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Inklusion – gut für Behinderte und Nicht-Behinderte

Eine Stiftung macht vor, wie Behinderte gleichberechtigt an der Gesellschaft teilhaben können.

Als 1952 in München die Bürgerinitiative Pfennigparade für Polio-Erkrankte sammelte, konnte sie nicht ahnen, dass sie einmal eins der größten Rehazentren für Körperbehinderte in Deutschland sein würde. Heute hilft die Stiftung über 1500 Menschen, möglichst selbstbestimmt zu leben. Das Angebot reicht von Wohnen und Lernen bis zu Therapie und Arbeit. Die „Pfennig“ ist gelebte Inklusion.

Charlotte Hoelbe, Geschäftsführerin der Werkstätten für Körperbehinderte Menschen (WKM), sieht täglich, wie Inklusion im Sinne der UN-Konvention von 2006 funktionieren kann. Sie sagt : „Wenn die Kinder unserer Mitarbeiter nach einer Woche Ferienbetreuung ihre Scheu verlieren und hinten auf den Rollstühlen der Werkstatt-Beschäftigen hängen, dann ist das so ein Beispiel.“ Denn so wie die UN-Konvention die Rechte von Menschen mit Behinderung definiert, bedeutet Inklusion das selbstverständliche Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung, ein gegenseitiges Sich-Öffnen und Voneinander-Profitieren.

Doch weiß Hoelbe natürlich, dass Inklusion noch lange keine Selbstverständlichkeit ist. Eben darum sei die Arbeit der Pfennigparade-Beschäftigten so wichtig. „In unserer Leistungsgesellschaft finden wir Anerkennung vor allem über die Arbeit“, erklärt Hoelbe, „und diesen Anspruch an ihre Arbeit als Teil des Wirtschaftslebens haben unsere Leute auch an sich selbst. Sie fragen genau nach, wie ihre Beschäftigung aussehen würde, bevor sie sich entscheiden.“ Es sei etwas völlig anderes, Holzpuppen zu schnitzen, als für große Firmen wie Siemens, BWM oder Pro7 wichtige Dienstleistungen zu übernehmen. Eben deshalb fordert die UN-Konvention einen offenen Arbeitsmarkt für alle Menschen. Die traurige Wahrheit ist aber: Zwischen Ideal und Realität klafft auf dem hiesigen Arbeitsmarkt, Jahre nach der Ratifizierung des Übereinkommens durch Deutschland (2009), eine große Lücke.

 

Qualifizierte Arbeit ist auch mit Behinderung möglich

Der Grundstein für die Pfennigparaden-Werkstätten  wurde dagegen bereits vor 40 Jahren gelegt, als die „legendären Zwölf“ bei Siemens anklopften. Zwölf Programmierer auf einmal – ob behindert oder nicht – konnte der Konzern zwar nicht unterbringen, doch vergab er einen zweijährigen Auftrag über die Erstellung eines Zeiterfassungsprogramms. Die Pfennigparade stellte Lochmaschinen in Schrankgröße auf und zog einen Folgeauftrag nach dem anderen an Land. Heute hat BMW Siemens als größten Kunden abgelöst.

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Ganz normal beschäftigt

Seit 1976 hat Claudia Schnabel einen festen Arbeitsvertrag bei der Pfennigparade.

Claudia Schnabel zählte zwar nicht zu den „Zwölf“, doch gehöre sie schon zum Inventar, scherzt sie. Seit 37 Jahren arbeitet Schnabel in der Massendatenerfassung. Gerade heftet sie säuberlich die Reisekostenbelege einer großen Firma ab. „Und ich kontrollier‘ die anderen“, erklärt sie. Mit Erfolg, was die mit 1,5 Prozent äußerst niedrige Fehlerquote der Abteilung beweist. „Frau Schnabel“, sagt Abteilungsleiter Michael Bauer augenzwinkernd, „ist ein Integrationserfolg“. Bereits seit 1976 hat sie einen regulären Arbeitsvertrag mit der „Pfennig“. Für Werkstattbeschäftigte ist das die Ausnahme, in der Pfennigparade jedoch häufig der Fall, in der Abteilung Besondere Werkstatt gar die Regel. Rund 220 qualifizierte Personen mit Körperbehinderung arbeiten in sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen mit marktgerechten Gehältern als Programmierer oder in der Bürokommunikation – sowohl bei den Kunden vor Ort als auch auf Arbeitsplätzen innerhalb der Stiftung.

Michael Bauer ist überzeugt: Nicht nur die Ausgleichsabgabe und der schmückende Titel „soziales Unternehmen“ sind Gründe für die Kunden, sich auf dem Ersten Arbeitsmarkt  für die Stiftung zu entscheiden. „Wir garantieren Qualität, dank unserer hervorragend eingearbeiteten Beschäftigten und einer geringen Fluktuation.“

Neben dem Daten- und Dokumentenservice gehören ein Lettershop und eine IT-Abteilung zum Angebot der WKM, aber auch traditionelle Werkstätten wie Schreinerei, Keramikgruppe oder Kerzenatelier. Ganz bewusst sind diese Arbeitsstätten nicht alle im Schwabinger Stammhaus untergebracht, sondern über München verteilt. Dasselbe gilt für die Wohngruppen für Erwachsene und Kinder. „Auch das ist für uns gelebte Inklusion“, erklärt Pressesprecherin Eva Rosenstein „wenn unsere Beschäftigten und Bewohner im Stadtbild auftauchen, ihren Alltag außerhalb gestalten. Spielt sich alles nur auf dem Campus ab, ist die Gefahr der Isolation groß.“ Auch so setzt die Stiftung um, was die UN-Behinderten-Konvention einfordert: das Menschenrecht auf Teilhabe an allen gesellschaftlichen Prozessen.

 

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von wissen.de-Autorin Susanne Böllert, Januar 2014
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