird, nur noch selten in kalkarmen Alpenwiesen anzutreffen.

Einen medizinischen Namen hat sich die Gattung Arnica – und zwar sowohl Arnica montana als auch die nordamerikanische Arnica chamissonis – besonders bei Quetschungen, Prellungen oder Verstauchungen gemacht. Sie wird aber auch anderweitig eingesetzt, etwa bei rheumatischen Erkrankungen. Für die Herstellung von Blütensalben oder Blütentinkturen ist es heute möglich, Arnikapflanzen zu kultivieren.

Werden Ringelblumen medizinisch eingesetzt?

Ja, zur Behandlung von entzündlichen Erkrankungen der Haut und Schleimhäute, schlecht heilenden Wunden, Erfrierungen, leichten Verbrennungen und Quetschungen. Die Wirkung der einjährigen Ringelblume (Calendula officinalis), die recht kälteunempfindlich ist und somit kühle Witterung nicht übel nimmt, ist seit langem bekannt: So spielte die Heilpflanze bereits in der Klostermedizin des Mittelalters eine wichtige Rolle. In weniger seriöser Weise wurden Ringelblumenblüten früher auch dazu verwendet, um den kostbaren Safran zu strecken.

Übrigens: Ihren Namen verdankt die Ringelblume ihren eingerollten, gefurchten Früchten. Der lateinische Name Calendula dagegen weist auf die Blühfreudigkeit der Pflanze hin, die monatelang anhält (»calendae« war bei den Römern der erste Tag eines Monats). Der Zusatz officinalis schließlich deutet auf die Heilwirkung der Ringelblume hin.

Worauf beruht die schlaffördernde Wirkung des Baldrians?

Für diesen Effekt ist u. a. ein Lignanmolekül verantwortlich, wie Pharmazeuten der Universität Bonn herausfanden. Lignane sind Naturstoffe, die in Höheren Pflanzen, wie etwa Ginseng oder Leinsamen, vorkommen. Das Lignanmolekül des Echten Baldrians (Valeriana officinalis) dockt an sog. A1-Rezeptoren der Nervenzellen im Gehirn an. Dort löst es eine Kettenreaktion aus, die bewirkt, dass man müde wird. Koffein spricht übrigens denselben Rezeptortyp an, erzeugt aber genau das Gegenteil.

Baldrian schätzte man schon im 5. Jahrhundert v. Chr. als Heilmittel, seitdem fehlt die Pflanze in keinem Heilpflanzenbuch. Baldrian taucht auch als Mittel gegen die Pest auf. Ein Sprichwort aus der Zeit der Seuche lautete: »Esst Bibernell und Baldrian, so gehet euch die Pest nicht an.«

Heute stellt man aus der Wurzel leichte Beruhigungsmittel wie Baldriantee oder -tinktur her. Dazu gräbt man sie im September aus, wäscht sie und entfernt die kleinen Wurzelfasern. Der typische Geruch entfaltet sich, wenn sie trocken ist – dann wird die dafür verantwortliche Isovaleriansäure frei. Die Inhaltsstoffe wirken bei nervösen Reizzuständen, nervös bedingten Schmerzen im Magen-Darm-Trakt oder bei nervösem Herzklopfen.

Heilt der Rote Sonnenhut tatsächlich Schlangenbisse?

Nein, obwohl diese Ansicht unter den nordamerikanischen Indianern anscheinend verbreitet war, denn sie sollen das Kraut bei Wunden und Schlangenbissen eingesetzt haben. Heute werden Präparate aus dem Roten Sonnenhut (Echinacea purpurea) in Form von Saft, Tropfen oder Dragees beispielsweise zur Steigerung der körpereigenen Abwehr, bei Erkältungen, Harnwegsinfektionen und Infektanfälligkeit genommen. Sie entfalten ihre Wirkung aber erst dann, wenn die ersten Krankheitsanzeichen auftreten; vorbeugend genommen sind sie wirkungslos.

Wussten Sie, dass …

Ringelblumen die Bodenqualität verbessern? Sie lockern mit ihren Wurzeln das Erdreich und vertreiben schädliche Fadenwürmer, die sog. Nematoden.

Huflattich (Tussilago farfara) gegen Husten eingesetzt werden kann? Die Stoffe, die trockenen Husten lösen helfen, sind in den hufeisenförmigen Blättern enthalten; sie entfalten ihre Wirkung erst nach der Blüte der Pflanze.

Baldrian auch Katzenkraut genannt wird? Die Stubentiger mögen nämlich seinen Geruch besonders gern.

Minze, Melisse, Salbei: Alte Hausmittel

Welchem Stoff verdankt die Pfefferminze ihre Heilkraft?

Dem Menthol. Die Pfefferminze (Mentha × piperita) gilt als eines der bedeutendsten Mittel der Naturheilkunde, das neben Menthol noch eine ganze Reihe von medizinisch wirksamen Substanzen enthält, darunter Gerbstoffe und Flavonoide. Diese Inhaltsstoffe, insbesondere aber das Menthol, haben eine spezielle Wirkung auf die Nerven, indem sie bei äußerer Anwendung ein Kältegefühl auf der Haut auslösen, welches nach einiger Zeit einem leichten Brennen weicht. Innerlich verabreicht, führen die Inhaltsstoffe zu einer Art Taubheitsgefühl, das krampflösend wirkt. Pfefferminzöl äußerlich aufgetragen, hilft z. B. bei Insektenstichen, Entzündungen oder Kopfschmerzen. Als Tee werden Pfefferminzblätter erfolgreich bei Magen- und Darmbeschwerden eingesetzt, darüber hinaus lindern sie die Beschwerden bei Erkältungskrankheiten.

Neben der medizinischen Verwendung findet man Pfefferminze aber auch als Zusatz in zahllosen Speisen, von Bonbons über Kaugummi bis hin zur berühmten Minzsauce, sowie in Hygieneartikeln wie Zahnpasta oder Mundwasser. Übrigens: Der bekannte Tigerbalsam und das japanische Minzöl werden aus der Japanischen Minze (Mentha arvensis var. piperascens) hergestellt, die noch mentholhaltiger, aber ähnlich heilkräftig wie die Pfefferminze ist.

Enthalten alle Minzen Menthol?

Nein. Viele der mehr oder weniger flaumig behaarten Arten enthalten nur sehr wenig oder gar kein Menthol, dafür aber einen Cocktail anderer Aromen. Zu ihnen gehören z. B. Apfelminze (Mentha × rotundifolia), Edel- oder Ingwerminze (Mentha × gracilis) oder Rundblättrige bzw. Ananasminze (Mentha suaveolens), von denen es zahlreiche Sorten mit sehr unterschiedlichen Düften gibt.

Übrigens: Minzen lassen sich leicht im Garten kultivieren. Wo sie den von ihnen bevorzugten humosen, mäßig kalkigen, aber nährstoffreichen Boden mit guter Wasserversorgung vorfinden, breiten sie sich sogleich aus. Ihre tief ins Erdreich dringenden Wurzeln und ihre rasant wachsenden Ausläufer kennen keine Zurückhaltung, weshalb man ein Auge auf sie haben sollte.

Wie kommt die Katzenminze zu ihrem Namen?

Die Pflanzen, die botanisch zur Gattung Nepeta gehören, ziehen mit ihrem etwas eigenartigen Geruch tatsächlich Katzen magisch an. Ursache hierfür ist die Wirkung des in der Pflanze enthaltenen Stoffs Nepetalacton, der in Reinform als farbloses Öl vorliegt. Auf Stechmücken hat Katzenminze hingegen die gegenteilige Wirkung: Es hält die sommerlichen Plagegeister fern.

An warmen, geschützten Standorten Mitteleuropas trifft man bisweilen auf die eingebürgerte Echte Katzenminze (Nepeta cataria), eine dicht graufilzig behaarte Staude mit schmutzig-weißen bis blasslilafarbenen Blüten. Viel bekannter, wenn auch nur in Gartenkultur, ist die Blaue Katzenminze (Nepeta × faassenii), wegen ihrer hübschen Blütenähren auch Blauminze genannt.

Stimmt es, dass Salbei das Gehirn stärkt?

Ja. Englische Wissenschaftler fanden heraus, dass das ätherische Öl des Salbeis den Abbau eines Botenstoffs (Acetylcholin) im Gehirn verzögert – und bestätigten damit einen alten Volksglauben. Darüber hinaus ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass Salbei desinfiziert, schleimlösend wirkt und übermäßige Schweißbildung reguliert. Allerdings enthält das ätherische Öl als Hauptbestandteil Thujon, das in höherer Dosis als Nervengift wirkt; man sollte Salbei deshalb nicht in größeren Mengen verzehren.

Übrigens: Salbei stand bereits bei den Römern und Griechen als Heilpflanze in hohem Ansehen. Auf seine wohltuende Wirkung weist schon die botanische Bezeichnung Salvia hin, die sich von dem lateinischen Wort »salvere« herleitet, was so viel wie »retten« oder »heilen« bedeutet. Im Volksmund heißt es: »Warum soll ein Mensch sterben, in dessen Garten Salbei wächst.«

Wie wirkt Salbeitee?

Adstringierend (zusammenziehend) und antiseptisch. Tees – und auch Tinkturen – werden entweder aus frischen oder aus getrockneten Salbeiblättern hergestellt und können vielfältig eingesetzt werden. So hilft eine Salbeilösung gegen Entzündungen der Mundhöhle, des Zahnfleisches, der Mandeln und des Rachens, ein Tee empfiehlt sich bei Halsschmerzen und Husten. Ferner lindert Salbeitee Menstruationsstörungen, Blähungen und Durchfall, ist stark schweißhemmend und kann auch Kindern bei Zahnungsbeschwerden gegeben werden. Stillende Mütter sollten ihn allerdings mit Vorsicht genießen, da Salbei die Milchbildung hemmt.

Früher verwendete man Salbeiblätter zum Verfeinern von Bier, Met und Wein, heute werden sie überwiegend als verdauungsförderndes Gewürz fetten Speisen oder Gemüsegerichten zugegeben. Größere Mengen Salbei (mehr als etwa 15 Gramm) sollte man vermeiden, da solche Mengen u. a. zu Schwindelgefühl oder Herzrasen führen können. Auch in der Kosmetikindustrie sind Salbeiblätter ein gesuchter Zusatzstoff, etwa für Haarfärbemittel und Badeessenzen. Selbst als umweltschonenden Luftverbesserer kann man sie einsetzen: Unliebsame Gerüche in Bad oder Küche lassen sich durch Verbrennen von Salbei auf Kohle schnell beseitigen.

Wie viele Salbeiarten gibt es?

Rund 900 Arten sind bislang bekannt. Die meisten Arten findet man in den Tropen und Subtropen. Die Halbsträucher, Sträucher oder Kräuter sind ein- bis mehrjährig, sollten aber im Garten spätestens nach sieben Jahren ersetzt werden. Bei uns verbreitet ist vor allem der Echte oder Gartensalbei (Salvia officinalis), dessen Blätter stark aromatisch und gleichzeitig etwas bitter und trotzdem süßlich riechen und schmecken. Er wird etwa 30 bis 75 Zentimeter hoch und breit, seine hellen graugrünen Blätter haben eine samtige Oberfläche. Die bläulich violetten Blüten erscheinen im Sommer.

Unter den außereuropäischen Salbeiarten gibt es Vertreter in Mittel- und Südamerika, die häufig durch einen milden, fruchtigen Duft auffallen, wie zum Beispiel der Ananassalbei (Salvia rutilans), der Pfirsichsalbei (Salvia greggii) oder der Fruchtsalbei (Salvia dorisiana). Einige von ihnen kommen in Europa als Teepflanzen gerade in Mode, andere werden ihrer Blüten wegen gern als Zierpflanzen kultiviert. Dazu gehört beispielsweise der aus Brasilien stammende Prachtsalbei (Salvia splendens) mit seinen scharlachroten Blüten.

Was ist Russischer Salbei?

So werden im Deutschen die sommergrünen Halbsträucher der Gattung Perovskia bezeichnet, die intensiv nach Salbei duften. Es gibt insgesamt sieben Arten, die aus Westasien und dem Himalaya stammen. Meist handelt es sich um ausladende Büsche mit grauweißen Stängeln und aromatischen, anfangs graufilzigen, tief gelappten Blättern. Im Lauf der Zeit verlieren sie ihre filzigen Haare und zeigen sich dann graugrün. Die kleinen, zahlreichen Einzelblüten leuchten im Spätsommer blauviolett und hängen an langen Blütenrispen. Bienen suchen die Blüten gern auf. In Gärten werden Perowskien als Ziersträucher gepflanzt, nicht nur ihrer schönen Blüten wegen, sondern auch aufgrund des Dufts und des attraktiven Laubs.

Welche Melisse wächst in Europa?

Die Melisse oder auch Zitronenmelisse (Melissa officinalis). In den Blattachseln der 45 bis 90 Zentimeter hohen mehrjährigen Staude erscheinen im Sommer kleine, weiße, unscheinbare Blüten. In der Umgangssprache wird die Melisse mit vielen Namen belegt, die auf ihre außerordentlich große Heilwirkung hindeuten: Herzkraut, Mutterkraut, Frauenwohl, Nervenkräutl und Zahnwehkraut. Da sie mit ihrem reichen Nektarangebot Bienen anzieht, war sie im Mittelalter, als Zucker teuer und Honig eine wichtige Alternative war, eine geschätzte Gartenpflanze; mit den Melisseblättern wurden auch die Bienenstöcke ausgerieben.

Benediktiner brachten die ursprünglich aus dem östlichen Mittelmeergebiet stammende Pflanze in die mitteleuropäischen Klostergärten. Auch heute noch ist die stark wuchernde, frostharte Gartenpflanze in vielen Gärten zu finden. Sie kann mehrmals im Jahr geerntet werden, da sie sehr schnell wieder nachwächst. Außer in Deutschland wird sie auch in anderen europäischen Ländern sowie in gemäßigten Regionen Asiens und Nordamerikas kultiviert.

Welche Beschwerden lindert Melisse?

Melisse lindert u. a. Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Darm- und Unterleibskrämpfe, Nervosität, Stress, Asthma und Insektenstiche. Genutzt werden dabei die Blätter, aus denen Tees, Tinkturen, Öle und Badezusätze hergestellt werden. Die Heilwirkung beruht auf Wirkstoffen wie Mineralsalzen, Bitter- und Gerbstoffen sowie ätherischen Ölen, die generell beruhigend wirken.

Bereits im Mittelalter wurde aus den Blättern Tee zubereitet und gegen unruhige Träume, Melancholie und Hysterie verabreicht. Bekannt wurde vor allem der 1775 von der Nonne Maria Clementine Martin entwickelte »Melissengeist«, doch galt schon um 1600 der »Karmelitergeist« als eine Art Universalmittel. Paracelsus verkaufte angeblich sogar eine Melissenzubereitung als Lebenselixier an europäische Königshöfe.

Gilt Ysop heute noch als Heilkraut?

Ja, allerdings nur noch in der Volksheilkunde, wo die Pflanze gegen Magen- und Darmstörungen empfohlen wird; verwendet wird dazu das blühende Kraut, besonders die oberen, zarten Teile. In seiner Heimat, dem Mittelmeergebiet, nutzten die Menschen bereits im Altertum den Ysop (Hyssopus officinalis) als Heilmittel gegen Krankheiten der Atemwege. Dort wächst er wild auf trockenen und felsigen Hängen. Seit dem frühen Mittelalter wurde der aromatische Halbstrauch mit den kurzen, verholzten Trieben auch als Heil- und Gewürzpflanze in den Klostergärten nördlich der Alpen kultiviert. Die Blätter der Pflanze duften aromatisch und sind beiderseits dicht mit Öldrüsen besetzt. Die blauvioletten Blüten bieten reichlich Nektar, weshalb Ysop als gute Bienenfutterpflanze geschätzt wird.

Wussten Sie, dass …

Salbei kurz vor der Blüte besonders heilkräftig ist? Dann weisen die immergrünen Blätter den höchsten Gehalt an ätherischem Öl auf.

Bergminze auch eine Gewürzpflanze ist? In Italien beispielsweise verwendet man sie in der Küche ähnlich wie Petersilie.

die Minze ihre Entstehung angeblich einem Eifersuchtsdrama verdankt? In der griechischen Mythologie heißt es, Persephone habe aus Eifersucht die von Pluto geliebte Nymphe Minthe in die Minze verwandelt.

Welcher Salbei verursacht Halluzinationen?

Der aus Mittelamerika stammende Heilige Salbei oder Aztekensalbei (Salvia divinorum), auch »Salbei der Seher« genannt. Er wurde von den Indianern in Südmexiko bereits vor der Ankunft der Spanier bei religiösen Zeremonien verwendet, um übersinnliche Wahrnehmungen hervorzurufen und so in Kontakt mit den Göttern zu treten. Als psychoaktive Inhaltsstoffe wurden artspezifische Lactone (Salvinorin A, Divinorin C) identifiziert. Salvia divinorum ist die einzige halluzinogene Art in der ganzen Lippenblütler-Familie und wurde erst 1962 wissenschaftlich beschrieben.

Wussten Sie, dass …

Melisse wörtlich übersetzt »Biene« bedeutet? Der Name ist ein Hinweis darauf, dass die Pflanzen viel Nektar produzieren und gerne von Bienen besucht werden.

Hildegard von Bingen Melisse als Mittel gegen Melancholie empfahl? Sie war der Meinung, dass Melisse das Herz fröhlich macht.

man Melisse auch äußerlich anwenden kann? Tee hilft, auf die Haut aufgebracht, gegen Hautunreinheiten und ein Dampfbad gegen fettige Haut.

Ysop früher als Betäubungsmittel verwendet wurde? Man gab das in Essig gekochte Kraut, um Schmerzen zu lindern.

Wo werden Minzen baumhoch?

In der Karibik und in Brasilien. Mit einer Höhe von 15 Metern gehört Hyptis membranacea aus Brasilien zu den »Riesen« in der Familie. Die Art Hyptis arborea aus Guyana bringt es immerhin noch auf zehn Meter und Hyptis altissima aus Brasilien schafft fünf Meter. Das sind aber Ausnahmen. Die meisten Arten wollen nicht so hoch hinaus: Es sind überwiegend Sträucher und Halbsträucher mit sehr verschiedenartigem Aussehen. Oft werden sie wegen ihres typischen Dufts wie die Vertreter der Gattung Mentha als Minzen bezeichnet. Sangura oder Bushmint (Hyptis suaveolens) zogen schon die Mayas als Heilpflanze und zur Vertreibung von Moskitos, heute wird die Pflanze aus denselben Gründen rund um den Globus in warmen Gebieten kultiviert. Nur in Europa ist sie noch relativ unbekannt.

Eisenkraut und Co.: Als heilig verehrt

Wem galt das Eisenkraut als heilig?

Unter anderem den Römern, denn der Gattungsname Verbena ist von dem lateinischen Begriff für »heilige Zweige« abgeleitet: Römische Priester ließen den Altar des Jupiter regelmäßig mit einem Bündel Eisenkraut reinigen. Überdies berichtet der Gelehrte Plinius der Ältere (23–79 n. Chr.), dass römische Gesandte außerdem bei Friedensverhandlungen Eisenkraut bei sich oder als Kranz auf dem Kopf trugen. Er überliefert auch, dass die gallischen Druiden das Kraut zur Wahrsagerei nutzten.

Noch im 16. Jahrhundert war man von der Zauberkraft des Gewächses überzeugt und erhoffte sich von ihm Unterstützung in Liebesangelegenheiten. Es hieß seinerzeit, die Pflanze stünde in enger Beziehung zum Planeten Venus und könne Männern besondere Liebeskraft verleihen. Wegen seines Rufs als Liebeskraut tat man es in Gerichte und Liköre; außerdem durfte es in keinem Zaubertrank fehlen. Die Bedeutung, die dem Kraut einst zukam, spiegelt sich noch heute in Volksnamen wie beispielsweise Druiden-, Sagen-, Stahl- oder Wundkraut.

Ist die heilende Wirkung des Eisenkrauts belegt?

Nein, nach Angaben des Bundesgesundheitsamts nicht. In der Homöopathie wird das Echte Eisenkraut (Verbena officinalis) aber gegen Schlaflosigkeit, Nervenleiden, Epilepsie sowie zur Therapie von Nieren- und Gallensteinen verwendet. Es soll außerdem bei leichten Magenbeschwerden, Durchfällen und Appetitlosigkeit helfen; bei Erkältungen kann man einen Tee aus dem Kraut zubereiten. Tatsächlich stecken in dem Gewächs Glykoside, ätherische Öle, Gerbstoffe, Kieselsäure, Bitterstoffe und Schleimstoffe.

Übrigens: Das Aztekische Süßkraut (Lippia dulcis) ist in seiner südamerikanischen Heimat seit jeher ein ähnlich verehrtes Heilkraut wie das Echte Eisenkraut in der Alten Welt. Seine Blätter enthalten einen Süßstoff, der 1000-mal stärker süßen soll als Zucker. Als kalorienfreier Zuckerersatz ist es jedoch wegen seines hohen Kampfergehalts ungeeignet.

Welche Heilkunde nutzt Basilikum?

Das indische Ayurveda. Bei der Basilikumart, welche die alte indische Heilkunst nutzt, handelt es sich um das besonders intensiv kampferartig duftende Kleine Basilikum (Ocimum tenuiflorum), früher auch Ocimum sanctum – Heiliges Basilikum – genannt. Im Ayurveda, der ältesten bekannten Lebens- und Gesundheitslehre der Menschheit, wird es zur Stärkung des Immunsystems, gegen Stress, zur allgemeinen Konstitutionsverbesserung und zur Senkung des Cholesterinspiegels eingesetzt. Das Haus eines Hindu wird als unvollständig angesehen, sollte kein Heiliges Basilikum im Garten wachsen.

Übrigens: Bekannter ist diese Basilikumart unter dem Namen Tulsi. Gemäß einer alten indischen Legende entstand sie als Inkarnation der hinduistischen Schutzgöttin Tulsi (Tulasidevi), um der Menschheit als heilende Pflanze zu dienen.

Ist Basilikum krebserregend?

Das lässt sich zurzeit nicht eindeutig beantworten: Zwar enthalten Basilikumblätter Estragol, dessen krebserregende und erbgutschädigende Wirkung im Tierversuch nachgewiesen worden ist. Doch wurde bislang eine gesundheitsschädigende Wirkung beim Menschen nicht beobachtet, so dass es gegen den Verzehr der frischen Blätter in Speisen keine Bedenken gibt. Von einer arzneilichen Verwendung über längere Zeit wird jedoch abgeraten.

Wogegen hilft Ysop?

Ein Tee aus Blüten und Blättern des Ysop (Hyssopus officinalis ssp. officinalis) wirkt schleimlösend, blutreinigend und hilft bei Husten und Bronchitis. Darüber hinaus wurden dem Kraut einst noch zahlreiche weitere Wirkungen zugeschrieben: Schon in der Bibel wird Ysop als heilige Pflanze verehrt. Es diente früher als Reinigungsmittel für Aussätzige und Leute, die mit einem Leichnam in Berührung gekommen waren. Auch der essiggetränkte Schwamm, mit dem Jesus am Kreuz gelabt worden ist, soll auf einem Ysopstängel gesteckt haben. Nach einer alten Überlieferung soll das Verbrennen eines Ysopzweiges die Luft im Haus nach einem Streit und bösen Worten wieder reinigen.

Ysop ist im Osten bis in das Altaigebiet, im Süden bis zum Nordiran und im Norden bis in die Südalpen und bis Südfrankreich verbreitet. Aber auch in den Weinbaugebieten Mitteleuropas kommt das stattliche Kraut, das in einem schönen kräftigen und lebhaften Blauton blüht, vor.

Wussten Sie, dass …

das Eisenkraut seinen Namen einem Aberglauben verdankt? Im Altertum glaubte man fest daran, dass es das beste Heilmittel bei Hieb- und Stichverletzungen sei, solange das Kraut nicht mit Eisen in Berührung gekommen war.

man Basilikum konservieren kann? Die frischen Blätter lassen sich gut einfrieren, getrocknet verlieren sie dagegen viel von ihrem kräftigen Aroma.

Woher stammen die Gartenverbenen?

Die variantenreichen Gartenverbenen entstanden aus Arten, die auf dem amerikanischen Kontinent zu Hause sind. Es sind mehrjährige Stauden mit leicht behaarten Blättern, die vom Sommer bis zum Herbst ihre duftenden Blüten in dichten Büscheln ausbilden. In unseren Breiten werden sie vor allem als einjährige Sommerblumen in Beeten oder Balkonkästen kultiviert. Es gibt sie in zahlreichen Sorten mit großen violetten, blauen, roten oder weißen Blüten.

Eine der auffälligsten Arten, die bis zu einem Meter hoch werden kann, ist Verbena bonariensis aus Südamerika: Ihre violetten, gedrungenen Blütenähren öffnen sich ab Sommer bis tief in den Herbst hinein und locken mit reichlich Nektar Scharen von Schmetterlingen an. Hierzulande kann man sie als einjährige Pflanze in Blumenrabatten bewundern.

Aloe und Rizinus: Heilend und zierend

Welcher Teil der Rizinuspflanze ist hochgiftig?

Der Samen, der in der glatten oder stacheligen, charakteristisch gemusterten Frucht enthalten ist; Rizinussamen werden in der Pharmakologie als Semen Ricini, Purgierkörner oder Castorsamen bezeichnet. Sie enthalten 45–55 Prozent fettes Öl, etwa 25 Prozent Protein und bis zu drei Prozent Ricin – einen Eiweißstoff, der giftiger als Zyankali ist.

Das Ricin, das in den anderen Teilen der Rizinuspflanze (Ricinus communis) nicht vorkommt, wird nur aufgenommen, wenn die Samenschale verletzt ist. Wenn das Gift in den Körper gelangt, greift es die roten Blutkörperchen an und zerstört sie, wodurch das Blut verklumpt. Schon ein verzehrter Samen kann tödlich wirken.

Woran kann man eine Rizinuspflanze erkennen?

Charakteristisch für Ricinus communis, der zur Familie der Wolfsmilchgewächse (Euphorbiaceae) gehört, sind die großen, handförmigen Blätter mit den sieben bis elf gesägten Lappen sowie die gefleckten Samen. Die eingeschlechtigen Blüten stehen büschelweise in endständigen Rispen, unten die männlichen, oben die weiblichen. Während die Blüten eher unauffällig sind, fallen die leuchtend roten, stachligen Fruchtstände sofort ins Auge. In seiner tropischen Heimat – wahrscheinlich stammt die Pflanze aus Afrika oder Indien – kann Rizinus eine Höhe von über zehn Metern erreichen, in subtropischen Gebieten entwickelt er sich hingegen meist strauchförmig. Hierzulande ist er wegen seiner zierenden Blätter und Fruchtstände eine beliebte Kübelpflanze, sollte aber außer Reichweite von Kindern stehen.

Übrigens: Rizinus, auch »Palma Christi« oder Wunderbaum genannt, trägt seinen Namen nach der zoologischen Bezeichnung Ixodes ricinus für Zecke oder Holzbock, da seine Samen diesen Parasiten ähnlich sehen. Man kennt etwa 20 Varietäten, die sich in Form, Größe und Bestachelung der Samen unterscheiden.

Was ist Rizinusöl?

Das durch Kalt- oder Warmpressung aus den geschälten Kernen des Rizinusstrauchs gewonnene Öl, auch Castoröl genannt. Anders als die Samen und der Pressrückstand ist es frei von giftigem Ricin, dafür findet sich darin reichlich Ricinolsäure, die für die berüchtigte abführende Wirkung des Öls verantwortlich ist. Freigesetzt wird die Ricinolsäure im Dünndarm. Wenn das Öl aufgespaltet wird, entstehen Stoffe, welche die Darmbewegung anregen und so die Entleerung fördern.

Seit wann wird das Öl des Wunderbaums genutzt?

Bereits die Sumerer, Inder und Ägypter kultivierten den Wunderbaum zur Ölgewinnung. Das Öl wurde generell zum Brennen und zur Salbenherstellung verwendet. Die Ägypter beispielsweise setzten es bei der Einbalsamierung von Mumien ein, nutzten das Öl aber auch ganz profan als Haarwuchs- und Abführmittel. Im 1. Jahrhundert n. Chr. benannte Pedanios Dioskurides in seiner einflussreichen Arzneimittellehre die Samen als Abführmittel. Die Araber brachten den Wunderbaum als Zierstrauch nach Europa. Um 1500 wurden seine Samen in Apotheken gehandelt.

Warum heißt die Aloe auch »Bitterschopf«?

Weil der gelbliche Saft der Aloenblätter neben Anthranoiden (Aloin), Harzen und anderen medizinisch wirksamen Substanzen reichlich Bitterstoffe enthält. Eingedickt findet der Saft der Aloen als Pulver bzw. Aloeharz Verwendung, vor allem als Abführmittel, aber auch für aromatisches Räucherwerk. Seine Inhaltsstoffe wirken u. a. antibakteriell und entzündungshemmend. Die größte Bedeutung hat der vorwiegend aus Aloe vera gewonnene Saft in der Kosmetikindustrie, als hautpflegender Bestandteil in Cremes und Lotionen. Für solche Zwecke findet vor allem transparentes Aloe-Vera-Gel Verwendung, das kein Aloinharz enthält.

Übrigens: Die Gattung Aloe ist im südlichen Afrika über Madagaskar bis Arabien beheimatet und umfasst über 400 Arten. Vor allem die krautigen, stammlosen Vertreter mit stark sukkulenten Blättern erinnern sehr an die Agaven des amerikanischen Kontinents, so etwa die bekannte Echte Aloe (Aloe vera). Daneben kommen aber auch strauchige sowie baumartig wachsende Aloen vor. Aloen zeigen häufig attraktive, oft kräftig rot oder gelb gefärbte, röhren- bis glockenförmige Blüten.

Was bewirkt das Gel der Aloe?

Seine Wirkung ist breit gefächert. Es strafft und regeneriert die Haut, lässt Wunden und Verbrennungen schneller heilen sowie Sonnenbrände rascher abklingen. Gute Erfahrungen hat man auch bei der Behandlung von Hauterkrankungen wie Akne und Neurodermitis gemacht. Deshalb ist die Echte Aloe auch häufig in Wundsalben, Hautpflegemitteln und Sonnencremes enthalten.

Übrigens: Die Echte Aloe (Aloe vera) ist als Arzneimittel und Kosmetikum seit alters her in Gebrauch. Der Legende nach verdankte die ägyptische Herrscherin Kleopatra ihre viel gerühmte Schönheit dem Saft dieser Pflanze. Alexander der Große soll die Sukkulente weniger als Schönheits-, denn vielmehr als Heilmittel verwendet haben: Er ließ seine verwundeten Soldaten damit behandeln.

Wussten Sie, dass …

Rizinusöl heute große technische Bedeutung hat? Es dient insbesondere als Schmiermittel für Motoren und Pumpen, wird hochwertigen Farben zugesetzt und als Hilfsstoff in der Textil- und Kunststoffindustrie verwendet.

Aloen nicht mit den äußerlich ähnlichen Agaven verwandt sind? Erstere gehören zu den Affodillgewächsen, während die Agaven – etwa mit der bekannten Gattung Yucca – in die Familie der Agavengewächse gestellt werden.

Ginseng: Universalmittel der Chinesischen Medizin

Welcher Ginseng gilt als besonders wertvoll?

Der Koreanische Ginseng (Panax ginseng), der in Asien seit Jahrtausenden in hohem Ansehen steht. Seine goldgelben, rübenartigen Wurzeln werden je nach Alter, Farbe und Ähnlichkeit mit der menschlichen Gestalt als mehr oder minder wertvoll bewertet: Je älter eine Wurzel und je menschenähnlicher, umso kostbarer ist sie. Auf die Bedeutung der Pflanze weist bereits ihr botanischer Name: Das aus dem Lateinischen kommende Wort »panax« bezeichnet eine Pflanze, die alle Leiden heilen soll.

In den schattigen Gebirgswäldern der Mandschurei und Koreas wächst Ginseng wild. Die Waldstaude benötigt einen humusreichen, durchlässigen Boden und verträgt keine direkte Sonneneinstrahlung. Sie treibt im Frühjahr einen bis zu 60 Zentimeter langen Stängel, an dem ahornähnliche, lang gestielte Blätter sitzen. Die hellgrünen Blüten erscheinen im April und sind in einfachen Dolden angeordnet. Wenn sie verwelken, treten runde, rötliche Früchte an ihre Stelle.

Kann man Ginseng kultivieren?

Ja, aber nur schwer: Der Anbau von Ginseng erfordert viel Pflege, Zeit und Erfahrung. Bereits die Vorbereitung des Bodens und das Pflanzen der Wurzeln müssen von Hand erledigt werden. Erst nach sechs bis acht Jahren hat die Wurzel den optimalen Gehalt an medizinisch wirksamen Stoffen erreicht. Dann wird sie vorsichtig ausgegraben und an der Luft getrocknet.

Um die riesige Nachfrage befriedigen zu können, wird Ginseng in Ostasien, besonders in Korea, erwerbsmäßig in großen Plantagen angebaut. Die Wurzel heißt dort »Goryeo Ginseng« – nach dem alten Königreich Goryeo, von dem sich Koreas heutiger Name ableitet. Auf dem Weltmarkt erzielen Ginsengwurzeln exorbitant hohe Preise.

Übrigens: Es kommt leider immer noch wilder Ginseng in den Handel, obgleich die rücksichtslose Plünderung der wild wachsenden Bestände dazu geführt hat, das diese nahezu zerstört worden sind.

Wie wird Ginseng medizinisch eingesetzt?

Die Traditionelle Chinesische Medizin, in der Ginseng seit etwa 4000 Jahren eine herausragende Rolle spielt, verwendet ihn, um die körpereigenen Abwehrstoffe zu stärken und die Genesung zu beschleunigen. Er wird also nicht als Heilmittel gegen eine bestimmte Krankheit eingesetzt, sondern zur allgemeinen Stärkung (Tonisierung): Wer Ginseng regelmäßig zu sich nimmt, soll aktiver und ausgeglichener werden. Außerdem soll Ginseng die Organe stärken, das Herz stimulieren, das Durchhaltevermögen steigern und die Nerven beruhigen.

Übrigens: Die Heilwirkung des Ginsengs wird von der klassischen westlichen Medizin anerkannt. Allerdings wird die der Wurzel ebenfalls nachgesagte Wirkung bei Impotenz bezweifelt. Da das Geschäft mit der Wurzel äußerst lukrativ ist, findet man eine schier unüberschaubare Anzahl an Ginsengpräparaten auf dem Markt – darunter finden sich auch viele minderwertige oder gefälschte Produkte.

Kennt man Ginseng nur aus Korea und China?

Nein, außer dem »echten«, dem Koreanischen Ginseng (Panax ginseng) gibt es weitere Arten, die als Ginseng bezeichnet werden und ebenfalls heilkräftig sind: Vor allem sind der Amerikanische Ginseng (Panax quinquefolium), der ursprünglich aus dem Nordosten der USA kommt, und der auch Schlafbeere genannte Indische Ginseng (Withania somnifera), der in Nordindien und Pakistan zu Hause ist, zu nennen.

Lange bevor die europäischen Siedler in die Neue Welt kamen, nutzten bereits indianische Kulturen die Wurzel des Amerikanischen Ginsengs als Heilmittel. Diese indianische Tradition übernahmen später die weißen Einwanderer, besonders in den südlichen Appalachen. In dieser Gegend spielt der Handel mit der Wurzel nach wie vor eine wirtschaftlich bedeutende Rolle. Sie wird vor allem nach Asien exportiert.

Der immergrüne, mehrjährige Indische Ginseng ist für die ayurvedische Medizin, in der die Pflanze Ashwagandha heißt, ähnlich bedeutsam wie der Koreanische Ginseng für die Traditionelle Chinesische Medizin. Zu therapeutischen Zwecken werden die Wurzeln, Blätter, Früchte und Samen verwendet; die Wirkung der Droge ist wissenschaftlich belegt. Man gibt sie als Stärkungsmittel im Alter sowie zur Genesung nach chronischen Krankheiten oder körperlicher Auszehrung. Bei Überlastung, nervöser Erschöpfung oder lang anhaltendem Stress fördert sie die Wiederherstellung der Vitalität. Sie wird außerdem gegen Tumore, Entzündungen, Arthritis und Infektionen eingesetzt. Äußerlich gebraucht man Wurzel und Blätter, um Hauterkrankungen, Schwellungen und Verbrennungen zu behandeln.

Wussten Sie, dass …

das Wort Ginseng aus dem Chinesischen abgeleitet ist? Das chinesische »Shin-shen«, das zu Ginseng abgewandelt wurde, bedeutet so viel wie »Menschen-« oder »Lebenswurzel«.

nur der Koreanische Ginseng in Deutschland als Arzneimittel zugelassen ist?

Gibt es einen Ersatz für den Koreanischen Ginseng?

Ja, den Sibirischen Ginseng (Eleutherococcus senticosus) aus Nordchina und Ostsibirien. Der auch Taigawurzel, Borstige Fingeraralie oder Stachelpanax genannte Strauch besitzt ähnliche Eigenschaften wie der Koreanische Ginseng, lässt sich aber einfacher kultivieren. Gegen Ende der Vegetationsperiode gräbt man die Wurzeln aus, die vor allem Triterpensaponine, Eleutheroside und Lignane enthalten. Sie gehen hauptsächlich in den Export nach Europa und Amerika. In Russland selbst verwendet man die Pflanze als Stärkungsmittel.

Der Chinarindenbaum: Erste Hilfe bei Malaria

Stammt der Chinarindenbaum aus China?

Nein, er ist in den Ostanden heimisch, wo er in 1000–2400 Metern Höhe gedeiht. Sein Namensbestandteil »China« bezieht sich auch nicht auf das »Reich der Mitte«, sondern leitet sich von dem altperuanischen Wort für Rinde, »Quina« oder »Kina«, ab. Das Wortgebilde »Chinarinde« ist mithin – ähnlich dem weißen Schimmel – eine überflüssige Häufung sinngleicher Ausdrücke. Die Gattung Chinarindenbaum (Cinchona) kennt etwa 23 Arten, die heute in allen tropischen Regionen der Erde kultiviert werden, vor allem auf Java, in Indien und im Kongo.

Was zeichnet den Chinarindenbaum aus?

Der wohl bekannteste Vertreter, der Rote Chinarindenbaum (Cinchona pubescens), ist ein bis zu 20 Meter hoher, immergrüner Baum mit dicht belaubter, rundlicher Krone. Seine etwa 20 Zentimeter langen elliptischen bis rundlichen Blätter sind an der Unterseite oft dicht behaart, die rötlichen Blüten stehen in bis zu 35 Zentimeter langen Rispen. Der Stamm des Roten Chinarindenbaums ist mit einer rotbraunen, stark rissigen Borke bedeckt. Medizinisch verwendet man Stamm-, Ast- und Wurzelrinde von etwa zehn Jahre alten Bäumen.

Wie wird die Chinarinde gewonnen?

Zur Gewinnung der Chinarinde wird die Borke mit Stockschlägen vom Stamm gelöst und anschließend mit dem Messer abgeschabt. Entfernt man immer nur einen Teil der Borke, wächst sie nach und kann an einem Baum mehrmals geerntet werden. Schatten scheint die Bildung der Alkaloide zu fördern, denn die Schattenseite eines Stammes enthält mehr dieser Inhaltsstoffe als die der Sonne zugewandte Seite. Daher werden die Stämme der kultivierten Bäume häufig mit einer Schicht Moos vor Sonnenlicht geschützt, so dass ein Vielfaches an Chinin gewonnen werden kann. Die Rinden der verschiedenen Cinchona-Arten haben einen unterschiedlich hohen Chiningehalt. Bei der hauptsächlich auf Java kultivierten Cinchona ledgeriana liegt er z. B. bei 11,6 Prozent.

Übrigens: Die französischen Pharmazeuten Pierre Joseph Pelletier und Joseph Bienaimé Caventou isolierten 1820 zum ersten Mal Chinin aus der Chinarinde: Sie verdünnten das Extrakt mit Kalilauge und erhielten eine gelbliche Masse, die sehr bitter schmeckte und der sie die Bezeichnung »Chinin« gaben. Die erste fabrikmäßige Extraktion der Chinarinde zur Gewinnung reinen Chinins gelang vier Jahre später dem deutschen Apotheker Friedrich Koch in Oppenheim.

Weshalb heißt das Chinin auch »Jesuitenpulver«?

Weil die Jesuiten, die mit den spanischen Eroberern nach Südamerika kamen, als Erste die Wirkung der Chinarinde bemerkten. Sie brachten 1632 erste Proben nach Spanien und Rom und bemühten sich auch weiter um die Verbreitung des bald als »Pulvis jesuiticum« (Jesuitenpulver) bekannten Heilmittels, das seit 1643 gegen Malaria empfohlen wurde.

Berühmt war das »Englische Wasser« des Londoner Apothekers Robert Talbot, der den englischen König Charles II. geheilt haben soll. Es heißt auch, dass Ludwig XIV. ihm 2000 Louisdor und 2000 Lire an Rente zahlen musste, bevor Talbot ihm das Wunderpulver überließ. Oliver Cromwell dagegen, der fanatische englische Protestant, lehnte eine Behandlung mit der Medizin der verhassten Jesuiten ab – und starb 1658 an Malaria.

Was bewirkt das Chinin in der Limonade?

Es fungiert als Geschmacksstoff. Ursprünglich wurde die bittere, gemahlene Chinarinde, in Wasser gelöst, zur Vorbeugung gegen Malaria eingenommen. Um den Geschmack zu verbessern, mischte man Zitrone oder Gin hinzu. So entstanden Getränke, die unter den kommerziellen Bezeichnungen Bitter Lemon und Gin Tonic bekannt sind. Sie enthalten mit Konzentrationen zwischen 40 und 80 Milligramm pro Liter aber nur noch Bruchteile der damaligen Chininmenge.

Übrigens: Ein sog. Chininrausch (»Cinchonismus«), der durch Übelkeit, Erbrechen, Ohrensausen, Schwindel und Ohrgeräusche gekennzeichnet ist, kann auftreten, wenn die aufgenommene Menge drei Gramm überschreitet. Tonic-Liebhaber müssen allerdings keine Vergiftung befürchten, denn die tödliche Dosis für Erwachsene liegt bei etwa acht bis 15 Gramm Chinin.

Welche Stoffe enthält Chinarinde und wie werden sie genutzt?

Die medizinisch wirksamen Bestandteile der Chinarinde sind die Chinaalkaloide. Neben den beiden Hauptalkaloiden Chinin und Chinidin enthält die Rinde etwa 30 weitere Alkaloide, außerdem Gerbstoffe, Bitterstoffe und Spuren von ätherischem Öl.

Während Chinidin ein Ausgangsstoff für die Herstellung von Herzmitteln ist, wird Chinin gegen Malaria eingesetzt. Bis 1926, als das erste synthetische Medikament gegen Malaria auf den Markt kam, war das aus der Chinarinde gewonnene Chinin die einzige Möglichkeit, das Sumpffieber zu bekämpfen. Zubereitungen aus der roten Chinarinde werden ferner zur Anregung des Appetits oder bei Verdauungsbeschwerden wie Völlegefühl oder Blähungen eingesetzt, denn die in ihr enthaltenen Bitterstoffe regen die Produktion von Speichel und Magensaft an.

Wussten Sie, dass …

Chinin nicht prophylaktisch eingesetzt werden kann? Da es die Entwicklung des Erregers hemmt, kann es erst nach einer Infektion verabreicht werden.

Chinin aus Chinarinde derzeit eine Renaissance erlebt? Einige Malariaerreger entwickeln gegen synthetische Mittel zunehmend Resistenzen, gegen das »natürliche« Chinin jedoch nicht.

Chinin auch Schmerzen lindert? Es wird deshalb beispielsweise bei nächtlichen Wadenkrämpfen verordnet.

sich in vielen Ländern die eingeführten Chinarindenbäume inzwischen zur Plage entwickelt haben? Sie verdrängen zunehmend die ursprüngliche Vegetation, sind resistent gegen viele Pflanzenvernichtungsmittel und auch durch Fällen nicht zu vernichten, weil die Baumstümpfe wieder ausschlagen.

Stechapfel und Alraune: Hochwirksame Giftpflanzen

Auf welchem Stoff beruht die Giftwirkung des Stechapfels?

Stechapfel (Datura stramonium), auch Teufelsapfel oder Tollkraut genannt, enthält relativ hohe Mengen des besonders gefährlichen Giftstoffs Scopolamin. Verbrecher hegten schon immer eine Vorliebe für diese Substanz, weil sie das Opfer willen- und wehrlos macht; z. B. ist Scopolamin in den sog. K.-o.-Tropfen enthalten. In Indien nutzen die Thugs, fanatische Anhänger der Todesgöttin Kali, den Indischen Stechapfel (Datura metel), um Reisende zu betäuben, auszurauben und anschließend ihrer Göttin zu opfern. Scopolamin führt u. a. zu Schluck-, Sprach-, Seh- und Gleichgewichtsstörungen, Herzrhythmusstörungen bis hin zu Bewusstlosigkeit und Tod durch Atemlähmung.

Übrigens: Noch im 19. Jahrhundert wurden die Samen in geringen Dosierungen in der sog. Asthmazigarette geraucht, um die Atemwege der Asthmakranken zu erweitern. Heute wird Stechapfel medizinisch als auswurfförderndes und entkrampfendes Mittel genutzt, der Schmerzzustände und Keuchhusten lindert. Früher galten Zubereitungen aus der Pflanze als starkes (nicht selten tödliches) Aphrodisiakum, besonders für den Mann.

Welche Teile des Bittersüßen Nachtschattens sind besonders giftig?

Die Beeren. Zwar enthalten alle Teile der Pflanze Alkaloide, z. B. Saponine und Solanin, die größte Konzentration findet sich jedoch in den Beeren. Bereits der Genuss von fünf bis zehn Beeren führt zu Vergiftungserscheinungen; typische Symptome sind Brechdurchfall, Kopfschmerz, die Erweiterung der Pupillen, Atemnot und die Beschleunigung des Pulsschlags. Trotzdem wird der Bittersüße Nachtschatten (Solanum dulcamara) als Arzneipflanze eingesetzt, und zwar äußerlich zur Behandlung von chronischen Hautleiden und Ekzemen.

Übrigens: Der Bittersüße Nachtschatten ist in ganz Europa in Auenwäldern, an Ufern und in feuchten Gebüschen von der Ebene bis in mittlere Gebirgslagen verbreitet. Die strauchige Pflanze mit kletterndem oder niederliegendem, biegsamem Stängel wird bis zu zwei Meter hoch und bildet im Hochsommer violette, selten weiße Blüten aus. Die Früchte sind scharlachrot, ihre etwa eiförmigen vielsamigen Beeren schmecken erst bitter, danach süßlich.

Welche Pflanze heißt auch Wutbeere, Schwindelkirsche oder Dollwurz?

Die Tollkirsche (Atropa bella-donna). Diese volkstümlichen Namen zeigen, dass die Toxizität der Pflanze schon lange bekannt ist. Bereits in der Steinzeit diente der violette Saft der Beeren als Pfeilgift und in vielen alten Geschichten wird die Tollkirsche als Mordmittel oder Narkotikum erwähnt. Italienische und spanische Damen der Renaissance pflegten sich etwas Saft in die Augen zu träufeln, denn bereits geringe Mengen erweitern die Pupillen, was den Augen einen besonders klaren, seelenvollen Ausdruck verleiht; daher rührt auch der Artname bella-donna, schöne Frau.

Alle Pflanzenteile, besonders die Wurzeln, enthalten die giftigen Alkaloide Atropin, Hyoscyamin und Scopolamin. Vergiftungen entstehen zum größten Teil durch den Genuss der kirschgroßen, saftigen und kernreichen Beeren, die von August bis Oktober reifen und süß schmecken. Als tödliche Dosis für Kinder gelten zwei bis vier, für Erwachsene zehn bis zwölf Beeren, wobei der Giftgehalt stark schwankt – abhängig von Standort, Klima und Jahreszeit. Tollkirschen sind in Europa, Asien und Nordafrika heimisch; sie wachsen bevorzugt auf Lichtungen und an Waldrändern.

Welche Pflanzen galten in Eurasien als Zauberpflanzen?

Weißes (Hyoscyamus albus) und Schwarzes Bilsenkraut (Hyoscyamus niger), auch Schweinebohne, Drachenpflanze oder Teufelshoden genannt, gehören zu den ältesten »Zauberpflanzen« Eurasiens: Bei den Kelten galt Bilsenkraut als eine göttliche, dem Sonnengott Belenos geweihte Pflanze. In Griechenland versetzten sich die Orakelpriesterinnen von Delphi vermutlich mit einer Räuchermischung aus Bilsenkrautsamen und Lorbeer in Trance. Bilsenkraut war darüber hinaus Bestandteil von Hexensalben und stand im Ruf, ein wirksames Aphrodisiakum zu sein, da es die Durchblutung der Unterleibsorgane fördert. Früher wurden meist die getrockneten Blätter und Samen zusammen mit Hanf oder Salbei geraucht oder – wie in den mittelalterlichen Badehäusern – geräuchert. Später verkam das Bilsenkraut zum »Liebeszwinger«, mit dem Frauen gefügig gemacht wurden.

Übrigens: Im Sprossaufbau ähneln die ein- bis zweijährigen Gewächse der Tollkirsche, aber ihre zottig und klebrig behaarten Blätter verströmen einen unangenehmen Schweißgeruch. Aus gelblichen, mit violetten Adern durchzogenen oder auch reingelben Blüten reifen Kapseln, die kleine mohnähnliche Samen bergen. Die Körnchen enthalten eine große Menge an Alkaloiden, darunter besonders viel Hyoscyamin.

Welche Geschichten sind zur Alraune überliefert?

Über die Alraune, die in Europa von der Antike bis zum späten Mittelalter als stärkste Zauberpflanze der Welt und geheimnisumwitterte Glücksbringerin galt, kursierten die abenteuerlichsten Geschichten. So heißt es z. B., sie sollte jeden Menschen, der sie ausgrub, durch ihren Todesschrei umbringen. Man musste daher bei Vollmond im Kreis um sie herum graben und dann einen ausgehungerten schwarzen Hund an ihr festbinden. Danach, so die Empfehlung, solle man sich die Ohren verstopfen und in sicherer Entfernung ein Stück Fleisch auslegen: Der Hund würde darauf zuspringen, dabei die Wurzel aus der Erde ziehen und augenblicklich sterben. Ferner besagt der Volksglauben, dass die Alraune unter Galgen wächst, und zwar dort, wo die Erde von Urin oder Sperma eines Gehenkten benetzt wurde. Mit einer solchen Alraune lasse sich ein besonders starker Liebes- und Fruchtbarkeitszauber bereiten.

Die menschenähnlich aussehenden Wurzeln der Alraunen (Gattung Mandragora), die deshalb auch als Galgenmännlein, Drachenpuppe oder Menschenwurzel bezeichnet wurden, hütete man als kostbare Amulette. Sie waren in alten Zeiten so wertvoll, dass man sie mit Gold aufwog. Die Geschichten, die der Volksmund zu den Alraunen erzählt, sind wohl auch in diesem Zusammenhang zu sehen: Sie sollten den Wert der Wurzeln steigern.

Wem wurde der Schierling zum Verhängnis?

Dem griechischen Philosophen Sokrates (um 470 v. Chr.–399 v. Chr.). Er wurde von seinen Mitbürgern der Einführung neuer Götter und der Verführung der Jugend schuldig gesprochen und zum Tod durch Einnahme von Schierlingssaft verurteilt. Sein Schüler Platon (427 v. Chr.–348/347 v. Chr.) veröffentlichte später in seinem Werk »Phaidon« eine Beschreibung der Giftwirkung, die Sokrates, wissbegierig bis zuletzt, selbst gegeben hat, nachdem er den Schierlingsbecher getrunken hatte: Von den Beinen ausgehend, breitete sich eine Muskellähmung aus, die schließlich die Atemmuskulatur erreichte, woraufhin der Tod eintrat.

Das Gift des Gefleckten Schierlings (Conium maculatum), das Coniin, unterbricht also die Reizleitung zwischen Nerven und Muskeln, wodurch die Muskeln nicht mehr angespannt werden können. Ähnlich wirkt das bekannte indianische Pfeilgift Curare, das u. a. aus der Rinde verschiedener Arten der Gattung Strychnos gewonnen wird, die als kleine Bäume oder Lianen in den tropischen Regenwäldern verbreitet sind.

Aus welchen Pflanzen bestanden »Hexensalben«?

In ihren wirksamen Bestandteilen vermutlich vor allem aus Teilen von Nachtschattengewächsen wie Bilsenkraut und Tollkirsche, seltener auch aus Alraunen. Authentische Rezepturen für sog. Hexen- oder Flugsalben – darunter verstand man in der frühen Neuzeit Salben, mit denen sich als Hexen angeklagte Menschen einrieben, um angeblich zum Hexensabbat zu fliegen – sind nicht überliefert. Die Symptome, welche die von der Inquisition gefolterten »Hexen« in ihren Geständnissen schildern, lassen es jedoch als sehr wahrscheinlich erscheinen, dass diese Salben, wenn sie denn existierten, was heute in hohem Maße bezweifelt wird, Giftstoffe enthielten, die für Nachtschattengewächse ganz typisch sind: Die Alkaloide der Nachtschattengewächse werden nämlich von der Haut aufgenommen und führen zum Gefühl des Fliegens, zu wilden Ekstasen, äußerst realistisch anmutenden Halluzinationen, Visionen von seltsamen Wesen und darüber hinaus zu starker sexueller Erregung – mithin zu Phänomenen, von denen die erpressten Geständnisse Zeugnis ablegen.

Wussten Sie, dass …

Bilsenkraut nachgesagt wird, Männer verwandeln zu können? Zumindest wird angenommen, dass die Zauberin Circe dieses Kraut benutzte, als sie die Gefährten des Odysseus in Schweine verwandelte.

sich die weißen Trichterblüten des Stechapfels abends öffnen? Da sie von Nachtfaltern bestäubt werden, verströmen sie erst mit Anbruch der Dunkelheit ihren süßen Duft.

der Bittersüße Nachtschatten mit der Kartoffel (Solanum tuberosum) verwandt ist? Beide gehören zur gleichen Pflanzenfamilie (Nachtschattengewächse) und enthalten das giftige Solanin; bei der Kartoffel konzentriert es sich in Teilen, die dem Licht ausgesetzt waren und deshalb grün sind.

Wie wirkt Atropin?

Es hemmt das an bestimmten Nervenenden freigesetzte Acetylcholin – einen Neurotransmitter –, indem es die chemischen Rezeptoren für die Aufnahme der Nervensignale blockiert. Im Körper wirkt Atropin, das eigentlich ein Gemisch aus den Chemikalien (S)-Hyoscyamin und (R)-Hyoscyamin ist, muskelentspannend und wird deshalb medizinisch zur Erweiterung der Pupillen und im Bereich des Magen-Darm-Trakts bei Krämpfen der glatten Muskulatur eingesetzt; in der Frauenheilkunde lindert es schmerzhafte Regelblutungen.

Zu den nicht unerheblichen Nebenwirkungen zählen Mundtrockenheit, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Verstopfung oder Erbrechen, manchmal auch eine Beschleunigung der Herzfrequenz und zentralnervöse Störungen.

Wussten Sie, dass …

Bilsenkraut in der Homöopathie genutzt wird? Es gilt als therapeutisches Mittel gegen Kitzelhusten, Blasenlähmung und schizoide Zustände.

Pflanzen die Gifte zur Abschreckung von Fressfeinden produzieren? Viele Giftpflanzen warnen zugleich davor, sie zu genießen: durch grelle Farben oder bitteren Geschmack.

Wird die Alraune auch medizinisch genutzt?

Heute nicht mehr. Bis im Jahr 1846 erstmalig die Äthernarkose eingeführt wurde, setzte man Beeren und Blätter der Alraune (Mandragora officinarum) aber als Narkotikum bei Operationen ein. Bereits in der Antike war die narkotisierende Wirkung bekannt: Dioskurides empfahl, Patienten, die »geschnitten oder gebrannt« werden sollten, mehrere Becher mit in Wein eingelegter Wurzelrinde zu geben, denn »sie empfinden dann wegen des Verfalls in tiefen Schlaf keine Schmerzen«. Alraunewurzeln wurden auch als Brech-, Schlaf- und Abtreibungsmittel, außerdem gegen zu starke Menstruation, Asthma und Wahnsinn verordnet. Heute sind Alraunenzubereitungen nicht mehr gebräuchlich. Für die medizinischen Wirkungen der Alraune sind die typischen Nachtschattenalkaloide Scopolamin, Hyoscyamin und Atropin verantwortlich, die vor allem in den rübenförmigen Wurzeln stecken.

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