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Occupy - die Protestbewegung

von Katja Schmid

Occupy – Die Anfänge

Millionen Kleinanleger in den USA verloren im Zuge der Finanzkrise ab 2007 ihr Erspartes, ihren Arbeitsplatz und ihre Häuser. Die Finanzjongleure jedoch gingen scheinbar unbeschadet aus der Krise hervor. Der Unmut über die ungleiche Verteilung des Reichtums einerseits und der Lasten andererseits fand seinen Ausdruck in der so genannten Occupy-Bewegung, die sich gegen die Übermacht der Banken wendet und mehr Gerechtigkeit fordert. Ihren Anfang nahm die Occupy-Bewegung mit dem Slogan "Occupy Wall Street" (Besetzt die Wall Street). Am 17. September 2011 schlugen Aktivisten im Zuccotti Park, mitten in New York City, ihre Zelte auf. Der Park in unmittelbarer Nähe der Wall Street wurde zum Zentrum der Bewegung, die nichts weniger als eine Befreiungsbewegung sein wollte. So wurde der Park von den Aktivisten in Liberty Plaza umbenannt - in Anlehnung an den arabischen Frühling und die Proteste auf dem Tahrir-Platz in Kairo.

Der Mann hinter der Maske
istockphoto.com/Rubén Hidalgo

Occupy – Eine Bewegung breitet sich aus - "Wir sind die 99 Prozent"

Von New York aus breitete sich die Occupy-Welle weltweit aus und besetzte nicht nur öffentliche Plätze, sondern eroberte auch die Schlagzeilen. Am 15. Oktober 2011 gingen in weltweit rund 1000 Städten Occupy-Anhänger auf die Straße. Mit dem Slogan „Wir sind die 99 Prozent“ forderten Hunderttausende mehr Gerechtigkeit und Teilhabe. Die Demonstranten verstanden sich als Sprachrohr für die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung, die weder über die finanziellen Mittel noch über die Einflussmöglichkeiten der oberen Zehntausend verfügt. Eine Agenda mit konkreten Zielen fehlt jedoch bis heute, was der Popularität von Occupy nicht schadet, im Gegenteil. Die Vagheit der Bewegung macht sie für viele erst anziehend. Jeder kann sich dort einbringen. Das zumindest ist eine der drei selbsternannten Regeln, die bei Occupy Deutschland gelten. Die beiden anderen lauten: Occupy macht keine Parteipolitik und befürwortet keine illegalen Aktionen.
 

Anonymous und Guy Fawkes

Zum Erkennungszeichen der Occupy-Aktivisten wurde die Guy-Fawkes-Maske, die auch von Vertretern des Anonymous-Kollektivs verwendet wird. Die Maske erinnert an den berühmtesten Attentäter der britischen Geschichte, der bis heute als Revolutionär verehrt wird. Dass Fawkes über 500 Jahre nach seinem Tod Eingang in die Populärkultur fand, verdankt er nicht zuletzt der Comic-Reihe "V wie Vendetta" sowie in der gleichnamigen Verfilmung aus dem Jahr 2006, in der ein anarchistischer Terrorist mit Guy-Fawkes-Maske gegen ein totalitäres Regime kämpft. Nach seinem Tod tragen Tausende seine Maske. Inzwischen steht sein Name für zivilen Ungehorsam und für die Überzeugung, dass man zwar unliebsame Rebellen, nicht jedoch rebellische Ideen töten kann.


Die historische Figur Guy Fawkes war Teil einer Verschwörung, die den britischen König Jakob I., seine Familie sowie das gesamte englische Parlament am Tag der Parlamentseröffnung, am 5. November 1605, auslöschen wollte. Dazu wurden 2,5 Tonnen Schießpulver unter dem Parlamentsgebäude versteckt. Ziel der katholischen Attentäter war das Ende der Unterdrückung durch das protestantische Königshaus und das ebenfalls protestantische Parlament. Doch der so genannte „Gunpowder Plot“ flog auf, die Verschwörer wurden gefasst und hingerichtet. Bis heute werden die Keller der Parlamentsgebäude vor der Parlamentseröffnung rituell nach Sprengstoff durchsucht, und rund um den 5. November erinnern Feuerwerke und Straßenfeste an die Verschwörung.
 

Occupy und die Medien - Social Media vs Astroturfing

Wie kaum eine andere Protestbewegung zuvor profitierte die Occupy-Bewegung von den Social Media. Zerstörung, Molotowcocktails und Pflastersteine sind von gestern. Heute vernetzt man sich per Laptop und Smartphone, bloggt, twittert und mobilisiert weltweit Gleichgesinnte. Der smarte Umgang mit den modernen Spielarten der Kommunikation brachte dem Massen- und Medienphänomen Occupy den Vorwurf des so genannten Astroturfing (wörtlich: Kunstrasenbewegung) ein. Damit bezeichnet man Werbekampagnen, die sich als Graswurzelbewegung ausgeben, während es sich in Wirklichkeit um eine von oben gesteuerte Bewegung handelt. Tatsächlich wurde die Besetzung der Wall Street von der Adbusters Media Foundation initiiert. Die Liste der prominenten Occupy-Fürsprecher ist lang. Dass sich unter ihnen neben Autoren und Filmemachern wie Naomi Klein und Michael Moore auch Politiker wie Nancy Pelosi und Michael Bloomberg sowie Ökonomen wie Jeffrey Sachs und Joseph E. Stiglitz befinden, schürte den Verdacht der Kritiker.

 

Occupy – kein Ende in Sicht

Die ganze Occupy-Bewegung sei "unsäglich albern". Eine Welt ohne Marktwirtschaft sei eine romantische Vorstellung, es sei nur eine Frage der Zeit, bis diese Protestwelle verebbe. Davon war Joachim Gauck im Herbst 2011 überzeugt. Tatsächlich schwand, wie bei den meisten Medienereignissen, das Interesse der Öffentlichkeit nach ein paar Wochen. Der Winter nahte, nur noch wenige Aktivisten harrten im Zuccoti Park in ihren Zelten aus. Occupy drohte in den Winterschlaf zu verfallen. Doch dann brachte die gewaltsame Räumung des Camps durch die Polizei die Bewegung zurück in die Schlagzeilen. Im März 2012, anlässlich des sechsmonatigen Jubiläums der Parkbesetzung, flammte die Bewegung erneut auf, wurde jedoch alsbald niedergeschlagen. Angesichts der weltweit ansteigenden Jugendarbeitslosigkeit, wird das Thema weiter virulent bleiben. Einer aktuellen Studie der Internationalen Organisation für Arbeit (ILO) zufolge sind global 12,7 Prozent der unter 25-jährigen ohne Erwerbsarbeit. Forscher sprechen bereits von einer "verlorenen Generation", manche gar von einer "Zeitbombe".

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