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Wie sich Bildung auf das Familienleben auswirkt

Gute Bildung gilt als Basis für den beruflichen Erfolg und den gesellschaftlichen Status. Aber das ist nicht alles: Unser Wissen und Bildungsstand beeinflussen auch unsere Beziehungen und sogar unser Familienleben, wie Untersuchungen zeigen. So kommt es in Beziehungen von weniger Gebildeten häufiger zu Scheidungen und Trennungen. Auch der Anteil allein erziehender Mütter ist höher. Aber warum?
NPO / FWF – Der Wissenschaftsfonds , 12.08.2022
Symbolbild Bildung und Familie

FluxFactory, GettyImages

Bildung ist wichtig: Wer eine gute Schulbildung und Ausbildung hat, dem stehen mehr Berufswege offen und die Chance auf einen Job mit gutem Einkommen steigen. Das wiederum verbessert die Lebensumstände und nimmt viele existenzielle Nöte: Wer gut verdient, muss sich weniger Sorgen um steigende Kosten für Heizung, Lebensmittel oder die Miete machen. Gleichzeitig hilft Bildung auch dabei, sich gesellschaftlich und sozial zu behaupten.

Unterschiede bei Trennungen und Scheidungen

Doch der Bildungsgrad wirkt sich auch auf unser Privatleben und auf unsere Familien aus. Wie lange wir die Schulbank drücken und Universitätsseminare besuchen, beeinflusst auch, wie wir mit Beziehungspartnern umgehen und welche Probleme in einer Partnerschaft auftreten. Wenn wir Kinder haben, prägen Bildung und die daraus resultierende Lebenssituation auch die Erziehung und den Umgang mit dem Nachwuchs.

Einige dieser familiären Effekte der Bildung zeigen sich beispielsweise in den USA, aber auch in europäischen Ländern deutlich: Besser gebildete Menschen führen vergleichsweise stabile Ehen – wahrscheinlich auch, weil die Beziehungen seltener durch Probleme mit Geld, einem Jobverlust oder anderen Nöten belastet werden. In Familien mit eher niedrigem Bildungsstand ist dies dagegen anders: Dort gibt es mehr nichteheliche Beziehungen und eine höhere Raten von Trennungen und Scheidungen. „In den USA ist dieses Phänomen besonders stark ausgeprägt“, erklärt die Soziologin Caroline Berghammer von der Universität Wien. „Dort sehen wir, dass die Schere zwischen höher und niedriger Gebildeten in Bezug auf ihr Familienverhalten in den letzten Jahrzehnten weiter auseinandergegangen ist.“

Wirkung auch auf die Elternschaft

Ein weiterer Effekt: Gut gebildete Mütter bekommen ihre Kinder zudem eher im späteren Lebensalter und sind häufiger berufstätig. Trotzdem verbringen sie aber mehr Zeit mit den Kindern und machen sich mehr Gedanken über deren Erziehung. „Ihre Ideale und Verhaltensnormen zeigen eine Kindererziehung, die viel intensiver und ressourcenaufwendiger ist als früher“, sagt Berghammer. „Dazu passt, dass die höher Gebildeten auch öfter sagen, dass sie zu wenig Zeit mit ihren Kindern verbringen – selbst wenn es ebenso viel ist wie bei den niedriger gebildeten Vergleichspersonen.“

In Familien mit geringem Bildungsstand bekommen die Mütter dagegen ihre Kinder oft früh, zudem sind sie häufiger alleinerziehend. Die Umstände, die zu dieser Situation führen, sind allerdings je nach Land unterschiedlich: „In Großbritannien, Irland oder Polen sind sehr hohe Anteile schon ab der Geburt des Kindes alleinerziehend", berichtet Berghammer. Die Schwangerschaften sind dann oft das Ergebnis einer nur flüchtigen Beziehung oder eines One-Night-Stands – und nicht selten ungewollt. Vor allem Mädchen im Teenageralter und sehr junge Frauen aus einem wenig gebildeten Umfeld geraten dort häufiger in eine solche Situation als ihre gebildeten Altersgenossinnen.

Auf die Umstände kommt es an

Dabei spielt allerdings auch eine Rolle, wie gut das Gesundheitssystem und das soziale Netz in einem Land oder einer Gegend ist. In Staaten wie den USA, Großbritannien oder Irland ist der Trend zu eher niedrig gebildeten Alleinerziehenden bis heute stark ausgeprägt. Das hängt vermutlich auch damit zusammen, dass es beispielsweise in den USA keine gesetzliche Krankenversicherung gibt – die Verhütung mit Pille oder Kondom ist dann durchaus ein Kostenfaktor. Bei uns übernehmen dagegen die Krankenkassen bei Frauen bis zum Alter von 22 Jahren die Kosten für Verhütungsmittel.

Aber auch die Gesellschaft und kulturelle Trends können beeinflussen, ob und in welcher Form die Bildung den Familienstand beeinflusst: „In den 1970er-Jahren sehen wir einen positiven Bildungsgradienten bei Alleinerziehenden. Ein Kind allein aufzuziehen, war damals ein neues Familienverhalten, mit dem man sich gegen landläufige Normen durchsetzen musste und das einen hohen Ressourcenaufwand bedeutet hat. Diesen Weg gingen damals eher höher Gebildete“, erklärt Berghammer. „In den 1980er-Jahren hat sich der Trend dann umgedreht. Immer mehr niedrig Gebildete wurden zu Alleinerziehenden.“

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