wissen.de
Total votes: 13
wissen.de Artikel

Tausche Haus gegen Wohnung

Viele Senioren leben in Häusern, die eigentlich viel zu groß für sie sind. Damit verfügen sie über Wohnraum, den zum Beispiel junge Familien gut gebrauchen könnten. Was tun? Ein vom Bund gefördertes Projekt will ältere Menschen zum Wohnungstausch animieren: Sie sollen ihr Haus gegen eine altersgerechte Wohnung tauschen - oder ungenutzte Räume vermieten. Wie kommt diese Idee bei den Hauseigentümern an?

Bulthauptstraße in Bremen-Schwachhausen
Häuser, die früher für eine Familie gerade genug Platz für alle boten, sind im Alter oft eine Nummer zu groß geschnitten.
Die Kinder sind längst ausgezogen, der Ehepartner vielleicht verstorben: Viele Menschen sehen sich im Alter mit einer veränderten Wohnsituation konfrontiert. Das Zuhause, das früher gerade genug Platz für alle bot, fühlt sich nun viel zu riesig an. Auch der praktische Alltag im Haus oder der großen Wohnung gestaltet sich zunehmend schwierig. Es ist beschwerlich, alle Räume sauber zu halten und altersgerecht sind die eigenen vier Wände oftmals auch nicht.

Gleichzeitig gibt es viele junge Familien, die dringend eine größere Wohnung benötigen - aber keine finden. Weil die Nachfrage nach Wohnraum steigt, werden in vielen Kommunen neue Bauflächen ausgewiesen. Doch das muss auch anders gehen, glauben Forscher des Öko-Instituts und des Instituts für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt am Main (ISOE).

Ungenutzter Wohnraum

Sie suchen im vom Bund geförderten Projekt "Lebensräume" nach Lösungen für die Wohnraumproblematik und haben eine Idee: Was wäre, wenn Senioren ihren nicht genutzten Wohnraum einfach anderen zur Verfügung stellen? So könnten sie ihr Haus verkaufen und dafür in eine kleinere Wohnung ziehen. Oder aber: Sie vermieten ungenutzte Teile des Hauses.

Ob dieser Ansatz realistisch ist, untersuchen die Wissenschaftler derzeit in sechs Modellkommunen im Kreis Steinfurt in Nordrhein-Westfalen. In Emsdetten, Ibbenbüren, Lengerich, Mettingen, Saerbeck und Wettringen hat das ISOE dafür ältere Hauseigentümer zu ihrer Wohnsituation und ihren Einstellungen zu einem möglichen Wohnungstausch befragt.

Senior bei der Gartenarbeit
Zweischneidiges Schwert: Gartenarbeit hält zwar körperlich und geistig fit, kann aber auch zur Belastung werden, sobald sich die ersten Alterszipperlein einstellen.

Vermietung ausgeschlossen?

Das Ergebnis: Knapp über die Hälfte der Befragten gab an, über ungenutzte Räume in ihrem Haus zu verfügen. Nicht selten sind das zwei oder mehr vom eigenen Wohnraum abgetrennte Räume oder sogar eine ganze Einliegerwohnung. Die Zahl solcher nicht vermieteten Wohnungen beläuft sich im gesamten Kreisgebiet auf schätzungsweise 5.000, wie die Forscher berichten. "Der hohe Anteil unvermieteten Leerstands ist für uns besonders interessant", sagt Immanuel Stieß vom ISOE.

Grundsätzlich besteht in den Kommunen also großes Potenzial, der Wohnungsnot auch ohne Neubauten entgegenzuwirken. Doch: "Viele Eigentümerinnen und Eigentümer schließen eine Vermietung aus", erklärt Stieß. Sie scheuen demnach die mit einem Umbau verbundenen Belastungen, haben Sorge, ihre Eigenständigkeit zu verlieren oder Angst vor Ärger mit den Mietern.

Kaffeetrinkende Seniorin in ihrem Wohnzimmer
Die meisten Senioren wohnen im Eigenheim, obwohl das häufig viel zu groß für sie ist. Umziehen möchten die wenigsten …

Umzug nicht in Sicht

Dreiviertel der Hauseigentümer gab bei der Befragung zudem an, sich zwar grundsätzlich einen Umzug in eine altersgerechte Wohnung oder in ein kleineres Haus vorstellen zu können. "Aber nur 14 Prozent der Befragten haben vor, in den nächsten fünf Jahren etwas an ihrer Wohnsituation zu verändern", sagt Projektleiterin Corinna Fischer vom Öko-Institut. "Der Weg von einer grundsätzlichen Bereitschaft zu einem konkreten Plan ist weit."

Aus diesem Grund planen die Wissenschaftler nun persönliche Beratungen und Workshops zu dem Thema: "Wir wollen Hauseigentümerinnen und -eigentümer über verschiedene Möglichkeiten informieren und bei der Meinungsbildung unterstützen", so Fischer. In einem nächsten Schritt sollen Kreise und Kommunen praktische Unterstützungsangebote aufbauen. Vielleicht klappt der Wohnungstausch dann ja doch noch.

DAL, 14.03.2019
Total votes: 13