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Die Maßlosigkeit des Scheins

Ein Volk leidet unter dem Lottofieber

43 Millionen Euro, das sind politisch unkorrekt umgerechnet 86 Millionen Mark, und noch viel unkorrekter umgerechnet, hätte diese Summe einen nicht unerheblichen Posten im 5-Jahres-Plan der DDR ausgemacht. Hat sie aber nicht. Dieses Budget stand schlicht zur Verfügung, um einen Privathaushalt vermutlich auf immer und ewig zu sanieren. Und so stand das Volk wieder Schlange - eben wie in der DDR.

In langen Reihen warteten die Menschen vor den Lotto- und Totoannahmestellen, diese meist in nussbraun gehaltenen Einheitstempel des erhofften Glücks. Sie stehen geduldig, es gibt kein lautes Wort. Sie eint die Sehnsucht nach unermesslichem Reichtum. Wenn der Gewinn erst einmal auf dem Konto ist, wird natürlich normal weiter gelebt. Ja nichts anmerken zu lassen. Man will ja schließlich nicht entführt werden. Und alle schweigen. Sie träumen von einem Geldsegen, der nicht einfach mehr zu bewältigen ist. Sicher, ein paar Mal habe ich auch schon mal getippt - alles inklusive mit Super-Sechs, Spiel 77 und selbstverständlich alle Reihen. Es geht schließlich von alleine. Der Lotto-Computer füllt den Schein automatisch aus, wenn der Kunde möchte. Ich mochte durchaus, aber diesmal nicht. Keine zwölf Euro nochwas hinlegen, um darauf auch noch eine gefühlte Dreiviertelstunde warten zu müssen. Nicht in dieser Herde von Lotto-Zombies stehen, die vermutlich nach dem verpassten Gewinn und dem Knacken des Jackpots auch noch den entgangenen Millionen hinterhertrauern. Danach können sie sich immerhin wieder der Kernkompetenz des kleinen Mannes hingeben, unfähige Politiker anprangern und faule Profifußballer beschimpfen. "Wir sind das Volk" erlebte im gemeinen Lottofieber seine unfreiwillige Auferstehung. Aber nur drei Gewinner sind von diesem Volk übrig geblieben. Wehe, sie geben sich zu erkennen. Denn zum kleinen Mann gehören sie nun nicht mehr. Und dann werden sie bestimmt entführt.

von Helmut Büttner, Kamen
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