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Mythos Titanic (Podcast 183)

Der Untergang der Titanic
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Buchillustration Rettungsboot der Titanic

Bei bitterer Kälte warten die Schiffbrüchigen in ihren Boote auf Hilfe.

Sie war das größte Schiff ihrer Zeit und luxuriöser ausgestattet als jedes Schiff vor ihr. Die Passagiere der Titanic sollten die Überfahrt von Southampton nach New York genießen und anschließend aller Welt vom Komfort an Bord berichten. Der Speisesaal der Ersten Klasse war der größte Raum, den ein Schiff jemals gehabt hatte. Neben einem Rauchsalon und diversen Cafés befanden sich auch ein türkisches Bad sowie eine Squashanlage an Bord. Selbst in der 3. Klasse logierte man vergleichbar komfortabel in 2er-, 4er- und 6er-Kabinen und nicht in großen Schlafsälen. Doch bevor die Welt den neuen Star auf der Nordatlantikroute in ihr Herz schließen konnte, versank das Vorzeigeschiff der White Star Line vor Neufundland und riss rund 1.500 Menschen in den Tod. Die Ursache: menschliches Versagen auf ganzer Linie. Die schieren Dimensionen von Schiff und Unglück erregten eine Welle an Aufmerksamkeit, die bis heute, 100 Jahre später, anhält und sich in Berichten, Untersuchungen, Filmen, Artikeln und Verschwörungstheorien niederschlägt. Der Mythos der Titanic fasziniert ungebrochen.


Nacht, Meer und Eisberge / Jungfernfahrt

Windstill war die Nacht des 14. April 1912. Die See südöstlich von Neufundland war spiegelglatt, keine Welle brach an den Eisbergen und auch kein Mondlicht verriet die tödliche Gefahr in dieser Neumondnacht. An Bord des Handelsschiffs Californian, das sich rund 20 Seemeilen von der Titanic entfernt befand, wusste man um das gigantische Eisfeld und schickte Warnmeldungen an die umliegenden Schiffe. Um 22.10 Uhr blieb die Californian im Eis stecken, um 23.05 Uhr schickte sie eine letzte Warnmeldung an die Titanic, doch die Funker dort wollten nichts von Eisbergen und Eisfeldern hören. Sie waren mit Grußtelegrammen beschäftigt. Also stellte der Funker der Californian sein Funkgerät ab und ging zu Bett.

Auf der Brücke der Titanic hatte man zwar die diversen Eiswarnungen erhalten, sah jedoch keinen Grund, die Geschwindigkeit zu drosseln. Im Gegenteil. Damals war es üblich, schwierige Passagen möglichst rasch zu durchqueren und Eisbergen einfach auszuweichen. Außerdem soll der Kapitän der Titanic vom mitreisenden Direktor der Reederei unter Druck gesetzt worden sein, das Ziel New York früher als geplant zu erreichen.

35 Minuten später rammte die Titanic einen Eisberg. 2 Stunden und 40 Minuten später brach sie auseinander und versank in den eisigen Fluten des Nordatlantik. Nur 700 Menschen überlebten, 1.500 fanden im eisigen Atlantik den Tod.
 

Mythos Titanic

Wäre die Titanic nicht auf ihrer Jungfernreise untergegangen, würde man sich heute an sie vermutlich ebenso wenig erinnern wie an die Olympic, die Normandie und all die anderen Schiffe, die zum Zeitpunkt ihrer Indienstnahme das jeweils größte Passagierschiff der Welt waren. Was uns heute noch so anrührt am Schicksal der stolzen Titanic ist, wie leicht die Katastrophe eigentlich hätte verhindert werden können. Weniger Tempo, dafür mehr Personal am Ausguck und vor allem Ferngläser für die Spähposten, hätten die Katastrophen abwenden können. Dann Funker, die jede eintreffende Eiswarnung an die Brücke weiterleiten und dafür weniger Grußtelegramme rausschicken. Außerdem geschultes Personal an den Rettungsbooten und überhaupt: mehr als doppelt so viele Rettungsboote. Die Titanic war ausgelegt für 2.400 Passagiere plus 900 Besatzungsmitglieder, also für 3.300 Menschen. In den mitgeführten Rettungsbooten gab es jedoch nur 1.178 Plätze. Aus heutiger Sicht ein Skandal, für damalige Verhältnisse jedoch geradezu vorbildlich, denn laut Gesetz hätte die Titanic nur 756 Plätze  bereitstellen müssen.

Nach dem Untergang der Titanic wurden die Sicherheitsvorkehrungen auf See deutlich erhöht. Die Internationale Eispatrouille nahm 1914 ihren Dienst auf, Funkbetrieb rund um die Uhr und ausreichend viele Rettungsboote wurden Vorschrift.


Das unsinkbare Schiff – Technikbegeisterung und Selbstüberschätzung/Hybris

Mit 46.000 Bruttoregistertonnen war die RMS Titanic bei ihrer Indienstnahme am 2. April 1912 das größte Schiff der Welt und entthronte damit ihr Schwesterschiff Olympic. Erbaut wurden beide Dampfer der White Star Line in der Belfaster Werft Harland & Wolff. Anders, als es die Legendenbildung will, war die Titanic mit einer Höchstgeschwindigkeit von 24 Knoten keineswegs das schnellste Schiff ihrer Zeit. Dafür war sie das stabilste und seinerzeit komfortabelste Schiff auf dem Ozean. In der ersten Stunde nach dem Zusammenprall weigerten sich zahlreiche Passagiere, in die Rettungsboote zu steigen, weil sie sich auf einem angeblich unsinkbaren Schiff befanden. Doch unsinkbar bedeutete schon damals lediglich, dass der Schiffsrumpf mit wasserdichten Abteilen ausgerüstet war. Als sechs der insgesamt 16 Abteile nahezu gleichzeitig geflutet wurden, ging die Titanic unter, wie jedes andere Schiff auch.

Im Jahr 1912 schien die Welt beherrschbar, der Fortschrittsglaube war ungebrochen. Erst fünf Monate vor der Jungfernfahrt der Titanic hatten die ersten Menschen den Südpol  betreten. Alles schien möglich. Heute steht der Name der Titanic für mehr als die menschliche Tragödie, er steht für Überheblichkeit und grandioses Scheitern, für den Kampf des Menschen gegen die Natur, wobei das Aufeinanderprallen von Luxusschiff und Eisberg in dunkler Nacht eine geradezu mythische Dimension annimmt.

Als Mythos bezeichnet man ursprünglich eine sagenhafte Geschichte, die das Dasein des Menschen und sein Verhältnis zur Welt der Götter zum Gegenstand hat. In diesen so genannten „großen Erzählungen“ vergewissert sich der Mensch seiner eigenen Existenz und verortet sich in der Welt. Heute fassen wir den Begriff sehr viel weiter. Wenn wir von Mythen sprechen, meinen wir meist Menschen und Ereignisse, die sich tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben und die Fantasie immer wieder aufs Neue erregen.
 

Schiffbruch mit Zuschauer

Der Philosoph und Theologe Hans Blumenberg ging in seinem Essay Schiffbruch mit Zuschauer im Jahr 1979 der Frage nach, wie reale Schiffbrüche und Schiffbrüche im übertragenen Sinn unser Weltbild beeinflussen. Das Merkwürdige ist ja: obwohl die meisten von uns an Land leben, benutzen wir unentwegt Metaphern aus dem Bereich des Meeres und der Seefahrt, um zentrale Erfahrungen und Vorstellungen in Worte zu fassen. Den Schiffbruch liest Blumenberg als Paradigma einer Daseinsmethapher, als eine Art Urszene, mit der wir uns unserer eigenen Existenz versichern. Als Zuschauer werden wir nicht zu Voyeuren, vielmehr werden wir auf uns selbst zurückgeworfen. Das Unglück der anderen bringt uns in Verbindung mit unserer eigenen Sterblichkeit. Wir sind froh, dass wir an Land geblieben sind, dass andere die Gefahr auf sich genommen haben und uns vor Augen führen, wo die Grenzen des Möglichen liegen. Für den Landbewohner ist die Seefahrt per se eine Grenzverletzung, frevelhaft. Kein Wunder also, wenn man von den Göttern bestraft wird. Gleichzeitig wissen wir: wer Erfolg haben will, muss alles riskieren, auch den eigenen Untergang.
 

Mediale Verarbeitung und Überlagerung von Realität und Fiktion

Bereits im Mai 1912, nur 29 Tage nach der Katastrophe, kam mit dem Stummfilm Saved from the Titanic, der deutsche Titel lautet "Was die Titanic sie lehrte“- die erste Verfilmung ins Kino. In der Hauptrolle war mit Dorothy Gibson eine echte Überlebende der Titanic zu sehen. Der Film erregte einerseits großes Aufsehen, andererseits auch Kritik angesichts der kommerziellen Ausschlachtung der Tragödie. Leider wurden die einzigen Kopien 1914 bei einem Feuer zerstört. Dafür gibt es inzwischen rund ein Dutzend weiterer Kinofilme über die Titanic und unzählige Dokumentationen.  Allein zum 100. Jahrestag werden im deutschen Fernsehen gut 75 Sendungen zum Thema ausgestrahlt. Pünktlich zum 100. Jahrestag kommt auch die bislang erfolgreichste Verfilmung von James Cameron als 3D-Fassung zurück auf die große Leinwand. Der Kinofilm aus dem Jahr 1997 war der bis dahin kommerziell erfolgreichste Film aller Zeiten und wurde erst 2009 von Camerons neuem Coup Avatar abgelöst. Die Initialzündung für Camerons Titanic war ein IMAX-Film über eine Tiefsee-Expedition zum Wrack der Titanic. Um sich seinen Jugendtraum von einem Trip zum Wrack leisten zu können, schrieb Cameron ein Drehbuch und suchte  in Hollywood nach Geldgebern. Cameron ist inzwischen Berater für den National Geographic, war selbst mit einer Expedition am Wrack der Titanic und kehrte soeben von einer Expedition zum tiefsten Punkt der Erde zurück, einem weiteren mythenbehafteten Ort. An seinem Beispiel wird deutlich, wie sich Realität, Fiktion und Mythos vielschichtig überlagern und immer wieder neu reproduzieren.
 

Mythos Titanic - Die Legende lebt

Angesichts der Flut an Filmen, Büchern, Artikeln und Verschwörungstheorien zum Untergang der Titanic stellt sich die Frage: Wird sich das Interesse nach dem 100. Jahrestag des Untergangs legen? Wohl kaum. In einer Welt, in der eine Sensation die andere jagt, suchen die Menschen nach Beständigkeit. Sie suchen Vorbilder, Urbilder, Projektionsflächen für tiefgreifende Erfahrungen. Das bietet die Titanic und damit wirbt denn auch der gigantische Themenpark Titanic, der am 31. März 2012 in Belfast eröffnet wurde. Das zentrale Gebäude, dessen metallene Außenhaut in der Sonne wie ein Eisberg funkelt, will kein Museum sein, sondern ein Erlebnis. Der Besucher bekommt keine Exponate zu sehen, vielmehr soll er den Bau der Titanic und das Leben an Bord hautnah miterleben können. Und das alles in der Stadt, in der das Schiff anno 1911 vom Stapel lief. Noch heute existiert die Werft Harland & Wolff, doch lange Zeit suchten Touristen vergeblich nach Spuren des legendären Ozeanriesen.

Tief unten auf dem Meeresboden hat das Wrack der Titanic noch immer seine  wohlvertraute Form, doch es löst sich allmählich auf, wird von eisenhungrigen Bakterien und anderen Organismen schneller zersetzt als erwartet. Bevor es vollständig zerfällt, soll es nun virtuell nachgebaut werden, und zwar von der Firma Titanic Incorporated, die seit 1994 alle Rechte an den Überresten der Titanic hat und zum Preis von 30.000 Euro Tauchgänge anbietet. Wem dafür das nötige Kleingeld fehlt, kann sich die 3D-Version von James Camerons Titanic im Kino anschauen, denn in der erfolgreichsten Filmromanze aller Zeiten sind auch zahlreiche Originalaufnahmen vom Wrack zu sehen.

 

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